Ein Affekt ist eine Gemütserregung oder ein Gefühl, das durch äußere Anlässe oder innere psychische Vorgänge ausgelöst wird. Ein Lächeln kann beispielsweise ein Ausdruck für den Affekt Freude sein; Erröten im körperlichen Bereich ist bezeichnend für den Affekt Scham. Da unterschiedliche Gehirnareale aktiv sind, können ein positiver Affekt und ein negativer Affekt gleichzeitig und ähnlich stark auftreten.OrganisationsEntwicklung, Zeitschrift für Unternehmensentwicklung und Change Management PDF, abgerufen am 4. Juli 2022
Die Unterscheidung der Begriffe Affekt, Emotion, Gefühl, Stimmung und Gemütsbewegung ist nicht einheitlich und in der wissenschaftlichen Literatur widersprüchlich. Häufig werden die Begriffe synonym verwendet. Affektiv wird ein Verhalten genannt, das überwiegend von Gemütserregungen und weniger von kognitiven Prozessen bestimmt wird und in Einzelfällen strafrechtliche Relevanz haben kann.
Begriffsgeschichte Der Begriff Affekt ist aus dem griechischen páthos (πάθος) („Leiden, Leidenschaft“) entstanden.Friedrich Kirchner (1907): Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. 2012, ISBN 978-3-8496-1763-9. Siehe Einträge zu Pathos und Affekt. Daraus wurde bei der Verschiebung ins Lateinische afficere („versehen, anregen“ und bezogen auf Gefühle: „in eine Stimmung versetzen, stimmen, beeindrucken“). Schließlich entwickelte sich affectus („Zustand“, vor allem: „Leidenschaft, Gemütsbewegung, Verfassung“). Im Englischen wird auch von occurring emotion gesprochen, wobei betont wird, dass es sich um etwas handelt, was mit einem passiert.Rainer Krause u. a.: Anwendung der Affektforschung auf die psychoanalytisch-psychotherapeutische Praxis. In: Forum der Psychoanalyse. 8, 1992, S. 238–253. (academia.edu)Wahrig Herkunftswörterbuch „Affekt“ auf wissen.de
Der noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nosologisch wichtige Begriff Affektion verdankt dem gleichen Stamm seine Herkunft.Stephan Blancard’s arzneiwissenschaftliches Wörterbuch. Erster Band, Georg Philipp Wucherer, Wien 1788, S. 45, 46. In heutigen romanischen Sprachen kann die Bedeutung des Begriffes „Affektivität“ von den deutschen Bedeutungen und Assoziationen abweichen. So versteht man in Südamerika und Spanien häufig unter dem spanischen Begriff „afectividad“ die zwischenmenschliche Liebesfähigkeit im Sinne von Empathie und Bindungsfähigkeit.
Platon (427–347) teilt die Affekte in vier Kategorien ein: Lust, Leid, Begierde, Furcht.
Aristoteles (384–322) nennt elf Affekte (Begierde, Zorn, Furcht, Mut, Neid, Freude, Liebe, Hass, Sehnsucht, Eifersucht und Mitleid) und rechnet darüber hinaus jeden Zustand zu den Affekten, der mit Lust oder Unlust verbunden ist.
Zenon von Kition (333–264), Gründer der Stoa. Nach stoischer Auffassung ist Eudämonie (Glückseligkeit) nur dann zu erreichen, wenn kein Affekt die Seelenruhe stört. Ein Affekt ist ein übersteuerter Trieb; das stoische Ideal ist die Apathie, die Freiheit von solchen Affekten. Es wird zwischen vier Grundarten von Affekten unterschieden: Lust, Unlust, Begierde, Furcht. Entscheidend für die Apathie ist die Erkenntnis, dass alle äußeren Güter keinen Wert für die Glückseligkeit haben. „Der Affekt entsteht, wenn die Vernunft dem Trieb einen falschen […] Zweck setzt und das Scheitern beklagt.“Malte Hossenfelder: Stoa, Epikureismus und Skepsis. Beck, München 1985, ISBN 3-520-42401-0.
René Descartes (1596–1650) beschreibt in seinem Werk „Traité des passions de l’âme“, (Paris 1649) sechs Grundformen von Affekten, die zu zahlreichen Zwischenformen miteinander kombiniert werden können: Freude (joie), Hass (haine), Liebe (amour), Trauer (tristesse), Verlangen (désir), Bewunderung (admiration).
