Dyskalkulie ist eine Beeinträchtigung des arithmetischen Denkens. Sie wird in der Fachsprache auch Arithmasthenie, im allgemeinen Sprachgebrauch auch Rechenstörung oder Rechenschwäche genannt. Die Abgrenzung der Begriffe Dyskalkulie, Rechenstörung und Rechenschwäche ist in der Literatur nicht eindeutig.
Allgemeines
Eine Dyskalkulie tritt bei fünf bis sieben Prozent der Weltbevölkerung auf.Brian Butterworth, Sashank Varma, Diana Laurillard: Dyscalculia: From Brain to Education. In: Science. Band 332, Nr. 6033, 2011, S. 1049–1053, doi:10.1126/science.1201536 (Review-Artikel, englisch)
Dyskalkulie sagt nichts über die Intelligenz des Betroffenen aus. Oftmals finden sich unter ihnen besonders begabte Menschen mit überdurchschnittlichem IQ.B. Butterworth: Foundational numerical capacities and the origins of dyscalculia. In: Trends in cognitive sciences. Band 14, Nummer 12, Dezember 2010, S. 534–541, . doi:10.1016/j.tics.2010.09.007. PMID 20971676. (Review). Ebenso wenig ist bei Dyskalkulie die Fähigkeit zur Beweisführung in der höheren Mathematik zwingend beeinträchtigt. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass arithmetische und mathematische Fähigkeiten voneinander getrennt sind. So kann es sein, dass ein Mensch mit Dyskalkulie Schwierigkeiten bei der Bearbeitung von arithmetischen Problemen hat, jedoch ohne Beeinträchtigung oder sogar mit einer Begabung abstrakte mathematische Probleme lösen kann.
Die Annahme der Unabhängigkeit von Intelligenz und Dyskalkulie hat auch in den medizinischen Diagnosesystemen ICD und DSM Eingang gefunden. Dies wird jedoch dahingehend kritisiert, dass bis heute noch nicht nachgewiesen werden konnte, dass die Ursachen und Förderungsmaßnahmen für Dyskalkulie mit normaler Intelligenz andere sind als für Rechenschwächen mit niedrigerer Intelligenz.D. Grube: Rechenschwäche. In: W. Schneider, M. Hasselhorn (Hrsg.): Handbuch der Pädagogischen Psychologie. 2008, S. 642–652.
Die Weltgesundheitsorganisation hat das Erscheinungsbild „Dyskalkulie“ in ihre internationale Klassifikation der Krankheiten aufgenommen.Rechenschwäche – Sind die Gene schuld oder die Lehrer? auf Sueddeutsche.de, abgerufen am 9. Dezember 2019
Die Frage, ob Dyskalkulie als Krankheit oder gar als Behinderung behandelt werden sollte, wird kontrovers diskutiert. Insbesondere Neurobiologen betonen, dass Prozesse, die im Gehirn beim Lesen, Schreiben oder Rechnen ablaufen, bei Betroffenen von einer Dyskalkulie anders ablaufen als bei anderen und dass diese „Fehlfunktionen“ von der WHO als „Krankheit“ bewertet würden. Die Dyskalkulie ist aufgrund der Einschätzung der WHO international als psychische Erkrankung anerkannt. Demnach handelt es sich um ein kompensierbares Verständnisproblem im arithmetischen Grundlagenbereich (Mächtigkeitsverständnis, Zahlbegriff, Grundrechenarten, Dezimalsystem), wobei die Betroffenen mit ihrer subjektiven Logik in systematisierbarer Art und Weise Fehler machen, die auf begrifflichen Verinnerlichungsproblemen beruhen, was im Prinzip durch gezielte Maßnahmen aufgelöst werden kann. Dabei lassen sich die Erscheinungen Nominalismus, Mechanismus und Konkretismus beobachten.
„Auflösbare“ Probleme bei Teilleistungsstörungen wie der Dyskalkulie sind aber ein Indiz dafür, dass keine Behinderung vorliegt. Denn nach Abs. 1 Satz 1 SGB IX liegt eine Behinderung nur dann vor, wenn aller Voraussicht nach die Störung sechs Monate nach ihrer Feststellung noch vorhanden sein wird. Dennoch behauptet eine Förderschule, es sei möglich, vom zuständigen Versorgungsamt für ein Kind mit der Diagnose Dyskalkulie einen Behindertenstatus zu erreichen, und zwar bis zu einem Grad der Behinderung von 50.Förderschule Sprungtuch GmbH Viersen: Behindertenausweise für Menschen mit Legasthenie und / oder Dyskalkulie. openpr.de, 20. April 2015
Das Verwaltungsgericht Hannover sieht in der Dyskalkulie keine Form der Behinderung. Es stellte in seinem Beschluss vom 10. Februar 2012 fest: „Schulische Teilleistungsstörungen (hier: Lese-Rechtschreibschwäche – LRS) stellen für sich genommen keine seelischen Störungen im Sinne des SGB VIII dar.“Verwaltungsgericht Hannover: Ein Anspruch auf Eingliederungshilfe bestehe erst dann, wenn eine Teilleistungsschwäche zu einer „sekundären Neurotisierung“ geführt habe.
