mini|Theodor Lipps Theodor Lipps (* 28. Juli 1851 in Wallhalben; † 17. Oktober 1914 in München) war ein deutscher Philosoph und Psychologe des späten 19. Jahrhunderts. Er galt als einer der Hauptvertreter des Psychologismus in Deutschlands und als einer der führenden Philosophen seiner Zeit. Er war Gründer des Psychologischen Institutes an der Universität München 1913. Lipps selber verstand sich als Phänomenologe.

Leben Lipps wurde als eines von drei Kindern des Pfarrers Karl Theodor Lipps und dessen erster Frau, der Pfarrerstochter Elise geb. Hoos geboren. Die Mutter starb als Lipps zwei Jahre alt war. Der Vater siedelte nach Rheingönheim über, dort war Lipps Schüler der Volksschule. Von 1861 bis 1864 besuchte Lipps in Korntal bei Stuttgart die Lateinschule. Im Anschluss wurde er Schüler des Herzog-Wolfgang-Gymnasiums in Zweibrücken. Hier bestand er mit 16 Jahren (1867) als Bester seines Jahrganges das Abitur. Lipps hatte einen Bruder, Gottlob Friedrich Lipps (1865–1931), der ebenfalls als Philosoph und Psychologe wissenschaftlich tätig war. mini|München, Friedrichstr. 4. Hier wohnte Lipps während seiner Münchner Zeit. Im Anschluss daran studierte Lipps von 1867 bis 1871 Theologie auf Wunsch des Vaters nacheinander in Erlangen, Tübingen und in Utrecht. Während seines Studiums wurde er 1868 Mitglied der christlichen Studentenverbindung Uttenruthia.Leopold Petri (Hrsg.): Mitgliederverzeichnis des Schwarzburgbundes. Vierte Auflage, Bremerhaven 1908, S. 64, Nr. 1373. 1872 legte er in Speyer sein theologisches Examen ab. In Tübingen hatte Lipps sein Interesse an den Ideen von Hegel und Schelling entdeckt. Hundert Jahre vor Lipps hatten sie zusammen mit Friedrich Hölderlin im Theologischen Stift gewohnt und gemeinsam für die Verbreitung obrigkeitswidriger Ideen der Französischen Revolution gesorgt.Thomas Assheuer: Die Gefährten. In: Die Zeit, Nr. 52/2007. Entgegen den Erwartungen seines Vaters und der Kirchenbehörde verweigerte Lipps nach seinem Examen die weitere Ausbildung zum Pfarrer und begann stattdessen in Utrecht Philosophie und Naturwissenschaften zu studieren.

1874 erwarb Lipps als Hospitant in Bonn mit einer Studie „Zur Herbartschen Ontologie“ den Doktorgrad. Seinen Lebensunterhalt bestritt er in diesen Jahren als Haus- und Gymnasiallehrer. 1877 habilitierte er sich in Bonn mit seiner Arbeit „Grundtatsachen des Seelenlebens“ bei Jürgen Bona Meyer für Philosophie. Weitere Infos zum Lebenslauf: Homepage der Geburtsgemeinde Wallhalben. Nach einem Lehrauftrag in Bonn (1877–1890) und einer Professur in Breslau (1890–1894) folgte er einem Ruf an die Universität von München (1894–1914), wo er zum Nachfolger von Carl Stumpf auf dem Lehrstuhl für Systematische Philosophie wurde. Zu seinen Schülern zählen der Philosoph und Soziologe Max Scheler, die Psychoanalytikerin Else Voigtländer und der marxistische Philosoph Ernst Bloch. Seit 1899 war er ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

1909 erkrankte Lipps und erholte sich nicht wieder. Er musste seine Tätigkeiten einstellen und starb 1914. Sein Wunsch war es gewesen, in München ein Institut für experimentelle Psychologie zu gründen. Bei seiner Berufung war ihm dies vom zuständigen Staatsministerium auch zugesagt worden. Ein Jahr bevor er starb, wurde das psychologische Institut eröffnet. Nach seinem Tod würdigte ihn die Philosophische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München so: „15 Jahre bis zum Auftreten einer besorgniserregenden Erkrankung hat LIPPS eine große und segensreiche, weithin bekannte und gerühmte Wirksamkeit entfaltet. … Wir haben in ihm eine führende Philosophengestalt, einen glänzenden Dozenten, einen zuverlässigen Kollegen und einen hervorragenden Vertreter aller Universitätsinteressen verloren.“Kurt Lukasczyk: Die Gründung des psychologischen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität München. Vortrag am 5. Dezember 2001 auf dem Gedenksymposium der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München anlässlich des 150. Geburtstages von Theodor Lipps.

