Mit Open-Source-Software in öffentlichen Einrichtungen bzw. Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung verfolgen die Einrichtungen, die auf Open-Source-Software setzen, ganz unterschiedliche Ziele, die von einem Bemühen um Kostenreduktion bis hin zur Durchsetzung eigener Datensouveränität reichen können.Vgl. etwa Jens-Christoph Brendel: Erfahrungen eines Open-Source-Vorreiters in der öffentlichen Verwaltung. In: Linux-Magazin. 09/2023. Zuletzt abgerufen am 30. Juli 2023. Im Interview äußert sich Michael Höfner, Leiter der IT-Abteilung der Stadt Schwäbisch Hall durchaus ambivalent zum Kostenargument, wenn er äußert: „Prinzipiell bedeutet Open Source ja nicht dasselbe wie kostenlos. Es gilt die Forderung, dass digitale Souveränität nicht billige digitale Souveränität sein darf. Man sollte sich vielmehr die Frage stellen, ob Einsparungen im digitalen Bereich der Verwaltung wirklich Sinn ergeben. Sofern es die Haushaltslage hergibt, sind Einsparungen nicht unsere primäre Motivation. Verschiedene Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass öffentliche Verwaltungen aufgrund der Masse an sensiblen persönlichen Daten, mit denen sie arbeiten, im Fokus von Angreifern stehen. Die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit nach einem Angriff kann durchaus mehrere Monate dauern. Aus dieser Perspektive erscheint mir das Sparen an digitaler Infrastruktur als falscher Ansatz.“, ebd.

Open-Source-Software (kurz: OSS) und Freie Software, häufig mit Linux als Kernbestandteil, wird als Alternative für proprietäre Software auf Computern in öffentlichen Einrichtungen eingesetzt. Innerhalb Deutschlands größere Medienpräsenz zu dieser Entwicklung erzielte die Großstadt München, die seit 2003 wesentliche Bereiche ihrer EDV auf freie Software umrüstete, nach einem Stadtratsbeschluss 2017 dieses Vorhaben jedoch wieder aufgab (siehe LiMux). Das Land Schleswig-Holstein gab 2025 bekannt, seine gesamte Bürosoftware bis zum Herbst auf Open-Source-Produkte umstellen zu wollen. Auch kleinere Kommunen (wie Schwäbisch Hall) oder Behörden wie Gerichte oder die US-Armee stellten größere Teile ihrer IT-Infrastruktur auf OSS um. Laut einer Umfrage der Universität Maastricht von 2005 arbeiteten 49 % aller öffentlichen Verwaltungen in Europa mit freier Software. Allerdings meist in kleinerem Umfang und teilweise, ohne sich darüber im Klaren zu sein.Die Hälfte der EU-Ämter arbeitet mit freier Software, Meldung auf pro-linux.de, 25. Oktober 2005.

Gründe für den Umstieg Die Gründe, die die öffentlichen Einrichtungen selbst für eine Migration zu OSS nennen, können vielfältiger Natur sein: Meist müssen alte, bestehende Anwendungen und Betriebssysteme abgelöst werden. Die Motive, warum freie Software ausgewählt wird, lassen sich auf die folgenden – in jedem Einzelfall unterschiedlich zu gewichtende – Punkte zusammenfassen:

Unabhängigkeit von einem Hersteller Die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller, auch Lock-in-Effekt genannt, wird häufig als ein Hauptgrund genannt, um auf freie Software umzusteigen. Neben den erschwerten Preisverhandlungen verhindern diese Abhängigkeiten häufig auch eine gewünschte Interoperabilität und Standardkonformität von Softwareprodukten. Auch eine Geplante Obsoleszenz eines Softwareproduktes zu Lasten des Nutzers, wie bei proprietärer Software üblich, ist mit Freier Software ausgeschlossen.

