Beirut ([],Stichwort Beirut, duden.de, abgerufen am 15. September 2021. auch [], Bayrūt, mundartlich Beyrūt) ist die Hauptstadt des Libanon. Sie liegt am östlichen Mittelmeer, an der Küste der Levante, ungefähr in der Mitte von deren Nord-Süd-Ausdehnung.
Beirut ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Libanon mit vielen Verlagen und Universitäten, unter anderen der Amerikanischen Universität Beirut (AUB) und der Université Saint-Joseph (USJ). Die Stadt wurde vor dem libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990) oft als „Paris des Orients“ bezeichnet. 1982 wurde die Stadt durch israelische Luftangriffe schwer beschädigt, viele Bezirke der Stadt wurden fast vollständig zerstört. Nach Kriegsende 1990 und 2006 begann der Wiederaufbau Beiruts, seither erlebte die Stadt mehrere Modernisierungsprogramme wie die Anlage der Promenade Zaitunay Bay, die von Jachthäfen und modernen Hochhäusern umgeben ist, und der Beirut Souks, die von Apartmenthäusern, Malls und Modegeschäften geprägt ist. Aufgrund der Bemühungen einer Modernisierung entwickelte sich in Beirut über die Jahre hinweg ein pulsierendes Nachtleben und eine Skyline, die diese Stadt mittlerweile prägt.
Bevölkerung Die genaue Einwohnerzahl der Stadt ist unbekannt, da die letzte Volkszählung im Jahr 1932 durchgeführt wurde. 1991 betrug die Zahl schätzungsweise 1½ Millionen, für 2012 wurden 2.060.363 Einwohner für Beirut und Umgebung berechnet. World Gazetteer Das Auswärtige Amt schätzte die Einwohnerzahl im März 2014 auf rund 1½ Millionen.Auswärtiges Amt Deutschland - Libanon Website des Deutschen Auswärtigen Amtes, abgerufen am 12. Mai 2014 In den letzten Jahren kam es zu einem Zufluss von Flüchtlingen aus Syrien. Für 2017 schätzt die UN die Bevölkerungszahl der Agglomeration Beirut auf 2,3 Millionen.
Bevölkerungsentwicklung der Agglomeration laut UN
JahrEinwohnerzahl1950322.0001960561.0001970923.00019801.623.00019901.293.00020001.487.00020101.990.00020172.332.000
Beirut ist die konfessionell vielfältigste Stadt des Landes und Vorderasiens. In ihr leben Christen (Maronitische, Griechisch-Orthodoxe, Syrisch-Orthodoxe, Syrisch-Katholische, Armenisch-Orthodoxe, Armenisch-Katholische, Römisch-Katholische und Protestanten), Muslime (Sunniten und Schiiten) sowie Drusen. Fast alle Juden haben Beirut seit 1975 verlassen. Der genaue Anteil der Konfessionen der Bevölkerung ist unbekannt, weil die Konfessionszugehörigkeit der Einwohner zuletzt 1932 befragt wurde. 50 % waren Christen (davon 30 % Maroniten, gefolgt von Griechisch-Orthodoxen mit 16 %), 50 % Muslime, davon ein Drittel Schiiten. Es ist möglich, dass die Mehrheit der Bevölkerung heute muslimisch ist, darunter viele Schiiten. Im Norden von Beirut wohnen überwiegend Sunniten und Christen. Der Osten Beiruts ist überwiegend von Christen bewohnt, der Westen überwiegend von Sunniten. Der Süden Beiruts ist überwiegend von Schiiten bewohnt.
Geschichte
Die früheste Erwähnung der Stadt datiert auf die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Beirut war bereits unter den Phöniziern ein bedeutender Stadtstaat, ihr antiker phönizischer Name lautete Be'erot (dt. ‚Brunnen‘ (Plural)). Davon abgeleitet nannten die Griechen die Stadt Βηρυτός (Berytós).
Nach der Eroberung durch die Heere Alexander des Großen gehörte Beirut längere Zeit zum Seleukidenreich. Dessen Herrschaft endete 63 v. Chr. im Zuge der Eroberung der Levante durch die Römer. Pompeius machte das Gebiet, zu dem Beirut gehört, als Syria zu einer Provinz des Römischen Reiches. Während der Römerzeit war die Stadt, die nun als römische Kolonie den Namen Berytus trug, sehr bedeutend und brachte bekannte Juristen hervor, unter anderem Papinian und Ulpian. Die Rechtsschule von Beirut war bis ins 6. Jahrhundert einflussreich. mini|Münze aus Berytus zur Zeit Elagabals mit Tempel oder Stadttor und Silenus in der Mitte Mindestens bis ins späte 4. Jahrhundert, vermutlich deutlich länger, war Latein die dominierende Sprache Beiruts; damit hob es sich kulturell von seinem Umland ab. Im Jahr 551 zerstörten ein Erdbeben und eine darauf folgende Flutwelle die wohlhabende Stadt.
