Oberstdorf ist ein Markt im bayerischen Landkreis Oberallgäu. Der heilklimatische Kur- und Kneippkurort ist die südlichste Gemeinde Deutschlands und daher Mitglied im Zipfelbund.
Oberstdorf dient mit seinen alpinen Skigebieten am Nebelhorn, dem Söllereck und dem Fellhorn/Kanzelwand, den Langlaufloipen, dem Eisstadion und auch den Skisprungschanzen sowie der Skiflugschanze als Wintersportplatz und ist zudem ein beliebtes Ziel für Bergsteiger.
Geographie mini|hochkant=1.3|Blick auf Oberstdorf (Sommer) mini|hochkant=1.3|Blick auf Oberstdorf (Winter) mini|hochkant=1.3|Das Nebelhorn, der Hausberg von Oberstdorf
Geographische Lage Oberstdorf – Deutschlands südlichste Gemeinde – liegt im Oberstdorfer Becken im Illertal, in den Allgäuer Alpen. Der Illerursprung liegt bei Oberstdorf. Mit einer Ausdehnung von 230 km² ist Oberstdorf nach der Landeshauptstadt München und Lenggries flächenmäßig die drittgrößte Gemeinde im Freistaat Bayern. Sie liegt auf 813 Meter Höhe (Messpunkt an der katholischen Kirche St. Johannes Baptist). Höchster Gipfel des Ortes und ganz Schwabens ist die Hochfrottspitze.
17 Kilometer südwestlich des Ortskerns liegt das Haldenwanger Eck, die südlichste Stelle Deutschlands. Wegen dieser Gegebenheit ist Oberstdorf Mitglied im Zipfelbund.
Gemeindegliederung
Oberstdorf hat 44 Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben):
Hervorzuheben sind fünf Ortschaften: Kornau liegt auf 915 Meter Höhe. In der Nähe findet man die Söllereckbahn und die an Kunstschätzen reiche Kapelle St. Fabian und St. Sebastian. In Reichenbach (226 Einwohner) befinden sich die 450 Jahre alte Kapelle St. Jakobus und die Moorwasserbadeanstalt. Typisch für Schöllang sind die Bauernhäuser um den barocken Zwiebelturm der Pfarrkirche. In der Nähe befindet sich die Burgkirche von 1531. Das Dorf Tiefenbach hat seinen Namen von den dort vorkommenden Bergkiefern. Die Ortschaft liegt auf einer Terrasse über der Breitach. Tiefenbach kann eine jahrhundertealte Kurtradition nachweisen, die es seiner Schwefelquelle verdankt. Schon im späten 15. Jahrhundert kurierten hier Grafen und andere hochgestellte Persönlichkeiten ihre Leiden.
Täler mini|hochkant=1.3|Blick vom Gaißalphorn auf Oberstdorf
Von Oberstdorf aus lassen sich eine Reihe Hochtäler erreichen, die nicht nur selbst landschaftlich sehr attraktiv sind, sondern oft auch am Anfang einer ausgedehnten Bergwanderung stehen. Die Liste führt die großen Täler mit ihren Nebentälern auf. Breitachtal Starzlachtal Stillachtal (auch Birgsautal genannt) Rappenalptal Warmatsgundtal Illertal Kleinwalsertal Oytal Trettachtal Dietersbachtal Traufbachtal
Oytal und Dietersbachtal werden durch Höfats und Rauheck getrennt. Gerstruben, Deutschlands höchstgelegenes Dorf, liegt am Beginn des Dietersbachtals.
Das Rappenalptal ist das längste der Täler und führt an Deutschlands südlichstem Ort Einödsbach vorbei in die Nähe des Haldenwanger Ecks, dem südlichsten Punkt Deutschlands. Am Ende des Tals führt der Schrofenpass nach Österreich.