Historischer Kontext Die Entstehung vor allem naturwissenschaftlicher Einzelfächer im 19. Jahrhundert an den deutschen Universitäten, veränderte das wissenschaftliche Selbstverständnis der bisher durch die Philosophie beherrschten Lehre und Forschung. Bisher waren philosophische und psychologische Forschungen an Universitäten in den Philosophischen Fakultäten angesiedelt gewesen. Die Psychologie wurde als ein Spezialgebiet der Philosophie angesehen. Philosophen, die sich an der Natur und den Naturwissenschaften orientierten und metaphysikkritische bzw. ametaphysische Auffassungen vertraten, – wie sie z. B. Avenarius, Dingler, Feuerbach, Herder, Mach, Marx, äußerten – suchten nach neuen Antworten. Sie erwarteten von der psychologischen Forschung neuartige Beiträge zur Lösung philosophischer Probleme, vor allem in der Erkenntnistheorie und in der Logik.

Im Zuge eines Aufschwungs der psychologischen Philosophie durch experimentelle Methoden – wie sie Wilhelm Wundt, Inhaber eines philosophischen Lehrstuhles, praktizierte – wurden philosophische Lehrstühle immer öfter mit Experimentalpsychologen besetzt. Diese Veränderungen hatten Konflikte zwischen Philosophen und Psychologen um die Inhalte und Methoden der Philosophie zur Folge. Im Jahr 1912 unterzeichneten dann auch zwei Drittel aller an deutschsprachigen Universitäten lehrenden Philosophen eine Erklärung, in der sie sich gegen eine weitere Besetzung philosophischer Lehrstühle mit Experimentalpsychologen aussprachen.Vgl. Kurt Lukasczyk: Die Gründung des psychologischen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität München. - Zu diesem Abschnitt auch : Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. 5. Auflage. Band 2. Leipzig 1919, S. 492–503;

Themen seines Philosophierens Lipps beschäftigte sich außer mit philosophischen und psychologischen Themen auch mit grundlegenden Fragen zur Aufgabe der wissenschaftlichen Philosophie und mit ihrer Funktion in Kooperation mit anderen Einzelwissenschaften. Die wissenschaftliche Philosophie verstand er als Geisteswissenschaft bzw. als Wissenschaft der inneren Erfahrung. Diese innere Erfahrung sollte durch Selbstbeobachtung und – wie im Institut von Wundt – mit experimentellen Methoden der Psychologie erforscht und dokumentiert werden. Die Einrichtung eines Psychologischen Institutes verzögerte sich. Lipps wollte ein umfassendes Wissen über die Bewusstseinstätigkeiten des Menschen sammeln. Er forschte dazu insbesondere auf dem Gebiet der psychologischen Ästhetik; das hieß zu Zeiten Lipps, er forschte über Wahrnehmungstheorien.Vgl. Lipps: Grundtatsachen des Seelenlebens, Einleitung. online

Von seinem philosophisch-psychologischen Schwerpunkt ausgehend entwickelte Lipps unter der Forderung nach einer „reinen Bewusstseinswissenschaft“ Ideen, die er der Metaphysik zuordnete. Noch nicht einmal die Naturwissenschaften kämen ohne Behauptungen aus, um die Lücken in der Erfahrung schließen, so meinte er. Er ging davon aus, dass „eine alles ordnende Vernunft“ als Bewusstseinstatsache von jedem Menschen erlebt werden kann. Er beschrieb sie näher als das Erleben des „Du-Solls“. Im Zusammenhang mit dieser Bewusstseinstatsache beschrieb er, dass das Konstruieren der Objekte 'Forderungen' an richtiges Denken stelle, die von überindividueller Qualität seien. Er sah im „Du-Sollst“ ein erlebbares Transzendentes, das er u. a. mit Wörtern wie 'absolutes Subjekt' bzw. 'reine Vernunft' bezeichnete. Diese bewusstseinsimmanente Tatsache ermögliche es Menschen, Wirklichkeit objektiv zu erkennen und zu gestalten.Philosophie und Wirklichkeit, S. 38f. – vgl. a. Max Frischeisen-Köhler, Willy Moog: Jahrbücher der Philosophie, Band 1, 1913, S. 219.

