mini|Francis Fukuyama (2015) Yoshihiro Francis Fukuyama (* 27. Oktober 1952 in Chicago, Illinois) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler. Er ist Direktor des Zentrums für Demokratie, Entwicklung und Rechtsstaatlichkeit am Freeman Spogli Institute for International Studies der Stanford University, wo er auch das Master-Programm in Internationaler Politik leitet.
Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Entwicklungsländer, Nationenbildung, Demokratisierung, Governance, Internationale Politische Ökonomie, strategische und Sicherheitsfragen. Fukuyama gilt als bedeutendster Schüler von Allan Bloom und wurde zeitweilig zur Strömung des Neokonservatismus gezählt, von der er sich jedoch in den 2000er Jahren distanzierte. Fukuyama hat zu den wichtigsten Themen der neueren Weltpolitik Stellung genommen und sich als liberaler Denker etabliert. Seine meistzitierte These ist die vom Ende der Geschichte, d. h. dem vermeintlich ultimativen Siegeszug der liberalen Demokratie nach dem Ende des Ostblocks und dem Zerfall der Sowjetunion.
Leben Francis Fukuyama stammt aus einer akademisch geprägten Familie. Sein Vater Yoshio Fukuyama, der als Sohn japanischer Einwanderer bereits in den USA zur Welt kam, wurde an der Universität Chicago in Soziologie promoviert und arbeitete als protestantischer Pfarrer der Kongregationalisten. Seine Mutter Toshiko Kawata Fukuyama wurde in Kyōto geboren und war Tochter von Shiro Kawata, dem Gründer der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kyōto und ersten Präsidenten der Städtischen Universität Osaka. Sie kam nach dem Zweiten Weltkrieg zum Studium in die USA. Francis Fukuyama wuchs als Einzelkind in New York City auf. Beide Eltern waren sehr an der westlichen Kultur orientiert, weshalb er kein Japanisch lernte und kaum Kontakt zu anderen japanischen Amerikanern hatte.Nicholas Wroe: History's pallbearer. In: The Guardian, 11. Mai 2002. Die Familie zog nach Pennsylvania, als der Vater einen Lehrauftrag für Religionswissenschaft an der Penn State University bekam.Fukuyama 101. PBS, Sendung Think Tank with Ben Wattenberg, 30. November 2000.
mini|hochkant|Francis Fukuyama (2005) Er selbst studierte zunächst klassische Altertumswissenschaft (classics) und Politische Philosophie (bei Allan Bloom) an der Cornell-Universität in Ithaca, wo er mit einem Bachelor of Arts abschloss. Während der Studentenproteste der 68er-Bewegung nahm er eine konservative Haltung ein. Anschließend studierte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Yale-Universität in New Haven. Während eines sechsmonatigen Aufenthalts in Paris besuchte er Vorlesungen von Roland Barthes und Jacques Derrida (deren Dekonstruktion er jedoch ablehnte) und schrieb einen Roman, der unveröffentlicht blieb. Nach seiner Rückkehr in die USA wechselte er an die Harvard-Universität und zur Politikwissenschaft. Dort studierte er bei Samuel P. Huntington sowie Harvey Mansfield und promovierte 1981 mit einer Arbeit über sowjetische Interventionsdrohungen im Nahen Osten.
Ab 1979 arbeitete Fukuyama für die US-amerikanische Denkfabrik RAND Corporation, für die er in der Zeit der Sowjetischen Intervention in Afghanistan und des Ersten Golfkriegs unter anderem Gutachten über die Sicherheitslage in Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan schrieb. Während der Regierung von Ronald Reagan war er zeitweilig im Strategieplanungsstab des US-Außenministeriums tätig. Nach der Wahl von George H. W. Bush zum Präsidenten wurde er unter Außenminister James Baker stellvertretender Direktor für Strategieplanung. Bereits im Mai 1989 empfahl er Baker, sich auf eine deutsche Wiedervereinigung einzustellen, während die Deutschland-Experten im Außenministerium dies für völlig unwahrscheinlich hielten. Auch die Auflösung des Warschauer Pakts prognostizierte Fukuyama früher als andere Experten.