Berge Die Allgäuer Alpen erreichen im Bereich Oberstdorf eine Höhe von über 2600 Metern und gehören der Gebirgsgruppe Nördliche Kalkalpen an. Die bekanntesten Gipfel in Oberstdorf sind:Kompass Wander-, Bike- und Skitourenkarte: Blatt 03 Oberstdorf, Kleinwalsertal (1:25.000). ISBN 978-3-85491-231-6 (Stand 2009)
Fellhorn (Blumenberg des Allgäus) Himmelschrofen Höfats (der markanteste Allgäuer Grasberg) Kratzer Großer Krottenkopf (der höchste Berg in den Allgäuer Alpen) Mädelegabel (liegt am Heilbronner Höhenweg) Trettachspitze Hochfrottspitze (höchster Gipfel Oberstdorfs an der Grenze zu Tirol) Nebelhorn (durch Seilbahn erschlossen) Rubihorn (Hausberg der Einheimischen) Schattenberg (an der gleichnamigen Skisprungschanze) Schneck (einzigartige Form)
Seen Oberstdorf hat zahlreiche Seen in unterschiedlichen Höhenlagen: Christlessee im Trettachtal, Trinkwasserqualität Freibergsee, Badesee im Stillachtal (Birgsautal) Unterer und Oberer Gaisalpsee Guggersee am Krumbacher Höhenweg Koblatsee im Nebelhorngebiet Moorweiher am Krappberg Rappensee auf Schlappoldsee an der Mittelstation der Fellhornbahn Seealpsee oberhalb des Oytals
Klima
Geschichte Urgeschichte Spuren mesolithischer Jäger ließen sich bei Oberstdorf bis in eine Höhe von 1400 m über dem Meeresspiegel nachweisen.Birgit Gehlen: Steinzeitliche Funde im östlichen Allgäu, in: Hansjörg Küster: Vom Werden einer Kulturlandschaft, Weinheim 1988, S. 195–209, hier: S. 199 f. (academia.edu)
Römerzeit, Besiedlung durch Alamannen Nachdem um 260 der Limes als Grenze des Römischen Reiches aufgegeben worden war, begann die Besiedlung durch Alamannen nördlich der Donau bereits in den Jahrzehnten danach. Südlich der Donau hingegen setzte diese Besiedlung erst in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts ein. Dabei bildete das obere Illertal zwischen Sonthofen und Oberstdorf einen der Siedlungsschwerpunkte.Max Spindler: Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. III, 2: Geschichte Schwabens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Neu herausgegeben von Andreas Kraus, C.H.Beck, München 2017, S. 130
Bis zum 18. Jahrhundert Oberstdorf wurde 1141 durch die Weiheinschrift in der Kirche erstmals urkundlich erwähnt. Der Gemeindeteil Kornau wird als Corneja erstmals in einer Isnyer Klosterurkunde genannt. Der Kirchensatz zu Obrostdorf wurde 1351 durch Adelheid von Waldburg an die Familie Haimenhofen verkauft. Ulrich von Haimenhofen erhält 1422 die Niedere Gerichtsbarkeit über Oberstdorf. Wenige Jahre später, 1440, verkaufte die Familie Haimenhofen die Hälfte ihres Besitzes an das Hochstift Augsburg. 1477 ging der Rest des Besitzes an Oberstdorf an den Augsburger Fürstbischof Johann II. von Werdenberg über. König Maximilian, der spätere Kaiser, verlieh Oberstdorf 1495 das Marktrecht und die Hohe Gerichtsbarkeit.
Als im Juli 1546 das schmalkaldische Heer im Allgäu lag, wurden auch Prediger in Oberstdorf zur Bekämpfung der Wiedertäufer aufgefordert.Max Spindler: Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. III, 2: Geschichte Schwabens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, neu herausgegeben von Andreas Kraus, C.H.Beck, München 2017, S. 255 Ihr Erbe in Schwaben traten die Schwenckfeldianer an. Graf Hugo von Montfort errichtet in Tiefenbach an der Schwefelquelle ein Bad, das als Vorläufer des heutigen Kurbetriebs gilt. In seiner Cosmographia erwähnt Sebastian Münster das „für das Feber“ (Fieber) heilsame Schwefelbad in „Teuffenbach“. Das Badhaus wurde 1644 von Graf Hugo von Königsegg erneuert. Im Dreißigjährigen Krieg litt der Ort unter schwedischer Soldateska, die ihn mehrfach plünderte, so 1632, 1634 und letztmals 1647. Etwa 700 Menschen starben 1634/1635 am Schwarzen Tod.Max Spindler: Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. III, 2: Geschichte Schwabens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Neu herausgegeben von Andreas Kraus, C.H.Beck, München 2017, S. 268 Herzog Bernhard von Weimar stieß nach dem Sieg Gustav Adolfs bei Rain am Lech (15. April 1632) mit schwedischen Truppen bis Oberstdorf vor. Doch bis 1635 mussten die protestantischen Truppen das Allgäu räumen, das in den nächsten Jahren vom Krieg unberührt blieb.Max Spindler: Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. III, 2: Geschichte Schwabens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Neu herausgegeben von Andreas Kraus, C.H.Beck, München 2017, S. 265
1787 bauten die Oberstdorfer ihr erstes Schulhaus.
