mini|Bleistiftzeichnung von Alfred Adler
Alfred Adler (* 7. Februar 1870 in Rudolfsheim, Österreich-Ungarn;Geburtenbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Fünfhaus–Sechshaus, 1868–1892, Nr. 114 (Faksimile bei FamilySearch, kostenlose Registrierung erforderlich). † 28. Mai 1937 in Aberdeen, Vereinigtes Königreich) war ein österreichischer Arzt und Psychotherapeut. Adler begründete 1907 die Individualpsychologie in Wien.
Adlers Lehre hatte eine große, eigenständige Wirkung auf die Entwicklung der Psychologie und Psychotherapie im 20. Jahrhundert. Sie beeinflusste die psychotherapeutischen Schulen von Rollo May, Viktor Frankl, Abraham Maslow und Albert Ellis. Seine Schriften nahmen viele Einsichten der Neopsychoanalyse vorweg, die sich in Einklang mit der Individualpsychologie in den Werken von Karen Horney, Harry Stack Sullivan und Erich Fromm wiederfinden.Henri F. Ellenberger: Die Entdeckung des Unbewußten. Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung. Aus dem Amerikanischen (1970) von Gudrun Theusner-Stampa. 2 Bände. Huber, Bern 1973, ISBN 3-456-30577-X. (Neuauflage: Diogenes, Zürich 2005, ISBN 3-257-06503-5). Anhänger dieser Richtung werden Adlerianer genannt.
Leben Kindheit und Jugend Alfred Adler war das zweite von sieben Kindern des jüdischen Getreidehändlers Leopold Adler (geboren ca. 1833 in Köpcsény, Ungarn – damals Batthyány-Strattmann’scher Grundbesitz –; gestorben 1922 in Wien) und der Pauline Beer (geboren 1845 in Trebitsch, Mähren; gestorben 1906 in Wien). Er kam in der Mariahilfer Straße 208Klaus Lohrmann: Jüdisches Wien. Kultur-Karte. Verlag Jüdische Presse, Berlin 2003 in Rudolfsheim zur Welt. Als Kind versuchte er, seinem älteren Bruder Sigmund Adler (geboren 1868 Fünfhaus bei Wien) nachzueifern, der später ein erfolgreicher Kaufmann wurde. Er war das Lieblingskind seines fleißigen und mutigen Vaters, während die Beziehung zu seiner Mutter weniger intensiv war. Adler litt an Rachitis und einem Stimmritzenkrampf beim Weinen. Mit vier Jahren hatte er eine Lungenentzündung, die ihn fast das Leben kostete. Dieses Erlebnis und der Tod seines jüngeren Bruders sollen seine spätere Berufswahl bestimmt haben. Adler besuchte das Hernalser Gymnasium Kalvarienberggasse (heute: Hernalser Gymnasium Geblergasse), wo er 1888 die Reifeprüfung ablegte.Christof Goddemeier: Alfred Adler (1870–1937): Pionier der Tiefenpsychologie. In: Deutsches Ärzteblatt. PP 19, Ausgabe September 2020, S. 409 (Volltext. Auf: aerzteblatt.de)
Studium der Medizin – medizinische Praxis – Freud Adler studierte an der Universität Wien Medizin und wurde 1895 promoviert. Während des Studiums traf er in einer sozialistischen Studentengruppe Raissa Timofejewna Epstein, eine Russin, die in Zürich und Wien studierte. Sie heirateten 1897 in Moskau. Aus dieser Ehe stammen die vier Kinder Valentina (1898–1942), Alexandra (1901–2001), Kurt (1905–1997), Dr. phil. (Physik) und Dr. med., Psychiater, seit 1963 Präsident der „Internationalen Vereinigung für Psychoanalyse“ und Cornelia „Nelly“ (geb. 1909)
Am 17. Oktober 1904 trat Adler zum Protestantismus über, nachdem er kurz zuvor aus der israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten war. Den Übertritt vollzog er gemeinsam mit seinen Töchtern Valentina Diana und Alexandra. Adler war ein entschiedener Atheist und ein begeisterter Wiener, wollte aber vermutlich nach seiner Abkehr vom Judentum nicht konfessionslos bleiben, da dies ein damals nicht angesehener Status war. 1927 trat Adler wieder aus der evangelischen Kirche aus. Seine Frau Raissa blieb beim Judentum, wohl weniger aus religiösen Motiven, sondern aus kultureller Verbundenheit. Raissa Adler sah vermutlich den Religionswechsel ihres Mannes als einen verfehlten Versuch, Antisemitismus zu verhindern.
