Kreuzlingen (in der ostschweizerdeutschen Ortsmundart Chrüüzlinge []) ist eine politische Gemeinde und der Hauptort des gleichnamigen Bezirkes des Schweizer Kantons Thurgau.
Kreuzlingen ist mit rund 23'000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Kantons und die grösste Schweizer Stadt am Bodensee. Zusammen mit der deutschen Nachbarstadt Konstanz und den kleineren Nachbargemeinden (Bottighofen, Lengwil, Tägerwilen) bildet die Grenzstadt eine Agglomeration von rund 130'000 Einwohnern. Mit 56,5 Prozent Ausländern (Stand Ende 2023) gehört Kreuzlingen zu den Schweizer Städten mit dem höchsten Ausländeranteil.
Geographie
Kreuzlingen liegt im Norden des Kantons Thurgau am Ufer des Bodensees, südöstlich der deutschen Stadt Konstanz und direkt an deren mittelalterlichen Kern anschliessend. Kreuzlingen liegt mit Zeugnissen kleinörtlicher Struktur an einst rebenbewachsenen Hanglagen, umgeben von Wäldern auf den Kuppen im Süden und dahinter stark ländlich geprägten Gebieten, mit dem offenen, weiten Bodensee gegen Osten samt der künstlichen Wulesaueninsle und den Gebieten um Seerhein und Untersee im Westen.
Nördlich verläuft die Staatsgrenze zu Deutschland mitten durch heute dicht bebautes Gebiet. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die südliche Grenze der Stadt zur Verteidigung gegen einen Angriff aus Deutschland mit dem Festungsgürtel Kreuzlingen gesichert und das Gebiet zwischen den beiden Städten 1942 (und bis August 2006) durch einen Grenzzaun zerschnitten. Im Westen grenzt Kreuzlingen an das Tägermoos und Tägerwilen, im Osten liegt dicht an Kreuzlingen die Gemeinde Bottighofen.
Kreuzlingen weist eine Fläche von 11,50 Quadratkilometern auf; das Hafenareal liegt auf Höhe.
Geschichte mini|Katholische Kirche St. Ulrich und Afra, Klosterkirche des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts Kreuzlingenmini|Kreuzlingen um 1840 vom See aus. Federzeichnung von J. Schmied. Links die Seeburg, in der Mitte das Kloster, rechts das Sallmannsche Haus und der Gasthof Löwen, im Vordergrund das Dampfschiff Helvetia.
Ortsname und Chorherrenstift Der Name stammt vom örtlichen Augustiner-Chorherrenstift, das erstmals 1125 als Crucelin ‹[beim] Kreuzlein› genannt wird; die Endungen -ingen ist eine sekundäre Umformung des ursprünglichen Diminutivsuffixes -elin.Kreuzlingen. In: Thurgauer Namenbuch. Onlinepublikation auf ortsnamen.ch, dem Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. Das Stift wurde damals vom Konstanzer Bischof Ulrich I. von Kyburg-Dillingen gegründet und stand ursprünglich einen Kilometer nordwestlich des heutigen Standortes. Im Schwabenkrieg und während des Dreissigjährigen Kriegs nach der Belagerung von Konstanz durch die Schweden wurde das Augustiner-Chorherrenstift durch Konstanzer niedergebrannt, weil sie dem Kloster vorwarfen, Stützpunkt für den Feind gewesen zu sein. 1650 wurde das Kloster am heutigen Ort neu aufgebaut. Nach der Säkularisation 1848 bezog das thurgauische Lehrerseminar die Räume, heute ist es die Pädagogische Maturitätsschule am Seminar Kreuzlingen (PMS). Die ehemalige Klosterkirche ist katholische Pfarrkirche.
Ereignisgeschichte Das Gebiet von Kreuzlingen war schon zur Bronzezeit besiedelt. Keltische Münzen und Funde aus der Römerzeit bezeugen eine kontinuierliche Besiedlung bis zu den Siedlungsgründungen der Alemannen. Kurzrickenbach wurde als Rihinbah erstmals im Jahr 830 erwähnt, Egelshofen 1125 als Eigolteshoven und Emmishofen 1159 als Eminshoven. Das Gebiet der heutigen Stadt war mit Ausnahme des Augustiner-Chorherrenstiftes Eigentum des Konstanzer Bischofs (Bischofshöri). Mit der Eroberung des Thurgaus durch die Eidgenossen 1460 und durch die Reformation lockerten sich die Bindungen zur Nachbarstadt.