Im Jahr 635 wurde Beirut von Arabern erobert, die es Bayrut nannten. Die immer noch stark zerstörte Stadt wurde wieder aufgebaut, und der Handel begann erneut zu florieren. Von 1110 bis 1291 befand sich Beirut in der Hand der Kreuzfahrerstaaten. Es wurde wichtig für den Europahandel und hatte innerhalb des Fürstentums Galiläa eigene Vasallen. Nach der Eroberung durch die christlichen Heere fiel Beirut zunächst an Fulko von Guînes; 1166 gab Amalrich I. es als Lehen an Andronikos Komnenos, den späteren byzantinischen Kaiser, der sie jedoch nach dem Bekanntwerden seiner Liebesaffäre mit Königin Theodora von Jerusalem verlassen musste. 1197 wurde Johann I. von Ibelin mit der Stadt belehnt, die zu dem Zeitpunkt stark zerstört war. Nach seinem Tod (1266) fiel sie an seine Tochter Isabella von Beirut. Die Kreuzfahrer errichteten in Beirut auch ein Bistum und erbauten eine Johannes dem Täufer geweihte Kathedrale, die nach 1291 zur Moschee wurde, die die Funktion der Freitagsmoschee Beiruts (bis 2008) erfüllte. 1291 brach das Königreich Jerusalem endgültig zusammen; damit endete die Herrschaft der Kreuzfahrer.
1772 wurde Beirut von einem russischen Geschwader bombardiert. Russische Truppen hielten die Stadt bis 1774 besetzt. Die Chihab übernahmen nach deren Abzug die Macht im Mutesarriflik Libanonberg, das begann, sich wirtschaftlich stark zu entwickeln. Als besonders einträglich erwies sich die Seidenherstellung. 1831 wurde der Libanon von ägyptischen Truppen Muhammad Ali Paschas besetzt. Seine Kontrolle über Beirut endete 1840, als die Flotten Großbritanniens und des Kaisertums Österreich in Jounieh nördlich von Beirut landeten, die Stadt bombardierten und die Ägypter zum Rückzug zwangen. Bechir Chihab II. musste nach Malta und später nach Istanbul ins Exil gehen. Für 1820 wird die Einwohnerzahl auf 6000 bis 8000 Menschen geschätzt.
1836 legte das erste Dampfschiff im Hafen an. Dieser erreichte 1861 ein Handelsvolumen von 1.081.000 Pfund Sterling, wovon 741.000 auf Importe und 340.000 auf Exporte entfielen. Beirut wurde bis in die 1870er Jahre „der mit Abstand modernste und wichtigste Hafen an der syrischen Mittelmeerküste“, schreibt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer. Anders als Jaffa konnte Beirut als einziger Hafen der Levante von Dampfschiffen mit 1000 t ab den 1870er Jahren noch direkt angelaufen werden. Regelmäßige Verbindungen nach Marseille und Triest gingen in Betrieb. Während die Stadt bis etwa 1840 auf ein relativ kleines Areal beschränkt war, fand in spätosmanischer Zeit eine Ausdehnung auf Bereiche außerhalb der Stadtmauern statt. Die zunächst lose Bebauung verdichtete sich vor allem entlang der wichtigen Ausfallstraßen nach Tripoli im Norden, Damaskus im Osten und Sidon im Süden. Innerhalb der Stadtmauern wurden unter spätosmanischer Herrschaft zwei Durchgangsstraßen geschaffen. Es kam neben der Ausdehnung nach Süden zu einer Verdichtung in den zentrumsnahen Quartieren.
1841 endete die Ära des Emirats der Familie Chihab. Beirut hatte 15.000 Einwohner. Bereits der drusische Fürst Fachr ad-Dīn II. (1572–1635), Herrscher des Chouf, unterhielt in Beirut eine Winterresidenz, doch blieb Beirut eine mehrheitlich von Sunniten bewohnte Stadt, bis im Bürgerkrieg im Libanongebirge 1860 zahlreiche Christen vor Angriffen der dortigen Drusen nach Beirut flohen. Dies bot dem Zweiten Französischen Kaiserreich einen Vorwand zur militärischen Intervention; Frankreich gab vor, die Christen des Libanon schützen zu wollen. Viele Libanesen wanderten bald auch ins Ausland aus, nach Lateinamerika und Subsahara-Afrika, wo z. B. die Goldküste viele Libanesen und Syrer anzog. Rückkehrer aus der libanesischen Diaspora bereicherten ihrerseits später das kulturelle und wirtschaftliche Leben von Beirut. Der Anteil der griechisch-orthodoxen Christen nahm deutlich zu.
