mini|300px|Die Heilbronner Synagoge um 1900 von Norden. Rechts die der Allee zugewandte Fassade.

Die Heilbronner Synagoge war die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Heilbronn. Das an der Allee aus Heilbronner Sandstein errichtete Gebäude des Stuttgarter Architekten Adolf Wolff wird als Höhepunkt der neo-orientalischen Stilphase im Synagogenbau angesehen.Hahn/Krüger, Teilband 1, S. 152 Es wurde 1873 bis 1877 erbaut, während der Novemberpogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 („Reichskristallnacht“) durch Brandstiftung zerstört und Anfang 1940 abgerissen. Heute erinnern ein Gedenkstein und eine Skulptur an die Synagoge.

Lage und Umgebung mini|180px|Lageplan der südlichen Allee Ende der 1930er-Jahre

Die Synagoge wurde 1873 bis 1877 an der seinerzeit noch spärlich bebauten Ostseite der südlichen Allee errichtet, jenseits der ursprünglichen Stadtgrenzen Heilbronns.Sofern nicht anders ausgewiesen, folgt der Abschnitt zu Lage und Umgebung dem WerkRoland Reitmann: Die Allee in Heilbronn. Funktionswandel einer Straße. Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1971 (Kleine Schriftenreihe des Archivs der Stadt Heilbronn, 2); dort besonders S. 21 bis 23 sowie den beiliegenden Karten zur Allee in den Jahren 1879, 1911 und 1939. Das nördlich angrenzende Grundstück an der Titotstraße war noch unbebaut, auf dem Nachbargrundstück im Süden hatte 1867 ein Arzt die nach ihm benannte Villa Gfrörer im italienischen Landhausstil errichten lassen. Zur Zeit der Zerstörung der Synagoge 1938 beherbergte diese Villa die Frauenklinik Kahleyss.Reitmann, S. 28, und Franke (s. Literatur), S. 125 Zur selben Zeit wie die Synagoge, die das dominierende Gebäude an der südlichen Allee war, entstand an der mittleren Allee die (alte) Festhalle Harmonie. Zwischen Synagoge und Harmonie befand sich nur ein weiteres Gebäude an der Ostseite der Allee, der Rest der Grundstücke war noch unbebaut. Der östliche Teil des Synagogengrundstücks zur Friedensstraße (heute Gymnasiumstraße)Die Straße hieß zunächst Schafhausweg, ab 1867 Schafhausstraße, ab 1871 Friedensstraße. 1948 wurde sie in Gymnasiumstraße umbenannt. Quelle: Gerhard Schwinghammer und Reiner Makowski: Die Heilbronner Straßennamen. 1. Auflage. Silberburg-Verlag, Tübingen 2005, ISBN 978-3-87407-677-7. S. 88 hin blieb unbebaut.Oskar Mayer gibt in Die Geschichte der Juden in Heilbronn, Heilbronn am Neckar 1927, auf S. 65 den „Erwerb eines Bauplatzes zwischen Allee und Friedensstraße“ an. Die amtlichen Stadtpläne Heilbronns von 1925 und 1938 weisen den hinteren Teil des Grundstücks als unbebaut aus. Erst 1949 wird dieser Teil bebaut (s. im Abschnitt Abriss der Ruine und weiteres Schicksal).

Die Adresse der Synagoge lautete Obere Allee 14. Erst 1899 entstand aus den vier Straßen Obere Allee, Untere Allee, Obere Alleestraße und Untere Alleestraße unter Neunummerierung der Häuser eine einzige Straße, die Allee. Die Synagoge erhielt die Adresse Allee 4.

Die Ostseite der Allee wurde nach und nach bebaut. Für das nördliche Nachbargrundstück der Synagoge an der Ecke Allee/Titotstraße (Allee 6) stellte die Oberpostdirektion am 15. März 1928,Friedrich Dürr, Karl Wulle, Willy Dürr, Helmut Schmolz, Werner Föll: Chronik der Stadt Heilbronn. Band III: 1922–1933. Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1986 (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn, 29). S. 333 über 50 Jahre nach Errichtung der Synagoge, Pläne für einen Neubau der Heilbronner Hauptpost vor, der das alte Hauptpostgebäude am Neckar ersetzen sollte. Der fünf Stockwerke hohe moderne Neubau hätte die Sicht auf die Synagoge verstellt. In Gesprächen zwischen Post, Israelitischer Kirchengemeinde und Stadtverwaltung konnte erreicht werden, dass die Post den Neubau um zwei Meter nach hinten versetzte, auf einen Vorbau verzichtete und die Dächer flach hielt, so dass die Synagoge auch nach Einweihung des neuen Postgebäudes am 20. Februar 1931Dürr u. a.: Chronik der Stadt Heilbronn III. S. 518 weiterhin zur Geltung kam.Zum Postneubau s. Krüger/Hahn (s. Literatur), Teilband 2, S. 192, sowie weitgehend textgleich den Text zur Heilbronner Synagoge bei alemannia-judaica.de (s. Weblinks).

