Der Begriff Ende der Geschichte () wurde vom Politikwissenschaftler Francis Fukuyama durch einen im Sommer 1989 veröffentlichten Artikel in der Zeitschrift The National Interest und ein Buch mit diesem Titel (The End of History and the Last Man, 1992) popularisiert. Er führte zu Kontroversen bis in die Leitartikel diverser Zeitungen. Fukuyama wiederholt insbesondere Gedanken, die Alexandre Kojève in den 1930er und 40er Jahren formuliert hatte. Dieser hatte eine sehr eigenwillige, in Frankreich aber epochale Hegel­deutung vorgelegt.

Zur These Fukuyama vertrat die These, dass sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten bald die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall durchsetzen würden. Die Demokratie habe sich deshalb als Ordnungsmodell durchgesetzt, weil sie das menschliche Bedürfnis nach sozialer Anerkennung relativ gesehen besser befriedige als alle anderen Systeme. Mit dem Sieg dieses Modells ende der Kampf um Anerkennung und es entfalle das Antriebsmoment der Geschichte. Trotz allen Lobes für das demokratische Modell westlicher Prägung verschweigt Fukuyama aber nicht die Unzulänglichkeiten des liberaldemokratischen Modells, wie soziale Ungleichheit, und er prognostiziert auch keinen schnellen und globalen Sieg der Demokratie.Samuel Salzborn (Hrsg.): Klassiker der Sozialwissenschaften - 100 Schlüsselwerke im Portrait, Springer VS Fachmedien, Wiesbaden, 2014, S. 349 und 350 Später räumte er ein, dass in islamischen Ländern wie z. B. Saudi-Arabien eine andere Dynamik herrsche (siehe auch Islamismus). Er schrieb im Jahr 2008:

Das Ende der Geschichte bestehe nun in der Integration und Assimilation nicht-westlicher Kulturen in die westliche Kultur, unter Preisgabe deren Grundsätze zugunsten von Freiheit und Menschenrechten.Samuel Salzborn (Hrsg.): Klassiker der Sozialwissenschaften - 100 Schlüsselwerke im Portrait, Springer VS Fachmedien, Wiesbaden, 2014, S. 349 und 350

Die These Fukuyamas baut unter anderem auf Überlegungen von Karl Marx, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Thomas Hobbes und John Locke auf.

Das Pikante an Fukuyamas Buch ist, dass er mit den Methoden des Marxismus dessen Untergang begründet. Mit dieser Vermischung zweier gegensätzlicher Weltanschauungen stieß er allerdings in beiden Lagern auf vehemente Kritik.

Zum Buch „Das Ende der Geschichte“ Fukuyama stellt in dem Buch dar, dass sich liberale Demokratie gegen alle anderen real durchgeführten Staats- und Wirtschaftssysteme durchgesetzt habe. Wenn es noch Defizite gibt, dann sind es solche der mangelnden Umsetzung, aber nicht des Prinzips selbst. Er beruft sich auf Hegel und Marx, denen zufolge Geschichte sich in Kämpfen abwickle und zu einem Endzustand gelange. Das Ende der Geschichte heißt nicht, dass dann „keine großen Ereignisse mehr stattfinden, aber dass es keinen weiteren Fortschritt in der Entwicklung grundlegender Prinzipien und Institutionen mehr geben würde, da alle wirklich großen Fragen endgültig geklärt wären.“Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte, aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm, Ute Mihr und Karlheinz Dürr, Kindler, München 1992, S. 13. Den Hegel- und Marxkritikern des 20. Jahrhunderts, denen zufolge Geschichte chaotisch und partiell destruktiv verlaufe, begegnet er aus gegebenem Anlass mit der guten Nachricht vom Ende des Kalten Krieges. Der Annahme einer Universalgeschichte liege die Dynamik der kumulativen Naturwissenschaften zugrunde, deren unweigerlich fortschreitende Entdeckungen natürlich vorgegeben und für die militärische und wirtschaftliche Entwicklung essentiell sind. Ebenfalls universell sei (nach Hegel) das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung. Der Kampf des Menschen gegen die Natur und der Menschen untereinander um Anerkennung sind die Triebkräfte für Fortschritt und finden ihr friedliches Ende in Kapitalismus und Demokratie.