1863 eröffnete die Compagnie impériale ottomane de la Route Beyrouth-Damas nach vierjähriger Bauzeit die 112 km lange Straße, die die nunmehr 60.000 Einwohner zählende Stadt mit Damaskus verband. Für ihren Betrieb erwarb sie eine 50-jährige Konzession. Im 1868 gegründeten Gemeinderat nahmen die Bayhum, Qabbani oder Dana Einsitz. Um 1880 hatte Beirut geschätzte 90.000 Einwohner, die Zahl sollte auf 120.000 zu Beginn des Ersten Weltkrieges ansteigen. 1888 wurde die osmanische Provinz Beirut ein Vilâyet Syriens, das ebenfalls der osmanischen Herrschaft unterstand und die Sandschaks Latakia, Tripolis und Akkon umfasste. Ab 1888 war Beirut die Hauptstadt. 1895 ging die Libanonbahn, auf der neunstündigen Strecke Beirut-Damaskus, in Betrieb, die Wilhelm II. 1898 auf seiner Palästinareise nahm. Das Wasser des Nahr al-Kalb wurde nach Beirut geleitet, eine öffentliche Gasbeleuchtung eingerichtet. Unter dem osmanischen Sultan Abdülhamid II. entstanden vor allem in den südlichen Stadtteilen mit sunnitischer und gemischter Bevölkerung 28 Karakole, osmanische Polizeiposten. Gabriel Charmes beschrieb im Reisebericht Voyage en Syrie 1891 eine Stadt, die sich rasant veränderte.
mini|Edward Lear: View of Beirut, ca. 1861, Öl auf Leinwand, 45,3 × 69,3 cm, British Government Art Collection
Beirut galt als Paris des Orients, auch und vor allem wegen der freizügig ausgelegten gesellschaftlichen Moralvorstellungen, wovon der Schriftsteller Gustave Flaubert der Nachwelt einen anschaulichen Bericht hinterlassen hat. Neben zahlreichen Orten des Konsums und der Vergnügung, wozu auch ein ausgedehnter Rotlichtbezirk zählte, besaß Beirut ab 1846 das Osmanische Militärkrankenhaus, ab Mitte der 1860er Jahre die Fotostudios von Tancrède Dumas, Félix Bonfils und George Saboungi, ab 1867 das Deutsche Johanniterspital und ab 1871 mehrere Kliniken und Apotheken auf westlichem Niveau mit einheimischen Ärzten, etwa am 1878 gegründeten griechisch-orthodoxen Saint-George-Hospital, sowie zwei Eliteschulen, das 1866 gegründete Syrian Protestant College und das 1875 gegründete Jesuitenkolleg Université Saint-Joseph. 1878 entstand die muslimische Wohltätigkeitsgesellschaft Maqasid. Emile Sursock gründete 1880 eine Mädchenschule. Das Syrian Protestant College, das später zur Amerikanischen Universität Beirut (AUB) wurde, belegte ein 25 Hektar großes Gelände mit Museen, Sportanlagen, botanischem Garten, Vogelschutzgebiet und Privatstrand jenseits der Corniche. Ab 1908 bedienten zwei Tramlinien die verschiedenen Stadtteile.
mini|Der Palast der Familie Sursock im Stadtteil Aschrafiyya von 1870, Sitz des heutigen Sursock-Museums (2020) mini|Bonfils: Panorama von Beirut im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mini|Beirut, 1890 bis 1905, anonymer Autor, koloriert von Photoglob, Zürich mini|Université Saint-Joseph, Aufnahme von Dimitri Tarazi & Fils, Beirut, Damaskus und Jerusalem (1905)
Neben westlichen Einflüssen machte sich im Zuge der Nahda, der „arabischen Renaissance“, ein wachsendes arabisches Nationalbewusstsein bemerkbar. 1868 eröffnete Butrus al-Bustani in Beirut die „Nationale Schule“, Al-Madrasa al-Wataniya, die bis 1876 in Betrieb war, und gab die Zeitschrift al-Dschinan heraus. Um der osmanischen Zensur zu entgehen, wanderten viele Autoren und Verleger nach Kairo ab.Bettina Gräf et al.: Die Geschichte arabischer Massenmedien von 1860 bis 1950. In: Carola Richter, Asiem El Difraoui (Hrsg.): Arabische Medien. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz und München 2015, ISBN 978-3-86764-509-6, S. 25–37, hier S. 27, 29 und 32. So wurde zwar die Zeitschrift Al-Muqtataf 1876 in Beirut gegründet, erschien dann aber bis 1952 in Kairo, und die maronitischen Brüder Salim und Bishara Takla waren die Gründer der großen ägyptischen Zeitung al-Ahram in Alexandria. Dschurdschī Zaidān entfloh 1882 dem Antidarwinismus der AUB nach Kairo. 1895 eröffnete die sunnitische Eliteschule Collège ottoman. Die höhere Schule für Kunstgewerbe und Handwerk, eine École des Arts et Métiers (Maktab al-Sana'i), ergänzte ab 1907 das Bildungsangebot.