mini|Titelseite der Erstauflage von 1859 mini|Titelseite der 6. deutschen Auflage von 1876 mini|Charles Darwin auf einem Albumindruck (ca. 1857), der in der 2. deutschen Auflage (1863) enthalten ist.

Über die Entstehung der Arten () ist das Hauptwerk des britischen Naturforschers Charles Darwin. Es wurde am 24. November 1859 veröffentlicht und gilt als grundlegendes Werk der Evolutionsbiologie. Der vollständige Titel lautete: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. Darwin bearbeitete insgesamt sechs Auflagen. Alle Auflagen erschienen im Verlag von John Murray.

Darwin legte in diesem Werk zahlreiche Belege für seine Theorie vor, dass sich Tier- und Pflanzenarten durch natürliche Selektion im Laufe langer Zeiträume verändern und dass alle heute existierenden Lebewesen von gemeinsamen Vorfahren abstammen. Bereits auf seiner Weltreise mit der HMS Beagle (1831–1836) hatte Darwin Belege für seine später als Darwinismus bezeichnete Evolutionstheorie gesammelt. Später vermehrte er seine Erkenntnisse durch Experimente und wissenschaftliche Korrespondenz.

Entstehungsgeschichte Darwin schrieb im März 1855Charles Darwin an William Darwin Fox, 19. März , Brief 1651 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 21. Januar 2024). in einem Brief an William Darwin Fox: „Ich arbeite hart an meinen Notizen, sammle und vergleiche sie, um in etwa zwei oder drei Jahren ein Buch mit allen Fakten, die ich zusammentragen kann und die für und wider die Unveränderlichkeit der Arten sprechen, zu schreiben.“zitiert nach Ronald W. Clark: Charles Darwin. Biographie eines Mannes und einer Idee. S. Fischer, Frankfurt am Main 1985, S. 118. Auch der britische Zoologe und Forschungsreisende Alfred Russel Wallace entwickelte – unabhängig von Darwin – Ideen zur Evolution, die auf Variation und natürlicher Selektion beruhten. Nachdem Wallace Darwin 1858 seine im Ternate-Manuskript zusammengefassten Überlegungen zur Begutachtung zugeschickt hatte, sah sich Darwin zur Veröffentlichung seiner eigenen über zwanzig Jahre entwickelten Ideen zum Thema gedrängt. Am 1. Juli 1858 wurden auf Anregung von Darwins Freunden Charles Lyell und Joseph Hooker Auszüge aus der wissenschaftlichen Arbeit Darwins und Wallace vor der Linnean Society of London vorgetragen. Der Vortrag wurde nur wenig beachtet. Der Vorsitzende der Linnean Society bemerkte im Mai 1859, dass es in dem Jahr 1858 keine bemerkenswerten Entdeckungen gegeben hätte.Browne: Charles Darwin: The Power of Place. S. 33–42.

Werk Vom 20. Juli 1858 bis zum 10. Mai 1859 arbeitete Darwin am Manuskript seines Werkes. Am 1. Oktober 1859 beendete er das Korrekturlesen.Keith A. Francis: Charles Darwin and The Origin of Species. Greenwood Press, Westport 2006, ISBN 0-313-31748-8, S. 36. Die erste Auflage von 1250 Exemplaren kam am 22. November 1859 in den Handel, aber die Zahl der Bestellungen war bereits größer, daher war diese Auflage sofort vergriffen.Adrian Desmond, James Moore: Darwin. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 541 (zuvor bei Paul List, München 1992; engl. Orig. London 1991). Sein Werk trug den vollständigen Titel On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life.

Darwin argumentiert darin für die Annahme, dass Gruppen von Organismen sich allmählich durch den Vorgang der natürlichen Selektion entwickeln. Das Konzept natürlicher Selektion wurde durch das Buch erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Darwin legte detaillierte wissenschaftliche Belege vor, die er durch eigene Experimente sowie während seiner Reise nach Südamerika, zu den Galápagos-Inseln und nach Australien an Bord der Beagle von 1831 bis 1836 und seit seiner Rückkehr gesammelt hatte. Das Wort Evolution fehlt in der ersten Auflage von 1859 noch.Ernst Mayr: Evolution und die Vielfalt des Lebens. Springer Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1979, S. 81. Allerdings verwendet Darwin das Verb evolvieren. Aus Charles Darwin: The Origin of Species. 1. Auflage. 1859, S. 490.

