Die Begriffe Biologische Waffe, Biologischer Kampfstoff und Biologisches Agenz stammen aus dem Bereich der biologischen Kriegsführung. Obwohl sie häufig als synonym verwendet werden, unterscheiden sie sich in ihrer Bedeutung und ihrem Anwendungszusammenhang. Diese Unterscheidung ist insbesondere in sicherheitspolitischen, völkerrechtlichen und biosicherheitsrelevanten Kontexten von Bedeutung.mini|Biohazard, Symbol für Gefahren durch biologische Erreger

Biologische Waffen Eine Biologische Waffe bezeichnet ein Waffensystem, das ein oder mehrere Krankheitserreger oder biologische Gifte enthält und dazu bestimmt ist, Menschen, Tiere, Pflanzen oder auch militärisches Material (Ausrüstung, Fahrzeuge, Treibstoffe) zu schädigen oder zu töten. Dabei umfasst der Begriff sowohl den Wirkstoff (biologischer Kampfstoff) als auch die Technik zur Verbreitung (z. B. Sprengköpfe, Aerosolvorrichtungen). Biologische Waffen gelten völkerrechtlich als Massenvernichtungswaffen und sind durch die Biowaffenkonvention von 1972 international geächtet.

Biologische Kampfstoffe Als Biologischer Kampfstoff wird der eigentliche Wirkstoff innerhalb einer biologischen Waffe bezeichnet. Er besteht aus pathogenen Mikroorganismen (z. B. Bakterien, Viren, Pilzen) oder biologischen Giften, die gezielt dafür aufbereitet wurden um ausgebracht zu werden und im Zielobjekt Schaden, Krankheiten oder Tod hervorzurufen. Der Kampfstoff ist somit der zentrale Wirkanteil, der gezielt hergestellt worden ist um die Schadwirkung zu entfalten, ohne notwendigerweise bereits in eine Waffe eingebaut zu sein.

Biologische Agenzien Ein biologisches Agenz ist ein allgemeinerer Begriff, der jeden biologische Stoff bezeichnet, das eine Wirkung auf lebende Organismen ausüben kann. Dazu zählen Krankheitserreger wie Bakterien, Viren und Parasiten ebenso wie toxische Stoffwechselprodukte von Einzellern, Tieren oder Pflanzen. Der Begriff findet nicht nur im militärischen, sondern auch im medizinischen, ökologischen und biotechnologischen Kontext Verwendung. In Bezug auf biologische Waffen bezeichnet das Agenz den Grundstoff, der potenziell zu einem Kampfstoff aufbereitet werden kann.

Kategorisierung als potentieller Biologischer Kampfstoff Es existieren mehrere internationale Klassifikationen zur Kategorisierung und Gefährdungsbewertung potentieller biologische Kampfstoffe. Je nach Zielsetzung der die herausgebenden Organisationen werden dabei unterschiedliche Kriterien wie Gefährlichkeit, Verfügbarkeit, Verbreitungspotenzial, medizinische Behandelbarkeit und Bedrohungspotenzial herangezogen. Beispiele für solche Einteilungssysteme sind die „Bioterrorism Agent Categories“ der US Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die „Select Agent List“ des US Human Health Service (HHS) und des United States Department of Agriculture (USDA) oder die der NATO. Alle diese Einteilungssysteme dienen der Einschätzung der Gefahrenlage und der Vorbereitung entsprechender Schutzmaßnahmen aus der Sicht der jeweiligen Organisationen. Daher unterscheiden sie sich teilweise grundlegend in Struktur und Inhalten.

Die Einteilung des US CDC betrachtet insbesondere terroristische Gefahren potenzielle biologische Kampfstoffe aus Sicht des öffentlichen Gesundheitsschutzes und ordnet sie in drei Kategorien A, B und C, basierend auf dem Risiko für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Diese Einteilung fand in der Vergangenheit auch international Beachtung:

US CDC-KategorieMerkmaleBeispieleA – Höchste Priorität sind leicht ausbringbar (v. a. Aerosole) bzw. leicht von Mensch-zu-Mensch übertragbar verursachen schwerste Krankheitsbilder weisen hohe Letalität auf Ausbrüche können Panik und möglicherweise sozialen Unruhen auslösen erfordern besonderer Maßnahmen und Vorbereitung des Gesundheitsschutzes zur EindämmungBacillus anthracis als Erreger von Milzbrand

