mini|Der Gott Loki ist in der nordischen Mythologie ein durchtriebener Trickster

Trickster (englisch für ‚Gauner‘, ‚Betrüger‘ oder ‚Schwindler‘Langenscheidts Handwörterbuch) werden Figuren in der Mythologie oder Literatur genannt, die mit Hilfe von Tricks die Ordnung im (göttlichen) Universum durcheinanderbringen, aber auch kulturschöpferische Leistungen erbringen – gelegentlich geschieht dies unabsichtlich – oder die Schöpfung durch ihre Werke parodieren. Kennzeichnend sind ihre enorme Verwandlungsfähigkeit, ihre Undurchschaubarkeit und ihr Listenreichtum sowie ihr Grenzgängertum zwischen menschlicher und Geisterwelt und zwischen Diesseits und Jenseits.

Die Figur des Tricksters handelt in der Mythologie oft aus moralischen Gründen – er fungiert oft als Kulturheros,Matthew Bullen, Brian Collins, Noreen Doyle, Markus Hattstein, Rebecca Mak, Nana Oforiatta-Ayim: Mythen der Welt: Helden, Sagen und Symbole, Knesebeck-Verlag, 2010; darin insbesondere der Beitrag von Nana O Ayim. also jemand, der eine große Tat mit fundamentalen gesellschaftlichen Auswirkungen vollbringt, etwa indem er den Menschen den Ackerbau erklärt oder das Feuer bringt. Die typischen Trickster sind an ihrem zwiespältigen Charakter zu erkennen. Auf der einen Seite brechen sie die Regeln, um den Menschen Gutes zu tun, auf der anderen Seite jedoch auch, um Konflikte (meist zwischen den Göttern) zu provozieren.Rebecca Mak in Mythen der Welt, Knesebeck-Verlag Je nach Ursprungsmythologie werden sie als Tiergestalt, (Halb-)Götter oder Geister beschrieben.

Etymologie Trickster ist abgeleitet vom englischen Wort trick, das wiederum aus dem Französischen stammt: Das Mundartwort trique steht für „Betrug, Kniff“. Das französische Verb tricher bedeutet „beim Spiel betrügen, mogeln“. Seinen Ursprung hat tricher im vulgärlateinischen Verb triccare.Duden: Das Herkunftswörterbuch, Lemma Trick.

Im 19. Jahrhundert griff Benjamin Disraeli das Wort auf, um einen politischen Opponenten als Lügner zu bezeichnen. Im 20. Jahrhundert hat sich Trickster zu einem Terminus entwickelt, der Gestalten sowohl aus europäischen als auch außereuropäischen Kulturen beschreibt. Der Begriff bezeichnet eine göttliche oder mit übernatürlichen Eigenschaften ausgestattete Mythengestalt, die sich vor allem durch ihre Listigkeit, aber auch durch ihre Tölpelhaftigkeit auszeichnet; derartige Figuren haben sich weltweit in etlichen Formen ausgeprägt. Ins Deutsche wird der Begriff oft sinngemäß mit „Göttlicher Schelm“ übertragen. Die ethnologische Figur wurde erstmals 1868 von dem Mythensammler Daniel Garrison Brinton in seinem Buch Myths of a New World eingeführt.

In der heutigen deutschen Alltagssprache wird oft nur die Bezeichnung Trickser (ohne „t“) verwendet – im Sinne einer „Person, die Tricks anwendet“. Im Englischen gilt aber die Form Trickster für die Alltags- sowie die literarische Bedeutung.

Rezeption Paul Radin, Karl Kerényi und Carl Gustav Jung haben 1954 den Schelmen-Zyklus der Winnebago unter dem Titel Der göttliche Schelm veröffentlicht. Zum Schelm (und somit synonym zum Trickster) schreibt Radin in seinem Vorwort:Paul Radin, Karl Kerényi u. C.G. Jung: Der göttliche Schelm. Ein indianischer Mythen-Zyklus. Rhein-Verlag, Zürich 1954, S. 7.

