Das Fach Internationale Beziehungen (IB; , IR) bzw. Internationale Angelegenheiten (IA; engl. , IA) bzw. Global Studies (GS) bzw. International Studies (IS) befasst sich mit den Studien der Politik, Ökonomie und Jurisprudenz auf einer globalen Ebene. Sie bildet folglich eine Disziplin bestehend aus der Politikwissenschaft – die sich traditionell mit den Beziehungen zwischen Staaten beschäftigt – sowie der Wirtschaftswissenschaft und der Rechtswissenschaft. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Fokus auch auf das Verhältnis von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren zueinander erweitert. Zu letzteren können beispielsweise transnationale Unternehmen oder Organisationen gehören. Da es sich um eine Teildisziplin der Politikwissenschaft handelt, ist Internationale Beziehungen ein eigenständiger Begriff und wird damit großgeschrieben.Der gleichnamige politikwissenschaftliche Untersuchungsgegenstand internationale Beziehungen wird dagegen kleingeschrieben. Dazu: Siegfried Schieder, Manuela Spindler: Theorien der Internationalen Beziehungen. 3. Auflage. Budrich, Opladen 2010, ISBN 978-3-8252-2315-1, Einleitung, S. 9, Anmerkung 1.
Die sozialwissenschaftliche Erforschung der internationalen Politik begann nach dem Ersten Weltkrieg und durchlief bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts drei große paradigmatische, also grundsätzliche Debatten, durch die sich langfristig mehrere Denkschulen etabliert haben. Diese sind selbst von mehreren heterogenen Strömungen durchsetzt, die miteinander häufig im Widerspruch stehen, sich dabei aber auf dieselben Grundannahmen berufen. Daher weisen die Internationalen Beziehungen einen hohen theoretischen Gehalt und eine große Interdisziplinarität auf, die sich vor allem über die Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, die Psychologie und die Anthropologie erstreckt.
Geschichte der Internationalen Beziehungen als wissenschaftliche Disziplin mini|Woodrow Wilson (1919)
Theoretisch-philosophisches Nachdenken über zwischenstaatliche Beziehungen reicht weit in die Geschichte zurück und ist mit Namen aus Politischer Theorie und Ideengeschichte wie Thukydides, Aristoteles, Machiavelli, Hobbes oder Kant verbunden.Siegfried Schieder, Manuela Spindler: Theorien der Internationalen Beziehungen. 3. Auflage. Budrich, Opladen 2010, Einleitung, S. 9, Anmerkung 2. Als wissenschaftliche Disziplin entstanden die IB nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Am 30. Mai 1919 vereinbarten die amerikanische und die britische Delegation auf der Pariser Friedenskonferenz die Gründung von wissenschaftlichen Instituten zur Erforschung der internationalen Beziehungen. Daraufhin entstanden 1920 das British Institute of International Affairs, das ab 1926 Royal Institute of International Affairs hieß, und das American Institute of International Affairs, das bald mit dem Council on Foreign Relations zusammengelegt wurde. Es folgten die Einrichtung von wissenschaftlichen Institutionen in verschiedenen Ländern, deren Hauptaufgabe die Erforschung von Kriegsursachen war. Schon 1919 war der weltweit erste den Internationalen Beziehungen gewidmete Lehrstuhl an der walisischen Aberystwyth University eingerichtet worden.Xuewu Gu: Theorien der Internationalen Beziehungen. Einführung. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2018, ISBN 978-3-486-71595-8, S. 30.
Anfangs war der (nachträglich so etikettierte) Idealismus (auch Liberalismus in den Internationalen Beziehungen genannt) die einzige Denkrichtung der Disziplin. Entscheidend für seine Etablierung war die Initiative des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, die er in seinem 14-Punkte-Programm zum Ausdruck brachte: Ende der Geheimdiplomatie, Freiheit der Meere, Freihandel, Abrüstung, friedliche Schlichtung von Kolonialkonflikten und Gründung eines Völkerbundes als Instrument der kollektiven Sicherheit.Ulrich Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-12224-X, S. 69. Der Idealismus basiert auf Fortschritts- und Vernunftglauben. Langfristig müsse die Durchsetzung des Vernunftprinzips zu einer besseren Welt führen, in der jeder Konflikt und jeder Interessengegensatz kooperativ durch Kompromiss und Ausgleich lösbar ist.Ulrich Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, S. 21.