Er arbeitete zunächst als Augenarzt und eröffnete seine Praxis um die Jahrhundertwende im 9. Bezirk (Alsergrund) in der Wilhelm-Exner-Gasse 22. Bald darauf eröffnete er eine Praxis für Allgemeinmedizin in der Czerningasse 7 im 2. Bezirk, Leopoldstadt, nahe dem Wiener Prater – in einer Gegend, in der ein Teil seiner Patienten in ärmlichen Verhältnissen lebte, was ihn in seinen Ansichten über die Notwendigkeit der sozialmedizinischen Betreuung der Wiener Bevölkerung bestärkte. Ab 1902 nahm Adler an den Diskussionsrunden der Mittwochabendgesellschaft von Sigmund Freud teil, entwickelte jedoch schon bald eine von Freuds Psychoanalyse abweichende, eigenständige Lehre. Er sah den Menschen nicht von Trieben bestimmt, sondern als freies Wesen, das in bewusster schöpferischer Auseinandersetzung die kulturellen Aufgaben lösen muss, die ihm das Leben stellt. Diese Gegensätze der Anschauungen führten 1911 zum Bruch mit Freud. Im selben Jahr zog er mit seiner Praxis in die Dominikanerbastei 10 im 1. Bezirk um.
Kaffeehaus als Treffpunkt Kaffeehäuser zum Treffpunkt zu machen, war wienerisch. Adler war ein leidenschaftlicher Kaffeehausgänger. Als Student ging er ins Café Griensteidl, nach dem Studium ins Dom Café am Stephansplatz und ins Café Central. In dieser Zeit, von 1906 bis zu seiner Deckung 1910, war er Mitglied der Grenzloge Pionier.
Nach dem Krieg wählte Adler das Café Tabakspfeife zum Treffpunkt für seinen Zirkel und ab 1923 das Café Siller am Kaiser-Ferdinands-Platz 3 (heute Schwedenplatz 3) als „Treffpunkt der Individualpsychologie“. Hier wurde über Psychologie, Literatur oder Philosophie debattiert und Wissenschaftler zu Referaten eingeladen.Alexander Kluy: Alfred Adler. Die Vermessung der menschlichen Psyche. Biographie.
Aufbau der Individualpsychologie – Theoretische Grundlagen In seiner 1907 publizierten Studie über Minderwertigkeit von OrganenDen Begriff Organminderwertigkeit verwendete Adler für mangelhaft ausgebildete (morphologische Organminderwertigkeit) Organe oder für solche, deren Arbeitsweise den Anforderungen nicht genügten (funktionelle Organminderwertigkeit). legte Adler seinen Standpunkt und seine neuen Ideen dar und begründete damit die Schule der Individualpsychologie. Er wies auf den Zusammenhang zwischen der Organminderwertigkeit und deren körperlichen und psychischen Kompensation und Überkompensation hin. Nach dem Bruch mit Freud gründete Adler 1912 eine eigene Gesellschaft für freie Psychoanalyse, den Verein für Freie Psychoanalytische Forschung, 1913 umbenannt in Verein für Individualpsychologie. Seine Lehre bezeichnete er als Individualpsychologie, weil er in seiner Arztpraxis zu dem Schluss kam, dass jeder Patient als Unwiederholbar-Einmaliges, als Individuum und als Ganzheit körperlich zu behandeln und psychisch zu verstehen sei.
Adler formulierte die Grundzüge seiner Lehre in seinem theoretischen Hauptwerk Über den nervösen Charakter (1912), in dem er die Normalpsychologie und die Psychopathologie in einem Konzept vereinigte. Mit diesem Buch schaffte die Individualpsychologie in der Fachliteratur den Durchbruch als Alternative zur Psychoanalyse. Im 1913 erschienenen Buch Heilen und Bilden – Ein Buch der Erziehungskunst für Ärzte und Pädagogen stellten Adler und seine Schüler die Entwicklung der Individualpsychologie in der Erziehungsarbeit dar. 1914 kam es zur Gründung der „Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie“.
Der Erste Weltkrieg brachte eine Unterbrechung in der Entwicklung der Individualpsychologie. Adler arbeitete 1914–1916 als Militärarzt in Krakau, Brünn und Wien.