Baruch de Spinoza (1632–1677) unterscheidet in seiner Ethica, ordine geometrico demonstrata – Ethik nach geometrischer Methode dargelegt (1677) nur drei Hauptaffekte, aus denen er alle anderen ableitet: Begierde, Freude, Traurigkeit.
Christian Wolff (1679–1754) unterteilt in seinem Werk Psychologia empirica (1732) die Affekte in zwei Klassen: lustbetonte und unlustbetonte Affekte (affecti iucundi / affecti molesti).
Kant (1724–1804) schied zuerst Affekt und Leidenschaft deutlich, „den Affekt muß der Mensch zähmen, die Leidenschaft beherrschen, jenes macht ihn zum Meister, dieses zum Herrn über sich selbst.“
Charles Darwin (1809–1882) hat an sehr vielen Einzelbeispielen und aus zahlreichen Quellen Ausdrucksformen der Gemütsverfassung (wie charakteristische Bewegungen, Gebärden, Laute, vegetative Erscheinungen usw.) bei Menschen und Tieren detailliert beschrieben und diesen assoziierte Affekte („strong emotion“, „excited sensation“) und andere Gemütsbewegungen zugeschrieben. Er entwickelte die Theorie, dass diese Ausdrucksmuster, ursprünglich als nützliche Gewohnheiten erworben, schließlich vererbt werden („Actions, which were at first voluntary, soon became habitual, and at last hereditary, and may then be performed even in opposition to the will. …“) und sich durch Selektion erhalten haben.Charles Darwin: The Expression of Emotions in Man and Animals. D. Appleton & Company, New York 1899, S. 56, 120, 124, 388, 411, 415. (darwin-online.org.uk) Die Geburt seines Sohnes hatte Darwin inspiriert, sich verstärkt für den Ausdruck von Affekten und Gefühlen bei Menschen und Säugetieren zu interessieren. Hintergrund war für den Begründer der Evolutionstheorie, durch den Nachweis der Universalität emotionaler Ausdrucksweisen auch deren genetische Bedingtheit zu beweisen.
Eugen Bleuler (1857–1939) benutzte den Begriff der Affektivität um die Gesamtheit des Gefühls- und Gemütslebens zu bezeichnen.
Von Wilhelm Wundt (1832–1920) ist der Affekt erstmals nach Qualität, Stärke, Dauer und der zu seiner Zeit messbaren physiologischen Wirkung klassifiziert worden. Nach seinem Klassifikations-Konzept waren sthenische Affekte durch die Anspannung des Körpers geprägt, asthenische Affekte durch Erschlaffung. Als sthenische Affekte werden Zustände wie Wut, Zorn, Eifer gezählt, während die asthenischen Affekte Angst, Furcht oder Schrecken sind.Wilhelm Wundt: Grundriss der Psychologie. 15. Auflage. Leipzig 1922, S. 208–219. (books.google.de)
Paul Ekman (1934–2025) fand in umfangreichen empirischen Studien Beweise für die von Darwin behauptete erbliche Bedingtheit zahlreicher emotionaler Ausdrucksformen, darunter die von ihm unterschiedenen 7 Basisemotionen: Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung, die kulturübergreifend bei allen Menschen in gleicher Weise erkannt und ausgedrückt werden. Diese von ihm als elementar beschriebenen Gesichtsausdrücke sind nicht kulturell erlernt, sondern genetisch bedingt.
Heutige Bedeutung Affektivität ist ein Oberbegriff für die ganze Sphäre der Phänomene, die mit einer Veränderung des subjektiven Befindens und Erlebens einhergehen und auf Denken und Verhalten und Physiologie einwirken. Er umfasst damit Affekte, Stimmungen, Emotionen und Triebhaftigkeit.Eugen Bleuler: Affektivität. (1916). In: Lehrbuch der Psychiatrie. (bearbeitet von Manfred Bleuler). 12. Auflage. Springer Verlag, 1972, S. 60f. (books.google.de)
Semantisch gesehen ist der Begriff Affektivität eher im wissenschaftlichen und medizinischen Sprachgebrauch angesiedelt, während der Begriff Emotionalität eher die Charaktereigenschaft eines Menschen meint, über lebhafte Gefühle zu verfügen. Der Begriff Affekt wird oft auch als Gegenpol zum Begriff Kognition verwendet („das Herz gegen den Verstand“ bzw. „Gefühl vs. Rationalität“). Die Forschung geht jedoch mittlerweile davon aus, dass sowohl Kognitionen affektive Zustände hervorrufenR. S. Lazarus: Emotion and adaptation. Oxford University Press, New York 1991. als auch umgekehrt affektive Zustände kognitive Prozesse wie Entscheidungen oder Urteile beeinflussen.G. Loewenstein, J. Lerner: The role of emotion in decision making. In. R. J. Davidson, H. H, Goldsmith, K. R. Scherer: Handbook of Affective Science. Oxford University Press, Oxford 2003.