Das idealistische Denken in den Internationalen Beziehungen wurde erstmals 1939 von Edward Hallett Carr, der 1936 auf den Wilson-Lehrstuhl der Aberystwyth University berufen worden war, in Frage gestellt. In seinem Buch The Twenty Years’ Crisis befand er, dass die 20 krisenhaften Jahre von 1919 bis 1939 trotz Völkerbund, idealistischer Politikberatung und Appeasement-Politik keine friedliche Welt geschaffen hätten.Ulrich Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, S. 70. Er kritisierte das Fehlen des Faktors „Macht“ in der idealistischen Theorie.Tobias ten Brink: Staatenkonflikte. Zur Analyse von Geopolitik und Imperialismus – ein Überblick. Lucius & Lucius, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-2992-4, S. 53. Mit dem Buch erwarb sich Carr den Ruf, einer der Gründerväter des Realismus in den Internationalen Beziehungen zu sein.Xuewu Gu: Theorien der Internationalen Beziehungen. Einführung. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2018, S. 60.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden unter amerikanischer Führung die UNO, die Weltbank und der Weltwährungsfonds noch weitgehend im Geiste des Idealismus gegründet, doch vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes kam es zur „faktischen Neugründung der akademischen Disziplin Internationale Beziehungen“, in der nun der Realismus dominierte. Für die Etablierung des neuen Paradigmas bahnbrechend waren die Schriften Hans Morgenthaus, besonders das Buch Politics Among Nations aus dem Jahr 1948 bekam Lehrbuchcharakter.Ulrich Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, S. 73 ff. Der Realismus wurde zu keinem monolithischen Theorieblock, doch einige Grundannahmen werden von allen Vertretern der realistischen Schule geteilt: Internationale Politik beruht auf Kooperationen oder Konflikten von Gruppen; im Wesentlichen sind diese Gruppen durch ihre eigenen Interessen motiviert („Egoismus“); die Interaktion zwischen den Gruppen verläuft beständig vor dem Hintergrund eines möglichen Gebrauchs materieller Macht, mit der Zwang ausgeübt werden kann („Machtzentrismus“).Carlo Masala, Realismus in den Internationalen Beziehungen. In: Carlo Masala, Frank Sauer, Handbuch internationale Beziehungen. 2. Auflage, Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-531-19917-7, S. 141–176, hier S. 142 f.
Als Hauptströmungen der Internationalen Beziehungen gelten:
seit dem Ersten Weltkrieg: Idealismus (auch Liberalismus oder liberaler Internationalismus genannt) (Norman Angell, Woodrow Wilson) seit dem Zweiten Weltkrieg: Realismus (Hans Morgenthau) 1940er: Funktionalismus (David Mitrany) 1950er: Neofunktionalismus (Ernst B. Haas), Transaktionalismus (Karl W. Deutsch) 1970er: Neoliberaler Institutionalismus (= Neoliberalismus) (Robert O. Keohane) mit den Bestandteilen Interdependenztheorie und Regimetheorie 1980er: Neorealismus (auch struktureller Realismus genannt) (Kenneth Waltz) 1990er: (Sozial-)Konstruktivismus (Alexander Wendt) 2000er: Domestic Politics Ansätze (Andrew Moravcsik, Peter A. Hall etc.)
Neben diesen Hauptströmungen existieren weitere nennenswerte Ansätze wie der Neogramscianismus, die Staatenkartelltheorie, Englische Schule, Feministische Theorien der Internationalen Beziehungen und Postmoderne Ansätze.
