Emotionsregulation (Affektregulation) bezeichnet alle Prozesse, mit denen Individuen versuchen, die Art, die Intensität oder die Dauer von Emotionen in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. Der Begriff umfasst neben diesen Bemühungen auch das damit erzielte Ergebnis.J. J. Gross: The emerging field of emotion regulation: an integrative review. In: Review of General Psychology. 3, 1998, S. 271–299.J. J. Gross, R. A. Thompson: Emotion regulation: Conceptual foundations. In: J. J. Gross (Hrsg.): Handbook of emotion regulation. Guilford Press, New York 2007, S. 3–24.M. Berking: Training emotionaler Kompetenzen. Springer, Heidelberg 2015.

Der Begriff lässt offen, inwieweit die regulativen Bemühungen bewusst getätigt werden oder Teil der vorbewussten (bzw. automatisierten) Informationsverarbeitung sind. Er impliziert allerdings die Unterscheidung zwischen einem vergleichsweise spontanen emotionalen Erleben, welches unmittelbar durch bestimmte Wahrnehmungen oder durch die Bewertung dieser Wahrnehmungen ausgelöst wird und affektiven Reaktionen, die daraus resultieren, dass auch das eigene Befinden wahrgenommen, mit einem erwünschten Standard verglichen und gezielt in Richtung dieses Standards beeinflusst wird.M. Berking, B. Whitley: Affect Regulation Training. Springer, New York 2014.R. J. Larsen: Toward a science of mood regulation In: Psychological Inquiry. 11, 2000, S. 129–141.R. S. Lazarus: Emotion and adaptation. Oxford University Press, New York 1991. Neben dieser prototypischen Verwendung des Begriffs in Bezug auf die Regulierung der eigenen Gefühle kann sich der Begriff auch auf die zielgerichtete Regulation der Gefühle anderer beziehen (wenn beispielsweise Eltern ihre Kinder trösten und den Kindern dabei explizit oder implizit Emotionsregulationskompetenzen vermitteln).Morris A. Sheffield, J. S. Silk, L. Steinberg, S. S. Myers, L. R. Robinson: The role of the family context in the development of emotion regulation In: Social Development. 16, 2007, S. 361–388.

Der Begriff Emotionsregulation thematisiert dabei streng genommen affektive Zustände von relativ kurzer Dauer, deren Entstehen auf einen eindeutigen Auslöser zurückgeführt werden kann (d. h. Emotionen, engl. emotions). Damit ist der Begriff abzugrenzen von Stimmungsregulation (engl. mood regulation), die sich eher auf länger andauernde affektive Zustände bezieht, für die nicht unbedingt ein eindeutiger Auslöser erkennbar ist, und vom Begriff der Affektregulation (engl. affect regulation) als übergeordnete Kategorie, welche Emotions-, Stimmungs- und Stressregulation sowie die Regulation motivationaler Impulse umfasst.J. J. Gross: Emotion Regulation: Conceptual and Empirical Foundations. In: J. J. Gross: Handbook of emotion regulation. Guilford Press, New York 2014, S. 3–20.

Begriffsabgrenzung Weiterhin ist der Begriff abzugrenzen vom Coping als übergeordnetem Begriff zur Beschreibung des Umgangs mit herausfordernden Situationen, zu denen unter anderem auch unerwünschte Emotionen gehören können. Der Begriff der Emotionsregulation wird zuweilen auch als Synonym für den Umgang mit affektiven Zuständen im Allgemeinen gebraucht. Eine solche Verwendung des Begriffs resultiert daraus, dass der Begriff Gefühle (engl. feelings) in der Umgangssprache selten zwischen subjektiv erlebten Emotionen und Stimmungen (oder anderen affektiven Zuständen) unterscheidet, Emotionen zuweilen auch länger anhalten können und ggf. nicht auf einen eindeutig wahrnehmbaren Auslöser rückführbar sind und viele effektive Emotionsregulationsstrategien zur Emotionsregulation genauso effektiv zur Regulation von Stimmungen und anderen affektiven Zuständen eingesetzt werden können.

