mini|Luftbild, 2021 Das Neue Schloss Herrenchiemsee ist ein Baudenkmal in der bayerischen Gemeinde Chiemsee im Landkreis Rosenheim. Die Dreiflügelanlage wurde in den Jahren 1878 bis 1886 durch König Ludwig II. von Bayern von Georg Dollmann im Stil des Neubarock erbaut. Als architektonisches Vorbild diente Schloss Versailles. Hervorzuheben sind das Prunktreppenhaus, das Paradeschlafzimmer und die Große Spiegelgalerie.

2025 wurde Herrenchiemsee als Teil der Schlösser König Ludwigs II. von Bayern zum UNESCO-Welterbe ernannt.

Geschichte Entwurf mini|Neues Schloss Herrenchiemsee, 1886 mini|Lageplan von Herrenchiemsee mit dem Alten und dem Neuen Schloss mini|Grundriss des projektierten Schlosses, 1878

Das Schloss befindet sich auf der Herreninsel im Chiemsee, die verwaltungsmäßig ein Teil der Gemeinde Chiemsee ist. Die auch als Herrenwörth bekannte Insel befand sich seit dem Mittelalter im Besitz des zum Bistum Chiemsee gehörenden Klosters Herrenchiemsee. Die Konventgebäude liegen im nördlichen Bereich der Insel. Durch die 1803 erfolgte Säkularisation und einen anschließenden Verkauf des Klosters gelangten sie an den Mannheimer Kaufmann Carl von Lüneschloß.E. Schmidt, K. Knirr: Herrenchiemsee. S. 16. Die früheren Klostergebäude wurden in den Folgejahren zum Teil abgebrochen, zum Teil zum sogenannten Alten Schloss Herrenchiemsee umgestaltet. Das Schloss und die Insel befanden sich von 1840 bis 1870 im Besitz des Grafen von Hunoltstein, der das Anwesen 1870 zum Verkauf anbot. Der Käufer war eine in Württemberg ansässige Holzverwertungsgesellschaft, die eine Abholzung des kompletten Baumbestandes der Insel anstrebte. Die Maßnahmen stießen bei der Bevölkerung auf Ablehnung und fanden in der regionalen Presse heftigen Widerspruch, wodurch der bayerische König Ludwig II. auf die Insel aufmerksam wurde.Rolf Linnenkamp: Die Schlösser und Projekte Ludwigs II. S. 130.

Der junge König unternahm im Sommer 1867 eine längere Reise nach Frankreich, auf welcher als ein Höhepunkt der Besuch von Schloss Versailles geplant war. Durch den plötzlichen Tod seines Onkels Otto wurde Ludwig II. jedoch zur Rückkehr gezwungen,M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 222. ohne das Schloss, mit dessen Geschichte er sich bereits seit Jahren intensiv beschäftigt hatte, gesehen zu haben. Im Dezember 1868 ließ er sich von Georg von Dollmann erstmals Entwürfe für ein Refugium nach dem Vorbild des französischen Schlosses vorlegen, für das als Bauplatz das Graswangtal in der Nähe von Schloss Linderhof vorgesehen war.E. Schmidt, K. Knirr: Herrenchiemsee. S. 63. Dieses Projekt wurde als Meicost EttalWilfried Blunt: Ludwig II. König von Bayern. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08711-9, Seite 116. oder auch als Tmeicos EttalM. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern S. 223. bezeichnet, wobei es sich um ein Anagramm des angeblichen Sinnspruchs des französischen Königs Ludwig XIV. handelte: L’État, c’est moi („Der Staat bin ich“).