Die Internationalen Beziehungen waren vor allem bis zum Ende des Kalten Krieges als eine „US-amerikanische Sozialwissenschaft“Stanley Hoffman: An American Social Science: International Relations. In: Daedalus. Nr. 106, Sommer 1977, S. 41–59.Steve Smith: The discipline of international relations: still an American social science? In: British Journal of Politics and International Relations. Band 2, Nr. 3, Oktober 2000, S. 374–402. oder angelsächsischChris Brown: Understanding International Relations. 2005, S. 20. dominierte Sozialwissenschaft anerkannt, in der rationalistische Erklärungsansätze überwogen. Dies lag vor allem daran, dass staatliche Behörden und private Stiftungen sich von der noch jungen Sozialwissenschaft durch ihre behavioralistischen Tendenzen direkt verwertbare Erkenntnisse im Interesse der nationalen Sicherheit erhofften und daher finanziell förderten.Robert Jackson, Georg Sørensen: Introduction to International Relations: Theories and Approaches. 3. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2007, S. 41.
Metatheoretische Debatten in den Internationalen Beziehungen Kennzeichnend für die IB sind Theoriediskussionen metatheoretischer Art. Dabei reagieren die Internationalen Beziehungen primär auf politikwissenschaftliche Debatten in den Vereinigten Staaten. Zu unterscheiden sind drei metatheoretische Konfliktachsen der Internationalen Beziehungen:Peter Mayer, Volker Rittberger: Wissenschaft und Weltpolitik. In: Volker Rittberger (Hrsg.): Weltpolitik heute. Grundlagen und Perspektiven. Nomos, Baden-Baden 2004. Diskurs über die Ontologie zwischen einem realistischen und einem idealistischen (liberalen) Verständnis der internationalen Politik. Diskurs über die Epistemologie der internationalen Beziehungen zwischen Naturalisten und Hermeneutikern. Diskurs über die Sozialtheorie der internationalen Beziehungen sowie über Positivismus und Post-Positivismus zwischen Rationalisten und Konstruktivisten.
Darüber hinaus befinden sich in zunehmendem Maße internationale Zusammenarbeit und Verhalten jenseits der Nationalstaaten im Fokus des Forschungsinteresses; Nichtregierungsorganisationen (NGOs), internationale Organisationen und Staaten befinden sich demnach in einem Raum internationaler Kommunikation oder Interaktion. Die Inhalte der Disziplin lassen sich auf zwei verschiedene Arten untergliedern: Einmal nach den Interpretationsansätzen, die verwandt werden (Theorien), und zum anderen nach den behandelten Politikfeldern (Policies). In der Geschichte der IB gab es drei sogenannte „Große Debatten“, langandauernde Forschungsdiskussionen, die das Fach geprägt haben: in den 1940/50er Jahren die erste zwischen Idealismus und Realismus, in den 1960er Jahren zwischen Szientismus und Traditionalismus und seit den 1980er Jahren zwischen Postmodernismus und Positivismus. Die IB sind bisher sehr stark von der US-amerikanischen Politikwissenschaft behavioralistischer Ausrichtung geprägt.
Das Politikverständnis der IB ist mit Czempiel (2004) als die „autoritative Zuteilung von Werten in den Bereichen Sicherheit, Wohlfahrt und Herrschaft“ zu bezeichnen.
Metatheoretische Modelle In den Internationalen Beziehungen bestehen drei dominante metatheoretische Modelle. Die drei Metatheorien vertreten unterschiedliche Haltungen in Hinsicht auf die Frage, ob und wie eine Theorie die Empirie zu erklären hat und welchen Erklärungsanspruch eine Theorie besitzen sollte. Carl Böhret, Werner Jann, Eva Kronenwetter (1988) schlagen folgende Unterteilung vor:
1. Gruppe: normativ-ontologisch, hierbei werden bestimmte Werte und Normen innerhalb der Theorien einfach gesetzt und es gilt, diese „gute“ Ordnung herzustellen. Es werden also Soll-Aussagen oder auch Ideale für ein gesellschaftliches Zusammenleben innerhalb dieser Theorien formuliert, im Sinne, dass es objektive Wahrheiten gibt, die mithilfe von Wissenschaft zu erkennen sind.