mini|Heinz Berggruen fotografiert von Oliver Mark vor Pablo Picassos Dora Maar mit grünen Fingernägeln aus dem Jahre 1936 (Berlin 2000) Heinz Berggruen (* 6. Januar 1914 in Berlin-Wilmersdorf; † 23. Februar 2007 in Paris) war einer der bedeutendsten deutschen Kunstsammler und Galeristen des 20. Jahrhunderts sowie Kunsthändler, Mäzen, Autor und Journalist.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Berggruen als Abkömmling einer Familie jüdischen Glaubens von den deutschen Behörden verfolgt und gezwungen, Deutschland zu verlassen. Seine deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm entzogen. Sechzig Jahre nach seiner Emigration im Jahre 1936 kehrte er wieder nach Deutschland zurück und verkaufte in einer „Geste der Versöhnung“Picasso-Museum als Vermächtnis. In: Tagesspiegel vom 25. Februar 2007. Abgerufen am 14. Oktober 2015.Rose-Maria Gropp: Eine Geste der Versöhnung. In großer Tradition: Dem Kunsthändler und Sammler Heinz Berggruen zum neunzigsten Geburtstag. In: FAZ, 6. Januar 2004, S. 29. der Stadt Berlin bzw. dem deutschen Staat seine Gemäldesammlung zum Preis von 253 Mio. DM. Die Sammlung umfasst etwa 200 Kunstwerke der klassischen Moderne von Künstlern wie Picasso, Matisse, Klee und Alberto Giacometti. Berlin stellte für die Sammlung den westlichen Stülerbau zur Verfügung, der in das Museum Berggruen verwandelt wurde. Vor allem wegen dieser Geste wurde Berggruen im Jahr 2004 in einem Festakt, an dem zahlreiche Prominente teilnahmen, zum Ehrenbürger Berlins ernannt.
Leben Heinz Berggruen war ein Enkel des Rechtsanwalts, Kunsthistorikers, Schriftstellers und Librettisten Oskar Berggruen und Sohn des Ludwig Berggruen und der Antonie, geb. Zadek. Der Vater stammte aus Nakel, Kreis Wirsitz im Regierungsbezirk Bromberg, die Mutter aus der Stadt Bromberg in der preußischen Provinz Posen. Sie hatten ein Papier- und Schreibwarengeschäft in Wilmersdorf, Olivaer Platz, dessen Nähe zum Kurfürstendamm auch viele ausländische Kunden anzog, was wiederum der junge Berggruen sehr anziehend fand.Heinz Berggruen: Wunsch nach Ausdruck. In: Die Zeit. Nr. 25, 2001. Er beschrieb seinen Vater als „sehr, sehr sanftmütig“ und seine Mutter als „höchst energisch“.Jörg Wagner, Heike Zappe: Jedes noch so kleine Wegstück spielt eine Rolle. In: Der Tagesspiegel, 12. Oktober 2002. Auf der Goethe-Schule in Wilmersdorf, dem sogenannten Goethe-Reform-Realgymnasium, hatte er neun Jahre Französischunterricht; später wurde Französisch zu seiner Hauptsprache. Berggruen begann 1932 sein Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und setzte es später an den Universitäten Grenoble (heute: Université Stendhal) und Toulouse fort. Nach zwei Jahren holte ihn seine Mutter wieder zurück nach Deutschland – ungeachtet des Nationalsozialismus, den die Berggruens wie viele andere auch zunächst nicht ernst nahmen. Im Anschluss an den Magisterabschluss absolvierte er ein Volontariat bei einer jüdischen Wochenzeitung in Berlin mit dem Berufsziel eines Journalisten und Schriftstellers. Danach schrieb er 1935 kurze Zeit für die Frankfurter Zeitung. Seine Artikel durften allerdings aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht mehr unter seinem vollen Namen erscheinen, sondern wurden stattdessen mit seinen Initialen gekennzeichnet.Heinz Berggruen: Hauptweg und Nebenwege. S. 41, Zeile 20–22.
