Waldstatt ist eine politische Gemeinde im Schweizer Kanton Appenzell Ausserrhoden. Sie gehört zum Hinterland.
Geographie mini|Luftbild von Walter Mittelholzer, 1923 Waldstatt liegt in der Mitte des Vierecks Herisau, Hundwil, Urnäsch und Schwellbrunn und ist somit die einzige Gemeinde im Kanton, die an keinen anderen Kanton grenzt. Das Dorf liegt mit der Kirche in einer muldenartigen Senke des Molassehügellandes am Fusse von Geisshalden und südseits vom Höhenrücken Oberwaldstatts. Die Gemeinde Waldstatt hat eine Gesamtfläche von 669 ha. Davon sind 84 ha bewohnte, 405 ha landwirtschaftliche und 173 ha bestockte Flächen, also Wälder und Gehölze. Die restlichen 7 ha gelten als unproduktive Flächen. Der höchstgelegene Punkt in Waldstatt liegt auf 967 m ü. M., der tiefste auf 666 m ü. M.
Geschichte 1400 wird der Ort erstmals als Waltstatt erwähnt. Der Name bedeutet «Ort, Ortschaft, Stelle im Wald».Waldstatt. In: Appenzeller Namenbuch. Publiziert auf ortsnamen.ch, dem Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung. Er gehörte damals zur Rhode und zur Kirchgemeinde Herisau und teilt insofern deren politische Geschichte. 1719 wurde das Kirchen- und Armengut von Herisau getrennt, und Waldstatt erlangte seine Selbstständigkeit. Dabei bildet die Gemeinde eine Ausnahme: Waldstatt ist die einzige Ausserrhoder Gemeinde, die schon vor dem Bau der Kirche zu ihrer Selbstständigkeit kam. Trotzdem gilt als Gründungsjahr 1720.
Die Verlegung der wichtigen Verbindungsstrasse von St. Gallen ins Toggenburg durch Waldstatt statt über Schwellbrunn 1789 gab wichtige Entwicklungsimpulse, und der Weiler entwickelte sich in der Folge zum Dorf. Das Dorf wuchs zuerst entlang der Hauptverkehrsachsen, nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich ruhigere Wohnquartiere ausserhalb entwickelt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ganz besonders aber 1817, wurde Waldstatt hart von der Hungersnot im Appenzellerland getroffen. Die Nachfrage nach Textilien war eingebrochen, die Ernten fielen aufgrund diverser Naturereignisse schlecht aus und die Lebensmittelpreise stiegen fast jede Woche an. Deswegen zogen viele aus dem Dorf weg oder verhungerten. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich das Dorf von den Krisenjahren zu erholen, und ein Aufschwung in jeglicher Hinsicht wurde wieder möglich.
1839 wurde die Station für den Post-Eilwagen gebaut, der von St. Gallen nach Uznach fuhr. Es war die erste Verbindung im Appenzellerland, die vom Post-Eilwagen bedient wurde. 1875 erhielt Waldstatt eine Station an der Bahnlinie, die von Winkeln (St. Gallen) nach Urnäsch führte. 1880 wurde die erste Zentrifuge zur Käseherstellung in der Schweiz in Betrieb genommen. Die Steblenbachbrücke wurde 1925 errichtet.
Seit 1919 werden die öffentlichen Aufgaben von der Einwohnergemeinde und der Dorferkorporation übernommen; letztere ist für Wasserversorgung und Kehrichtwesen verantwortlich. Ab 1911 gab es eine römisch-katholische Pfarrei, die die Gemeinden Urnäsch-Hundwil-Waldstatt umfasste. 1973 wurde in Waldstatt eine katholische Kirche gebaut. Die reformierte Kirchgemeinde hat sich 2023 mit Herisau, Schwellbrunn und Schönengrund zur Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Appenzeller Hinterland zusammengeschlossen.
1961 war Waldstatt die erste Gemeinde in der Schweiz, die 27 Flüchtlinge aus Tibet aufnahm. Sie wurden im Tibeterheim untergebracht. Einige von ihnen liessen sich später in Waldstatt einbürgern.
Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Jahr 1734 1800 1850 1870 1900 1920 1941 1960 1980 1990 2000 2010 2022 Einwohner 634 1034 983 953 1483 1513 1297 1536 1440 1529 1710 1772 1849
Politik Seit 2013 ist Andreas Gantenbein Gemeindepräsident der Gemeinde Waldstatt. Diese verfügt über einen siebenköpfigen Gemeinderat, der unter der Leitung des Gemeindepräsidenten steht. Der Rat wird von den Stimmbürgern für eine vierjährige Amtszeit im Majorzverfahren bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Die aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats ist auf der Webseite der Gemeinde abrufbar.Waldstatt: Gemeinderat
Aufgrund der Einwohnerzahl darf Waldstatt zwei Personen im Kantonsrat in Herisau stellen, der die Legislative des Kantons bildet. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Stimmbürgern für eine Amtszeit von vier Jahren bestimmt. Die Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Die aktuellen Vertretungen aller Gemeinden sind auf der Webseite des Kantonsrats verzeichnet.Mitglieder des Kantonsrates
Gemeindewappen
Wirtschaft und Infrastruktur Neben althergebrachter Vieh- und Milchwirtschaft entwickelten sich im 18. Jahrhundert Textilgewerbe und -handel, Weberei und später Stickerei. Auch der Abbau von Torf und Sandstein hatte eine gewisse Bedeutung. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war die Leinwandweberei vorherrschend, ab Mitte des Jahrhunderts überwog die Herstellung des Baumwollmusselins. Um 1800 gab es 400 Webstühle in der Gemeinde. Im 19. Jahrhundert waren rund drei Viertel der arbeitenden Bevölkerung in der Textilbranche tätig. 1890 wurde eine mechanische Jacquardweberei eingerichtet, 1908 zwei mechanische Webereien und eine Stickfabrik gebaut. Ab Beginn des Ersten Weltkrieges durchlitt der Wirtschaftszweig eine schwere Krise, und viele Arbeitnehmende verloren ihre Anstellung. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts konnte sich die Branche erholen, erreichte ihre ursprüngliche wirtschaftliche Bedeutung aber nicht mehr.
1792 wurde ein Bad in Unter-Waldstatt eröffnet, und Waldstatt wurde in der Folge zum Kurort. Das Bad war unter dem Namen «Säntisblick» bekannt und war vom Ratsherr Joshua Kessler gegründet worden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verfügte das Bad auch über eine eigene Brauerei, die 1923 von der Bierbrauerei Haldengut übernommen und als Depot genutzt wurde. Der «Säntisblick» war ein beliebter Tagungsort für Politik und Wirtschaft, auch die Kantonsverfassung in den Jahren 1858 und 1876 wurde dort verhandelt. Ein weiterer berühmter Kurort in Waldstatt war das «Hotel & Kurhaus Hirschen». Der Kurtourismus ging nach dem 2. Weltkrieg zurück. Bis 1964 waren die Ortstafeln mit «Kurort Waldstatt» beschriftet.
Ab etwa 1935 verlagerte sich das Schwergewicht der Beschäftigung auf die Verarbeitung von Holz, Metall und Kunststoff. 2005 stellte der Agrarsektor 13 Prozent und die Industrie 52 Prozent der Arbeitsplätze in der Gemeinde.
mini|Die Dachkonstruktion des Centre Pompidou in Metz, Architekt: Shigeru Ban, Holzkonstruktion: Hermann Blumer Waldstatt kann als eine Holzbau-Hochburg gelten. Eine der treibenden Kräfte ist der Ingenieur Hermann Blumer. Er übernahm einst das Holzbaugeschäft Blumer von seinem Vater. 1978 entwickelte er den Blumer-System-Binder, der neuartige Tragwerke ermöglichte und zuerst beim Bau des Säntispark in Abtwil eingesetzt wurde. Auch die Erfindung der Lignatur-Kastenquerschnitte für Decken von 1985 geht auf Blumer zurück. Er hat mehrere, international tätige Firmen gegründet, die für den modernen Holzbau wegweisend waren.
Neben dem Holzbau sind weitere wichtige Unternehmen in Waldstatt: Die Wagner AG, die seit 75 Jahren im Metalldruckguss, Thermoplast-Spritzguss und Werkzeugbau tätig ist. Sie produziert in der Schweiz und in Bosnien-Herzegowina Teile für die Automobil- und Maschinenbauindustrie. Arcolor wurde 1996 in Waldstatt gegründet und hat inzwischen auch eine Niederlassung in China. Die Firma ist spezialisiert auf wasserbasierte Druckfarben, die etwa für Verpackungen, Tapeten und Folien eingesetzt werden. Ausserdem verfügt Waldstatt über ein vielfältiges Gewerbe, vom Brauchtumssattler bis zum Architekten. Mit Bäckerei, Metzgerei und Coop sind Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf vorhanden. Und es gibt diverse Gasthäuser.