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das heutige Zentrum Kreuzlingens weitgehend Ackerfläche, Wies- und Rebland. Um das Kloster standen 13 Häuser. Egelshofen zählte etwa 50, Emmishofen und Kurzrickenbach je etwa 90 Häuser. Mit der Neuordnung Europas wurde Kreuzlingen zu einer Grenzregion. 1818 entstand das erste Zollhaus. Die ersten Dampfschiffe, die auf dem Bodensee ab 1824 verkehrten, und der Bau der Bahnlinien nach Romanshorn (1871) und Etzwilen (1875) lockten Gewerbe und Industrie an. 1874 wurde Kreuzlingen anstelle von Gottlieben Bezirkshauptort. Doch bis zum Ersten Weltkrieg war der Ort eine Art Vorstadt von Konstanz; auch die Kreuzlinger Industrie war fast ausschliesslich in den Händen deutscher Unternehmer. Erst die geschlossene Grenze im Krieg liess Kreuzlingen eigenständiger werden.
In der Kulturgeschichte Kreuzlingens spielt das Sanatorium Bellevue (1857–1980) eine herausragende Rolle: Auf dem kaum überbauten Gebiet des alten Klosters Kreuzlingen kaufte 1842 Ignaz Vanotti aus Konstanz ein grosses Grundstück und baute darauf 1843 ein Wohn- und Geschäftshaus für die Emigranten-Druckerei Bellevue, die bisher in der Römerburg eingerichtet war. 1857 erwarb Ludwig Binswanger (1820–1880), seit 1850 Psychiater in Münsterlingen, die Liegenschaft und eröffnete eine «Privatanstalt für heilfähige Kranke und Pfleglinge aus den besseren Ständen der Schweiz und des Auslandes». Die modern geführte Klinik blieb unter Führung von vier Generationen der Binswanger während fast 120 Jahren eine Heil- und Forschungsstätte, in der wichtige Kapitel der Psychiatrie gelebt und geschrieben wurden. Im Jahr 1980 stellte sie ihren Betrieb ein. Von den zahlreichen Bauten des Sanatoriums sind nur noch wenige vorhanden. Das «Binswanger-Archiv» (Verwaltungsakten, Teilnachlässe aus der Familie Binswanger) befindet sich seit 1986 im Universitätsarchiv Tübingen. Auf dem Areal wurden in den 1990er-Jahren Wohngebäude errichtet.
1962 wurde auf dem Gemeindegebiet eine Prospektion nach Erdöl durchgeführt, diese blieb ohne kommerziell nutzbaren Fund.
→ siehe auch: Abschnitte Geschichte in den Artikeln Bernrain, Egelshofen, Emmishofen und Kurzrickenbach
Eingemeindungen und Grenzänderung Die damals kleine Siedlung Kreuzlingen war zunächst Teil der Gemeinde Egelshofen. 1874 änderten die Orts- und Munizipalgemeinde Egelshofen ihre Namen in Kreuzlingen und gleichzeitig wurde Kreuzlingen anstelle von Gottlieben zum Bezirkshauptort ernannt.
Im Jahr 1879 wurde die Landesgrenze zwischen der Schweiz und dem Deutschen Reich im Bereich des Bahnhofs Konstanz reguliert. Die Stadt Konstanz trat 1878 ein Gebiet von 10 Aren ohne Einwohner ab, während die Ortsgemeinde Kreuzlingen im folgenden Jahr eine Fläche von 8,48 Aren mit 12 Einwohnern abgab.
Kreuzlingen entwickelte sich im 20. Jahrhundert mit Bernrain, Egelshofen, Emmishofen und Kurzrickenbach zur Stadt. 1927 wurde durch den Zusammenschluss der Ortsgemeinden Kreuzlingen und Kurzrickenbach (im Osten) die Einheitsgemeinde Kreuzlingen gebildet. 1928 schloss sich ihr die frühere Einheitsgemeinde Emmishofen (im Westen) an. 1947 wurde Kreuzlingen zur Stadt, als die 10'000. Einwohnerin registriert wurde.
Wappen links|x80px Blasonierung: Gespalten von Weiss mit rotem Kreuz und Rot mit weissem Abtstab.Gemeindewappen. Auf der Webseite des Staatsarchivs des Kantons Thurgau, abgerufen am 8. Dezember 2019
Das Wappen wurde vom 1848 aufgehobenen Chorherrenstift Kreuzlingen übernommen. Rot und weiss (Livreefarben) symbolisieren die Unschuld und das vergossene Blut Jesu. Das Kreuz rechts lässt sich aus crucelin ableiten, der Bischofsstab links hebt die klösterliche Vergangenheit des Ortes hervor.
Bevölkerung
+ Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden Egelshofen und Kreuzlingen 1831 1850 1870 1880 1920 1930 1950 1990 2000 2010 20202023 Einheitsgemeinde Kreuzlingen 2'426 5'740 8'615 10'04517'23917'11819'41522'37523'074 Ortsgemeinde Egelshofen 661 1'152 1'414 Quelle Von den insgesamt 23'074 Einwohnern der Gemeinde Kreuzlingen am 31. Dezember 2023 waren 13'032 bzw. 56,5 % ausländische Staatsbürger. Dieser hohe Wert erklärt sich in erster Linie durch die Grenznähe zu Deutschland. Als Gründe für die Zuwanderung aus Konstanz werden angegeben: „Wohnungsnot, hohe Mieten, hohe Steuern.“
Am 31. Dezember 2023 waren 5'885 (25,5 %) Personen römisch-katholisch und 4'238 (18,4 %) evangelisch-reformiert.