Lipps Schriften sind eine Fundgrube philosophischer Themen. Er bezog mit eigenen Ideen Stellung zu den philosophischen – u. a. phänomenologischen – Diskussionen seiner Zeit. Er erläuterte diese kompetent und kenntnisreich unter vielen Aspekten und gab Anregungen zum eigenen Weiterdenken. Dies entsprach auch der Art und Weise seines Lehrens. Eine Reihe seiner Veröffentlichungen entstanden in Anlehnung an seine Vorlesungsskripte. Seine Studenten beeindruckte er vor allem mit seiner Sachlichkeit, sowie schonungsloser Offenheit und Redlichkeit hinsichtlich eigener und fremder Sichten, weniger mit dem, was er lehrte. Unter diesen Studenten waren u. a. Karl Jaspers, Max Scheler und Ernst Bloch, die bei ihm authentisches Philosophierens schätzen gelernt hatten und für ihr eigenes Denken genutzt haben.Vgl. Roberto Poli: In Itinere: European Cities and the Birth of Modern Scientific Philosophy. Amsterdam 1997, S. 47. Der autodidaktische Architekt August Endell, ebenfalls Student bei Lipps, meinte noch in Studententagen, er stehe zwar auf einem anderen Standpunkt als Lipps, doch er könne viel von ihm lernen.Vgl. Helge David: An die Schönheit. August Endells Texte zu Kunst und Ästhetik 1896 bis 1925. Weimar 2008, S. 13.

Wissenschaft der inneren Erfahrung

Lipps definierte Philosophie neu. Er bezeichnete sie als Wissenschaft der inneren Erfahrung oder als Geisteswissenschaft. Innerhalb der historisch gewachsenen Bereiche der Philosophie, nämlich Psychologie, Erkenntnistheorie, Logik und Wissenschaft von der Wahrnehmung (Ästhetik) sollten grundlegende Zusammenhänge zwischen „Denken, Fühlen und Wollen“ untersucht und beschrieben werden. Auch metaphysische Fragen wollte er erörtern, so fern es sich ergebe, darüber zu reden. Die zentralen Objekte dieses Philosophierens sind „Vorstellungen, Empfindungen und Willensakte“. Sie unterscheiden sich von denen anderer Wissenschaften.

Die einzige Wirklichkeit, die Menschen unmittelbar kennen, ist die, die ihnen durch Gefühle und Empfindungen vertraut ist. Aus dem eigenen Erleben, mit Fühlen, Empfinden und Sehen verbunden, bilden Menschen in Beziehung zu den Dingen, auf die sie treffen, und den Erinnerungen an Erlebtes die jeweils eigene Welt. So kommen sie zusammen mit dem inneren Erleben der Bewusstseinstatsache 'Vernunft' zu Erkenntnissen und Urteilen, die sie zum Handeln befähigenVgl. Lipps: Philosophie und Wirklichkeit. Heidelberg (Carl Winter) 1908. 39 S. Edmund Husserl z. B. lehnte Lipps Ansatz ab und charakterisierte ihn als 'psychologistisch'. Aus Husserls Sicht waren innere Erfahrung und individuelles Erleben nicht geeignet, um eine wissenschaftliche Philosophie zu begründen. Er wollte vom „sachlichen Gehalt“ und der 'Wesensschau' ausgehen. Anhand logischer Analysen – vor allem mathematischer Urteile – wies er darauf hin, dass die Psyche sich nach einer gegebenen Objektivität zu richten habe und nicht die Objektivität nach der Psyche, wie Lipps in seinen Studien feststellte.Vgl. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, Band II. Frechen o. J., S. 595–597.

Im Unterschied zu Wundt wollte Lipps Forschungsergebnisse seiner Wissenschaft der inneren Erfahrung unabhängig von augenblicklichen physiologischen Forschungsergebnissen betrachten, ohne auf den Dialog mit den Physiologen zu verzichten. Beide Wissenschaften sollten sich gegenseitig anregen.

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