Teil I: Eine alte Frage neu gestellt Zunächst begegnet Fukuyama dem Pessimismus des 20. Jahrhunderts, der auf den Optimismus des 19. folgte aufgrund der Verheerungen der totalitären Systeme. Die Analyse lautet, dass gerade vermeintlich starke, autoritäre Herrschaften sich nicht halten können, da ihre Macht nicht legitimiert ist (was vor allem beim Problem der Nachfolge zutage tritt), Terrorherrschaft nicht auf lange Sicht durchführbar ist und das Wohlstandsniveau in diesen Staaten unter den Erwartungen bleibt. So kam es zwischen 1975 und 1990 im Ostblock, in Lateinamerika und in Südeuropa zum Erodieren diktatorischer Strukturen. Hingegen ist die liberale Demokratie, d. h. „wenn das Volk das Recht hat, in regelmäßig stattfindenden geheimen, allgemeinen und gleichen Wahlen in einem Mehrparteiensystem seine Regierung zu wählen“ und es das „Recht auf freie wirtschaftliche Betätigung und wirtschaftlichen Verkehr auf der Grundlage von Privateigentum und Märkten“ gebe, das Erfolgsmodell am Ende des 20. Jahrhunderts.Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte, aus dem Amerikanischen von Helmut Dierlamm, Ute Mihr und Karlheinz Dürr, Kindler, München 1992, S. 80 und 81

Teil II: Das Alter der Menschheit Die Idee einer Universalgeschichte beginnt mit den großen Religionen, gewinnt weltliche Plausibilität mit den progressiven und aufeinander aufbauenden Entdeckungen der Naturgesetze und findet bei Hegel ihre große philosophische Formulierung. Das menschliche Machtbegehren schafft sich Sicherheit gegen die Naturbedrohungen und Vorteile im kriegerischen und wirtschaftlichen Wettbewerb sowie angenehmen Konsum. All das gewährleistet ihm zunächst die Kenntnis der Naturwissenschaften; paradoxerweise schafft dabei gerade der Konflikt der Menschen die Vereinheitlichung, da beide Seiten wettrüsten und somit im Niveau gleichziehen. Fukuyama sieht hier eine zwangsläufige Rationalisierung, also Industrialisierung, Urbanisierung, Bildung, Arbeitsteilung und hierarchisch-bürokratische Strukturierung, die traditionelle Strukturen auflöst. Dem entziehen sich nur Staaten, die wettbewerblich außen vor bleiben oder sich durch Reichtum an Bodenschätzen Technologie einkaufen können (wie beispielsweise die islamischen Ölstaaten). Im kapitalistischen Prinzip sieht Fukuyama die stärkste Produktivkraft, die also am meisten militärische Sicherheit und wirtschaftlichen Aufstieg erzeugt und andere Modelle verdrängt. Dieser Prozess dürfte früher oder später auch ‚zurückliegende‘ Länder erfassen, wie es beispielsweise nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan und Südkorea der Fall war. Damit einher geht Demokratisierung, da die Wirtschaft ausgebildete Kräfte braucht, die wiederum Partizipation einfordern. Allerdings hat es die Demokratie schwer, wenn die Ausgangssituation von starken ökonomischen oder auch ethnischen Unterschieden geprägt ist. In solchen Fällen haben es – im Sinne des wirtschaftlichen Aufstiegs – Diktaturen erst einmal leichter, starke soziale Ungleichheit zu ändern (beispielsweise durch Enteignung). Man kann das als notwendige Kinderkrankheiten einordnen; freilich gibt es aber auch irrationale interime Anachronismen auf dem Weg des Fortschritts.

Teil III: Der Kampf um Anerkennung Menschen wollen nicht nur Wohlstand, sondern auch Freiheit. Neben den materialistischen Gründen gibt es die Triebkraft des „Kampfes ums Anerkanntsein“ (Hegel). Nach Hegel hat der Mensch grundsätzlich, anders als Tiere, ein Selbstwertgefühl und bedarf daher der Bestätigung durch andere Menschen. Das führt zu Herr-Knecht-Verhältnissen. Nach Hobbes und Locke hingegen muss der menschliche Stolz maximal gebändigt werden. Letzteres führt zur Sublimierung in Gewaltenteilung, „checks and balances“, Demokratie und Ventilisierung im Kapitalismus. Nietzsche hat das als Sklavenmoral und Verlust wertvoller Potenz verdammt. Zwischen diesen Polen oszilliert Fukuyamas Betrachtung der Entwicklung zur Demokratie. Jedenfalls trägt der Wunsch nach Anerkennung wesentlich stärker zur Demokratisierung bei als der kapitalistische Aufstieg.