Emigration 1936
Er erhielt 1936 ein einjähriges Stipendium an der Berkeley University in Kalifornien und blieb im Anschluss daran in den USA. 1939, drei Jahre später, heiratete er Lillian Zellerbach, die Tochter eines Papierfabrikanten in San Francisco. Währenddessen arbeitete er als Kunstkritiker für die San Francisco Chronicle. Im selben Jahr wurde er Assistent („Assistant director“) am San Francisco Museum of Modern Art, wo er damit beauftragt wurde, eine Ausstellung des mexikanischen Malers Diego Rivera vorzubereiten. Infolgedessen lernte er Rivera und dessen Frau Frida Kahlo kennen, mit der Berggruen 1940 eine kurze intensive Affäre hatte,Heinz Berggruen: Heinz Berggruen. Fridas Zeit und Zeuge. In: FAZ, 13. Juli 2004. nach der er eigenen Angaben zufolge in jedem Interview gefragt wurde.Flick ist ungerecht angegriffen worden. Man soll aufhören mit der Sippenhaft. In: taz, 6. Juli 2004, Interview Berggruen selbst datierte die Affäre irrtümlicherweise auf 1939, Frida Kahlo war jedoch erst nach der Ermordung Leo Trotzkis im August 1940 in San Francisco. Nach der Affäre mit Berggruen heiratete sie Rivera am 8. Dezember 1940 zum zweiten Mal.
„Gerade noch rechtzeitig“ In: Tagesschau, 25. Februar 2007, archiviert auf Internet Archive gelang es Berggruen, seine Eltern ebenfalls zur Emigration zu bewegen. Diese verließen Deutschland im Mai 1939 auf der St. Louis. Ihre Flucht führte sie zunächst nach England. Erst 1942 konnte Berggruen sie in die USA holen.Heinz Berggruen: Hauptweg und Nebenwege. Fischer Taschenbuch Verlag, 2004. 1940 kaufte er in Chicago von einem deutschen Emigranten für 100 Dollar sein erstes Bild: ein Aquarell von Paul Klee, Perspective-Spuk. Es begleitete ihn 40 Jahre lang als Talisman. Gymnasium Laurentianum Warendorf, 2001.
Paris ab 1947 Im Zweiten Weltkrieg kam er als Sergeant der United States Army nach Europa. Nach Ende des Krieges wurde er kurzzeitig Mitherausgeber der Kunstzeitschrift Heute in München, einer seiner Kollegen war Erich Kästner, den er auf Anhieb mochte. Die Mitarbeit bei Heute empfand er als den Höhepunkt seiner journalistischen Karriere.Heinz Berggruen: Hauptweg und Nebenwege, S. 75, Zeile 6ff. Kurz darauf veröffentlichte er mit Hilfe des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt seine Glossen unter dem Titel Angekreidet. Dieses Werk bezeichnet Berggruen als den „Schlussstein“ seiner journalistischen Laufbahn.Hauptweg und Nebenwege, S. 83 Z. 8 ff. Danach arbeitete er als Mitarbeiter bei der Kulturabteilung der UNESCO in Paris, wo er sich 1947 als Kunsthändler in der Rue de l’Université am linken Seine-Ufer niederließ. Wie er zum Kunsthändler wurde, konnte Berggruen im Nachhinein nicht genau beschreiben. Es sei, so gesehen, eine Reihe von Zufällen oder auch Schicksal gewesen.Hauptweg und Nebenwege, S. 93, Z. 1 ff. Als Schlüsselerlebnis zum Kunsthandel könne man den Kauf der Elles-Mappe mit elf Farb-Lithographien von Henri de Toulouse-Lautrec bezeichnen, die er später zum doppelten Preis wieder verkaufen konnte.Die Elles-Mappe ist gegenwärtig im Besitz des Dresdner Kupferstich-Kabinetts: Kupferstich-Kabinett erwarb Elles-Mappe von Toulouse-Lautrec. news.ch, 19. Juli 2003. Er begann den Kunsthandel ohne Kapital oder Sponsoren und verließ sich dabei ganz auf sein Gefühl für Qualität, seine Intuition und seinen Enthusiasmus.Hauptweg und Nebenwege, S. 98, Z. 15 ff. 1949 stellte der dadaistische Dichter Tristan Tzara ihn Pablo Picasso vor.Alan Riding: Heinz Berggruen, Influential Picasso Collector, Dies at 93. In: New York Times, 27. Januar 2007. Er gewann dessen Sympathie und wurde sein Händler und Freund. 1973 verzichtete er auf seine US-Staatsbürgerschaft und erwarb wieder die deutsche Staatsangehörigkeit.Günter Gaus im Gespräch mit Heinz Berggruen. In: SFB / RBB. 17. August 1996. 1980 gab Berggruen seine Kunstgalerie auf, um sich auf den Aufbau einer eigenen Sammlung zu konzentrieren.
