mini|Rahel Varnhagen

Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik ist eine Biografie der Philosophin Hannah Arendt über die Berliner Salonnière und Schriftstellerin Rahel Varnhagen von Ense. Obgleich bereits 1929 bis 1933 in Berlin mit einem Stipendium als Habilitationsschrift verfasst und 1938 im Pariser Exil fertiggestellt, erschien das Werk als Buch erst 1957 zunächst in London auf Englisch und dann 1959 auf Deutsch in der Bundesrepublik Deutschland. In den Vereinigten Staaten wurde es erst 1974 veröffentlicht. Es stellt neben ihrem 1932 erschienenen Artikel Aufklärung und Judenfrage Arendts frühe theoretische Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte dar und enthält bereits viele der für ihr Denken wichtigen Begriffe wie Assimilation, Emanzipation, Paria und Parvenü. Zudem legt sie hier einen Entwurf ihrer Geschichtsauffassung vor.

Intention und persönlicher Bezug der Autorin Entstehung, Veröffentlichung und späte Anerkennung der Habilitation In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre hatte Hannah Arendt begonnen, sich mit der deutschen Romantik auseinanderzusetzen. Sie besuchte dazu Vorlesungen von Friedrich Gundolf an der Universität Heidelberg. 1927 lernte sie den Germanisten Benno von Wiese kennen, mit dem sie kurzzeitig durch eine Liebesbeziehung verbunden war. Zunächst plante sie eine größere Arbeit zum Thema Romantik. Während der Vorbereitungen interessierte sie sich zunehmend für die Jüdischen Salons. Dabei wandte sie sich Rahel Varnhagen zu. Es war Arendts Jugendfreundin Anne MendelsohnDer Familienname war Mendelsohn mit einem S und nicht wie fälschlich von Elisabeth Young-Bruehl kolportiert mit zwei S, siehe: Wie ich einmal ohne dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen. Briefwechsel mit den Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff, 2017, S. 22, Fn. 5, die eine dreibändige Sammlung der Rahel-Briefe bei einem Buchhändler fand und ihr schenkte, weshalb Arendt der Freundin das Buch widmete, als es Jahrzehnte später erschien: »FÜR ANNE seit 1921«Liliane Weissberg: Hannah Arendt und ihre »wirklich beste Freundin, die nur leider schon hundert Jahre tot ist«, S. 28, in: Monika Boll, Dorlis Blume, Raphael Gross (Herausgeber): Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert, 2020.

1931 begann Arendt in der Staatsbibliothek zu Berlin die unveröffentlichten Schriften Rahel Varnhagens aus der Sammlung Varnhagen zu studieren. In der von Mendelsohn entdeckten Briefsammlung, Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde (1834 herausgegeben von Karl August Varnhagen von Ense), waren bei Weitem nicht alle Briefe enthalten. Arendts Hauptquelle wurde eine unveröffentlichte Fassung desselben Buches aus August Varnhagens Nachlass. Für diese Studien erhielt sie ein Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen WissenschaftWolfgang Heuer: Hannah Arendt. Reinbek 1987, S. 25 und Alois Prinz: Beruf Philosophin oder die Liebe zur Welt. Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt. Weinheim u. Basel 1998, S. 71f., unterstützt durch positive Gutachten ihres Doktorvaters Karl Jaspers, des von diesem angesprochenen Martin Heidegger sowie des Theologen Martin Dibelius.

Zu ihrem Motiv für diese Untersuchung heißt es in Kurt Sontheimers letzter Veröffentlichung vor seinem Tod über Hannah Arendt 2005: „Nach ihrer Promotion in Heidelberg 1928 stand die junge Doktorin der Philosophie vor der Frage, was sie nun weiter tun sollte. Obwohl sie sich mit ihrem Denken ganz in der Philosophie der Antike eingegraben hatte, konnte sie doch nicht umhin, die Probleme und bedrohlichen Veränderungen in ihrer politischen Umwelt wahrzunehmen. Es war ihr immer bewusst gewesen, dass sie Jüdin war, doch erst durch ihre Freundschaft mit Blumenfeld und dem jüdischen Kommilitonen Hans Jonas und dank ihrer eigenen Wahrnehmung des um sich greifenden Antisemitismus in der Weimarer Republik entwickelte und schärfte sich ihr politisches Bewusstsein. Sie war, wie sie selbst bekannte, politisch naiv gewesen, doch nun wurde sie in den Jahren des Scheiterns der ersten deutschen Republik vor Fragen gestellt, die mit ihrer Situation als Jüdin in Deutschland zu tun hatten. Angesichts der handgreiflichen antisemitischen Bedrohung durch die nationalsozialistische Massenbewegung konnte sie der «Judenfrage» nicht mehr ausweichen.“Kurt Sontheimer: Hannah Arendt. Der Weg einer großen Denkerin. München 2005, zit. nach TB-Ausgabe 2006, S. 32.

