Die Geschichte Guineas umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Guinea von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die Republik Guinea erlangte 1958 ihre Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich. Sie ging aus der französischen Kolonie „Territorium von Guinea“ hervor, die auch die Grenzen des heutigen Guineas determinierte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die französische Besetzung des heutigen Territoriums von Guinea von der Küste her. Bei ihrem Vorstoß ins Landesinnere in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts stießen die Franzosen auf Widerstand der Soldaten von Samory Touré. Vor der Kolonialzeit war das Gebiet von Guinea durch den Handel mehrere vorkolonialer westafrikanischer Großreiche, wie das Mali- und Songhaireich, geprägt.
miniatur|Der heutige Staat Guinea in Westafrika
Guinea in vorkolonialer Zeit miniatur|Mutmaßliche Ausdehnung des Malireiches im 13. Jahrhundert
Guinea lag größtenteils abseits der bedeutenden Handelsrouten, die weite Teile Westafrikas vor Ankunft der Europäer durchzogen. Die Transsahararouten endeten nördlich bzw. westlich Guineas, die Atlantikküste wurde nicht zu Handelszwecken befahren. Die meisten Bewohner lebten in kleineren politischen Einheiten („Häuptlingstümer“). Im 12. Jahrhundert entstand im Hochland von Fouta Djallon das Reich der Sosso (oder Susu). Zu Beginn des 13. Jahrhunderts nutzten die Sosso die Chance, die sich ihnen durch den Niedergang des mächtigen Reiches Ghana bot. Dieses Reich hatte jahrhundertelang weite Teile des heutigen Mali, Mauretanien und Senegal beherrscht. Die Sosso dehnten nun ihr Herrschaftsgebiet auf die Randbereiche Ghanas aus und eroberten kurzzeitig auch die Hauptstadt Koumbi Saleh.
miniatur|Mutmaßliche Ausdehnung des Songhai-Reiches im 15. Jahrhundert
1235 besiegte der Herrscher des Malireiches den König der Sosso in der Schlacht von Kirina, womit der nordöstliche Teil Guineas für 200 Jahre von Mali unterworfen wurde.
Nachfolger des Malireiches wurde das Reich der Songhai, das wahrscheinlich ebenfalls weite Teile Guineas umfasste. Beide Reiche hatten jedoch ihr Zentrum außerhalb Guineas.
Die Sosso wurden später von nomadisierenden, islamischen Fulbe aus Fouta Djallon vertrieben, die sich – anders als die Fulbe in anderen Teilen Westafrikas – in Fouta Djallon dauerhaft niederließen. 1735 gründeten die Fulbe hier ein Imamat, also einen islamischen Staat unter Führung eines Imam. Dieses Reich hatte eine geschriebene Verfassung und bestand bis zu seiner Zerstörung durch die Franzosen 1896.
Kontakte mit den Europäern bis 1850 Bereits Mitte des 15. Jahrhunderts segelten erste Handels- und Entdeckungsschiffe der Portugiesen vor der Küste des späteren Guineas. Sie trieben aber bevorzugt mit den Bewohnern der weiter nördlich gelegenen Gambiamündung Handel. Erwähnt sollte hier unter anderem António Fernandes werden, der 1445–1446 viel zur Erkundung der Küste Guineas beitrug. Im 16. Jahrhundert nutzten erstmals Europäer eine Gruppe von Inseln vor Conakry, der späteren Hauptstadt Guineas, als Handelsstützpunkt. Die Portugiesen nannten sie „Ilhas dos Idolos“, also „Inseln der Idole (Götterbilder)“, woher ihr heutiger Name „Îles de Los“ stammt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es jedoch keine Versuche europäischer Mächte, sich dauerhaft an der guineischen Küste festzusetzen.
