mini|Politisches Testament (Seite 1) Als „Mein politisches Testament“ betitelte Adolf Hitler ein Schriftstück, das er am 29. April 1945, dem Vortag seines Suizids, unmittelbar vor seinem Privattestament verfasste. Es wurde im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher als politisches Testament Adolf Hitlers bekannt.Zeno.org: Der Nürnberger Prozess, Hauptverhandlungen, 125. Tag (9. Mai 1946), Nachmittagssitzung (Verhör von Karl Dönitz)

Darin gab er einem angeblichen Weltjudentum die Schuld am Zweiten Weltkrieg, um die von ihm betriebene Vernichtung der europäischen Juden zu rechtfertigen. Seinen beabsichtigten Suizid erklärte er zum Selbstopfer, das von den Wehrmachtssoldaten Kampf bis zum Tod fordere. Er setzte eine Nachfolgeregierung ein und verpflichtete sie, den Krieg mit allen Mitteln fortzusetzen. Er forderte von ihr und den Deutschen, die Ziele des Nationalsozialismus langfristig zu verwirklichen, vor allem die Nürnberger Gesetze einzuhalten und dem „Weltvergifter aller Völker“ weiter „unbarmherzigen Widerstand“ zu leisten. Damit umschrieb er, dass die Deutschen die Juden über seinen Tod hinaus vollständig vernichten sollten.

Ein gleichlautender Buchtitel bezieht sich auf die in der Literatur umstrittenen Bormann-Diktate vom 4. bis 26. Februar und 2. April 1945.François Genoud (Hrsg.): Hitlers politisches Testament. Die Bormann-Diktate vom Februar und April 1945. Mit einem Essay von Hugh Trevor-Roper und einem Nachwort von André François-Poncet. Albrecht Knaus, München 1995, ISBN 978-3-8135-5111-2. Diese hat Hitler nicht als „politisches Testament“ bezeichnet.Gerhard Schreiber: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Täter, Opfer, Strafverfolgung. Beck, München 1996, ISBN 3-406-39268-7, S. 14 und 222, Anm. 3.

Historischer Kontext Am 16. April 1945 begann die Schlacht um Berlin als letzte Phase des von Deutschland längst verlorenen Krieges. Trotz klarer Einsicht in die Niederlage war das NS-Regime nicht zur Kapitulation bereit. Seine Spitzen Hitler, Wilhelm Keitel, Alfred Jodl und andere erteilten weiterhin verbrecherische und großenteils unausführbare Befehle und entließen Untergebene, welche den Gehorsam verweigerten.Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. 3. Auflage, DVA, München 2011, S. 463 f. So forderte die Schlacht bis zu ihrem Ende am 2. Mai 1945 nochmals an die 200.000 Kriegstote, darunter zehntausende Zivilisten. Hitler versuchte am 16. April, mit seinem letzten Aufruf an die Wehrmachtssoldaten mit gezielter Angstpropaganda Durchhaltewillen zu mobilisieren: Er behauptete, der „jüdisch-bolschewistische Todfeind“ werde die Deutschen ausrotten, ihre Alten und Kinder ermorden, die Frauen zu „Kasernenhuren erniedrigen“ und die Männer nach Sibirien marschieren lassen.Andreas Hilger, Mike Schmeitzner, Clemens Vollnhals: Sowjetisierung oder Neutralität?, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-36906-9, S. 460. Deshalb erhoffe die Bevölkerung von den Soldaten nun, dass „durch eure Standhaftigkeit, euren Fanatismus, durch eure Waffen und unter eurer Führung der bolschewistische Ansturm in einem Blutbad erstickt“ werde. So würden sie nach dem Tod von US-Präsident Franklin D. Roosevelt im letzten Moment eine Kriegswende herbeiführen.Saul Friedländer, Martin Pfeiffer: Das Dritte Reich und die Juden. Beck, München 2007, ISBN 3-406-56681-2, S. 1039.

Am 22. April erklärte Hitler bei einer Lagebesprechung im Führerbunker, er werde in Berlin bleiben und sich erschießen, falls die Stadt nicht nochmals freigekämpft werde. In der Nacht des 24. April wurde die Reichskanzlei über dem Führerbunker von Bomben schwer getroffen. Am nächsten Tag schrieb Joseph Goebbels nach seiner Besprechung mit Hitler in sein Tagebuch:Zitiert nach Mario Frank: Der Tod im Führerbunker: Hitlers letzte Tage. Siedler, 2005, ISBN 3-88680-815-7, S. 311.

