mini|Herbert Spencerrahmenlos|hochkant|Signatur Herbert Spencers

Herbert Spencer (* 27. April 1820 in Derby; † 8. Dezember 1903 in BrightonPersonendaten gemäß Herbert Spencer, Biografie im Internet-Lexikon 50 Klassiker der Soziologie.) war ein einflussreicher Polyhistor und Systemphilosoph, der die seinerzeit aufgekommene Idee der Entwicklung zum ersten Prinzip der systematischen Erschließung sämtlicher wissenschaftlicher Gegenstandsbereiche erhob. Spencer galt zu seiner Zeit als „bedeutendster englischer Philosoph der Gegenwart“Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung vermeldet am 9. Dezember 1903: „London, 8.12.1903. Der Philosoph Herbert Spencer ist heute vormittag gestorben. (Herbert Spencer, der bedeutendste englische Philosoph der Gegenwart, 1820 zu Derby geboren, war zuerst Zivilingenieur, dann Journalist und wandte sich später ganz der philosophischen Schriftstellerei zu. Sein schon im Jahre 1860 begonnenes Hauptwerk ‚system of synthetic philosophy‘ wurde 1896 abgeschlossen. Red.)“. Er inspirierte etliche spätere Ikonen der Wissenschaftsgeschichte und leistete als Vordenker der Etablierung von Disziplinen wie Biologie, Psychologie und Soziologie Vorschub. Innerhalb dieser Disziplinen wurde er allerdings dann als akademischer Außenseiter selbst nicht mehr wissenschaftlich rezipiert und seit Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich mit dem Stigma des Sozialdarwinismus versehen.

Leben

Herkunft, Jugend und frühe Karriere als Ingenieur Spencer entstammt einer Lehrerfamilie aus dem religiösen Milieu protestantischer Nonkonformisten.Vgl. für unterschiedlich ausführliche Darstellungen der Biographie insgesamt Gaupp: Herbert Spencer, 1997, S. 11–46 (online), Peel: The Evolution of an Sociologist, 1971, S. 1–33, Francis: Herbert Spencer and the Invention of Modern Life, 2007, S. 17–108, Offer: Herbert Spencer and Social Theory, 2010, S. 27–136, sowie Richard Münch: Soziologische Theorie. Band 1., Grundlegung durch die Klassiker, Campus, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-593-37052-2, S. 21–51 („Die angelsächsische Tradition des Individualismus und Utilitarismus. Herbert Spencer“), hier S. 21–24. Wenn nicht anders angegeben, beruhen die Angaben im Abschnitt Leben auf diesen Quellen zuzüglich der Autobiographie. Die Großeltern gehörten allesamt zu den frühen Methodisten, denen es vorrangig auf eine eigenverantwortliche, sozial engagierte Lebensführung im Unterschied zu einer bloß formalen Konformität gegenüber der kirchlichen Autorität ankam.

Nachdem Spencer mit der in der lokalen Schule angewandten „mechanischen Lehrmethode“Spencer: Autobiographie, 1905, Bd. 1, S. 29. des Auswendiglernens nicht zurechtkam, besuchte er eine ursprünglich schon vom Großvater geleitete und dann von seinem Onkel William Spencer übernommene Schule. Der Unterricht richtete sich an den Anweisungen seines Vaters aus. Im Alter von 13 Jahren wurde er in die Obhut seines Onkels Thomas Spencer übergeben, einem in der Nähe von Bath ansässigen Pfarrer und vormaligen Lehrer, und von diesem im Heimunterricht beschult. Der Vater George Spencer vertrat die pädagogischen Ideen Johann Pestalozzis und entwickelte insbesondere ein neues Konzept der mathematischen Didaktik, für das sein Lehrbuch der Geometrie weithin bekannt wurde. mini|A Philosopher Lecturing on the Orrery (1766) von Joseph Wright of Derby. Verweist mutmaßlich auf 1762 in Derby von James Ferguson abgehaltene Vorträge. Zudem fungierte Spencer Vater als Sekretär der philosophischen Gesellschaft zu Derby, die von Erasmus Darwin (dem Großvater von Charles Darwin) 1783 gegründet worden war. Die „Darwinianer“ verkörperten eine in Derby bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts vorherrschende intellektuelle Atmosphäre der Aufklärung, welche durch das lokale Zusammenspiel von Industrialisierung und Nonkonformismus begünstigt wurde.Hierzu ausführlicher Peel: The Evolution of an Sociologist, 1971, S. 33–55 (Enthusiasts and Lunaticks). In diesem von begeisterten Amateurforschern und wissenschaftlichen Schaustellern, dem Zugang zu einer umfangreichen Bibliothek und zu wissenschaftlichen Zeitschriften geprägten Umfeld konnte der junge Spencer früh mit progressiven Ideen und zeitgenössischen wissenschaftlichen Debatten in Berührung kommen, ohne selbst je zu studieren oder auch nur eine einzige Prüfung zu absolvieren. Er blieb zeitlebens ein Autodidakt ohne jeglichen formalen Abschluss.

Auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive versuchte er sich im Alter von 17 Jahren zunächst für kurze Zeit auf Vermittlung seines Vaters hin als Hilfslehrer. Dann engagierte ihn der Eisenbahningenieur Charles Fox, ein Freund und ehemaliger Schüler des Vaters, als Assistent. Die sich hieran anschließende Laufbahn als Ingenieur umfasste Aufgaben wie Vermessung, Zeichnen, mathematische Berechnungen, Brückenbau und das Testen von Lokomotiven. Diverse Erfindungen wie ein „Velocimeter“Das Düsseldorfer Kreisblatt vom 06.02.1843 vermeldet auf Seite 3: „Der Engländer Herbert Spencer hat zur Berechnung der Schnelligkeit auf Eisenbahnen einen Velocimeter erfunden.“ Vgl. auch Civil Engineers and Architects' Journal, Juli 1842, S. 231 [deutsche Übersetzung] zur Berechnung der Geschwindigkeit von Lokomotiven (1842) brachten Spencer später den Ruf des „Ingenieur-Philosophen“ ein.So bspw. E. Burgstädt: Der Ingenieur-Philosoph, in: Illustrierter Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalender, 1925, S. 8–9.

Entwicklung zum politischen Journalisten und wissenschaftlichen Schriftsteller mini|Illustration zu Spencers Pflegebett in einem medizinischen Journal von 1867 Ab 1841 war Spencer nur noch gelegentlich in Eisenbahnprojekten beschäftigt, hegte aber weiterhin Ambitionen als Ingenieur, die sich noch 1866 in der Konstruktion eines Pflegebetts für seine kranke Mutter niederschlagen sollten. Unter anderem unterbreitete er seiner Heimatstadt ein Konzept zum Hochwasserschutz, entwarf Pläne zur Konstruktion eines Flugapparats und erfand eine (um 1846 zeitweise industriell produzierte) Papierklammer. Zunehmend verlegte er sich auch auf schreiberische Tätigkeiten. Für das Civil Engineer and Architect's Journal waren bereits einige Artikel zu technischen Problemen verfasst worden. Nun wandte sich Spencer verstärkt politischen Themen zu, engagierte sich in der Derbyer Bewegung zur Wahlrechtsreform und wurde in diesem Zusammenhang zeitweise Redakteur einer lokalen Zeitschrift (The Birmingham Pilot).

Insbesondere die 1843 in der Zeitschrift The Nonconformist sowie als Flugblatt veröffentlichten Briefe über The Proper Sphere of Government (Das angemessene Tätigkeitsfeld der Regierung) bezeugen die aus dem Familienumfeld übernommenen, politischen Grundüberzeugungen bezüglich eines schlanken Staats, denen Spencer Zeit seines Lebens treu blieb: Ökonomische Regulierung, Armenfürsorge, Bildungssystem und Staatskirche sollen zugunsten moralischer Eigenverantwortung und privater Wohltätigkeit auf ein Minimum reduziert werden. Anstelle von äußeren Zwängen und bürokratischer Steuerung wird auf die Verinnerlichung kultureller Werte gesetzt.

Von 1848 bis 1853 war Spencer in London als Redakteur der wirtschaftsliberalen Zeitschrift The Economist angestellt. Dort fand er Anschluss an den Umkreis des Verlegers John Chapman, zu dem intellektuelle Größen wie John Stuart Mill, Thomas Henry Huxley oder George Henry Lewes gehörten, mit denen Spencer sich anfreundete. Chapman publizierte nicht nur Ende 1850 Spencers erstes Buch Social Statics, das sich mit Fragen der politischen Philosophie befasst. 1851 übernahm er die Herausgeberschaft der einflussreichen Westminster Review und verpflichtete die progressive Zeitschrift einer evolutionistischen Programmatik, der zufolge Natur und kulturelle Institutionen gleichermaßen als Produkt „gradueller Entwicklung“ zu betrachten seien.Der Prospectus des neuen Verlegers verkündet: „The fundamental principle of the work will be the recognition of the Law of Progress … it will not be forgotten, that the institutions of man, no less than the products of nature, are strong and durable in proportion, as they are a product of a gradual development.“ Westminster Review 57, 1/1852, S. Iii-vi. Spencers im April 1857 in der Westminster Review erschienener Essay „Progress. Its Law and Cause“ lässt sich als philosophische Ausarbeitung dieses programmatischen Konzepts durch den Hausphilosophen der Zeitschrift verstehen. Mary Ann Evans (George Eliot) fungierte als (inoffizieller) Redakteur, Spencer steuerte zahlreiche Artikel zu Themen wie Fortschritt, Manieren und Moden, der Populationsentwicklung oder der Nebularhypothese bei, veröffentlichte zugleich aber auch in anderen Journalen wie The Leader Essays über Erziehung, Wissenschaftsgeschichte, Geologie, Physiologie, guten Schreibstil, Musik oder Schönheit.