Das Vordringen der Franzosen und der Widerstand Samory Tourés miniatur|links|Der Almami Samory Touré
Ab ca. 1850 begannen die Franzosen das Gebiet des heutigen Guinea zu kolonialisieren. Sie versuchten den kleinen freien Streifen Küste, der sich zwischen dem nördlichen portugiesischen und dem südlichen britischen Herrschaftsgebiet befand, zu erobern und von dort aus in das Landesinnere vorzudringen. Diese frühe Kolonialisierung des Küstengebietes geschah im Namen der Antisklavereibewegung. Französische Marineoffiziere schlossen Verträge mit lokalen Herrschern, die üblicherweise den Verzicht auf den Sklavenhandel mit der Verpflichtung verbanden, Handel mit Gold, Wachs, Elfenbein und Tierfellen bevorzugt mit den Franzosen zu treiben. Seit den 1880er Jahren trafen sie dabei im Landesinneren jedoch auf heftigen Widerstand von Seiten eines islamischen Führers mit Namen Almamy Samory Touré, der später zu einem der Nationalhelden Guineas werden sollte. 1882 fügte er den Franzosen erstmals eine militärische Niederlage zu. Samory Touré hatte als Teil der islamischen Erneuerungsbewegung, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert den gesamten „Sudan“ (also das Gebiet zwischen den heutigen Staaten Senegal und Sudan) ergriffen hatte, ein großes islamisches Reich errichtet. Der östliche Teil des heutigen Guinea gehörte zu diesem Reich, ebenso das südliche Mali, die nördliche Elfenbeinküste und Teile Burkina Fasos. Dieses Reich bestand von ca. 1875 bis 1893. Bis 1891 bestand ein Freundschaftsvertrag zwischen den Franzosen und Samori Touré, während die Franzosen gleichzeitig ihr Einflussgebiet mit militärischen wie vertraglichen Mitteln konsequent weiter ausdehnten. Ab 1891 herrschte offener Krieg zwischen den beständig ostwärts drängenden Franzosen und Samori Touré, 1894 musste er sein Reich ca. 600 km weiter östlich neu errichten („Zweites Reich Samori Tourés“). Damit gab es auf dem Gebiet Guineas endgültig keine Macht mehr, die sich den französischen Kolonialherren entgegenstellen konnte. 1881 hatten die Franzosen mit dem Fulbereich Fouta Djallon einen „Schutzvertrag“ abgeschlossen. 1896 eroberten die Franzosen das Reich Fouta Djallon, töteten den „Almami“, den Herrscher des Landes, und ersetzten ihn durch eine Marionettenherrscher, dem freundschaftliche Beziehungen zu Samory Touré verboten waren.
Kolonialzeit Französische Kolonialzeit von 1885 bis 1939 mini|Besitzansprüche europäischer Staaten auf Küstenregionen Westafrikas, um 1885: Teile Guineas (Rivières du Sud bzw. Kapitaï und Koba) waren zwischen Frankreich und Deutschland umstritten 1885 wurde Conakry zum Sitz des ersten französischen Gouverneurs in Guinea, der bis 1893 auch für die Elfenbeinküste und Dahomey zuständig war. Deutschland gab die von Friedrich Colin geltend gemachten Ansprüche auf die nördlich von Conakry gelegenen Regionen Kapitaï und Koba am 24. Dezember 1885 zugunsten Frankreichs auf. Die beiden Kolonialmächte Frankreich und Portugal legten nach der Berliner Kongokonferenz den genauen Grenzverlauf zwischen ihrem Besitz in einem Vertrag vom 15. Mai 1886 fest. 1897 führten sie eine Kopfsteuer ein, die von da ab den größten Teil der Steuereinnahmen der Kolonie erbrachte. Die französische Kolonialherrschaft kannte kein Konzept, das der britischen „indirect rule“ vergleichbar wäre, also keine Herrschaft, die sich vorwiegend auf vorhandene traditionelle Strukturen stützte. Sie übten eine direkte Form der Herrschaft aus. Wo traditionelle Oberhäupter nützlich waren, blieben sie im Amt, wo nicht, wurden sie abgesetzt. In Fouta Djallon kam es 1900, 1905 und 1911 zu Revolten, die jeweils mit der Ernennung neuer „Almamy“ durch die Franzosen und weiterer Beschneidung ihrer Macht endeten. Statt mit den traditionellen Herrschern, gingen die Franzosen in Guinea ein Bündnis mit der einflussreichen islamischen Bruderschaft der Tijaniyya ein. Sie unterstützten diese Bruderschaft gegenüber konkurrierenden Bruderschaften und die Tijaniyya gab dafür ihren Segen zur französischen Kolonialherrschaft. miniatur|Karte Französisch-Westafrikas von 1936 mit "Guinee Francaise" Die Franzosen gingen in Guinea wie in ihren anderen afrikanischen Kolonien davon aus, dass das Land gewissermaßen per Eroberungsrecht ihnen gehörte. 1904 erklärten sie alles „freie“, also unbebaute, ungenutzte usw. Land zum Staatseigentum, obwohl die Definition von „freiem“ Land z. B. in Gegenden mit traditionellem Wanderfeldbau überaus schwierig war. Es gelang ihnen in Guinea auch eine erwähnenswerte Zahl französischer Siedler ins Land zu bringen. Häufig wurden die Farmen dieser Siedler aber bald wieder aufgegeben.