Medien «De Waldtätter» ist das Publikationsorgan der Gemeinde. Es erscheint sechsmal im Jahr und wird gratis an alle Haushalte verteilt. Betreut wird es von einer vierköpfigen Kommission Kommunikation, gedruckt wird es von der Appenzeller Druckerei in Herisau.
Bildung Die Anfänge der Schulbildung in Waldstatt waren in einer Schulstube im Pfarrhaus, unterrichtet wurde von Joh. Jakob Mock. Die erste Freischule eröffnete 1727. Dort mussten die Schüler kein Wochengeld bezahlen, da die Ausgaben von der Gemeinde übernommen wurden. Nach der Helvetik 1805 gab es im Kanton Appenzell Ausserrhoden eine Hoch-Obrigkeitliche Schulordnung, die forderte, dass ab sofort auch der Schulmeister einige Anforderungen erfüllen müsse. Dank dieser Anordnung wurde 1806 die Repetierschule im hinterländischen Dorf errichtet. Darin wurde die achte und neunte Klasse während einem Tag in der Woche unterrichtet. Ein erstes, kleines Schulhaus wurde 1827 gebaut, 1868 baute die Gemeinde ein Doppelschulhaus und richtete darin ab 1885 auch eine Realschule ein. Das jährliche Schulgeld belief sich auf 40 Franken pro Schüler. 1921 wurde die Realschule von der Gemeinde übernommen. Wo früher das Doppelschulhaus gestanden hatte, wurde 1993 ein Oberstufenschulhaus erstellt. Ab 1925 gab es eine obligatorische Töchterfortbildungsschule.
Heute gibt es in Waldstatt einen Doppelkindergarten und einen weiteren kleineren Kindergarten. Unterhalb der evangelischen Kirche befinden sich das Primarschulhaus sowie das Sekundarschulhaus. Die weiterführende Kantonsschule muss in Trogen besucht werden. Die Tagi Waldstatt ist eine Tagesbetreuung mit Mittagstisch für Kinder von Kindergarten bis Oberstufe.
Waldstatt ist der Musikschule Herisau-Appenzeller Hinterland angeschlossen.
Öffentliche Einrichtungen Im Jahr 1900 beschloss der Frauenverein von Waldstatt, einen Krankenpflegeverein zu gründen, um eine Krankenschwester für Heimpflege anzustellen. In der Anfangszeit übernahmen Diakonissen aus Riehen diesen Dienst, später wurden auch freie Schwestern eingestellt. Ab 1980 wandelte sich der einstige Kranken- und Heimpflegeverein allmählich in eine Spitex-Organisation.
1965 wurde das ehemalige Kurhotel Bad Säntisblick in ein privates Altersheim umgewandelt. Ab 2008 wurde es umgebaut, modernisiert und erweitert. Seit 2016 wird es von einer Immobiliengesellschaft getragen. Neben dem Alters- und Pflegeheim gibt es seit 2021 auch zwei Mehrfamilienhäuser mit Alterswohnungen.
Soziale Institutionen Die Sonnenhalde in Waldstatt war ursprünglich ein Stickereilokal. 1930 eröffnete die Stiftung Schweizerische Ferienheime darin ein Erholungsheim «Für Mutter und Kind». Ziel war es, bedürftigen Frauen eine Auszeit zu ermöglichen. Die Kinder wurden betreut, damit sich die überarbeiteten Mütter Ruhe gönnen konnten. In den 1970er-Jahren übernahm die Stiftung Best Hope die Sonnhalde und richtete dort eine Aussenwohngruppe ein. Best Hope betreut Menschen mit psychischen, suchtbedingten und kognitiven Beeinträchtigungen.
Verkehr mini|Brücken über das Hundwilertobel: Im Vordergrund die erste von 1838, im Hintergrund die zweite von 1925 In Waldstatt verzweigen sich die Verkehrswege nach Urnäsch und ins Toggenburg. Die Verbindung von Herisau ins Toggenburg über Waldstatt (statt wie vordem über Schwellbrunn) wurde um 1840 neu angelegt und zur Hauptverkehrsroute. Diese Entwicklung prägt das Dorfbild bis heute.