Eine Erbschaft seitens seines Onkels William motivierte Spencer 1853, seinen Job als Redakteur zu kündigen und sich als Privatgelehrter ganz dem Schreiben zu widmen. 1855 erschienen die zweibändigen Prinzipien der Psychologie (in erweiterter Form später Bestandteil des Hauptwerks), in deren Folge Spencer nach eigener Auskunft durch Überanstrengung einen monatelangen Nervenzusammenbruch erlitt, von dem er sich zeitlebens nicht mehr gänzlich erholte. Er war seither bei jeder Tätigkeit schnell erschöpft, konnte Gesprächen kaum folgen und manchmal nur wenige Minuten am Tag an seinen Schriften arbeiten. Die genaue Art des ominösen NervenleidensHierzu etwa Peel: The Evolution of an Sociologist, 1971, S. 31–32. gab indes immer wieder Anlass zur Spekulation; das Spektrum der Diagnosen reicht von Überarbeitung, Sexualangst, Hypochondrie, Neurasthenie und extremer Kritikempfindlichkeit bis hin zu EpilepsieLetzteres behauptet Martin Raitiere: The Complicity of Friends: How George Eliot, G. H. Lewis, and John Hughlings Jackson Encoded Herbert Spencer’s Secret, Lewisburg 2012..

Arbeit am Lebenswerk als Systemphilosoph 1858 entwarf Spencer Pläne zu einem philosophischen System, deren Ausarbeitung er sich ab 1860 dann 36 Jahre lang fast ausschließlich widmete. Da die Erbschaft nahezu aufgebraucht war, wurde die Arbeit weitgehend per Subskription finanziert. Zu den knapp 500 Abonnenten zählten allerlei namhafte amerikanische und britische Wissenschaftler, beispielsweise der Biologe Charles Darwin oder der Philosoph John Stuart Mill.Eine Liste der ersten Subskribenten findet sich in Herbert Spencer: An Autobiography, 1904, Band 2, S. 564. Spencer lebte sparsam in bescheidenen Unterkünften, beschäftigte aber einen privaten Sekretär und verkehrte über Jahrzehnte regelmäßig im Londoner Athenaeum Club. Zudem wohnte er den von 1864 bis 1892 stattfindenden Treffen des wissenschaftlichen Freundeskreises X-Club bei, dem neben Spencer acht renommierte britische Wissenschaftler angehörten. Diese waren unter anderem für die Gründung der Zeitschrift Nature verantwortlich und hatten über Jahre den Vorsitz der Royal Society inne. mini|Spencers Arbeits- und Ruheraum in Brighton In Reaktion auf den Ersten Burenkrieg gründete Spencer 1881 eine Anti-Aggression-League und engagierte sich bis zu seinem Lebensende verstärkt gegen Militarismus und Kolonialismus. 1884 lehnte er eine ihm angebotene Kandidatur für das House of Commons ab. Von 1889 bis 1898 lebte er in St. John's Wood, Westminster in einer Wohngemeinschaft mit zwei jüngeren Damen, die später eine Reihe von Anekdoten verbreiteten, in denen Spencer als schrulliger Eigenbrötler erscheint.Siehe Two (Pseudonym): Home Life with Herbert Spencer, Bristol 1910. Seine letzten Jahre, ab 1898, verbrachte er in Brighton.

Werk mini|Spencer mit einem Band seines Werkes um 1900 Spencers umfangreiches Œuvre besteht neben dem zehnbändigen wissenschaftlichen Hauptwerk System der synthetischen Philosophie aus zahlreichen, später in drei Bänden zusammengefassten Essays zu unterschiedlichsten Themen, die oft in loser Weise mit der Leitidee der Entwicklung verknüpft bleiben. Hinzu kommen einige Schriften mit politischer Thematik sowie eine Einleitung in das Studium der Soziologie.