19. Jahrhundert Am 5. Mai und am 6. Mai 1865 wütete eine Feuersbrunst, der 146 Häuser zum Opfer fielen. Zwei Drittel des Gebäudebestandes wurden vernichtet, das Rathaus und die Kirche mussten neu gebaut werden. Zusätzliche Einnahmen durch Sommerfrischler sollten die hohe Verschuldung der Bürger lindern. Auf Initiative des Kaufmanns Josef Anton Vogler und des Arztes Dr. Ulrich Reh wurde der Verschönerungsverein zur Steigerung des Fremdenverkehrs gegründet, zunächst aus eigenen finanziellen Mitteln der Bürger wurden Spazierwege und andere Einrichtungen für Urlauber geschaffen. 1872 konnten nach Genehmigung des Königlichen Bezirksamts Sonthofen erstmals 182 Mark und zwei Pfennige mit dem Verschönerungsbeitrag als Vorläufer der Kurtaxe erhoben werden. Mit diesen Einnahmen konnte 1883 das erste Moorbad, daraufhin das Kurhaus mit Kegelbahn und 1892 der Freibergsee zur Einrichtung einer Badeanstalt erworben werden. Nach 482 Gästen 1872 fanden sich 1885 schon 2353 Kurgäste im Ort ein. Die Eisenbahnverbindung Sonthofen-Oberstdorf wurde 1888 in Betrieb genommen und die Zahl der Gäste stieg 1890 auf 4987, um zur Jahrhundertwende erstmals die Grenze von 15.000 zu übersteigen. Die Einnahmen des Verschönerungsbeitrags hatte sich auf 12.744 Mark gesteigert. Der Fremdenverkehr wurde zu einem bedeutsamen Wirtschaftsfaktor. mini|Oberstdorf um 1900
20. Jahrhundert Die Breitachklamm öffnete 1905 für Besucher. Der Verschönerungsverein übernahm zunehmend die Aufgaben eines Verkehrsamtes und wurde 1909 zum Verkehrs- und Kurverein Oberstdorf. Im Ersten Weltkrieg durften wegen Lebensmittelmangels nur jedes zehnte Gästebett belegt werden, die Aufenthaltsdauer der Gäste wurde auf drei Tage begrenzt. Dem Verkehrsamtsleiter Hermann Schallhammer gelang nach Aufhebung der Beschränkungen ab 1921 eine Belebung des Fremdenverkehrs. Die Schattenbergschanze erlebte 1926 ihr erstes Skispringen mit 35 Meter längster gemessener Weite. Von 1928 bis 1930 wurde die Nebelhornbahn gebaut und in Betrieb gesetzt. 1934 wurde 54.000 Feriengäste registriert. 1937 wurde die Gemeinde heilklimatischer Kurort und seit 1964 ist sie ein leistungsfähiger Kneippkurort.
Von 1943 bis 1945 betrieb die Waffen-SS das KZ-Außenkommando Oberstdorf-Birgsau für den Betrieb des Birgsauer Ausbildungslagers der Waffen-SS im Gebirgskampf.Gabriele Hammermann: Art. Oberstdorf. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 2: Frühe Lager, Dachau, Emslandlager. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52962-3, S. 458f. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs im März 1945 bildete sich eine Volkssturm-Einheit in Oberstdorf, Oberstdorfer Schulen wurden zu Lazaretten umfunktioniert, Schulunterricht fand vormittags in Gasthäusern statt. Im April 1945 bildete sich die Widerstandsgruppe „Heimatschutz“, mit dem Ziel der friedlichen Übergabe der Stadt. Am 27. April 1945 warfen westalliierte Bomber einige Bomben im Bereich Kühberg-Faltenbach-Plattenbichl und schossen dort auch mit ihren Bordwaffen; die Sachschäden waren gering. Nachdem die Verteidigung vorbereitet worden war, betrieb eine Widerstandsgruppe die friedliche Übergabe. Am 1. Mai 1945 rückte eine Vorhut der 2. französischen (marokkanischen) Infanterie-Division mit acht Panzern kampflos in Oberstdorf ein, starkes Schneetreiben verhinderte die Unterstützung durch alliierte Luftangriffe. Gleichzeitig verhaftete die Widerstandsgruppe „Heimatschutz“ mehrere Männer, insbesondere NSDAP-Partei-Funktionäre. Am 07. Juli 1945 wurde die französische Armee durch US-Truppen abgelöst, weil das Gebiet zur Amerikanischen Besatzungszone gehörte. Bis November 1945 wurden alle US-Dienststellen nach Sonthofen verlegt. Am 12. Juli 1945 wurde der bis dato unter Waffen stehende „Heimatschutz“ durch den US-Militärgouverneur aufgelöst. Der Tourismus lief wieder an. Ehemalige Zwangsarbeiter, darunter viele Polen und Russen, wurden in beschlagnahmten Hotels und Pensionen sowie 81 Privathäusern durch die UNRRA und IRO untergebracht. Ab Ende 1945 trafen Transporte mit Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in Oberstdorf ein. Ab September 1946 erfolgte die Unterbringung von Flüchtlingen und Heimatvertriebene durch den Flüchtlingskommissar in den Hotels „Sonne“ und „Rubihaus“, nachdem die Hotels von der UNRRA aufgegeben worden waren. Der Kurbetrieb kam zeitweise fast gänzlich zum Erliegen. Am 13. September 1950 zählte man 1.488 Heimatvertriebene unter den 8.134 Einwohner insgesamt, die beschlagnahmten Ortsviertel behielt die US-Militärregierung bis weit in die 1950er Jahre.