Wolfram Meyerhöfer vertritt die These, dass „nicht der Kopf der Kinder […] das Problem“ sei.Wolfram Meyerhöfer: Legasthenie? Dyskalkulie? Nicht der Kopf der Kinder ist das Problem!. LegaKidsStiftung, 6. November 2015 Die Kategorien Legasthenie und Dyskalkulie dienten, so die LegakidsStiftung, die Meyerhöfers Ansicht verbreitet, nicht dazu, „um die damit verbundenen Lernphänomene zu verstehen, sondern um Fragen der Ressourcenzuweisung zu bearbeiten.“ Der Hintergrund dieses Verfahrens bestehe darin, „dass eine fachärztliche Bescheinigung Voraussetzung dafür ist, dem Kind in der Schule einen Nachteilsausgleich zu gewähren.“ Die LegaKidsStiftung warnt davor, Legastheniker als „krank“ oder „behindert“ einzustufen, da eine amtliche Bestätigung dieses Status die Betroffenen unangemessen stigmatisiere.Britta Büchner / Michael Kortländer / Birgit Werner / Nicole Robering / Friedrich Schönweiss: Legasthenie – eine Krankheit, eine Behinderung, eine Störung? Recht auf Bildung und individuelle Förderung statt Selektion und Stigmatisierung (PDF; 886 kB) legakids.de, 9. April 2013 Die Stiftung wird vom deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.Homepage von legakids.net Ihre Argumentation kann auch auf Schüler mit der Diagnose Dyskalkulie angewandt werden.
Dyskalkulie darf nicht mit dem Zahlenanalphabetismus verwechselt werden: Letzterer bezeichnet das rechnerische Unvermögen und die Schwäche, Sachverhalte in Zahlen darzustellen beziehungsweise zahlenmäßig dargestellte Sachverhalte zu verstehen.
Erscheinungen Nominalismus des Zahlbegriffs Unter Nominalismus des Zahlbegriffs soll die Zuordnung von Zahlname und Ziffer/Symbol ohne ausgebildeten Zahlbegriff als kognitive Basis verstanden werden. Dies bedeutet, dass Kinder die Zahlnamen und deren Reihenfolge auswendig kennen, die zu Grunde liegenden Quantitäten jedoch nicht mitdenken. Deshalb sind sie oft darauf angewiesen, Additionen und Subtraktionen rein zählend durchzuführen. Häufige Phänomene bei Nominalismus: Kinder verharren beim rein zählenden Operieren. Transferleistungen können nicht erbracht werden. Es wird stets neu abgezählt. Die Bewältigung mathematischer Aufgaben erfordert enorme Gedächtnis- und Konzentrationsleistungen, hohe Anstrengung, was schnell zu Erschöpfung führt. Berechnungen benötigen unverhältnismäßig viel Zeit. Es kommt nicht zu einer Verbesserung der Defizite durch beständiges und extensives Üben. Geübtes wird schnell wieder vergessen oder es wird inhaltsleer auswendig gelernt.
Mechanismus der Rechenverfahren Der Mechanismus der Rechenverfahren umschreibt die unreflektierte mechanische Bewältigung mathematischer Aufgaben ohne Verständnis der zu Grunde liegenden Verfahrenstechniken. Dies kann zum Beispiel bei der Anwendung schriftlicher Rechenverfahren oder beim Lösen sog. analytischer Aufgaben (Gleichungen mit Platzhaltern) beobachtet werden. Auffällig bei mechanischen Rechenverfahren sind: die Duldung sich widersprechender Ergebnisse nebeneinander: „offensichtliche“ Rechenfehler werden nicht erkannt. die Fehleranfälligkeit der Mechanismen bei komplizierteren oder geänderten Aufgaben. Abweichungen in der Aufgabe führen schnell zu Verwirrung bzw. zu falsch weitergeführten Mechanismen. die wahllose Verknüpfung von Größenangaben mit Operationen bei eingekleideten Aufgaben, um irgendwie zu einer Lösung zu gelangen. Die Aufgabe kann nur wortwörtlich wiedergegeben werden.