Teil IV. Der Sprung über Rhodos Es gibt aber auch spezielle kulturelle Faktoren, die der Demokratisierung förderlich sind:

Demokratie setzt ein homogenes Volk voraus das Christentum (vor allem der Protestantismus) hat die Demokratisierung vorangebracht, während andere Religionen, vor allem der Islam, eher antidemokratisch wirken starke ökonomische Ungleichheit hemmt die Demokratisierung eine bereits bestehende föderale Struktur (bspw. Fürstentümer im Gegensatz zum zentralistischen Staat) ein irrationales Moment an libidinöser Energie für die demokratische Sache ist notwendig Außerdem braucht es starke Persönlichkeiten sowie nicht zu wenig und nicht zu viel an Traditionskontinuität.

Ebenso gibt es kulturelle Begünstigungen für den Kapitalismus: ein quasireligiöses Pflichtgefühl, das Religionen wie der Protestantismus oder der Shintoismus mit sich bringen, während beispielsweise der Hinduismus alles Streben untersagt. eine Kultur der Loyalität, des Gruppendenkens, wie sie zum Beispiel in Japan stark ausgeprägt ist.

Fukuyama sieht, dass sich Differenztheorien, nationale, religiöse und ethnische Separatismen angesichts der kapitalistischen Homogenisierung mehren und radikalisieren. Nationalismus folgt zunächst aus Industrialisierung und Demokratisierung – Bildung und Wegfallen von Autokratie lassen natürliche Sprachgrenzen zu Ländergrenzen werden. Nationalismus stabilisiert nach der kapitalistischen Atomisierung und stiftet Identität und Stärke. Fukuyama glaubt aber, dass Nationalismus und Religion bedeutungslos werden. Ein anderes gegenläufiges Moment könnte sein, dass mit zunehmendem Wohlstand die Freizeitbedürftigkeit und Selbstverwirklichung wichtiger wird. Bislang sieht Fukuyama das aber bald wieder von den periodischen Unsicherheiten des Kapitalismus eingeholt. Fukuyama schreibt, dass kulturelle Prägungen sehr entscheidend für Demokratisierung und Kapitalisierung sind – und da sie extrem dominant sind, wird die nähere Zukunft vom Kampf der Kulturen geprägt sein. Eine große Rolle spielt dabei auch die Migration von armen in reiche Länder, die letztlich zur Expansion der westlichen Welt führt.

Teil V. Der letzte Mensch Nachdem Fukuyama den möglichen Gang zum Ende der Geschichte beschrieben hat, der fraglos noch lang und beschwerlich sein wird, geht er im letzten Kapitel von Fragen des Endzustands aus. Er verwendet dabei Nietzsches Begriff des Letzten Menschen. Ungelöst bleibt das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit, aber die Demokratie schafft es am besten, dies auszutarieren. Ebenso ungelöst bleibt die Frage, wie stark sich eine gesamte Menschheit von anderen Lebewesen abgrenzt, inwieweit also auch Tiere Rechte erlangen.

Außerdem steht zur Frage, ob es in einer Welt der universellen Toleranz und Relativität noch Ehrgeiz, Ambition zu Spitzenleistung gibt, oder nur noch ein banales tierisch-selbsterhaltendes Mittelmaß weitervegetiert. Kojève befürwortet das, Nietzsche geißelt es. Nach Fukuyama läuft es auf eine Gesellschaft hinaus, die ihre nach wie vor existenten aggressiven Energien nicht schöpferischer Arbeit, sondern im leeren Formalismus von Sport jeglicher Art verausgabt. Es bleibt die Fallhöhe, zurück zum Krieg zu degenerieren allein aus Langeweile. Dafür sollte aber insbesondere der Erste Weltkrieg abschreckendes Beispiel sein.

Kritik