Intoleranz (Originaltitel: Intolerance) ist ein Spielfilm von David Wark Griffith aus dem Jahre 1916 mit pazifistischer Grundtendenz. Er gilt als Meilenstein der Filmgeschichte und als Meisterwerk des Stummfilms, einerseits wegen des enormen Produktionsaufwands, andererseits wegen wegweisender formaler, technischer und inhaltlicher Innovationen. Gleichwohl wurde der bis dahin teuerste Film der erste Flop der Filmgeschichte im Millionen-Dollar-Bereich.

Der Film behandelt vier Episoden, die in verschiedenen Epochen spielen und nicht nacheinander, sondern abwechselnd gezeigt werden. Die jüngste und aktuellste Geschichte wurde 1919 nochmals unter dem Titel „Intoleranz 2. Teil, Triumph der Liebe“ (Originaltitel: The Mother and the Law) in die Kinos gebracht, die babylonische Episode im selben Jahr unter dem Titel „The Fall of Babylon“.

Handlung

Der Film besteht aus vier ineinander verwobenen Handlungssträngen, die jeweils durch das Thema der menschlichen Intoleranz verbunden sind. Es wird gezeigt, welche schrecklichen Folgen die Intoleranz in allen Formen in der Menschheitsgeschichte schon von jeher hatte. Die einzelnen Zeiten sind symbolisch durch die Gestalt einer „ewigen Mutter“, nach einer Vorlage von Walt Whitman, die beständig eine Wiege schaukelt, verknüpft. Immer schneller wird im Verlaufe des Filmes zwischen den einzelnen Episoden des Filmes gewechselt.

Babylon-Episode Die längere antike Episode hat den Fall Babylons im Jahre 539 v. Chr. zum Thema. Der junge Herrscher Belsazar, Sohn von König Nabonid, und seine Geliebte, The Princess Beloved, beten die Göttin Ischtar an und brechen damit mit alten Traditionen. Als Ischtars Statuen in die Stadt hineingeholt werden, verärgert das die religiös intoleranten Priester des bisher ausschließlich verehrten Gottes Bel. Die Priester fürchten um ihren Einfluss und intrigieren gegen den König. In der Folge unterstützen die Priester die Eroberung Babylons durch den gefährlichen Perserkönig Kyros (Cyrus). Ein erster Angriff des Kyros misslingt, doch als die Babylonier nach der Schlacht schon im Übermut den Sieg feiern, werden sie von den Priestern verraten. Durch ihre Informationen sieht Kyros seine Chance gekommen und greift erneut an. Diesmal wird das feiernde Babylon von Kyros' Armee völlig überrascht und muss sich nach einer ungleichen Schlacht geschlagen geben. Belsazar und The Princess Beloved begehen Selbstmord.

Die Episode wird vom Schicksal des sogenannten Mountain Girl bestimmt, einer jungen Bewohnerin von Babylon. Sie lehnt die Avancen aller Männer ab, darunter auch die von The Rhapsode, einem Dichter im Dienste des Hohepriesters von Bel. Der Bruder des Mountain Girl ist intolerant gegenüber dem Verhalten seiner Schwester und schleppt sie gegen ihren Willen zum Heiratsmarkt. Als Belsazar zufällig vorbeifährt, stellt er sich auf Mountain Girls Seite. Sie selbst könne frei entscheiden, ob sie heiraten wolle oder nicht, verkündet Belsazar. In tiefer Liebe und Dankbarkeit verehrt das Mountain Girl nun Belsazar und kämpft mit seiner Armee auch gegen die Perser. Sie beobachtet auch das Treffen der tückischen Priester von Bel mit Kyros und reitet zurück, um Belsazar von dem Verrat zu berichten. Dieser zweifelt an ihrer Geschichte, muss sich jedoch eines Besseren belehren lassen, als die Stadtmauern fallen. Das Mountain Girl stirbt neben ihrem König im Kampf. The Rhapsode, der immer noch in das Mountain Girl verliebt ist, musste unterdessen seinen Herrn, den Hohepriester von Bel, zu Kyros begleiten, ohne dass er dabei vom Verrat der Priester wusste. Doch letztlich schwört auch The Rhapsode den Eid auf den neuen Herrscher Kyros.