Hitler erfuhr am 25. April, dass die sowjetischen Truppen den Ring um Berlin geschlossen und dass sowjetische und US-amerikanische Soldaten sich bei Torgau getroffen hatten. Bis dahin hatten die anwesenden Vertreter des NS-Regimes noch auf einen Zerfall der Anti-Hitler-Koalition gehofft, wie ihre von Martin Bormann und Goebbels aufgezeichneten Lagegespräche zeigen.Der Spiegel, 10. Januar 1966: … warum dann überhaupt noch leben! Hitlers Lagebesprechungen am 23., 25. und 27. April 1945. Bis zum 28. April hofften sie auf Entsatztruppen wie die im April 1945 neu aufgestellte Armee Wenck, welche die Rote Armee zurückdrängen, die Stadt teilweise freikämpfen und Hitler einen Fluchtweg offenhalten sollten.

Am 28. April hörte Hitler durch den schwedischen Sender Stockholm Radio von den Geheimgesprächen Heinrich Himmlers mit den Westalliierten und von dessen Angebot, für eine Teilkapitulation auf die weitere Ermordung der ungarischen Juden zu verzichten. Außerdem wurden ihm ein befehlswidriger Waffenstillstand des Waffen-SS-Generals Karl Wolff mit den US-Truppen in Italien und eine Gehorsamsverweigerung des Waffen-SS-Generals Felix Steiner bekannt. Daraufhin ließ er Hermann Fegelein, den SS-Kontaktmann zu Himmler und zudem Schwager Eva Brauns, in dessen Berliner Privatwohnung festnehmen. Ein SS-Standgericht verurteilte Fegelein wegen Fahnenflucht sowie als Mitwisser und Beteiligten von Himmlers Feindkontakten ohne Verhandlung zum Tod. Hitler unterzeichnete das Todesurteil, das dann im Garten der Reichskanzlei vollstreckt wurde.Olaf Groehler: 1945, die Neue Reichskanzlei: das Ende. Das Tagebuch Europas. Berlin 1995, S. 59 ff.; Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Von der Gründung bis zur Gegenwart. Beck, München 1999, ISBN 3-406-44554-3, S. 16. Dieser letzte Mordauftrag Hitlers wird als persönliche Rache an Himmler, den er nicht mehr fassen konnte, und als Angst vor einer Absetzung oder Ermordung durch SS-Angehörige in seiner Umgebung interpretiert.James P. O’Donnell, Uwe Bahnsen: Die Katakombe: das Ende in der Reichskanzlei. Deutsche Verlags-Anstalt, 1975, S. 98; Ernst Auer: Der Soldat zwischen Eid und Gewissen. W. Braumüller, 1983, ISBN 3-7003-0462-5, S. 92; Hitlers Höllenfahrt: Das Ende im Bunker und die lange Reise des Leichnams / Teil II, Der Spiegel vom 10. April 1995.

Hitler wurde im Tagesverlauf benachrichtigt, dass die erhofften Entsatztruppen eingeschlossen und voneinander abgeschnitten waren. Gegen Mitternacht am 28. April heiratete er Eva Braun, die mit ihm in den Tod gehen wollte. Gegen 2:00 Uhr nachts am 29. April verfasste er ein privates und ein politisches Testament. Am Morgen griff die Rote Armee das Zentrum von Berlin an. Außenposten informierten Hitler telefonisch über deren weiteres Vorrücken. Gegen Mittag waren die sowjetischen Panzer nur noch wenige hundert Meter von der Reichskanzlei entfernt. Gegen 22:00 Uhr wurde Hitler die Erschießung seines Verbündeten Benito Mussolini (und dessen Geliebter Clara Petacci) gemeldet, die von Partisanen beim Fluchtversuch in die Schweiz abgefangen worden waren. Dies bestärkte endgültig seinen Suizidentschluss.

Im Verlauf des 30. April verabschiedete sich Hitler von seinen Untergebenen, erlaubte ihnen Ausbruchsversuche, verteilte Giftkapseln und erprobte deren Wirkung an seinem Schäferhund Blondi. Er stellte Wilhelm Keitel, dem Chef des OKW, über Funk noch einige Fragen zum Verbleib der letzten kämpfenden deutschen Armeen und gab Befehle, die Leichen und die Habseligkeiten von ihm und Eva Braun zu verbrennen. Zwischen 15:30 und 15:50 Uhr begingen er und Eva Braun den Suizid.Wolfdieter Bihl: Der Tod Adolf Hitlers. Wien 2000, S. 76–80.