Ludwig II. ließ die Entwürfe für das Schlossprojekt mehrfach überarbeiten. Zu Beginn der Planungen wünschte er noch einen Pavillon, der sich in seiner Größe an den Trianon-Schlössern oder an Marly-le-Roi orientiert, doch bereits eine verkleinerte Kopie des Spiegelsaals und der Versailler Gartenfassade enthalten sollte. Die vorgestellten Entwürfe befriedigten Ludwig II. jedoch nicht und wurden mit jeder Überarbeitung aufwendiger.M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 226. Aufgrund des mangelnden Platzes im Graswangtal konnte das Schloss im letztlich gewünschten Umfang dort nicht realisiert werden und der König ließ die Planungen zugunsten des Ausbaus von Linderhof ruhen. Nachdem eine weitere geplante Reise nach Frankreich 1870 wegen der instabilen politischen Lage – in jenem Jahr brach der Deutsch-Französische Krieg aus – abgesagt werden musste, besichtigte Ludwig II. Versailles schließlich im Sommer 1874. Die französische Regierung ehrte den Staatsgast anlässlich seines Geburtstags am 25. August mit einer Vorführung der Versailler Wasserspiele.R. Linnenkamp: Die Schlösser und Projekte Ludwigs II. S. 132. Unter dem Eindruck des Besuchs schrieb er im Herbst 1874 an den Grafen Dürckheim-Montmartin:

Nach dem Besuch trieb Ludwig II., der das Interesse an Meicost Ettal nie verloren hatte, die Fortführung des Projektes erneut an.E. Schmidt, K. Knirr: Herrenchiemsee. S 68. Er hatte im Jahr zuvor bereits die Herreninsel im Chiemsee für 350.000 Gulden erworben.E. Schmidt, K. Knirr: Herrenchiemsee. S. 18. Obwohl ihm die flache Seenlandschaft des Chiemgaus weniger zusagte als die Bergwelt Linderhofs,M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 228. erwies sich die Insel aufgrund ihrer Größe und relativen Abgeschiedenheit als idealer Standort für die Wiederaufnahme des Bauprojektes. Aus dem anfänglichen Pavillon für das Graswangtal wurde im Planungsverlauf so zunächst ein das Corps de Logis von Versailles zitierender einflügeliger, dann hufeisenförmiger Bau und schließlich eine umfangreiche Variante des französischen Schlosses mit breit ausladenden Nebenflügeln. Insgesamt durchliefen die von Dollmann entwickelten Pläne für das neue Schloss 13 Entwürfe.M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 225.

Bau mini|Aufnahme von 1886 des unvollendeten Schlosses mit dem nördlichen Seitenflügel, der 1907 wieder abgebaut wurde, im Vordergrund der Latona-Brunnen mini|Aufnahme des Latona-Brunnens im Park des Schlosses Herrenchiemsee, 2012

Die Entwürfe für das Schloss entstammen den Plänen Georg von Dollmanns, der 1878 als ausführender Architekt verpflichtet und 1884 durch Julius Hofmann abgelöst wurde.E. Schmidt, K. Knirr: Herrenchiemsee, Seite 64. Der Grundstein für das Neue Schloss wurde am 21. Mai 1878 gelegt. Um die Arbeiten während der Bauphase besichtigen zu können, hielt sich der König in unregelmäßigen Abständen im Alten Schloss Herrenchiemsee auf, dort ließ er sich für diesen Zweck eine kleine Wohnung einrichten. Am Ostufer der Herreninsel wurde zur Unterstützung der Bauarbeiten ein durch Dampfmaschinen betriebenes Sägewerk eingerichtet, der Transport des Baumaterials erfolgte über eine eigens dafür verlegte Hilfseisenbahn.M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 251. Das Schlossgebäude ist aus etwa elf Millionen gemauerten Backsteinen errichtet, die aus einer Ziegelei bei Ising stammen; die Fassaden sind verputzt, beziehungsweise mit Naturstein verkleidet. Ein Teil des benötigten Materials konnte direkt auf der Insel aus einem früheren Steinbruch des Klosters gewonnen werden. Außerdem wurde Hauzenberger Granit als Sockelsteine bzw. als Verkleidung für den Unterbau des Schlosses bis auf eine Bauhöhe von ca. 1,5 m verwendet. Dieser Granit gelangte mittels Dampfbooten und Schleppkähnen von Seebruck aus zum Depot am „Ziegelsteg“ am Westufer der Insel und von dort weiter mit einer Feldbahn zur Baustelle.Hermann Jerz: Der Hauzenberger Granit – ein Baustein der Bayernkönige Ludwig I. und Ludwig II. In: Bayerischer Verein für Heimatpflege e. V.: Schönere Heimat. , Heft 3/2016. München 2016. Die Arbeiten am dreiflügeligen Hauptgebäude begannen im Frühling 1878, der Rohbau war bereits im Januar 1879 eingedacht und bis 1881 konnten die äußeren Fassaden mit ihrem Bauschmuck verkleidet und vollendet werden. Der Ausbau der Innenräume erfolgte bis 1885.