Botulinumtoxin aus Clostridium botulinum, das Botulismus verursacht

Yersinia pestis, der Erreger der Pest

Francisella tularensis als Erreger von Tularämie

Variola Virus, das klassische Pocken verursacht

Viren, die ein hämorrhagisches Fieber verursachen, darunter:

Arenaviren, die das Lassafieber oder Machupo-, Junin-, Guanarito- und Sabia-Hämorrhagisches-Fieber verursachen

Bunyaviren, die beispielsweise das Kongo-Krim-hämorrhagische Fieber und das Rift-Valley-Fieber verursachen Filoviren, die Ebola-Virus-Krankheit oder Marburg-Virus-Krankheit verursachenB – Zweite Priorität relativ leicht ausbringbar verursachen schwere Krankheitsbilder relativ geringe Letalität erfordern spezialisierte Diagnostik und eine verstärkte KrankheitsüberwachungBrucella-Arten als Erreger der Brucellose

Das Epsilon-Toxin von Clostridium perfringens, das eine Lebensmittelvergiftung verursacht

Salmonellen, Escherichia coli-0157:H7 und Shigella, die eine Lebensmittelvergiftung verursachen

Burkholderia mallei als Erreger von Rotz

Burkholderia pseudomallei als Erreger der Melioidose

Chlamydia psittaci, die Psittakose auslösen

Coxiella burnetii, das Q-Fieber auslöst

Rizin aus Ricinus communis (Wunderbaums), das je nach Art des Kontakts unterschiedliche Symptome hervorruft

Staphylokokken-Enterotoxin B, die eine Lebensmittelvergiftung durch Staphylokokken und je nach Art der Exposition andere Symptome verursacht

Rickettsia prowazekii als Erreger des Epidemischen Fleckfiebers

Alphaviren, die virale Enzephalitiden produzieren (zum Beispiel die venezolanische, östliche und westliche equine Enzephalitis)

Vibrio cholerae, das die Cholera hervorruft

Cryptosporidium parvum, das die Kryptosporidiose hervorruft C – Dritte Prioritätleichte Verfügbarkeit

möglicherweise einfach herzustellen und zu verbreiten

potenziell hohe Morbidität und Letalität könnten durch gentechnische Veränderungen in der Zukunft als mögliche biologische Kampfstoffe in Frage kommen könnten (z. B. Hanta- und Nipah-Virus)Nipah-Virus

Hantaviren

durch Zecken übertragene hämorrhagische Fieber (Viren)

durch Zecken übertragene Enzephalitis-Viren (FSME)

Gelbfieber-Virus

multiresistente Tuberkulose Die „Select Agent List“ des US Human Health Service (HHS) und des United States Department of Agriculture (USDA) fokussiert hingegen mehr auf die Regulierung des Umgangs mit insgesamt 63 potentiell gefährlichen Krankheitserregern und Biogiften im Rahmen der (universitären) Wissenschaft und Forschung.

Die NATO zählt in einem Standardisierungsdokument „AMedP-7.1, Medical Management of CBRN Casualties“ im Zusammenhang mit Gefahren durch Biologische Kampfstoffe allein 24 Agenzien mit militärisch operativer Bedeutung auf.

Eine weitere historische Kategorisierung ist der Begriff des „Dreckigen Dutzend“ (Dirty Dozen). Dieser Begriff bezeichnet eine Gruppe von zwölf biologischen Agenzien, die im Mittelpunkt der historischen offensiven Biowaffenprogramme der USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges standen. Die Bezeichnung lehnt sich an den gleichnamigen Kriegsfilm The Dirty Dozen (1967) an, wurde jedoch metaphorisch verwendet, um die zwölf bedrohlichsten Erreger und Toxine zu kennzeichnen, die für militärische Zwecke intensiv erforscht oder sogar waffenfähig gemacht wurden. +Biologische Agenzien des historischen „Dreckigen Dutzend“ Bacillus anthracis – Milzbrand (Anthrax) Variola major – Pocken Yersinia pestis – Pest Francisella tularensis – Tularämie Brucella spp. – Brucellose Clostridium botulinum (Toxin) – Botulismus Burkholderia mallei – Rotz Burkholderia pseudomallei – Melioidose Coxiella burnetii – Q-Fieber Marburg-Virus – Marburg-Virus-Krankheit Venezuelan Equine Encephalitis Virus (VEEV) – Venezolanische Pferdeenzephalitis Staphylococcus aureus Enterotoxin B (SEB) Genau diese zwölf biologischen Agnezien wurden wegen ihrer hohen Letalität, leichten Verbreitbarkeit und potenziellen Massenwirkung während des amerikanischen Offensive Biological Weapons Program (1943–1969) und des sowjetischen Biopreparat-Programms (ab den 1970er Jahren) waffenfähig gemacht und gelagert, bevor die Programme offiziell eingestellt wurden.