Die neuen Machthaber benannten die Allee 1933 in Adolf-Hitler-Allee um,Makowski/Schwinghammer: Die Heilbronner Straßennamen. S. 23 so dass die Adresse der Synagoge bis zu ihrer Zerstörung 1938 und dem Abbruch 1940 nun Adolf-Hitler-Allee 4 lautete. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes bekam die Allee 1945 wieder ihren ursprünglichen Namen.

Am 19. Juli 1928 beschloss der Heilbronner Gemeinderat, den privaten Verbindungsweg zwischen Allee und Friedensstraße, der südlich der Synagoge verlief, ins Eigentum der Stadt Heilbronn zu übernehmen und zu verbreitern. Da er bei der Einwohnerschaft schon seit langem als Synagogengässchen bekannt war, nannte man ihn Synagogenweg.Dürr u. a.: Chronik der Stadt Heilbronn III. S. 352 Im Gegensatz zur Allee ist über eine Umbenennung des Synagogenwegs (der keine Hausnummern hat) zur NS-Zeit nichts bekannt.Makowski/Schwinghammer: Die Heilbronner Straßennamen. S. 196 1929 erschien er im Heilbronner Adressbuch, auch im Adressbuch 1934 war er noch enthalten. Im letzten Adressbuch der NS-Ära 1938/39 fehlte er. Auch in den Adressbüchern und Stadtplänen der Nachkriegszeit fehlte der Synagogenweg lange Zeit. Erst nach 1982 wurde er wieder in den Stadtplan von Heilbronn und in das Heilbronner Adressbuch eingetragen.Zum Synagogenweg in den Heilbronner Adressbüchern: Hans Georg Frank: Synagogenweg in Heilbronn – Auch ohne Schild nie vergessen. In: Heilbronner Stimme vom 8. Dezember 1982 (Nr. 282), S. 10

Architektur und Einrichtung Die zweistöckige, aus Heilbronner Sandstein erbaute Synagoge griff in ihrer Erscheinungsform vor allem orientalische, im Inneren aber auch europäische Stilelemente aufDie Baubeschreibung folgt im Wesentlichen: Hannelore Künzl: Islamische Stilelemente im Synagogenbau des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (s. Literatur), S. 334 bis 337. Ergänzend wurde Franke (s. Literatur), S. 73 bis 75, verwendet. und wird als Höhepunkt der neo-orientalischen Stilphase im Synagogenbau angesehen. Sie war grundsätzlich wie eine Kirche erbaut, aber durch Verwendung orientalischer Bauformen zu einer Synagoge umgestaltet.Künzl, Islamische …, S. 370 Wie manche mittelalterlichen Kirchen verfügte die Synagoge über eine Doppelturmfassade mit großer Fensterrose. Die Kuppeln waren der indischen oder persischen Baukunst entlehnt, auch maurische Stilelemente wurden verwendet, wogegen das Maßwerk der Fenster eher an Bauformen der Gotik gemahnte.Künzl, Islamische …, S. 336

Die Synagoge war etwa 35 m lang, 21,5 m breit und einschließlich Hauptkuppel etwa 38 m hoch.Maße (einschließlich der Außentreppen) gemäß den Grundrissen und der Ansicht in Architektonische Studien. Stuttgart, Wittwer. H. 57, Bl. 2, und H. 60, Bl. 1 (etwa 1877) Sie war entlang einer Nordwest-Südost-Achse ausgerichtet; die der Allee zugewandte Vorderfassade befand sich im Nordwesten. Ihr Grundriss nahm eine Zwischenstellung zwischen einem Zentralbau und einem Langhaus ein.Künzl, Islamische …, S. 283 Der Bau wurde daher sowohl als Zentralbau mit Seiten-ChörenFranke, S. 73 als auch als dreischiffiger Langbau mit Mittel- und SeitenschiffenHahn/Krüger, Teilband 2, S. 192 beschrieben oder auch dem Typus der Langhaussynagoge mit Kuppel und ZweiturmfassadeHannelore Künzl: Jüdische Kunst. Von der biblischen Zeit bis in die Gegenwart. Beck, München 1992, ISBN 3-406-36799-2. S. 146 zugeordnet.