Das Manuskript für ihr großes als Habilitationsschrift angelegtes, zunächst unvollendetes, Jugendwerk verfasste Arendt 1929 bis 1933 in Berlin. Sie schrieb an Karl Jaspers 1956, dass sie auf Anraten Walter Benjamins und Heinrich Blüchers 1938 das Buch im Exil in Paris durch die zwei letzten Kapitel zum Thema Parvenu und Paria sowie über die Judenfrage („Aus dem Judentum kommt man nicht heraus...“) ergänzt habe. 1941 besaß Arendt kein Exemplar ihres Manuskriptes mehr. Sie erbat von ihrem Briefpartner Gershom Scholem das ihm überlassene Schriftstück.Brief v. 17. Oktober 1941, in: Der Briefwechsel. Hannah Arendt, Gershom Scholem. Berlin 2010, S. 19. Damit gab sie der Studie ein theoretisches Fundament. Im selben Brief bezeichnet sie ihre Arbeit als „Frauenbuch“.Hannah Arendt und Karl Jaspers: Briefwechsel 1926–1969 Piper, München 1985, S. 332. Brief vom 7. September 1956.

Die Arendt-Forscherin Antonia Grunenberg hebt drei Schwerpunkte hervor, die Arendts Arbeit durchziehen. Einerseits entfalte sie Rahel Varnhagens Biografie „auf dem Hintergrund der katastrophalen Zerstörung der deutsch-jüdischen Kultur“, außerdem zeige sie die Illusionen der deutsch-jüdischen «Symbiose» und nicht zuletzt schwinge die eigene bedrohte Existenz der jüdischen Autorin in der historischen Studie mit. Grunenberg unterstreicht, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, verdichte sich in diesem Buch Arendts damalige eigene Lebenssituation einer aus der deutschen Kultur vertriebenen Jüdin, die ein Leben als Staatenlose führen musste.Antonia Grunenberg: Arendt. Freiburg 2003, S. 34f.

Insbesondere Elisabeth Young-Bruehl, die für das Varnhagen Projekt die Überschrift „Biographie als Autobiographie“ wählteElisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. (amerikan. Originalfassung 1982), Frankfurt a. M. 2004, S. 139ff., aber auch zahlreiche andere Arendt-Biografen gehen davon aus, dass sich Arendt mit Rahel Varnhagens Stellung als Außenseiterin stark identifizierte. So hatte sie in einem Brief aus dem Jahr 1936 an Heinrich Blücher Rahel als ihre „wirklich beste Freundin“ bezeichnet, „die nur leider schon seit 100 Jahren tot ist“.zit. nach. Antonia Grunenberg 2003, S. 33. An Gershom Scholem, der ihr Buch bereits 1939 in Paris gelesen hatte und es nach dem Erhalt der deutschen Ausgabe 1959 „großartig“Brief v. 11. Juli 1959, in: Der Briefwechsel. Hannah Arendt, Gershom Scholem. Berlin 2010, S. 415f. nannte, schrieb sie in ihrem Antwortbrief dazu: „Die Juden sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemitisch, sehen nicht, wie gerne ich die Rahel hatte, als ich über sie schrieb, verstehen nicht, daß man doch ganz freundlich die Wahrheit sagen kann, auch sich selbst z. B.“Brief v. 29. Juni 1959, in: Der Briefwechsel. Hannah Arendt, Gershom Scholem. Berlin 2010, S. 417. Auch wegen ihrer früheren Liebe zu Martin Heidegger, die erst 1982 durch ihre Biographin Elisabeth Young-Bruehl bekannt wurde, ziehen einige Autoren Parallelen zu Rahels Lebensgeschichte.so Elisabeth Young-Bruehl, (1982), 2004, S. 101ff und Antonia Grunenberg, 2003, S. 35.

Das Werk erschien zuerst 1957 unter dem Titel: Rahel Vernhagen. The live of a Jewess in London,East And West Library. aus dem Deutschen übersetzt von Clara Winston und Richard Winston, herausgegeben vom Leo Baeck Institut. Die deutsche Fassung kam 1959 heraus und erschien im Piper Verlag, wie die meisten ihrer späteren Schriften.