Im Schlusssatz seines Werkes ordnete Darwin die wissenschaftstheoretische und gesellschaftspolitische Bedeutung seines Werkes durch eine Anspielung auf die „kopernikanische Wende“ in der Kosmologie ein: „Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und daß, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“zitiert nach der Übersetzung aus dem Jahr 1963 von Carl W. Neumann für die Ausgabe im Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart. Den Hinweis auf den Schöpfer fügte Darwin erst in der 2. Auflage von 1860 ein. Damals neigte er noch zum Deismus. In den folgenden Jahren tendierte er aber immer stärker zum Agnostizismus, ließ diesen Schluss-Satz aber dennoch stehen.Franz Stuhlhofer: Charles Darwin – Weltreise zum Agnostizismus. 1988, S. 69–92 („Darwins religiöse Einstellung“) und 99f.

Heute befindet sich das Originalmanuskript Darwins in der National Library of Scotland.

Entstehung des Titels Darwins ursprünglicher Entwurf für den Titel seines Werkes, den er am 28. März 1859Charles Darwin an Charles Lyell, 28. März , Brief 2437 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 29. Dezember 2023). an Charles Lyell übermittelte, lautete An Abstract of an Essay on the Origin of Species and Varieties Through Natural Selection. Als erste Reaktion auf eine Kritik von Murray schlug Darwin bereits zwei Tage späterCharles Darwin an Charles Lyell, 30. März , Brief 2439 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 29. Dezember 2023). eine erste Titeländerung vor, die den Zusatz „or the Preservation of Favoured Races“ enthielt. Am 5. AprilCharles Darwin an John Murray, 5. April , 2447 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 29. Dezember 2023). sandte Darwin seinem Verleger die Titelseite und die ersten drei Kapitel zu. Darin könnte die Erweiterung des Untertitels um „in the Struggle for Life“ enthalten gewesen sein. Kurz vor der VeröffentlichungCharles Darwin an John Murray, 10. September , Brief 2488 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 29. Dezember 2023). bat Darwin um die Streichung des Zusatzes „and Varieties“.Koen B. Tanghe: On The Origin of Species: The story of Darwin’s title. In: Notes and Records. Band 73, Nr. 1, 2019, S. 88–99.

Historical Sketch In der 3. Auflage von April 1861 fügte Darwin am Anfang des Werkes einen historischen Abriss (An Historical Sketch of the recent Progress of Opinion on the Origin of Species, deutsch: „Historische Skizze der Fortschritte in den Ansichten über den Ursprung der Arten“) über die Ursprünge seiner Theorie ein. Er reagierte damit auf die Kritik seiner Zeitgenossen, die bemängelten, dass Darwin sein Werk nicht im historischen Zusammenhang seiner Vorläufer darstellte. In dieser ersten Fassung erwähnte er 30 Autoren. In der 4. bis 6. Auflage sind es 34.Maria Elice Brzezinski Prestes (Hrsg.): Understanding Evolution in Darwin’s “Origin”. The Emerging Context of Evolutionary Thinking. (= History, Philosophy and Theory of the Life Sciences. Band 34) Springer Cham, 2023, ISBN 978-3-031-40164-0, S. 163.Online Variorum of Darwin's Origin of Species: third British edition (1861), page xiii Anfang FebruarCharles Darwin an Asa Gray, [8. oder 9. Februar 1860], Brief 2701 in The Darwin Correspondence Project (abgerufen am 23. Dezember 2023). sandte Darwin an Asa Gray eine frühe Form seines historischen Abrisses. Er erschien im Mai 1860 als Preface der ersten autorisierten amerikanischen Ausgabe. Bereits im April 1860 erschien er als Vorrede des Verfassers in der ersten deutschen Ausgabe.Curtis Neal Johnson: The Preface to Darwin’s Origin of Species: The Curious History of the ‘‘Historical Sketch’’. In: Journal of the History of Biology. Band 40, 2007, S. 529–556 (doi:10.1007/s10739-006-9118-0).