Der meistgehasste Bestandteil französischer Kolonialherrschaft in Afrika war die Zwangsarbeit (die „prestation“). Nach französischem Kolonialrecht war jeder Mann zwischen 18 und 60 verpflichtet, seine Arbeitskraft eine bestimmte Anzahl von Tagen pro Jahr zur Verfügung zu stellen, z. B. für Projekte wie den 1900 begonnenen Bau einer Eisenbahnstrecke von Conakry in das Landesinnere. Die Bedingungen, unter denen diese Zwangsarbeit geleistet wurde, waren häufig sehr schlecht. Das Essen war oft unzureichend und die Unterbringung ärmlich. Demzufolge grassierten Krankheiten und die Sterberate war überdurchschnittlich. Einen großen Teil dieser Zwangsarbeit leisteten die 1894 offiziell befreiten Sklaven. Erst 1946 wurde die Zwangsarbeit in den Kolonien abgeschafft.
Gleichzeitig verfolgten die Franzosen in ihren Kolonien das Konzept der Assimilation, d. h., sie versuchten die (französisch) gebildete Schicht des Landes zu Bürgern Frankreichs im kulturellen Sinn zu machen. Tatsächlich gab es für schwarze Guineer die Möglichkeit weitgehender Akzeptanz und Gleichberechtigung mit weißen Franzosen, sofern sie ihrer afrikanischen Wurzeln entsagten und die französische Kultur übernahmen. Allerdings investierte Frankreich selbst im Vergleich mit seinen übrigen afrikanischen Kolonien wenig in das Schulsystem des Landes, selbst afrikanische Angestellte der Kolonialverwaltung wurden überwiegend in den anderen französischen Kolonien Westafrikas rekrutiert.
Ein erster Schritt in Richtung Vertretung der einheimischen Bevölkerung in der Kolonialverwaltung wurde 1925 unternommen, der allerdings kaum mit konkretem Einfluss verbunden war. Dem Gouverneur von Guinea wurde ein Verwaltungsrat zur Seite gestellt, für den die französischen Siedler (die „colons“) und eine kleine Gruppe Einheimischer jeweils zwei Vertreter wählen durften. In den 20er und 30er Jahren kam es wiederholt zu Streiks von Arbeitern und Angestellten, durch die etwa die Dockarbeiter, Eisenbahner, Angestellte der Post und von Handelsgesellschaften gewisse Verbesserungen ihrer sozialen Lage erreichten. Vergleichbare Fortschritte für die bäuerliche Mehrheit gab es nicht.
Französische Kolonialzeit von 1939 bis 1958 Die Besetzung des französischen „Mutterlandes“ durch deutsche Truppen 1939 stellte einen Einschnitt für Französisch-Westafrika dar. Die französischen Kolonien mussten sich zwischen dem mit den Deutschen kollaborierenden Vichy-Regime und der Londoner Exilregierung Charles de Gaulles, also dem „Freien Frankreich“ entscheiden. Die Kolonialherren Französisch-Westafrikas – und damit Französisch-Guineas – entschieden sich im Unterschied zu Französisch-Äquatorialafrika für Vichy-Frankreich. Die Vichy-Anhänger in Guinea forcierten die Zwangsarbeit und führten im Einklang mit den rassistischen Gesetzen Nazideutschlands erstmals Elemente der Rassentrennung in Guinea ein. „Nur-für-Weiße-Schilder“ erschienen in Hotels und Cafés und afrikanische Kunden wurden in Geschäften getrennt bedient. Die Niederlage Deutschlands und damit Vichy-Frankreichs bedeutete auch eine Niederlage dieser rassistischen Linie französischer Kolonialpolitik.