Von 1996 bis 2000 war er Professor für Public Policy an der George-Mason-Universität bei Washington, D.C. Von 2001 bis 2010 war Fukuyama Professor für Internationale Politische Ökonomie an der Paul H. Nitze School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in Baltimore. Von 2001 bis 2004 gehörte er dem Rat für Bioethik des US-Präsidenten George W. Bush an. Seit 2010 ist er Olivier Nomellini Senior Fellow am Freeman Spogli Institute for International Studies (FSI) der Stanford-Universität im kalifornischen Silicon Valley. Zudem ist er Direktor des zum FSI gehörenden Center on Democracy, Development, and the Rule of Law (CDDRL) und Direktor des Ford Dorsey Master’s in International Policy. Daneben ist er Gastwissenschaftler beim Carnegie Endowment for International Peace und beim Center for Global Development. Er gehört dem Direktorium der Pardee RAND Graduate School an und ist Mitglied der American Political Science Association (APSA) sowie des Council on Foreign Relations (CFR).Francis Fukuyama, Freeman Spogli Institute for International Studies, Stanford University.
Fukuyama ist mit Laura Holmgren verheiratet, das Paar hat drei Kinder.
2015 wurde er mit dem Skytteanischen Preis ausgezeichnet. Ihm wurde die Ehrendoktorwürde des Connecticut College, der Doane University, der Dōshisha- und der Kansai-Universität in Japan, der Universität Aarhus in Dänemark sowie der Pardee RAND Graduate School verliehen.
Werk „Das Ende der Geschichte“ Fukuyamas am stärksten rezipierte und am meisten zitierte These – das Ende der Geschichte – veröffentlichte er zunächst im Sommer 1989 als Artikel in der konservativen Außenpolitik-Zeitschrift The National Interest. Diesen erweiterte er zum Buch, das 1992 unter dem englischen Titel The End of History and the Last Man erschien. Darin beschreibt Fukuyama den Verlauf der geschichtlichen Evolution als gesetzmäßige und zielgerichtete Verkettung von Ereignissen: Die Geschichte ist demnach keine zufällige Anhäufung von Umständen. Unter Bezugnahme auf eine moderne Variante der Hegelschen Dialektik versucht Fukuyama zu erklären, dass das Ende des Zweiten Weltkrieges und der Fall der Berliner Mauer 1989 zu einer Schlussphase der politischen Systementwicklung geführt haben. Totalitäre Systeme, wie z. B. der Kommunismus und der Faschismus, stellen keine politischen Alternativen mehr dar. Vielmehr ist der Weg frei für eine liberale Demokratie. Totalitäre Systeme sind zum Scheitern verurteilt, weil sie dem Grundgedanken des Liberalismus widersprechen. Dieser besteht nach Fukuyama aus folgenden Prinzipien: Grundrechte als Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat (Primärfunktion) als Schutz- und Teilhaberechte (Sekundärfunktion) Rechtsstaatsprinzip Freie Marktwirtschaft Der Faschismus (gemeint ist hier der Nationalsozialismus) sei ebenso wie der Kommunismus an inneren Widersprüchen gescheitert, so Fukuyama. Beide Systeme verloren in den Augen der Menschen an Legitimität: zum einen haben sie die Bedürfnisse der Menschen nicht hinreichend abgedeckt, zum anderen – dies ist in den Augen Fukuyamas der wohl viel wichtigere Grund – haben sie es nicht verstanden, ein Gefühl von Anerkennung und Selbstwertgefühl entstehen zu lassen. Im dialektischen politischen Prozess legt Fukuyama also die liberale Demokratie als Endstadium aus: Extremer Liberalismus (These) Totalitarismus (Antithese) Liberale Demokratie (Synthese): „posthistorisch“Die Kraft des langen Atems, NZZ, 7. September 2016 Fukuyamas These vom Ende der Geschichte wurde besonders in linken Intellektuellenkreisen kontrovers aufgenommen. Kritiker warfen ihm einen eurozentristischen und kulturimperialistischen Blick auf die Welt vor, der westliche Demokratie und Marktwirtschaft als alternativlos darstelle.Kim Dennis Heidecker: Das Ende der bipolaren Welt und die Folgen. In: Tim Schanetzky (Hrsg.): Krise der Kapitalismuskritik, Essen 2025, o. S.
