mini|Aki Kaurismäki (2017) Aki Olavi Kaurismäki (* 4. April 1957 in Orimattila) ist ein vielfach preisgekrönter finnischer Filmregisseur.
Leben und Werk Aki Kaurismäki studierte an der Universität Tampere Literatur- und Kommunikationswissenschaften. Neben diversen Aushilfsjobs, etwa als Briefträger oder in der Gastronomie, war er Herausgeber eines universitären Filmmagazins. Darüber hinaus schrieb er von 1979 bis 1984 Filmkritiken für das Magazin Filmihullu. Das erste Drehbuch folgte 1980 für den mittellangen Film Der Lügner (Valehtelija), bei dem sein Bruder Mika Regie führte.Ralph Eue: Biografische Skizze. In: Ralph Eue und Linda Söffker, S. 188–191.
Kaurismäkis Filme thematisieren häufig Schicksale von gesellschaftlichen Außenseitern in städtischen Zentren wie Helsinki. Sie sind nicht nur für ihre sparsamen Dialoge, sondern auch für einen skurril-lakonischen Humor bekannt. Kaurismäki arbeitet regelmäßig mit einem festen Stamm befreundeter Schauspieler und Musiker, die seine Filme auch stilistisch geprägt haben: Matti Pellonpää, Kati Outinen, Kari Väänänen und Sakke Järvenpää. Als Reminiszenz an Alfred Hitchcock hat er in seinen Filmen gelegentlich Cameo-Auftritte, was auch Hitchcock zu tun pflegte.
In Deutschland wurden seine Filme zum ersten Mal 1986 auf dem Filmfestival Internationale Grenzland-Filmtage Selb, damals Grenzlandfilmtage in Selb gezeigt. Aki Kaurismäki führte dabei die Filme Der Lügner, Calamari Union und Crime and Punishment persönlich vor.Grenzland Filmtage. Programm. Grenzlandfilmtage e. V., Wunsiedel 1986, S. 15–18. Während des Festivals schrieb er das Drehbuch für seinen Film Schatten im Paradies, den er 1988 erneut persönlich bei den Grenzland-Filmtagen in Selb präsentierte. Dieser Film brachte ihm den internationalen Durchbruch. Ein Großteil der Filmmusik kam von der Band Nardis aus Erlangen, die Kaurismäki 1986 auf den Grenzland-Filmtagen kennengelernt hatte. Dem breiten deutschen Publikum bekannt wurde der finnische Regisseur durch seine Teilnahme an der Berlinale 1988. Im Jahre 2006 wurde sein Film Lichter der Vorstadt als offizieller finnischer Beitrag für eine Oscar-Nominierung gewählt, Kaurismäki lehnte die Entsendung jedoch ab (siehe auch Politische Stellungnahmen und Proteste).
Zusammen mit seinem Bruder Mika Kaurismäki gründete er das Midnight Sun Film Festival im lappischen Sodankylä sowie die Verleihfirma Villealfa. Der Name geht zurück auf die Figur Ville Alfa, den Protagonisten im Film Der Lügner. Gleichzeitig handelt es sich um ein Anagramm von Alphaville, einem Film von Jean-Luc Godard.
1989 emigrierte Kaurismäki mit seiner Frau nach Portugal, weil „es in ganz Helsinki keinen Platz mehr gebe, wo er seine Kamera noch postieren könne“.Eue, S. 189.
Rainer Gansera, der für die Zeitschrift epd Film mit dem „Chef-Melancholiker des europäischen Autorenkinos“ 2006 in Hof gesprochen hat, zeigte sich auch von seinem Auftreten persönlich beeindruckt und beschrieb atmosphärisch:
Als persönliche Leitbilder will Kaurismäki Bresson, Ozu und Godard gesehen haben, der Ausbildung an den Filmhochschulen seines Landes dagegen habe er nicht viel Positives abgewinnen können. Bei Pandora sind Ende 2006 als „Aki Kaurismäki DVD-Collection“ 14 Spielfilme und fünf Kurzfilme (mit digital restaurierten Bildern) in vier Boxen erschienen.epd Film 3/2007, S. 50.