Geschichte des Konzepts Versuche, die eigenen Gefühle (oder die Gefühle anderer) in eine gewünschte Richtung zu beeinflussen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Viele Heilslehren beinhalten Handlungsanweisungen und -empfehlungen, die als Methoden zur Verbesserung des eigenen Befindens verstanden werden können (z. B. der Fokus auf das Hier-und-Jetzt im Buddhismus).S. Weissman, R. Weissman: Meditation, compassion & lovingkindness. An approach to vipassana practice. Weiser, York Beach 1996. Auch in frühen Ansätzen psychotherapeutischer Theoriebildung, wie der Triebtheorie und dem darin angeführten Konzept der Abwehrmechanismen von Sigmund Freud und auch Anna Freud, spielt die Erklärung der „Affektregulation“ durch ebendiese Abwehrmechanismen eine zentrale Rolle.S. Freud: Die Verdrängung. In: Gesammelte Werke. Band X, 1915.A. Freud: Das Ich und seine Abwehrmechanismen. Kindler, München 1936/1964.

Die empirisch-wissenschaftliche Betrachtung des Konzeptes begann in den 70er Jahren, als Izard,C. E. Izard: The face of emotion. Appleton-Century-Crofts, New York 1971. Plutchik,R. Plutchik: A general psychoevolutionary theory of emotion. In: R. Plutchik, H. Kellerman (Hrsg.): Emotion: Theory, research, and experience. Vol. 1: Theories of emotion. Academic Press, New York 1980, S. 3–31. MandlerG. Mandler: Mind and Body: Psychology of emotion and stress. Norton, New York 1984. und später auch LazarusR. S. Lazarus: Psychological stress and the coping process. 1966. verschiedene Modelle zur Entstehung von Emotionen vorstellten. Eine Fokussierung auf die Reaktionskomponente erfolgte dann Anfang der 90er Jahre vor allem im Bereich der Entwicklungspsychologie mit den Arbeiten von Nancy Eisenberg und Richard Fabes.N. Eisenberg, R. A. Fabes: Emotion and its regulation in early development. (= New directions for child development. Vol. 55). Jossey-Bass, San Francisco 1992.N. Eisenberg, R. A. Fabes: Emotion regulation and the development of social compentence. In: M. S. Clark (Hrsg.): Review of personality and social psychology. Vol 14: Emotion and social behavior. Sage, Beverly Hills, Ca 1992, ISBN 0-8039-4745-3, S. 119–150. Im Zuge der Entwicklung bildgebender Verfahren (Funktionelle Magnetresonanztomographie) ließen sich biologische Korrelate für die Unterscheidung von eher basalen Prozessen der Emotionsgenese (vor allem Amygdala) und modulierenden Prozessen (vor allem präfrontaler Cortex) identifizieren,J. E. LeDoux: The emotional brain. Simon & Schuster, New York 1996. was die wissenschaftliche Bedeutung des Konzeptes weiter steigerte.

Modelle der Emotionsregulation Prozessmodell der Emotionsregulation nach James J. Gross James J. Gross schlägt vor, die Vielzahl von Prozessen, die zur Emotionsregulation eingesetzt werden können, in Abhängigkeit von ihrer zeitlichen Verortung im Prozess der Emotionsregulation zu klassifizieren. Gross unterscheidet dabei die folgenden Ansatzpunkte: 1. Situationsauswahl, 2. Situationsmodifikation, 3. Lenkung der Aufmerksamkeit, 4. Kognitive Neubewertung und 5. Modulation der emotionalen Reaktion.