Erste deutsche Übersetzung Die erste deutsche Übersetzung, nach der zweiten Auflage, des Paläontologen und Zoologen Heinrich Georg Bronn erschien 1860 unter dem Titel Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vollkommensten Rassen im Kampfe um’s Daseyn. Diese Übersetzung nahm sich jedoch Veränderungen und „Reinigungen“ heraus.Storch, Welsch, Wink: Evolutionsbiologie. Berlin–Heidelberg 2001. Die 1876 erschienene Übersetzung von Julius Victor Carus, die meist als Standardübersetzung verwendet wird: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe um’s Dasein (E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1876), basierte auf der sechsten Originalauflage.

Grundgedanken mini|Dieses Baumdiagramm, das die Divergenz der Arten veranschaulicht, ist die einzige Abbildung in Darwins Werk Ernst Mayr analysierte Darwins Theorie und fasste sie folgendermaßen zusammen:Ernst Mayr: The Growth of Biological Thought. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts 1982, ISBN 0-674-36446-5, S. 479–480. Jede Art bringt genügend Nachkommen hervor, sodass die Population wachsen würde, wenn alle Nachkommen überlebten (Tatsache). Trotz (periodischer) Schwankungen bleiben Populationen stets etwa gleich groß (Tatsache). Ressourcen wie Nahrung sind begrenzt und ihr Umfang im Verlauf gleich bleibend (Tatsache). Daraus folgt ein Kampf ums Überleben (Schlussfolgerung). Die Individuen einer Population unterscheiden sich deutlich voneinander (Tatsache). Diese Variationen sind erblich (Tatsache). Individuen, die weniger gut an ihre Umwelt angepasst sind, haben eine geringere Überlebenschance und weniger Nachkommen. Individuen, die besser an ihre Umwelt angepasst sind, haben eine höhere Überlebenschance und mehr Nachkommen. Sie vererben ihre Eigenschaften. Dies resultiert in einer natürlichen Selektion (Schlussfolgerung). Dieser langsam voranschreitende Vorgang führt dazu, dass Populationen von Lebewesen besser an ihre Umwelt angepasst sind. Wenn sich Veränderungen anhäufen, entstehen neue Spezies (Schlussfolgerung).

Darwins Argumentation Sein Buch sah Darwin „als eine lange Kette von Beweisen“.Zitate nach der Übersetzung von Carl W. Neumann für die Ausgabe im Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 1963, Kap. 15. Mit diesen Worten beginnt er die Zusammenfassung im letzten Kapitel, in der sich die Art seines Argumentierens gut nachvollziehen lässt. Darwin war stets bemüht, Pro- und Kontra-Argumente zu einzelnen Befunden gegeneinander abzuwägen.Zur damaligen Argumentationslage siehe Lefèvre: Entstehung, S. 69–106.

Darwin beginnt hier mit fünf Einwänden (ohne Pro- und Kontra-Argumente durchzunummerieren): Erstens lege die Vollkommenheit der komplexen Organe und Instinkte die Entstehung durch eine höhere Intelligenz nahe – der Glaube, dass diese Organe durch die Anhäufung zahlreicher geringer Abänderungen immer vollkommener wurden, erscheint dem Betrachter schwer vorstellbar. Zweitens gibt es einen markanten Unterschied zwischen Arten und Varietäten – diese sind untereinander meist fruchtbar, jene fast nie. Diese Beobachtung legt die Vorstellung von streng abgegrenzten, unwandelbaren Arten nahe. Drittens scheint es schwer vorstellbar, dass jede einzelne Art sich von jeweils einem Ausgangspunkt weit verbreitet hat, z. T. sogar weltweit. Viertens sollten wir unter den Versteinerungen eine unendliche Zahl von Zwischenformen finden. Und fünftens sei die Zeit seit dem Festwerden der Erde jedenfalls nach den Berechnungen des Physikers William Thomson (wahrscheinlich nicht mehr als 200 Millionen Jahre) zu kurz für die ganze Evolution.