2011 stellte Kaurismäki nach fünf Jahren mit Le Havre einen Spielfilm fertig, der ihm wieder einmal eine Einladung in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes einbrachte. Der in Frankreich gedrehte Film handelt von einem Schuhputzer aus der gleichnamigen Hafenstadt, der sich eines illegalen Flüchtlingskindes aus Afrika annimmt. Le Havre gewann in Cannes den FIPRESCI-Preis.Hopewell, John: bei variety.com, 21. Mai 2011 (aufgerufen am 22. Mai 2011)
Für den Spielfilm Die andere Seite der Hoffnung erhielt Kaurismäki 2017 eine Einladung in den Wettbewerb der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Der Film spielt in Helsinki und erzählt von der Begegnung eines älteren finnischen Handelsvertreters (dargestellt von Sakari Kuosmanen) mit einem jungen syrischen Flüchtling (Sherwan Haji).Rane Aunimo: Aki Kaurismäen uusi elokuva Toivon tuolla puolen kertoo kauppamatkustajasta ja syyrialaispakolaisesta bei demokraatti.fi, 20. April 2016 (abgerufen am 7. April 2024) (finnisch).Iikka Taavitsainen: Aki Kaurismäen elokuva Toivon tuolla puolen elokuvateattereihin helmikuussa bei savonsanomat.fi (abgerufen am 7. April 2024) (finnisch). Der Film kam am 3. Februar 2017 in die finnischen Kinos.
Im Jahr 2023 erhielt er für seinen Spielfilm Fallende Blätter erneut eine Einladung in den Wettbewerb um die Goldene Palme des Filmfestivals von Cannes. Das Werk erhielt dort den Preis der Jury zuerkannt.
Kaurismäki lebt zeitweise in Portugal und in der finnischen Stadt Karkkila, wo er in einem stillgelegten Industriegebäude ein Kino einrichtete.
Filmografie Regisseur 1981: The Saimaa Gesture (Saimaa-ilmiö) – Dokumentarfilm mit seinem Bruder Mika 1983: Crime and Punishment (Rikos ja rangaistus) 1984: Der Clan – Geschichte der Frösche (Klaani – tarina Sammakoitten suvusta) – Co-Autor seines Bruders Mika 1985: Calamari Union 1986: Rocky VI – Kurzfilm 1986: Schatten im Paradies (Varjoja paratiisissa) 1987: Hamlet goes Business (Hamlet liikemaailmassa) 1987: Thru The Wire – Kurzfilm 1987: Rich Little Bitch – Kurzfilm 1988: Ariel 1989: Likaiset kädet – Produktion für das finnische Fernsehenimdb.com 1989: Leningrad Cowboys Go America 1990: Das Mädchen aus der Streichholzfabrik (Tulitikkutehtaan tyttö) 1990: Vertrag mit meinem Killer (I Hired a Contract Killer) 1991: Those Were The Days – Kurzfilm 1992: Das Leben der Bohème (Boheemielämää / La vie de Bohème) 1992: These Boots – Kurzfilm 1994: Tatjana – Take Care Of Your Scarf (Pidä huivista kiini, Tatjana) 1994: Total Balalaika Show 1994: Die Leningrad Cowboys treffen Moses (Leningrad Cowboys Meet Moses) 1996: Wolken ziehen vorüber (Kauas pilvet karkaavat) 1999: Juha 2002: Der Mann ohne Vergangenheit (Mies Vailla Menneisyyttä) 2002: Dogs Have No Hell – Kurzfilmbeitrag in Ten Minutes Older: The Trumpet 2006: Lichter der Vorstadt (Laitakaupungin valot) 2007: La fonderie (Beitrag zum Episodenfilm Chacun son cinéma – Jedem sein Kino) 2011: Le Havre 2012: Juice Leskinen & Grand Slam: Bluesia Pieksämäen asemalla – Kurzfilm 2012: Tavern Man – Beitrag in Historic Centre 2017: Die andere Seite der Hoffnung (Toivon tuolla puolen) 2023: Fallende Blätter (Kuolleet lehdet)
Schauspieler 1980: Der Lügner (Valehtelija) – auch Drehbuchautor (Film seines Bruders Mika) 1982: The Worthless (Arvottomat) – auch Drehbuchautor und Regieassistent (Film seines Bruders Mika) 2004: Aaltra 2012: Estrada de Palha 2013: Mittsommernachtstango 2015: Vandaleyne (Cameo)