Jesus-Episode Die kurze biblische Episode spielt um das Jahr 30 n. Chr. in Judäa und zeigt zunächst die Wunder, die Jesus vollbringt, etwa auf der Hochzeit zu Kana. Jesus verteidigt die Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll, gegen die Intoleranz seiner Mitmenschen. Letztlich führt die Intoleranz eines Teils der Pharisäer gegenüber Jesus zu dessen Kreuzigung.

Bartholomäusnacht-Episode Der religiöse Konflikt im Frankreich der Renaissancezeit zwischen katholischen Herrschern und den protestantischen Hugenotten ist das Thema der dritten, vergleichsweise kleinen Intoleranz-Episode. Der schwächliche König Karl IX. steht unter dem Einfluss seiner Mutter Caterina de’ Medici. Gleichzeitig baut der junge König aber auch gute Beziehungen zu den Hugenotten auf. Caterina de’ Medici, politisch und religiös intolerant, sorgt für die Ermordung der Protestanten während der Bartholomäusnacht im Jahre 1572 in Paris. Letztlich kann sie auch ihren Sohn mithilfe anderer Adeliger überreden, die Anordnung zur Verfolgung der Hugenotten zu unterschreiben. Es kommt zu einer blutigen Nacht, auch die Hugenottin Brown Eyes mit ihrer Familie ist betroffen. Sie hat als Verehrer einen brutalen Soldaten, der sie retten könnte, doch verweigert sie sich diesem, sodass der Soldat sie schließlich umbringt. Ihr anderer Verehrer Prosper Latour, ein Nicht-Hugenotte, ist über den Tod von Brown Eyes so verzweifelt, dass er die Soldaten angreift und selbst erschossen wird.

Moderne Episode Die umfangreiche zeitgenössische Episode spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen der Vereinigten Staaten. Die wohlhabende Mary T. Jenkins ist eine verbitterte alte Jungfer, die von einer sogenannten Wohlfahrtsorganisation als Spenderin angeworben wird. Deren Mitglieder, die Uplifters, stehen für moralischen Puritanismus, der in Gestalt der „Wohlfahrtsorganisationen“ den Lebensstil des Durchschnittsamerikaners durch Verbote neu definieren will. Die Uplifters sind in Wahrheit intolerant gegenüber Jugend, Gelächter und Tanz. Miss Jenkins spendet soviel Geld an die Wohlfahrtsorganisationen, dass ihr Bruder, der Fabrikant Mr. Jenkins, die Löhne für die Arbeiter um 10 % senkt, um keine Gewinneinbußen zu erleiden. Der rücksichtslose Kapitalismus bringt die Fabrikarbeiter auf die Barrikaden, die Streikenden werden von Jenkins entlassen und durch neue ersetzt oder – noch schlimmer – von Polizisten bei Demonstrationen erschossen. Viele Fabrikarbeiter müssen nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes in ein Armenviertel ziehen, darunter auch die Heldin Little Dear One sowie ihr Vater, der den Umzug aus dem einstmals bescheidenen, aber glücklichen Leben nicht verkraftet und bald darauf stirbt. mini|Intolerance Auch The Boy war ehemals Fabrikarbeiter und lässt sich nun durch Arbeitslosigkeit wie viele andere zur Kriminalität verleiten. Er trifft auf Little Dear One und verliebt sich in sie, doch diese will ihn nicht ohne Heirat in ihr Schlafzimmer lassen. Der Junge heiratet Little Dear One und versucht ihretwegen, seinem kriminellen Umfeld zu entkommen. Doch sein ehemaliger Gangsterboss, Musketeer of the Slums, rächt sich am Jungen, indem er ihm eine Tat anhängt und ihn so unschuldig hinter Gitter bringt. Unterdessen muss Little Dear One das gemeinsame Baby als alleinerziehende Mutter ernähren. Die Wohlfahrtsorganisation wird darauf aufmerksam und nimmt der jungen Frau ihr Kind weg: Es wird ihr vorgeworfen, eine schlechte Mutter zu sein. Der Musketier der Slums hilft zwar Little Dear One in ihrer Armut, doch nicht ohne Hintergedanken: Sie soll mit ihm schlafen. Auch der Junge gerät nach seiner Entlassung wieder in die Abhängigkeit seines alten Bosses. Als der Musketier der Slums in die Wohnung des Mädchens eindringt und sie offenbar vergewaltigen will, wird er aber von seiner verschmähten Geliebten, The Friendless One, erschossen, einerseits aus Eifersucht, andererseits aus alter Dankesschuld der Mörderin dem Jungen gegenüber.