Heinz Berggruen sammelte vor allem Kunst von Pablo Picasso, Henri Matisse, Paul Klee, Paul Cézanne, Marc Chagall und Joan Miró, von denen er außer Klee und Cézanne alle persönlich kannte.Besprechung von: Heinz Berggruen: Hauptweg und Nebenwege. Erinnerungen eines Kunstsammlers. parapluie.de, 2006. Seinen Erfolg als Kunstsammler führte er auf seine bewusste Konzentration auf wenige Meister zurück.Berggruen-Sammlung soll nach Berlin kommen. In: Der Tagesspiegel. 28. August 2007. Er war mit dieser Sammeltätigkeit ebenso wie der französische Kunsthändler Ambroise Vollard wegbereitend für die Entwicklung der Kunst des 20. Jahrhunderts und entdeckte die Bedeutung der Scherenschnitte des reiferen Henri Matisse, für die sich seinerzeit niemand interessierte. Die Sammlung Berggruen gilt als eine der wichtigsten Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Rückkehr nach Berlin 1996 mini|Museum Berggruen in Berlin
Im Januar 1991 trafen sich Berggruen und Wolf-Dieter Dube, der damalige Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, bei der Eröffnung einer vorerst auf fünf Jahre befristeten Ausstellung der Berggruen-Sammlung in der Londoner National Gallery. Dube konnte Berggruen zu einem Besuch in Berlin bewegen, woraus sich schließlich Berggruens Rückkehr mit seiner Sammlung von 113 Meisterwerken nach Berlin im September 1996 konkretisierte. Dazu wurde ihm der eigens renovierte westliche Stülerbau gegenüber dem Schloss Charlottenburg, heute bekannt als Museum Berggruen, zur Verfügung gestellt. Kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember 2000, verkaufte Berggruen seine auf 750 Mio. Euro geschätzte Sammlung an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz für 126 Mio. Euro. Da die ursprüngliche Kaufsumme von 400 Mio. Mark nicht vollständig vom Bund (200 Mio.) und dem Land Berlin (50 Mio.) getragen werden konnte, hoffte Berggruen auf private Kunstfreunde, die diese Gemälde kauften und sie wieder der Sammlung zurückschenkten.Uta Baier: Berggruen – Der Mäzen verlässt seine Bilder. In: Die Welt, 25. Februar 2007, mit Bildergalerie Doch die Hoffnung trog, und so nahm er 2001 sieben Kunstwerke – fünf Cézannes und zwei Van Goghs – von der Übereignung aus, um seine Erben auszahlen zu können.Rekordpreis für Cézanne-Bild. In: Spiegel Online, 8. Mai 2001. Die Auktion bei Phillips de Pury & Company in New York City erzielte mit nur 64,7 Mio. Dollar ein „enttäuschendes Ergebnis“,ku.: Enttäuschendes Ergebnis. Nur fünf Bilder aus der Sammlung Berggruen in New York versteigert. In: Berliner Zeitung, 9. Mai 2001. die Schätzungen und die nicht öffentlich genannte Garantiesumme für Berggruen hatten bei über 120 Mio. Dollar gelegen.mini|hochkant=1.25|Heinz Berggruen, 2002|links
Heinz Berggruen lebte abwechselnd in seiner Pariser Wohnung am Jardin du Luxembourg, in der Schweiz und in seiner Geburtsstadt Berlin, direkt über den Ausstellungsräumen seiner Sammlung im Stülerbau in Charlottenburg.
Seinen Freund Helmut Newton konnte er dazu bewegen, dessen Fotosammlung ebenfalls seiner Heimatstadt anzuvertrauen.
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