Eine enge Definition des Affekts beschreibt diesen als starke Gefühls- und Gemütsbewegung mit geringer Latenz und energisierender Dynamik (Motivation), einhergehend mit eingeengter Wahrnehmung (Aufmerksamkeitsverzerrungen und Tunnelblick), ggf. einer Überforderung der Willenskontrolle und starker Ausdruckskraft. Dazu kommt eine Beteiligung des motorischen und vegetativen Nervensystems sowie eine Beteiligung des Systems der sog. Botenstoffe und der Hormone. Vereinfacht gesagt handelt es sich um ein psychosomatisches Ereignis mit kommunikativen, motivationalen und kognitiven Folgen.L. F. Barrett, B. Mesquita, K. N. Ochsner, J. J. Gross: The experience of emotion. In: Annual Review of Psychology. 2007. Positiver Affekt geht beispielsweise mit verstärktem Lächeln, Annäherungsverhalten und heuristischer Informationsverarbeitung einher, negativer Affekt mit missbilligendem Gesichtsausdruck, Vermeidungsverhalten und systematischer Informationsverarbeitung.
In der Medizinischen Psychologie wird ein Affekt als ein komplexes angeborenes Reaktionsmuster auf Reize aufgefasst. Auslöser des Affekts können dabei funktionelle äußere Wahrnehmungsreize oder eine Kognition sein.
Psychopathologie Ob ein Affekt an sich über seine genetische Veranlagung hinaus durch irgendeine Einwirkung des Lebens – mit Ausnahme von Hirnläsionen und Vergiftungen – im krankhaften Sinne verändert werden kann, ist Gegenstand der Forschung und verschiedener Anschauungen. Eine Alternative wäre, dass es stattdessen der Verarbeitungsprozess des Affektes zu einer Emotion hin ist, der von einer solchen Einwirkung betroffen wird und für den pathologischen Befund letztlich verantwortlich ist. Es können deshalb nur beispielhaft einige psychopathologische Symptome aufgeführt werden, die etwas mit Affekten oder dem Ausdruck von Gefühlen zu tun haben. SymptomErklärungVerminderte affektive ResonanzDie mimischen, gestischen und paraverbalen Ausdrucksmerkmale werden nur schwach deutlich und Betroffene reagieren nur schwach oder gar nicht z. B. auf Anteilnahme oder Zuspruch (siehe z. B. Depression).Inadäquater Affekt (Parathymie)Es besteht zwischen den Ausdrucksmerkmalen und dem dahinterliegenden Gefühlszustand ein Widerspruch.AffektlabilitätGrößere und rasche Wechsel zwischen den Ausdrucksmerkmalen.AffektinkontinenzDies ist eine unwillkürliche, stereotype, nicht modulierte Affektäußerung (und zwar auf beliebige Arten von Gemütsbewegungen), die der Betroffene auch trotz großen Peinlichkeitsempfindens nicht an seine augenblickliche Situation anpassen kann (z. B. Weinen oder Lachen). Es handelt sich um ein Symptom einer Hirnläsion oder vorübergehenden Hirnfunktionsstörung und kann z. B. als Folge eines Schlaganfalls, einer Alzheimer-Krankheit oder einer Vergiftung durch Drogen (exogene Psychose) vorkommen.AffektintoleranzDie Unfähigkeit, einen stimulierten Affekt lange genug auszuhalten, bis dieser mit Abklingen seiner Brisanz durch kognitive Interpretationsprozesse, die unbewusst sein können (s. u.), zu einer ausbalancierten Emotion und einer Veränderung der interpersonellen Beziehungseinstellung im psychosozialen System gefunden hat.AffektverflachungMangelnde Bandbreite von Emotionen in Wahrnehmung, Erleben und Ausdruck. Die Verarmung der Gemütserregungen (Affekte) äußert sich in einer verminderten Fähigkeit „emotional mitzumachen“. Die Betroffenen reagieren gemütsmäßig nur eingeschränkt auf normalerweise bewegende Ereignisse, erscheinen durch Erfreuliches wie Unerfreuliches wenig berührt. Die normale Schwingungsfähigkeit zwischen verschiedenen affektiven Zuständen (Freude, Neugier, Trauer, Wut, Stolz,…) geht verloren.
Psychoanalyse