Durch die Jugoslawienkriege und den Völkermord in Ruanda in den 1990er Jahren sowie die Terroranschläge am 11. September 2001 galt Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ als widerlegt, wogegen Samuel Huntingtons Wort vom „Kampf der Kulturen“ große Konjunktur hatte.
„Der große Aufbruch“ Die Informationsgesellschaft In seinem sozialpolitischen Essay aus dem Jahr 1999 unternimmt Fukuyama den Versuch, die sozialen und ökonomischen Veränderungen der modernen und industrialisierten Gesellschaften zu erklären, welche sich auf Grund der Informationstechnologie ergeben. Die Entwicklung von einer Industrie- zu einer Informationsgesellschaft habe zusammenfassend folgende soziale Probleme herbeigeführt: Zunahme von Kriminalität Geringe Geburtsraten mit der mittelbaren Folge der Zuwanderung als Folge der Frauenemanzipation als Folge der Entkirchlichung der Gesellschaft (extremer Individualismus) Verringerung interpersonaler Verhältnisse als Folge der Entstehung und Zunahme virtueller Netzwerkgesellschaften als Folge der virtuellen Kommunikation (Internet). Gleichzeitig analysiert Fukuyama auch die Vorteile der Informationalisierung der Gesellschaft. Dazu zählt der Umstand, dass Wissen und intellektuelle Fähigkeiten des Menschen eine zunehmend wichtigere Rolle in der modernen Gesellschaft spielen. So entsteht allmählich eine Wissensgesellschaft, welche insbesondere auf Hochtechnologisierung und qualifizierten Dienstleistungen basiert. Der Staat ist gezwungen, zunehmend in die Bildung zu investieren, um Innovationen zu fördern. Geistige Arbeit ersetzt immer mehr körperliche Arbeit.
Außerdem wird die Globalisierung der Produktion ebenfalls zu den Folgen des Wandels zu einer Informationsgesellschaft gehören. Gleichzeitig werden Entwicklungsländer wegen der dort vorhandenen billigeren Arbeitskräfte zunehmend industrialisiert. Im Übrigen lösen Informationstechnologien kulturelle Grenzen auf. Dadurch wird Toleranz gefördert und gleichzeitig Verständnis für andere Kulturen und Lebensweisen entwickelt.
Wiederherstellung der sozialen Ordnung Fukuyama vertritt die These, dass die durch diesen Wandel entstehenden sozialen Probleme von den Gesellschaften durch die gesetzmäßige Bildung neuer formeller und informeller Normen gelöst werden. Jede Gesellschaft sei in der Lage, eine neue Ordnung zu erfinden. Dabei geht Fukuyama von der Prämisse aus, dass nur solche Gesellschaften in der Lage seien, eine neue Ordnung zu erfinden, die genügend „Sozialkapital“ aufweisen. Unter Sozialkapital (im Sinne von Fukuyama; für weitere Bedeutungen siehe: soziales Kapital) ist die Zusammenfassung informeller sowie formeller Normen zu verstehen, die alle Mitglieder einer Gesellschaft „kulturell“ teilen, um eine effektive Kooperation untereinander zu ermöglichen. Es handelt sich also um einen Indikator, der anhand empirischer Daten negativ zu bemessen ist, wenn er fehlt. Hohes Sozialkapital stehe häufig im Zusammenhang mit niedrigen Kriminalitätsraten und der generellen Bereitschaft, sich für die Gesellschaft zu opfern (damit ist z. B. ehrenamtliche Tätigkeit in Vereinen gemeint).
„Das Ende des Menschen“ In seinem wissenschaftskritischen Werk Das Ende des Menschen (2002) liefert Fukuyama Argumente für eine staatliche Kontrolle der Biotechnologie und Humanmedizin. Zunächst setzt sich Fukuyama mit den sozialen und politischen Nachteilen des sog. Posthumanismus auseinander. Die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte im Rahmen der Humanmedizin und der Biotechnologie haben nämlich zusammenfassend folgende Entwicklungen herbeigeführt: In-vitro-Fertilisation Präimplantationsdiagnostik (PID) Stammzellenforschung Klonen zum Zwecke der Reproduktion genetische Manipulation von Keimzellen.
Soziale und politische Nachteile