C. G. Jung bezeichnete die Gestalt des Tricksters als „ein getreues Abbild eines noch in jeder Hinsicht undifferenzierten Bewußtseins, welches einer der tierischen Ebene noch kaum entwachsenen Psyche entspricht“;C. G. Jung: "Zur Psychologie der Tricksterfigur", GW 9/1: §465 er stelle somit eine „kollektive Schattenfigur“ dar.C. G. Jung: "Zur Psychologie der Tricksterfigur", GW 9/1: §484 Paradoxerweise ähnlich dem naiven „Dummling“ im Märchen oft zum Heil führend,C. G. Jung: "Zur Psychologie der Tricksterfigur", GW 9/1: §456 sei er mythologisch gesehen auch „ein Vorläufer des Heilbringers“C. G. Jung: "Zur Psychologie der Tricksterfigur", GW 9/1: §472:

Marie-Louise von Franz hob die listig-demaskierende und damit letztlich hilfreiche Funktion des Tricksters in Märchen hervor.Marie-Louise von Franz (1985): Der Schatten und das Böse im Märchen, Kösel-Verlag, München, ISBN 3-466-34107-8, S. 28. Psychologisch gesehen agiere die Trickstergestalt oft als ein Verwirrung stiftender Spiegel eines ungut-tricksterhaft eingestellten Bewusstseins:Marie-Louise von Franz (1985): Der Schatten und das Böse im Märchen, Kösel-Verlag, München, ISBN 3-466-34107-8, S. 274 sodass der betrügerische Mensch sich am Ende selber betrogen sieht.

So viele Bemühungen es auch geben mag, eine „Trickster-Kategorie“ zu beschreiben, so widersprechen sie in ihrer Beschränktheit doch der Idee der Trickster-Figur an sich, wie William J. Hynes treffend schildert:

Charakterisierung Ich bin der Geist der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist werth daß es zu Grunde geht; / Drum besser wär’s daß nichts entstünde. / So ist denn alles was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz das Böse nennt, / Mein eigentliches Element. — Mephistopheles; Zitat aus: Johann Wolfgang von Goethe – Faust. Eine Tragödie

Der Trickster ist eine stark ambivalente Figur. Er verkörpert das Prinzip der Vereinigung von Gegensätzen und steht in dieser Hinsicht dem Selbst nahe. Er ist weder gut noch böse, er ist listenreich und zugleich ein Tölpel. In jeder Facette seines Wirkens wird er zu einem Repräsentanten der Vieldeutigkeit des Lebens. Nach William J. Hynes (1993) können sechs grundlegende Charakteristiken festgestellt werden, die bei vielen Tricksterfiguren vorkommen, wobei aber nicht alle Eigenschaften bei einer Ausprägung vorhanden sein müssen:

Ambiguität (Zweiseitigkeit), Anomalie (Abweichung von der Norm) und Polyvalenz (Vieldeutigkeit) (siehe auch: Anpassungsfähigkeit) Betrüger und Falschspieler (Gaukler, Kartenspieler, Zauberer) Gestaltwandler, Meister der Verwandlung/Täuschung (Metamorphose) Umkehrer oder Veränderer einer Situation (Motivator, Revolutionär) Bote und/oder Imitator von Gottheiten „Bricoleur“ (franz. Bastler, Tüftler, Erfinder) – ein Terminus von Lévi-Strauss, s. a. Bricolage.

Der Trickster wird auch als Pechvogel oder Betrogener dargestellt. Er ist in jeder Beziehung gierig (und oft ungeduldig): nach Nahrung, nach Leben, nach Wissen und er besitzt eine enorme Libido. An die Ziele seiner Gier gelangt er meist durch Gewalt, List oder Betrug. So sind die Mythen des Tricksters nicht nur erheiternd, sondern können auch sehr brutal sein, wenn er zum Beispiel mordet, vergewaltigt, Kinder als Mahlzeit betrachtet oder experimentiert, ohne Rücksicht auf die Folgen.

Zur Psychologie der Tricksterfigur schreibt C. G. Jung:

Ein Mythologem im Theater

Die Bezeichnung Trickster führten amerikanische Anthropologen und Kultursoziologen zur Benennung eines Mythologems ein, das weltweit in zahlreichen Kulturräumen zu finden ist, vor allem jedoch bei den indigenen Völkern Nordamerikas eingehend studiert und analysiert wurde. Der Begriff erwies sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als widerstandsfähiger und flexibler als andere und wurde zu einem weltliterarischen Begriff für Überlieferung aller Zeiten und Regionen. Der Trickster ist oft ein zentraler Charakter in zahlreichen Schöpfungsmythen, meist handelt es sich dabei um orale Traditionen in Form von epischen Zyklen.

Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Name so viel wie Schelm, Schalk, Tölpel, Betrüger. Schon daran sieht man, dass der Trickster keineswegs als ein einheitlich zu definierendes Phänomen zu betrachten ist. So schreibt Michael Sakamoto im Kontext des japanischen butoh-Tanztheaters: „to speak of tricksters – especially supposed ‚real life‘ examples – is to confuse, convolute, and multiply diverge from any single definition.“Sakamoto, An Empty Room, S. 183.