Konkretismus beim handelnden Operieren Unter Konkretismus beim handelnden Operieren wird das Verhaftetsein des Betroffenen am Veranschaulichungsmittel verstanden, wobei auch Finger zu den Veranschaulichungsmitteln zählen. In diesem Fall tritt das Veranschaulichungsmittel nicht in der Funktion auf, Anzahl in einer bestimmten Weise zu repräsentieren, vielmehr wird der handelnde Umgang mit dem Mittel für das eigentliche Rechnen gehalten. Bei konkretistischem Handeln sind häufig folgende Punkte zu beobachten: Berechnungen von mathematischen Aufgaben können ohne die Veranschaulichungsmittel nicht durchgeführt werden. Es wird fast ausschließlich auf vorgestellte oder plastische Zählhilfen zurückgegriffen. Veranschaulichungsmittel werden unökonomisch und kontralogisch verwendet.
Charakterisierung Diese drei Phänomene sind nicht getrennt zu sehen – vielmehr ergänzen sie einander, da hier Rechenschwierigkeiten von verschiedenen Betrachtungsebenen aus beschrieben werden. Nominalismus bezieht sich auf die begriffliche Seite, auf die unausgebildete kognitive Verinnerlichung der Stoffinhalte. Mechanismus beschreibt aus praktischer Sicht die unverstandene Umgangsweise mit den Rechenverfahren. Konkretismus schließlich bezieht sich auf den unreflektierten Einsatz der Veranschaulichungsmaterialien.
Insgesamt ist bei den Betroffenen das Fundament des mathematischen Verständnisses nicht oder nur sehr verschwommen vorhanden. Ein aufbauender mathematischer Gedanke kann nicht verstanden werden, weil die Grundlagen nicht zur Verfügung stehen. Jegliches Üben und Automatisieren ist hier vergeblich, da die Kerngedanken unerschlossen sind. Wenn z. B. Menge und Zahl mit gänzlich falschen Vorstellungen besetzt sind, kann die innere Logik des Stellenwertsystems nicht erarbeitet werden. In der modernen Förderpädagogik werden auch diejenigen Betroffenen berücksichtigt, deren Versagen auf unangemessene Beschulung, mangelnde Motivation und andere nicht-kognitive Faktoren zurückgeführt werden kann, da auch sie meist inhaltliche Defizite in Mathematik aufweisen.
Sind bestimmte Bedingungen des Lernens nicht erfüllt, müssen diese vorab hergestellt werden. Treten Anzeichen für außermathematische Beeinträchtigungen auf, wie zum Beispiel erhebliche psychische Probleme, gravierende sprachliche Defizite oder anderes, was ein diagnostisches oder lerntherapeutisches Gespräch unmöglich macht, ist dringend die Hilfe anderer Fachkräfte angeraten. Dies kann den mathematischen Lernprozess jedoch nicht ersetzen. Bei entsprechend diagnostizierten kognitiven Defiziten im rechnerischen Denken ist auch hier anschließend beziehungsweise begleitend eine angemessene mathematische Förderung nötig.
Kinder mit Dyskalkulie weisen sehr heterogene kognitive Profile auf (z. B. hinsichtlich der Arbeitsgedächtnisleistung, der Lesefähigkeit, der Aufmerksamkeit und unterschiedlicher mathematischer Fähigkeiten), sodass von der Existenz von abgrenzbaren Subtypen auszugehen ist.
Qualitative Diagnostik Für eine gezielte Hilfe müssen die Probleme des Betroffenen genau untersucht werden. Die Methode der Diagnostik von Rechenstörung beruht grundsätzlich auf einem Vergleich subjektiver Rechenleistungen und objektiver Anforderungen des mathematischen Gegenstandes in verschiedenen Zusammenhängen. Hierfür gibt es eine Reihe von standardisierten Tests. Diese Tests haben jedoch den Mangel, dass sie rein ergebnisorientiert sind, das heißt, sie grenzen die Fehleranalyse in hohem Maße ein, indem sie lediglich richtige von falschen Ergebnissen selektieren, anschließend quantifizieren und die so gewonnene Quote einem feststehenden Auswertungsschlüssel unterwerfen. Konkretistische Rechentechniken bleiben dabei gänzlich unbewertet. Derartige Diagnosen sind im Kern wie Klassenarbeiten und genügen insbesondere den Anforderungen einer auf lerntherapeutische Intervention ausgerichteten Testung nicht.Steffen (ZTR Halle-Leipzig) / Wieneke (ZTR Berlin) 1998