Doch der Junge wird nun als scheinbarer Täter verhaftet, für schuldig erklärt und vom Gericht zum Tode verurteilt. Little Dear One und The Kindly Officer, ein freundlicher Polizist, versuchen den Fall aufzuklären und entdecken Hinweise darauf, dass es sich beim Jungen nicht um den Täter handelt. Doch der Gouverneur will das Todesurteil nicht aufheben. Die Mörderin The Friendless One wird vom schlechten Gewissen geplagt und gesteht schließlich gegenüber Little Dear One und dem freundlichen Polizisten die Tat. Mit größter Mühe können sie den im Zug sitzenden Gouverneur einholen, der das Todesurteil nun aufhebt. In letzter Minute wird der Junge vor seiner Hinrichtung gerettet und ist endlich wieder mit seiner Frau vereint.

Epilog Das Ende des Films zeigt Kriegshandlungen, die keiner der Episoden zugehören. Sie stellen den andauernden Ersten Weltkrieg dar. Eine Zwischeneinspielung mit elegischen Bildern beendet den Krieg. Sie drückt die Hoffnung auf eine Versöhnung im Frieden und das Ende der Intoleranz aus.

Hintergründe Vorgeschichte mini|D. W. Griffith (1919) David Wark Griffith konzipierte den Film um ein bereits gestartetes Projekt – die moderne Episode – herum, nachdem er sich wegen seines Filmes Die Geburt einer Nation (1915) dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt sah. Die Geburt einer Nation war zwar der bis dahin kommerziell erfolgreichste Kinofilm gewesen und gilt bis heute als filmhistorischer Meilenstein, doch erhielt er bereits damals auch viel Kritik: Denn Die Geburt einer Nation rückt gleichzeitig den Ku-Klux-Klan in ein sehr positives Licht und propagiert offenen Rassismus. Das erklärte Ziel von Griffith bei der Herstellung von Intolerance war es, die Kritik an Die Geburt einer Nation als eine Form der Intoleranz zu entlarven und diese als Grundeinstellung des Menschen und historisch immer wiederkehrende Triebfeder menschlichen Handelns darzustellen. Fälschlicherweise wird der Film aber dennoch bis heute häufig als Entschuldigung Griffiths für Die Geburt einer Nation gewertet.

Griffiths langjährige Vertraute und Hauptdarstellerin, Lillian Gish, schreibt in ihrem Buch The Movies, Mr. Griffith and Me von 1969: „In der Literatur hat man immer wieder behauptet, Mr. Griffith sei der große Schaden klar geworden, den er mit der Produktion von The Birth of a Nation angerichtet habe. Intolerance müsse als Rechtfertigung verstanden werden. Solche Annahmen sind völlig falsch. Mr. Griffith hatte keineswegs das Gefühl, dass sein Film Schaden angerichtet habe. Er hatte erzählt, was er für die Wahrheit des Bürgerkriegs hielt – so, wie es ihm von denen berichtet worden war, die den Konflikt miterlebt hatten. Er sah keinen Grund, sich für diesen Film zu rechtfertigen. Mit Intolerance antwortete er im Gegenteil und auf seine Art denen, die er für bigott hielt.“

In der modernen Episode, die in der damaligen Gegenwart spielt, brachte Griffith – ein Vertreter des Realismus im Film – das aktuelle Thema von Arbeiterunruhen und Streiks zur Sprache. Für den in Intoleranz gezeigten Arbeiterstreik mit tödlichem Ausgang diente das Ludlow-Massaker von 1914 als reales Vorbild. Die Figur des Unternehmers Jenkins wurde John D. Rockefeller nachempfunden, der ähnlich wie Jenkins im Film ebenfalls eine Wohlfahrtsorganisation gegründet hatte und auch in das Ludlow-Massaker involviert war. Einen weiteren Bezug zur damaligen Lage kann man in den Schlussszenen erkennen, wo der Film für ein Ende des Ersten Weltkrieges plädiert. Das war auch im Einklang mit den pazifistischen Einstellungen von Griffith. Nach dem Kriegseintritt der USA 1917 sollte Griffith sich jedoch so beeinflussen lassen, dass er den Propagandafilm Hearts of the World (1918) drehte, was er Jahrzehnte später wieder bereute.

Besetzung