Laut Walter Hirschberg kann der Trickster eine Art Gegenspieler der höchsten Wesen sein. Er handelt in ihrem Auftrag und wird dann meist für die Existenz des Übels und der Unvollkommenheit in der Welt verantwortlich gemacht. Paul Radin sieht im Symbol Trickster „vage Erinnerungen einer archaischen Vergangenheit, wo es noch keine klaren Unterscheidungen zwischen Göttlichem und Nicht-Göttlichem gab.“ Er betrachtet den Trickster als psychologisches Problem, als einen Versuch des Menschen, seine inneren und äußeren Probleme zu lösen.

Gemeinsam ist den Trickstern das Moment der Veränderung. Sie kennen keine Grenzen und entziehen sich allen Normen. Sie existieren nur, damit sie Grenzen überschreiten, neu konstruieren und schließlich zerstören können.

Wie sieht ein Trickster aus und wo kommt er her? Oft findet man ihn in Tiergestalt, meist verbunden mit der Fähigkeit, seine Gestalt zu wechseln und auch menschliche Gestalt anzunehmen. Doch auch der umgekehrte Fall lässt sich bei anderen Tricksterfiguren finden, welche primär menschlicher Gestalt sind – ein alter Mann oder schwaches Kind – und auch in Tiergestalt schlüpfen können. Auch kann er tierische oder menschliche Begleiter oder Geschwister haben. Seine Herkunft liegt meist im Dunkeln: Er kennt seine Eltern nicht, oft wird er von einem alten Mann oder einer alten Frau aufgezogen.

Wie kam die Figur des Tricksters als Mythologem an das europäische Theater der Neuzeit? Am deutlichsten sieht man das an lustigen Charakteren im Theater, die ihre direkten Vorfahren in den Trickstergestalten der Antike haben. Dazu zählen sowohl Hanswurst, Kasperl und Clown als auch Harlekin, Schelm, Petruschka und Pierrot. Auch die Figuren von Lazzi und Zanni der Commedia dell’arte fallen in diese Kategorie.

Als Narr und dummer Held taucht der Trickster im Mittelalter als Gaukler auf und spielt auch in den mittelalterlichen kirchlichen Bräuchen eine Rolle. Im 16. Jahrhundert erscheint der Trickster als lustige Figur dann in der profanen italienischen Komödie und ist seitdem aus der Theaterlandschaft nicht mehr wegzudenken. Ein passendes Beispiel ist Papageno, eine Figur aus Mozarts Zauberflöte. Dieser verteidigt im Gespräch mit Tamino voller Eifer seine Identität als Mensch, da er um seine Vogelgestalt weiß:

Auch ist er wie alle Trickster ein Vermittler, dazu bestimmt, eine Dualität zu überwinden. Er ist der buntgefiederte Schalk, der mit seiner Zauberwaffe des Glockenspiels zwischen den Mächten der Finsternis und des Lichtes laviert.

Der Begriff des Tricksters wird bei Gerda BaumbachBaumbach, Schauspieler. Historische Anthropologie des Akteurs. Band 1. Schauspielstile. unter anderem im Zusammenhang mit dem Comödien-Stil als Praxis des doppelten Ortes verwendet. Dieser Stil ist durch die „maximale Beweglichkeit“ und „Verschiebbarkeit“ sowie die Sprungfähigkeit zwischen „Fiktionsebene“ und „Realitätsebene“ geprägt.

In der Commedia dell’arte oder auch Commedia all’improviso (improvisierte Komödie), Commedia delle maschere (Maskenkomödie) und Commedia dei Zanni (Komödie der Diener), die im 16. und 17. Jahrhundert entstanden ist, gilt Domenica Radulescu zufolge die Improvisationsmöglichkeit und die Professionalität sowie Vorstellungskraft der Schauspielertruppen als wichtigstes Definitionskriterium. Diese Besonderheit der Improvisation wird auch von Theresa J. Faherty folgendermaßen beschrieben:

Erhard Schüttpelz, der sich in „Der Trickster“ primär auf Claude Lévi-Strauss’ Die Struktur der Mythen bezieht, sieht die wichtigste Funktion des Tricksters in der Vermittlung und der Überwindung der Doppeltheit bzw. der Dualität, indem die Tricksterfigur „von Figur zu Figur“ springt. Claude Lévi-Strauss beschreibt diese Polarität des Tricksters folgendermaßen:

mini|Caterina Biancolelli als Colombina (Kupferstich von Leroux, 1686)