Blütezeit der Individualpsychologie – Praktische Anwendung Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war eine Blütezeit der Individualpsychologie. Im Rahmen der Wiener Schulreform konnten Adler und seine Mitarbeiter rund dreißig Erziehungsberatungsstellen in Wien eröffnen. Die „Elternschulung“ wurde als „Neuroseprophylaxe“ verstanden. Es entstanden auch psychoanalytisch orientierte Kindergärten für Arbeiterkinder.Sonia Horn: Alfred Adler. In: Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. 3. Aufl. 2006, Springer Verlag Heidelberg, Berlin, New York S. 4f. doi:10.1007/978-3-540-29585-3. 1920 wurde Adler Direktor der ersten Klinik für Kinderpsychologie in Wien und von 1920 bis 1929 Dozent am Pädagogischen Institut der Stadt Wien. Seine dortigen Vorträge und Demonstrationen erschienen in den Schriften Individualpsychologie in der Schule – Vorlesungen für Lehrer und Schüler (1929) und Die Technik der Individualpsychologie. Zweiter Teil: Die Seele des schwererziehbaren Schulkindes (1930).
Mit der Publikation Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920), die Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer umfasste, begann Adler, seine Theorie detaillierter darzustellen. Seine Auffassungen, in zahlreichen Vorträgen an Volkshochschulen erläutert, übten großen Einfluss auf die Schulreform Otto Glöckels, die Erziehungsarbeit der Kinderfreunde und die städtische Kinder- und Jugendbetreuung im „Roten Wien“ aus.
Adler wollte eine lebensnahe Psychologie schaffen, die dem Menschen ermöglicht, seine Mitmenschen aus deren jeweils individueller Lebensgeschichte heraus zu verstehen. Seine ab 1920 bewusst in schlichtem Stil gehaltenen Bücher und seine Vorträge sollten seine Psychologie jedermann zugänglich und zum Allgemeingut machen. In den 1920er Jahren hielt er eine Reihe von Vorlesungen an der Volkshochschule Ottakring in Wien, die er 1927 unter dem Titel Menschenkenntnis veröffentlichte.
Verfolgung der Tiefenpsychologie in Europa – Verlagerung in die USA Von 1926 an besuchte Adler regelmäßig die USA, wo seine optimistische Lehre vom Menschen als sozialem Wesen außerordentliche Popularität erlangte. Anfang der 1930er Jahre war Adler einer der bekanntesten Psychologen der westlichen Welt. An dem von Arthur Kronfeld in Berlin organisierten fünften großen und zugleich letzten Internationalen Kongress für Individualpsychologie sollen über 2.000 Personen teilgenommen haben. In den Vereinigten Staaten wurde er als der »Vater des Minderwertigkeitskomplexes« bekannt, auch wenn er selbst ursprünglich über das »Minderwertigkeitsgefühl« geschrieben hatte.
Zur Stärkung und zum besseren Verständnis der Erziehungsprophylaxe publizierte Adler 1929 die Individualpsychologie in der Schule und 1930 Die Seele des schwererziehbaren Schulkindes. 1933 legte Adler in seinem Spätwerk Der Sinn des Lebens seine philosophische Grundposition dar. Der Sinn des Lebens sei ein entwickeltes Gemeinschaftsgefühl zur Lösung der Lebensfragen, ein Vollkommenheitstreben zu einer idealen Gesellschaft.
Emigration und Tod mini|Grab von Alfred Adler Angesichts der bedrohlichen Zustände in Europa siedelte Adler 1934 in die USA über. Er hatte schon seit 1926 eine Gastprofessur an der Columbia University und seit 1932 am Long Island College inne. 1935 erschien erstmals das in englischer Sprache verfasste International Journal of Individual Psychology. Er unternahm immer noch Vortragsreisen nach Europa. Auf einer solchen Reise starb Adler am 28. Mai 1937 in Aberdeen, Schottland, im Alter von 67 Jahren an Herzversagen.
Adlers Leichnam wurde in Edinburgh eingeäschert, eine in der Familie übliche Bestattungsform. Die Familie reiste zwar zur Trauerfeier an, die Urne blieb jedoch in Schottland. Eine Projektgruppe des Vereins für Individualpsychologie begann 2009 mit der Suche. Die Urne wurde 2011 mit Hilfe des österreichischen Honorarkonsuls John Clifford im Krematorium Warriston in Edinburgh gefunden und im April 2011 nach Wien gebracht. Wenige Tage vor dem an der Universität Wien stattfindenden 25. Internationalen Kongress der Individualpsychologie (14. bis 17. Juli 2011) erfolgte am 12. Juli 2011 die Beisetzung in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof (Gruppe 33 G).Späte Heimkehr. In: Profil. Nr. 26/2001 (27. Juni 2011), S. 84