Kosteneinsparungen Ein weiterer Grund für die Wahl von freier Software kann der Wunsch nach Kosteneinsparungen bei den Softwarelizenzen sein, diese machen typischerweise 5–20 % der Gesamtausgaben für die IT aus. Bei proprietärer Software sind Lizenzen für regelmäßige (Sicherheits-)Updates, die Migration zu diesen neuen Versionen und die Anwenderschulung ein wiederkehrender Kostenfaktor. Es ist Herstellerunternehmen proprietärer Software möglich, nahezu jeden Preis zu verlangen, wenn eine marktdominierende Stellung erreicht wurde und damit De-facto-Standards gesetzt wurden (Lock-in-Effekt). Hier bieten IT-Lösungen aus dem Bereich der Freien Software eine marktwirtschaftlich wünschenswerte Verbreiterung der Angebotspalette. Der Wechsel zu einem anderen Anbieter eröffnet auch die Möglichkeit, bei der nächsten Migration oder zusätzlichen Software-Produkten günstigere Preise auszuhandeln. Seit immer mehr öffentliche Einrichtungen freie Software einsetzen, stehen auch Anbieter von proprietärer Software unter stärkerem Preisdruck. Jedoch dürfen Kosteneinsparungen nicht die alleinige Motivation für einen Wechsel zu Freier Software sein, da dieser Vorteil schnell durch Migrationsunwägbarkeiten aufgefressen werden kann oder laut der Betrachtung der „Total Cost of Ownership“ kaum oder gar nicht existiert.

Maximale Flexibilität Ein Vorteil ist die freie Verfügbarkeit des Quellcodes. Dieses würde erlauben, ein Softwareprodukt den jeweiligen Anforderungen anzupassen, z. B. auch dann, wenn der ursprüngliche Produktanbieter nicht mehr verfügbar ist oder die Produktlinie ausgelaufen ist. Ein häufiger Ansatz bei Migrationen öffentlicher Einrichtungen ist, eine bestehende Linux-Distribution als Basis zu nehmen und so anzupassen, dass sie ein vorgegebenes Pflichtenheft erfüllt. Jedoch hat die Abspaltung (genannt Fork) einer eigenen Distribution aus einer bestehenden den Nachteil, dass man damit den einfachen und direkten Upgrade-Support der Ursprungsdistribution verliert (Kompatibilitätsverlust). Die Pflege einer eigenen Distribution ist mit nicht unerheblichem Aufwand verbunden, der sich langfristig auch als zu groß erweisen kann. Andere Methoden sind, die angepassten Software-Komponenten entweder in die Ursprungsdistribution zu integrieren, was nicht immer sinnvoll oder möglich ist, oder als Zusatzpakete von der eigentlichen Betriebssystem-Distribution separat weiterzuentwickeln.

Hardwareplattform-Unabhängigkeit Freie Software erleichtert auch den Betrieb einer inhomogenen IT-Hardware-Infrastruktur, da häufig plattformunabhängig geschrieben. Beispielsweise Linux als Betriebssystem unterstützt ganz unterschiedliche Hardware-Plattformen, was nach der Zusammenlegung von Einrichtungen einen großen Vorteil darstellen kann, wenn diese zuvor verschiedene Architekturen verwendet hatten. Linux kann auf nahezu jede Computer-Architektur portiert werden.

Sicherheit Obwohl auch die Hersteller von proprietärer Software Anstrengungen unternehmen, um ihre Produkte sicher zu gestalten, kennt der Kunde, aber auch potentielle Schadprogrammersteller, die wirklichen Schwachstellen oft nicht (Security through obscurity). Auch ergeben sich mit einer Beendigung der Unterstützung durch den Hersteller von proprietären Softwareprodukten mit der Zeit nicht schließbare Sicherheitslücken, der Kunde ist gezwungen, ein meist kostenpflichtiges Upgrade auf ein Nachfolgeprodukt durchzuführen. Bei freier Software kann jedermann den Quellcode einsehen, auf Fehler prüfen und gegebenenfalls korrigieren, deswegen empfiehlt beispielsweise die EU die Förderung von OSS. Dadurch können Sicherheitslöcher von der weltweiten Programmierer- und Nutzergemeinschaft erkannt und häufig auch schnell geschlossen werden. Auch weist Linux durch seinen Ursprung als UNIX-artiges Mehrbenutzerbetriebssystem ein umfassendes und tief integriertes Sicherheitskonzept auf. Auch aus diesem Grund gibt es kaum Viren, Würmer und Trojaner für Linux, obwohl es für Cyber-kriminelle sicher interessant und gewinnbringend wäre, die zahlreichen Linux-basierenden Server zu infizieren.

Ein weiterer Sicherheitsaspekt, besonders relevant für staatliche Geheimdienst- oder Militärbehörden, der für quelloffene Freie Software spricht, ist Prüfbarkeit auf Backdoors und andere bewusst eingebrachte Mechanismen, welche für politische oder wirtschaftliche Spionagezwecke verwendet werden könnten. Beispielsweise hat Microsoft als Anbieter Nicht-quelloffener Software Probleme, immer wiederkehrende Gerüchte über NSA-Backdoors in ihren Betriebssystemen zu widerlegen, da eine Offenlegung des Quellcodes keine Option für Microsoft ist.