Der sogenannte Sonnenkönig Ludwig XIV., der Bauherr des Versailler Schlosses, war das große Idol des bayerischen Königs.E. Schmidt, K. Knirr: Herrenchiemsee. S. 66. So wie die „Ritterburg“ Schloss Neuschwanstein eine Reminiszenz an die Welt des Mittelalters und die Werke Richard Wagners darstellte, war das Neue Schloss Herrenchiemsee als Denkmal für die französischen Bourbonenkönige gedacht.E. Schmidt, K. Knirr: Herrenchiemsee. S. 69.Wilfried Blunt: Ludwig II. König von Bayern. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08711-9, S. 124. Beide Schlösser standen im Verständnis des Königs symbolisch für das von ihm verklärte Gottesgnadentum, die uneingeschränkte und durch den christlichen Gott legitimierte Herrschergewalt, über die Ludwig II. als Staatsoberhaupt einer konstitutionellen Monarchie nicht verfügte. Ähnlich wie schon Neuschwanstein einige Jahre zuvor sollte auch Schloss Herrenchiemsee weder als Regierungssitz dienen noch einen Hofstaat aufnehmen. Es war trotz seiner Größe lediglich als private Residenz des zurückgezogen lebenden Königs geplant, der sich zumeist nur von wenigen Bediensteten versorgen und die Regierungsarbeit weitgehend durch seine Hofsekretäre erledigen ließ.Wilfried Blunt: Ludwig II. König von Bayern. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08711-9, S. 133. Damit stand das neue Schloss auf der Herreninsel im Kontrast zum Vorbild, dem von mehreren tausend Menschen bewohnten Versailles, in dem es keine Privatsphäre gab und das über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren das gesellschaftliche, kulturelle und politische Zentrum Frankreichs bildete.

Der frühe Tod Ludwigs II. im Sommer 1886 verhinderte, dass er den mit enormem Aufwand errichteten Palast dauerhaft nutzen konnte. Der König bewohnte das Schloss erst nach der Fertigstellung seiner privaten Wohnräume und hielt sich dort nur für wenige Tage vom 7. bis zum 16. September 1885 auf. In dieser Zeit empfing er die Schauspielerin Marie Dahn-Hausmann als Gast.R. Linnenkamp: Die Schlösser und Projekte Ludwigs II. S. 135. Die Besuche des Königs erforderten eine aufwendige Organisation;M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 236. der Spiegelsaal musste für ihn allabendlich illuminiert und das Treppenhaus mit üppigen Blumenarrangements geschmückt werden. Bemalte Leinwände verbargen die noch unvollendeten Bereiche der Gartenanlagen und die unausgebauten Räume des Schlossinneren.M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 252.M. Petzet, A. Bunz: Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. S. 236, 237 Die Bauarbeiten an Herrenchiemsee kamen aufgrund der Finanzierungsschwierigkeiten ab 1886 weitgehend zum Erliegen. Zu jener Zeit war erst der dreiflügelige Hauptbau und der nördliche Seitenflügelrohbau vollendet. Dieser nördliche Seitenflügelrohbau wurde 1907 wieder abgerissenZitat in Online-Denkmalliste "1907 Abriss des ehem. nördlich angeschlossenen Seitenflügelrohbaus" Online-Denkmalliste. Nach der früheren Bezeichnung der Insel wurde die Anlage auch gelegentlich als Neues Schloss Herrenwörth bezeichnet.

Nutzung mini|Porträt Ludwigs II., Gabriel Schachinger, 1887