Als Hauptsprache verwendeten gemäss Volkszählung 2000 79,6 % der Einwohner Deutsch, 5,2 % Italienisch, 3,8 % Albanisch, 2,9 % Serbokroatisch, 2,3 % Türkisch, 1,3 % Spanisch, 1,2 % asiatische Sprachen, 0,8 % Portugiesisch, 0,5 % Französisch und 0,4 % Englisch. Die übrigen 2,0 % gaben eine andere Hauptsprache an.
+ Bevölkerungsentwicklung im Gebiet der heutigen Gemeinde Kreuzlingen
Nationalität 31. Dez. 2018 45,00 % 29,09 % 6,05 % 4,85 % 2,43 % 1,15 % 1,12 % 0,84 % 0,79 % 0,73 %
Kirche und Religion In Kreuzlingen gibt es die Evangelisch-reformierte Kirche und die Römisch-katholische Kirche.
In der lokalen Sektion der Evangelischen Allianz sind mit dabei: die Viva Kirche und die Bodenseekirche. Zudem gibt es eine Evangelisch-methodistische Kirche und eine Neuapostolische Kirche., abgerufen am 1. März 2012. Ausserdem gibt es eine Kapelle der «Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage» (Mormonen).
Eine jüdische Gemeinde bestand in Kreuzlingen seit 1939, sie wurde zum 1. Januar 2016 aufgelöst.
Ferner bestehen zwei islamische Gemeinden (albanisch und türkisch) sowie weitere Religionsgemeinschaften.
Wirtschaft Im Jahr 2016 bot Kreuzlingen 9121 Personen Arbeit (umgerechnet auf Vollzeitstellen). Davon waren 0,3 % in der Land- und Forstwirtschaft, 28,3 % in Industrie, Gewerbe und Bau sowie 71,4 % im Dienstleistungssektor tätig.
Weinbau Während Jahrhunderten lebten die Bewohner der Gemeinden Emmishofen, Egelshofen und Kurzrickenbach hauptsächlich vom Weinbau. Der Grossteil des produzierten Weins wurde über den See nach Deutschland ausgeführt. Das Gebiet der heutigen Stadt Kreuzlingen bestand während fast eines halben Jahrtausends aus einem einzigen Rebberg, der sich von Bottighofen bis nach Tägerwilen und vom Hörnli am See bis in die Alp hinauf erstreckte. Besitzer der Rebberge waren die verschiedenen Freisitze der Gegend, Klöster aus dem benachbarten Deutschland und das Augustiner-Chorherrenstift Kreuzlingen. Im Jahr 1579 besass allein dieses 16 Torkel (Weinkelter) samt Trotten. 1648 gab es auf dem heutigen Gemeindegebiet 41 Torkel. Ende des 19. Jahrhunderts führten Missernten, Krankheiten und die fortschreitende Industrialisierung zum raschen Rückgang der Rebberge. Die letzten Reben wuchsen in Emmishofen 1920 auf Schloss Girsberg. In Kreuzlingen wurden die letzten Reben an der Schelmenhalde 1938 ausgerodet, doch in jüngster Zeit entstanden wieder zwei neue Rebberge, einer am südlichen Rand des Seeburgparks (0,5 Hektar) mit vier Rebsorten im biologischen Anbau und ein kleines Feld über der Stadt in Bernrain bei der Sternwarte (Planetarium).
Industrie
Grösster Arbeitgeber ist die Rüstungsfirma General Dynamics European Land Systems – Mowag GmbH (ehemalige Mowag AG bzw. Mowag GmbH), eine Tochter der General Dynamics Company in den Vereinigten Staaten. Ebenfalls ein wichtiger Arbeitgeber der Region ist der Aluminiumfolienproduzent Amcor Flexibles Kreuzlingen AG, der unter dem ehemaligen Namen Neher bzw. Alcan bekannt ist.
Bekanntestes Unternehmen der Bekleidungsbranche ist die Strellson AG (Holy Fashion Group). Die Graf Skates AG produziert Sportartikel, vor allem Schlittschuhe, die Firma Tour de Suisse Rad AG Fahrräder, deren Komponenten individuell zusammengestellt werden können. Überregional bekannt ist auch der Schokoladenfabrikant Chocolat Bernrain AG.
Weitere grössere Unternehmen sind die Rausch AG (Haar- und Körperpflegeprodukte), die KG Packungen AG (Kunststoffverpackungen), die Ifolor AG (Fotoprodukte, 1961 als Photocolor Kreuzlingen AG gegründet).
Politik Exekutive mini|Rathaus Kreuzlingen Am 21. Januar 2018 wurde der vormalige Stadtschreiber Thomas Niederberger – als Nachfolger von Andreas Netzle – zum Stadtpräsidenten gewählt. In: Thurgauer Zeitung online, 21. Januar 2018.
Legislative