Wirtschaftsförderung An vielen Freie-Software-Projekten sind lokale Programmierer oder Unternehmen beteiligt. Die Mehrzahl der proprietären Software-Produkte wird nach wie vor in Nordamerika entwickelt. Deshalb fördern europäische, südamerikanische oder asiatische Behörden gerne die lokale Softwarebranche, indem sie freie Software einsetzen und deren Weiterentwicklung unterstützen. Wird ein externer Dienstleister für die Migration beigezogen, kann auch dabei ein lokales Unternehmen berücksichtigt werden.

Risiken und Herausforderungen eines Umstiegs Fehlende Verfügbarkeit von Anwendungen Spezifische Fachanwendungen und auch einige übliche Bürosoftwareanwendungen (z. B. Adobe Photoshop) sind nur für wenige Plattformen (vornehmlich Windows und macOS) verfügbar (fehlende Interoperabilität/Lock-in-Effekt). Dies kann einen Wechsel zu anderen Betriebssystemen erschweren. Während größere Verwaltungen wie die der Stadt München oder das Schweizer Bundesgericht theoretisch die kritische Größe besitzen, um eigene Fachanwendungen entwickeln zu lassen bzw. auf alternative Software umzusteigen, ist dies bei kleineren Organisationen nicht immer in einem wirtschaftlich vertretbaren Rahmen möglich. Von dieser Problematik sind auch Organisationen betroffen, die auf kommerzielle Unix-Systeme wie OS X, Solaris oder auf andere kommerzielle Betriebssysteme wie OpenVMS oder OS/2 (eComStation) setzen. Es gab daher Migrations-Projekte, bei denen nach kurzer Zeit eine Rückmigration zu üblichen Microsoft-Produkten beschlossen wurde, selbst wenn dadurch die Kosten stiegen.

Kostenverschiebungen Auch weil Open-Source in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit gratis gleichgesetzt wird, werden oft die finanzielle Komplexität und der Aufwand einer Migration unterschätzt. Zum einen werden Einsparungen bei den Lizenzkosten falsch eingeschätzt, die nur einen Teil der IT-Kosten ausmachen. Zum anderen ist der Aufwand für Anpassungen bzw. der häufig notwendigen Neuerstellung von Fachanwendungen zu berücksichtigen. Die Support-Kosten einer individuellen, eigenen Lösung sind manchmal höher als bei der Verwendung einer proprietären Lösung, bei der die Kosten für Support und die Weiterentwicklung durch einen kommerziellen Softwarehersteller von vornherein im Preis einkalkuliert sind. Fehleinschätzungen können die Budgetierung von Migrations-Projekten erschweren. Treten in der Folge Kostenüberschreitungen auf, so kommt es manchmal zu verkürzten Abwägungen politischer Entscheidungsträger, auf die Frage: „OSS gegen kommerzielle Software.“ Dies hatte in Einzelfällen schon eine komplette Abkehr von OSS zur Folge.

Komplexität Der Migrationsaufwand (Zeit, Infrastrukturanpassungen etc.) wird teilweise falsch eingeschätzt: Die wenigsten Software-Pakete – weder kommerziell noch Open-Source – sind komplett austauschbar (z. B. Microsoft-Office-Makros und OpenOffice-Makros). Komplexe Fachanwendungen müssen nicht selten an betriebliche Prozesse und Nutzergewohnheiten angepasst werden, weshalb trotz der Verfügbarkeit alternativer, funktional äquivalenter Open-Source-Produkte – wie bei kommerzieller Software auch – ein komplexer und aufwändiger Migrationsprozess notwendig sein kann. In der Stadtverwaltung München dauerte der Migrationsprozess aus diesen Gründen etwa zehn Jahre.Wer regiert München: Linux oder Windows? PC-Welt (4. April 2003). Obwohl auch kommerzielle Migrations-Projekte nicht selten an der Herausforderung der unterschätzten Komplexität scheitern, werden in der Öffentlichkeit und Politik diese Komplexität oft übersehen und die Fehler alleine beim OSS-Ansatz gesucht. Umstellungsprojekte in Zusammenarbeit mit Microsoft, wie etwa bei Dataport, haben oft ähnlich lange Laufzeiten: In Hamburg war es auch nach zehn Jahren noch nicht gelungen, alle 31.500 behördeninternen Arbeitsplätze auf ein einheitliches Betriebssystem umzustellen.

Betriebskosten von individualisierten Lösungen