Der grundlegende Bautypus war ein Zentralbau in Form eines griechischen Kreuzes, der in ein annähernd quadratisches Rechteck gesetzt wurde. Die so entstehenden Zwickel zwischen Kreuzarmen und Rechteck waren als Teil von „Seitenschiffen“ offen. Vier große Pfeiler bildeten in der Mitte des Bauwerks ein Quadrat und trugen eine große Tambourkuppel. Weitere Säulen trennten die „Seitenschiffe“ vom Mittelbau ab und trugen dazu bei, dass im Inneren der Eindruck eines dreischiffigen Baues entstand, obwohl er nicht durch eine regelmäßige Stützenstellung in Schiffe unterteilt war.Künzl, Islamische …, S. 335

An dieses zentrale Rechteck schloss im Osten und Westen jeweils über die gesamte Baubreite ein Anbau an. Im Osten war dieser zum „Hauptschiff“ hin offen und beherbergte die Kanzel. Weiter im Osten schloss sich ein Chor in Form einer vorspringenden, polygonalen Apsis an, in dem der Toraschrein (Aron haKodesch) stand. An den Seiten des Kanzelraumes, im Anschluss an die „Seitenschiffe“, befand sich je ein Zimmer für Vorsänger und Rabbiner. Der entsprechende Anbau im Westen war in der Mitte als niedere, von mehreren hintereinander stehenden Säulen getragene Eingangshalle für die Männer ausgestaltet, von der drei Türen in den Innenraum führten. An den Seiten befanden sich Treppenhäuser, die zu den Seitenschiff-Emporen für die Frauen führten. Der Mittelteil des westlichen Anbaus mit der der Allee zugewandten Vorderfassade sprang vor. Die Fassade war folglich schmäler als der eigentliche Baukörper, die äußeren Westenden der „Seitenschiffe“ mit Kuppeln und gotisierenden Fenstern waren in den Eindruck, der die Fassade auf Betrachter machte, mit einbezogen.

Die Fassade war ähnlich wie bei der zuvor ebenfalls nach Plänen Wolffs errichteten Nürnberger Synagoge am Hans-Sachs-Platz gestaltet: Ein großes Rosettenfenster mit maurischer Sternornamentik über einem fünfteiligen Arkaden-Fries dominierte die Fassade. Ein Bogen auf schlanken Säulen umrahmte die Fensterrose und war seinerseits in ein ornamentgeschmücktes Wandfeld eingefügt.Künzl, Islamische …, S. 332 Die Eingangshalle erreichte man durch ein dreiteiliges Portal mit Bögen im maurischen Stil. Über dem Portal befand sich eine vergoldete hebräische Inschrift mit Worten aus Jesaja 56,7 (Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werdenhebr.: ביתי בית תפלה יקרא לכל העמים). Schlanke Türmchen mit tempiettoartig überkuppelten Aufsätzen schlossen die beiden Seiten der Fassade ab.

Die Synagoge trug flache Walmdächer.Franke, S. 74 Das Dach des Rechtecks trug an seinen vier Ecken, über den Zwickelstellen, jeweils eine kleinere Kuppel ohne Tambour (Sockel),Ludwig Klasen (Hrsg.): Grundriss-Vorbilder von Gebäuden für kirchliche Zwecke. Baumgärtner, Leipzig 1889 (Grundriss-Vorbilder von Gebäuden aller Art, XI). S. 1481 die aber ansonsten der Form der großen Zentralkuppel entsprach. Der Tambour der großen Zentralkuppel hatte zwölf Rundbogenfenster; die Kuppel selbst war mit patiniertem, grün schimmerndem Kupfer eingedeckt.

Die Seitenansicht der Synagoge ließ die klare Geschossgliederung erkennen. Zwei Fensterreihen befanden sich übereinander, wobei die oberen Fenster größer waren als die unteren. Fünf Fragmente der Synagogenfenster, die ein Bürger nach dem Synagogenbrand geborgen und aufbewahrt hatte, wurden der Heilbronner Stadtverwaltung 1988 für die städtischen Museen übergeben.Uwe Jacobi: Auf den Spuren der Reichskristallnacht. In: Heilbronner Stimme vom 30. November 1988, S. 19 Sie wurden nach der Technik mittelalterlicher Glasfensterkunst geschaffen, sind mit Bleiruten eingefasst, leicht lila und gelb getönt und zeigen pflanzliche Motive im Jugendstil.

Jeweils in der Mitte der beiden Längsseiten ermöglichten Seitenportale den Zugang ins Synagogeninnere, die auch mit Rosettenfenstern versehen, aber kleiner und einfacher als das Hauptportal waren. Pilasterartige Mauerstreifen bewirkten eine vertikale Gliederung des Baues. Das Sandsteinmauerwerk war mit reicher Ornamentik geschmückt, ohne jeden Anklang an menschliche, tierische oder andere Vorbilder aus der Natur.Franke, S. 75