Seinem Adjutanten Nicolaus von Below zufolge war Hitler seit dem 27. April zum Suizid entschlossen.Nicolaus von Below: Als Hitlers Adjutant. Hase & Koehler, 1980, S. 434. Sebastian Haffner zufolge reifte sein Entschluss vom 22. bis zum 29. April.Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. Jah Tholenaar, 1980, ISBN 3-88621-011-1, S. 15 ff. Faktoren dafür waren der Zusammenbruch der Front an der Oder am 22. April, die Einkreisung Berlins durch sowjetische Truppen am 25. April, die Nachricht vom Verhalten Himmlers am 28. April und ab dem 29. April die akute Gefahr einer Gefangennahme durch sowjetische Soldaten. Laut seinem Privattestament wollte Hitler mit dem Suizid „der Schande des Absetzens oder der Kapitulation entgehen“.Hans-Ulrich Thamer: Der tote Hitler. Das Ende des Diktators und die Wandlungen eines Mythos. In: Thomas Großbölting und Rüdiger Schmidt (Hrsg.): Der Tod des Diktators. Ereignis und Erinnerung im 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 88.

Inhalt Erster Teil Zu Beginn behauptete Hitler, ihn habe seit 1914 stets „die Liebe und Treue zu meinem Volk bewegt“. Sie habe ihm die Kraft gegeben, „schwerste Entschlüsse zu fassen, wie sie noch keinem Sterblichen gestellt worden sind“. Dabei habe er Zeit, Kraft und Gesundheit verbraucht. Dann bestritt er jede Schuld am Zweiten Weltkrieg: „Es ist unwahr, daß ich oder irgendjemand anderer in Deutschland den Krieg im Jahre 1939 gewollt haben.“ Stattdessen wies er dem fiktiven „Weltjudentum“ die Kriegsschuld zu:

mini|Aus dem KZ Buchenwald befreite jüdische Kinder und Jugendliche: Menschen, die Hitler über seinen Tod hinaus vernichten wollte (Juni 1945)

Damit bezog er sich auf seine Reichstagsrede vom 30. Januar 1939, in der er erstmals als deutscher Reichskanzler die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ angedroht hatte, „wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen“. Diese Rede war damals in allen NS-Medien verbreitet, als Buch veröffentlicht und im November 1940 auch in den Propagandafilm Der ewige Jude aufgenommen worden, der den Holocaust ideologisch vorbereiten sollte.Wolfgang Benz (Hrsg.): Vorurteil und Genozid. Ideologische Prämissen des Völkermords. Böhlau, Wien 2010, S. 96 f. Auf diese Drohung war Hitler im Kriegsverlauf öffentlich, etwa in Rundfunkreden, immer wieder zurückgekommen.Heinz Schreckenberg: Erlösungsantisemitismus? Überlegungen zu Hitlers Genozidbefehl im Dezember 1941. In: Christoph Barnbrock, Werner Klän (Hrsg.): Gottes Wort in der Zeit: verstehen – verkündigen – verbreiten. Lit Verlag, Münster 2005, S. 50 f.

In den folgenden Passagen nannte Hitler den von ihm selbst begonnenen sechsjährigen Weltkrieg die „ruhmvollste und tapferste Bekundung des Lebenswillens eines Volkes“ und erklärte dann seine Suizidabsicht: Er könne sich nicht von Berlin trennen, aber dem „feindlichen Ansturm“ vom Führerbunker aus nicht länger „standhalten“. Der „eigene Widerstand“ werde „durch ebenso verblendete wie charakterlose Subjekte allmählich entwertet“. Deshalb wolle er sein „Schicksal mit jenem teilen, das Millionen anderer auch auf sich genommen haben“. Zudem wolle er „nicht Feinden in die Hände fallen, die zur Erlustigung ihrer verhetzten Massen ein neues, von Juden arrangiertes Schauspiel benötigen“, sondern seinen Todeszeitpunkt „aus freien Stücken“ dann wählen, wenn der Feind ihn erreicht habe. Dann behauptete er:

Seinem „aus tiefstem Herzen kommenden Dank“ an die Genannten folgte der Appell, sie alle sollten „den Kampf unter keinen Umständen aufgeben“, denn:

Besonders die Oberkommandos von Heer, Luftwaffe und Marine bat er,

Diese „treueste Pflichterfüllung bis in den Tod“ solle künftig „zum Ehrbegriff des deutschen Offiziers gehören“.

Zweiter Teil mini|Hitler empfängt Karl Dönitz im Führerbunker (1945), stark nachbearbeitet

Im zweiten Teil setzte Hitler Hermann Göring und Heinrich Himmler von ihren Staats- und Regierungsämtern ab und schloss sie aus der NSDAP aus. Als Grund gab er an, dass sie ohne sein Wissen und seine Einwilligung mit den Alliierten geheim über einen Separatfrieden zu verhandeln versucht hatten. Zudem behauptete er, dass sie versucht hätten, „die Macht im Staate an sich zu reißen“. Dies habe „dem Lande und dem Volk unabsehbaren Schaden zugefügt, gänzlich abgesehen von der Treulosigkeit gegenüber meiner Person.“