„Klaus Piper fand den Text zunächst für sein Programm nicht geeignet“Liliane Weissberg: Hannah Arendt und ihre »wirklich beste Freundin, die nur leider schon hundert Jahre tot ist«, S. 33, in: Monika Boll, Dorlis Blume, Raphael Gross (Herausgeber): Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert, 2020, konnte aber später überzeugt werden. Problematisch für den Cheflektor Hans Rößner war der von Arendt geplante Untertitel des Buches und die vielen Verweise auf Rahels Judentum. Arendt weigerte sich die Hinweise zu entfernen, aber der Untertitel Eine Lebensgeschichte wurde für den Umschlag gekürzt ohne den Hinweis auf ein Judentum. Rößner war, was Arendt nicht wusste, in der NS-Zeit seit 1934 Mitglied der SS und seit 1937 in der NSDAP und von 1934 bis 1936 beim Sicherheitsdienst des Reichsführers SS und ab 1938 im Reichssicherheitshauptamt tätig. Arendt macht in einen Brief vom 12. Januar 1959 an Rößner einige Vorschläge für den Buchuntertitel, und schreibt, dass es einen noch viel schöneren gäbe: „Rahel Varnhagen. Die Melodie eines beleidigten Herzens, nachgepfiffen mit Variationen von Hannah Arendt. Das ist naemlich genau, was ich gemacht habe.“Liliane Weissberg: Hannah Arendt und ihre »wirklich beste Freundin, die nur leider schon hundert Jahre tot ist«, Brief abgedruckt auf der S. 34, in: Monika Boll, Dorlis Blume, Raphael Gross (Herausgeber): Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert, 2020

Arendts Buch stützt sich auf veröffentlichte und unveröffentlichte Briefe sowie Tagebuchaufzeichnungen Rahel Varnhagens, geb. Levin, die Arendt z. T. erstmals auswertete. Ihre Chronologie folgt überwiegend der von Karl August Varnhagen herausgegebenen Zusammenstellung von Briefen und Tagebucheinträgen.Thomas Wild: Hannah Arendt. Frankfurt a. M. 2006, S. 69. Wie Arendt in ihrem Vorwort schreibt, war ihre Freundin Lotte Köhler an der Auswahl der Briefe beteiligt, hat die Zitate überprüft, aus Arendts Notizen eine Bibliographie erarbeitet und eine Zeittafel hinzugefügt.

Nach dem Krieg waren die Originalbriefe in Berlin verschwunden. So konnten die Zitate für die Veröffentlichung nicht überprüft werden. 1977, 2 Jahre nach Arendts Tod, wurde bekannt, dass die Briefe in der Jagiellonische Bibliothek in Krakau lagerten. Die Überprüfung ergab einige Fehler von Arendt. So wurden unter anderem die Sammlung der Briefe nicht nur von Varnhagens Ehemann, sondern auch von Rahel selbst korrigiert, und Rahels letzte Worte waren unvollständig zitiert. „Arendt zitierte die von Varnhagen überlieferten Worte Rahels auf dem Sterbebett, sie sei dankbar, als Jüdin geboren zu sein. Den diesen Worten folgenden Ausdruck der Dankbarkeit, Christin geworden zu sein, zitierte Arendt nicht.“Liliane Weissberg: Hannah Arendt und ihre »wirklich beste Freundin, die nur leider schon hundert Jahre tot ist«, Brief abgedruckt auf der S. 38, in: Monika Boll, Dorlis Blume, Raphael Gross (Herausgeber): Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert, 2020

Barbara Hahn zufolge ist die Arbeit „vielstimmig“ – eine Collage von Geschichten aus dem Leben der Protagonistin mit Brief- und Tagebuchauszügen sowie Überlegungen Arendts dazu.Barbara Hahn: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. In: Wolfgang Heuer, Bernd Heiter, Stefanie Rosenmüller (Hrsg.): Arendt-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart Weimar 2011, S. 24.

Bereits Mitte der 1950er Jahre hatte Arendt einen ersten Antrag auf Wiedergutmachung bei der Regierung der Bundesrepublik Deutschland gestellt und dabei vorgebracht, dass ihre Habilitationsschrift Anfang 1933 fast vollständig vorlag und sie diese wegen der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nicht verteidigen konnte. Obwohl sie Unterstützung durch Karl Jaspers erfuhr, wurde das Verfahren mehrmals abschlägig beschieden. Erst Ende 1971 sprach ihr ein Gericht die Anerkennung ihrer Habilitation zum 31. Juli 1933 zu. 1972 erhielt sie eine Entschädigungszahlung für das ihr seit 1933 entgangene Gehalt.Vgl. Julia Kristeva: Das weibliche Genie Hannah Arendt. (Franz. Original 1999), Berlin 2001, S. 96f.

Kritik als Selbstkritik, Problematik der Assimilation