Die Kategorien 1 bis 4 fasst Gross unter dem Konzept der Antezedens-fokussierten Emotionsregulation zusammen und grenzt diese von den sogenannten Response-fokussierten Emotionsregulationsstrategien (Kategorie 5) ab. Damit unterscheidet er zwischen regulativen Bemühungen, die in den Prozess der Emotionsentwicklung eingreifen (Antezedens-fokussierte Emotionsregulation), und solchen, die an der bereits vollständig entwickelten Emotion ansetzen (Response-fokussierte Emotionsregulation). Die Zuordnung der Strategie-Kategorien zu diesen beiden Phasen ist allerdings nicht ganz unproblematisch, wenn man berücksichtigt, dass die Entstehung von Emotionen ein dynamischer Prozess ist, bei dem Teile der Response-Komponente (beispielsweise durch die Emotion evozierte Gedanken) zur Aufrechterhaltung der Emotion mit beitragen und von daher sowohl als Antezedenzien als auch als Konsequenzen von Emotionen gelten können. In einer Reihe von StudienZum Beispiel J. J. Gross: Antecedent-and response-focused emotion regulation: divergent consequences for experience, expression, and physiology. In: Journal of personality and social psychology. 74, 1998, S. 224–237. präsentiert Gross Befunde, die die Annahme bestätigen sollen, dass Antezedens-fokussierte Emotionsregulation effektiver als Response-fokussierte Regulation ist. Kritisch muss hierbei allerdings angemerkt werden, dass in diesen Studien mit der Unterdrückung (engl. suppression) der Emotion (bzw. des Emotionsausdrucks) eine wenig vielversprechende Strategie als Vertreter der Response-fokussierten Regulation mit kognitiver Umbewertung (engl. reappraisal), einem vielversprechenden Vertreter der Antezedens-fokussierten Strategien, verglichen wird. Andere Strategien, wie Mitgefühl mit sich selbst (engl. self-compassion), sind per Definition als Response-fokussierte Regulationsmechanismen einzuordnen und haben sich in der empirischen Forschung als ebenso wirksam erwiesen wie Kognitive Umstrukturierung als (vermeintlich) Antezedens-fokussierter Strategie.A. Diedrich, M. Grant, S. Hofmann, W. Hiller, M. Berking: Self-compassion as an emotion regulation strategy in major depressive disorder. In: Behaviour Research and Therapy. 58, 2014, S. 43–51.

Das Modell adaptiver Emotionsregulation nach Matthias Berking Ein weiteres Modell der Emotionsregulation ist das Modell adaptiver Emotionsregulation nach Matthias Berking. Dieses Modell (siehe Abbildung) konzeptualisiert adaptive Emotionsregulation als das situationsadaptierte Zusammenspiel verschiedener Emotionsregulationskompetenzen. mini|Modell adaptiver Emotionsregulation nach Matthias Berking

Neben den in der Abbildung dargestellten Kategorien von Emotionsregulationskompetenzen und ihren wechselseitigen Beziehungen postuliert das Modell, dass für die psychische Gesundheit letztlich ausschließlich die Kompetenzen (a) Emotionen erfolgreich modifizieren und (b) Emotionen (für den Fall, dass sie nicht oder nur zu einem hohen Preis verändert werden können) akzeptieren und aushalten zu können, von Bedeutung sind. Die anderen Kompetenzen seien nur in dem Maße für die psychische Gesundheit relevant, in dem sie den erfolgreichen Einsatz von Modifikation und Akzeptanz/Toleranz erleichtern.M. Berking, P. Wupperman, A. Reichardt, T. Pejic, A. Dippel, H. Znoj: General emotion-regulation skills as a treatment target in psychotherapy. In: Behaviour Research and Therapy. 46(11), 2008, S. 1230–1237. (IF: 4.41)M. Berking, C. Poppe, M. Luhmann, P. Wupperman, V. Jaggi, E. Seifritz: Emotion-regulation skills and psychopathology: Is the ability to modify one’s negative emotions the ultimate pathway by which all other skills affect symptoms of mental disorders? In: Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry. 43, 2012, S. 931–937. (IF: 2.50).

Die Entwicklung emotionaler Kompetenzen