Auszeichnungen Jahr Festival – Preis Film 1984 Jussi – Bester Erstlingsfilm, Bestes Drehbuch (geteilt mit Pauli Pentti) Crime and Punishment 1989 Internationales Filmfestival Moskau – FIPRESCI-Preis,Nominierung Goldener St. George Ariel 1990 Internationale Filmfestspiele Berlin – Interfilm Award/Otto Dibelius Film Award im Internationalen Forum des jungen Films;OCIC Award, lobende Erwähnung im „Internationalen Forum des jungen Films“ Das Mädchen aus der Streichholzfabrik 1991 Jussi – beste Regie Das Mädchen aus der Streichholzfabrik 1992 Internationale Filmfestspiele Berlin – FIPRESCI-Preis im „Internationalen Forum des jungen Films“ Das Leben der Bohème 1993 Jussi – Beste Regie Das Leben der Bohème 1996 Internationale Filmfestspiele von Cannes – Preis der Ökumenischen Jury Spezielle Erwähnung,Nominierung für die Goldene Palme Wolken ziehen vorüber 1996 Internationales Filmfestival São Paulo – Publikumspreis, Bester Film Wolken ziehen vorüber 1997 Internationales Filmfestival Tromsø – Import Award Wolken ziehen vorüber 1997 Jussi – Beste Regie, Bestes Drehbuch Wolken ziehen vorüber 1999 Internationales norwegisches Filmfestival – Nominierung für Amanda,Bester nordischer Spielfilm (Nordisk Amanda) Juha 1999 Internationale Filmfestspiele Berlin – Preis der C.I.C.A.E.,lobende Erwähnung im „Internationalen Forum des jungen Films“ Juha 1999 Internationales Filmfestival Valladolid – Nominierung für die Goldene Ähre Juha 2000 Jussi – Nominierung für die beste Regie Juha 2002 Europäischer Filmpreis – Nominierungen für den Publikumspreis und in den Kategorien Bester Regisseur, Bester Film, Bester Drehbuchautor Der Mann ohne Vergangenheit 2002 Internationales Filmfestival San Sebastián – FIPRESCI-Film des Jahres Der Mann ohne Vergangenheit 2002 Filmfest Hamburg – Douglas-Sirk-Preis Verdienste um Filmkultur 2002 Internationale Filmfestspiele von Cannes – Großer Preis der Jury, Preis der Ökumenischen Jury;Nominierung für die Goldene Palme Der Mann ohne Vergangenheit 2002 Internationales Filmfestival Flandern – Goldene Spur Der Mann ohne Vergangenheit 2002 Nordische Filmtage Lübeck – Publikumspreis der Lübecker Nachrichten Der Mann ohne Vergangenheit 2002 Nordischer Rat – Filmpreis des Nordischen Rates Der Mann ohne Vergangenheit 2002 Oscar – Nominierung für den besten fremdsprachigen Film Der Mann ohne Vergangenheit 2003 Bodil – Nominierung für den besten nicht-amerikanischen Film Der Mann ohne Vergangenheit 2003 César – Nominierung für den besten EU-Film Der Mann ohne Vergangenheit 2003 Internationales Filmfestival Bangkok – Golden Kinnaree Award, Bestes Drehbuch,Nominierung für den Golden Kinnaree Award, Bester Film Der Mann ohne Vergangenheit 2003 Internationales Filmfestival Palm Springs – FIPRESCI-Preis Der Mann ohne Vergangenheit 2003 Jussi – Beste Regie, Bestes Drehbuch Der Mann ohne Vergangenheit 2003 Robert Festival – Bester nicht-amerikanischer Film Der Mann ohne Vergangenheit 2003 Sindacato Nazionale Giornalisti Cinematografici Italiani – Nominierung für den Nastro d’Argento, Bester Regisseur ausländischer Film Der Mann ohne Vergangenheit 2004 Camerimage – Spezialpreis, Bestes Duo Regisseur/Kameramann (geteilt mit Timo Salminen) 2004 Chlotrudis Award – Nominierung für das beste Originaldrehbuch Der Mann ohne Vergangenheit 2004 Preis der argentinischen Filmkritikervereinigung – Nominierung für den Silberner Kondor, Bester ausländischer Film Der Mann ohne Vergangenheit 2005 Kunstpreis Berlin – Film- und Medienkunst 2006 Internationale Filmfestspiele von Cannes – Nominierung für die Goldene Palme Lichter der Vorstadt 2006 Internationales Filmfestival von Locarno – Ehrenleopard Lebenswerk 2007 Jussi – Bester Film, Beste Regie Lichter der Vorstadt 2011 FIPRESCI-Preis Le Havre 2011 Filmfest München – Arri-Preis Le Havre 2011 Chicago International Film Festival – Goldener Hugo Le Havre 2011 Louis-Delluc-Preis Le Havre 2012 Jussi – Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch Le Havre 2012 Murnau Filmpreis der Sozietät Streitbörger Lebenswerk2017Silberner Bär/Beste RegieDie andere Seite der Hoffnung2017Friedenspreis des Deutschen Films – Hauptpreis internationalDie andere Seite der Hoffnung 2022 Bremer Filmpreis Lebenswerk
DVD Aki Kaurismäki Collection. Pandora Film, 2014, 10 DVDs mit insgesamt 21 Filmen aus den Jahren 1983–2011.
Politische Stellungnahmen und Proteste Neben den politischen Botschaften, die mehr oder wenig deutlich in seinen Filmen enthalten sind, hat sich Kaurismäki auch wiederholt demonstrativ bis provokativ kritisch zum offiziellen Kulturleben, den damit verbundenen Auszeichnungen und zur jeweils aktuellen Politik geäußert.