Der Begriff des „Dreckigen Dutzend“ hat heutzutage eher nur noch historische Bedeutung und wird gelegentlich als inoffizielle Sammelbezeichnung in sicherheitspolitischen und medizinischen Fachkreisen verwendet. Er findet sich auch in Diskussionen über Bioterrorismus und Rüstungskontrolle.

Übertragung/Infektionswege Die Übertragung der Bakterien, Viren und Toxine auf den menschlichen Körper kann im Extremfall über jeden Kontakt mit einem infizierten Material auftreten. Es gibt jedoch ebenso Erreger, die sich nicht von Mensch zu Mensch übertragen lassen, wie zum Beispiel Milzbrandbazillen. Erreger können praktisch in jeder erdenklichen Form aufgenommen werden, je nach Aufnahmeweg nehmen viele Kampfstoffe einen verschiedenen Krankheitsverlauf an. Mögliche Infektionswege sind:

Aerosole: Der wirkungsvollste und wahrscheinlichste Infektionsweg für einen Angriff mit biologischen Waffen erfolgt über Aerosole. Die Stoffe können so mittels Sprühvorrichtungen oder Explosionssprengkörpern ausgebracht werden. Bei der Verwendung von Explosivkörpern wird oft ein großer Teil der Erreger durch die entstehende große Hitze und den hohen Druck unschädlich gemacht. Etwaige Kühlvorrichtungen schaffen dabei nur eine geringe Steigerung der Wirksamkeit, weshalb sich Explosionskörper kaum für einen großflächigen Einsatz von Bioangriffen eignen. Wesentlich effektiver, jedoch auch unkontrollierbarer, sind Sprühvorrichtungen. Diese können an einem Flugzeug angebracht sein, wie sie heute schon bei Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft eingesetzt werden (Agrarflug), aber auch in kleinerer Ausfertigung wirkungsvoll sein, etwa als Sprühdose.Achim Schäfer: Bioterrorismus und Biologische Waffen. Gefahrenpotential – Gefahrenabwehr. Berlin 2002, ISBN 3-89574-465-4, S. 36.

Sonstige, eher sekundäre Infektionswege wären zum Beispiel: Tröpfcheninfektion: Krankheiten, die per Tröpfcheninfektion übertragen werden, sind in der Regel extrem ansteckend. Sie haben also den militärischen Vorteil, dass sie viele Menschen mit wenigen Erregern anstecken, jedoch den Nachteil, dass sie schwer einzudämmen sind, sobald sie erst einmal genügend Menschen befallen haben. Solche Krankheiten weiten sich sehr schnell zu Pandemien aus, Beispiele dafür sind Pest, Pocken, Ebola und andere hämorrhagische Fieber, aber auch Krankheiten wie Grippe oder Herpes simplex. Kontakt von Körperflüssigkeiten: Körperflüssigkeiten, die Krankheiten übertragen, sind vor allem Blut, Sperma, Vaginalsekret, Tränenflüssigkeit, Nasensekret und Speichel. Alle Krankheiten, die von Mensch zu Mensch übertragbar sind, lassen sich durch Körperflüssigkeiten übertragen, wobei sich die Art der übertragenden Körperflüssigkeit je nach Erreger unterscheiden kann. Orale Infektion: Solche Krankheitserreger werden zum Beispiel durch Aufnahme von infiziertem Fleisch oder Wasser aufgenommen. In diesem Fall nehmen die Krankheiten häufig vom Darm aus ihren Ausgang. Auf diese Weise können Erreger, die nur Tiere befallen, auf den Menschen übertragen werden. BSE ist ein bekanntes Beispiel hierfür. Tiere: Viele Tiere dienen in Form von Wirten oder Zwischenwirten als Überträger von Krankheiten. Bekannte Überträgertiere sind etwa Ratten, Milben oder Tierläuse für die Pest. Die Anophelesmücke ist bekannt als Überträger von Malaria. Medizinische Utensilien: Diese Übertragung, meistens über ungereinigte Nadeln, ist im Grunde nichts anderes als die Übertragung von Körperflüssigkeiten, kann jedoch einen anderen Verlauf nehmen, je nachdem, wo sich die Wunde befindet.

Geschichte Antike und Mittelalter