mini|Das erste Gartenstadt-Konzept von Ebenezer Howard, 1902: Wohnstädte sind ringförmig um die Kernstadt angeordnet und mit ihr sternförmig durch Straßen, Eisenbahn und U-Bahn vernetzt sowie untereinander ringförmig verbunden. mini|Städtebaulicher Entwurf für die Ludwigshafener Gartenstadt: Schule, Platz und Kirche mini|Raschigstraße in der Ludwigshafener Gartenstadt mini|Entwurf einer Straßenflucht für den Schweinfurter Stadtteil Gartenstadt von Theodor Fischer, 1919
Die Gartenstadt ist ursprünglich ein von dem Briten Ebenezer Howard im Jahr 1898 in England entworfenes Modell der planmäßigen Stadtentwicklung als Reaktion auf die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse sowie die steigenden Grundstückspreise in den stark gewachsenen Großstädten.
Umgangssprachlich wird der Begriff heute für besonders begrünte Städte verwendet. Dadurch entstehen bei der Verwendung des Fachbegriffes oftmals falsche Assoziationen.
Hintergrund und Ziele Ebenezer Howard war Genossenschaftssozialist und nach einem gescheiterten Siedlungsexperiment in Amerika wieder nach London zurückgekehrt, wo er als Parlamentsstenograph arbeitete. Sein Ziel war, das rasante Wachstum, das britische Großstädte (vor allem London) im Zuge der Industrialisierung erfahren hatten, in geordnete Bahnen zu lenken. Statt eines unkontrollierten Wachstums neuer Stadtviertel am Rande der bestehenden Großstadt bzw. weiterer Verdichtung im Stadtinneren, die zur Bildung von Slums führt, schlug Howard die völlige Neugründung von Städten im Umland vor.
Der Spekulationsgewinn bei der Umwandlung von billigem Agrarland in wertvolles Bauland sollte der (genossenschaftlich organisierten) Allgemeinheit der neuen Stadt zugutekommen und einen großen Teil der Baukosten tragen. Der Boden bleibt genossenschaftlicher Gemeinbesitz und wird nur in Erbpacht verliehen. 1898 hieß Howards Buch noch To-morrow – A Peaceful Path to Real Reform, gemeint ist die genossenschaftssozialistische Lösung der Bodenfrage. Erst die zweite Auflage hieß Garden Cities of To-morrow.
Das Buch bewirkte die Entstehung der Gartenstadtbewegung, die zunächst auf die Gründung derartiger Gartenstädte zielte und damit auch sozialreformerische Ideen verband. Wichtig war die Mitbestimmung der Bewohner und lebenslanges Mietrecht.
Die Struktur der Gartenstadt Die Gartenstädte sollten im Umland großer Städte auf bisherigem Agrarland neu gegründet werden. Sie sollten aus sieben eigenständigen Teilen bestehen, mittelgroßen Städten, die durch breite Agrargürtel voneinander getrennt und durch Eisenbahnen miteinander verbunden wären. Damit sollte die bisherige strikte Trennung von Stadt und Land aufgehoben werden, um die Nachteile der Großstadt zu vermeiden und ihre Vorteile beizubehalten (etwa leicht erreichbare gute Kultureinrichtungen).
Ein häufig vergessener Aspekt der Gartenstadt-Konzeption ist die Nutzungstrennung: Die einzelnen Funktionen sollten konzentrisch angeordnet und durch breite Grünstreifen voneinander getrennt werden. Um einen gartenähnlich gestalteten zentralen Platz sollten die öffentlichen Gebäude angeordnet werden. Um diese sollte ein erster Parkring (und zwar 58 Hektar groß) angeordnet werden, der von einem etwa 600 Meter tiefen Ring mit Wohngebäuden umgeben wird. In der Mitte des Wohnringes sollte die Grand Avenue angelegt werden, die einen Grüngürtel besitzt, in dem Schulen, Kirchen und Spielplätze angeordnet werden sollten. Außerhalb des Wohnringes sollten die industriellen und gewerblichen Arbeitsplätze liegen.
Die englische Gartenstadtbewegung Die englische „Gartenstadtbewegung“ (Garden City movement) organisierte sich in der Garden City Association (Gartenstadtgesellschaft), die schließlich großflächig Land in der englischen Grafschaft Hertfordshire ankaufte und ab 1903 im Sinne der Bewegung bebaute, es entstand Letchworth Garden City. 1920 gelang die Gründung einer weiteren englischen Gartenstadt Welwyn Garden City. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten Dutzende staatlich gegründeter englischer New Towns rund um London.
Howards Skizzen zum Bau einer Gartenstadt waren sehr regelmäßig geometrisch: kreisrund in konzentrischen Kreisen, aber keineswegs als Baupläne gedacht. Die nach Plänen der Architekten Raymond Unwin und Barry Parker gebaute erste Gartenstadt Letchworth ist dagegen betont unregelmäßig mit bewusst „krummen“ Straßen entlang der Geländekonturen angelegt, die Häuser sind im traditionellen englischen Stil gebaut.
Diese besondere Bauweise der ersten Gartenstadt Letchworth, d. h. das architektonische und ästhetische Konzept, wurde zum Vorbild vieler Siedlungen im In- und Ausland, die sich ebenfalls „Gartenstadt“ nannten, obwohl sie mit dem ursprünglich zugrundeliegenden genossenschaftssozialistischen Modell überhaupt nichts zu tun haben.
Die daraus resultierende „Gartenstadtbewegung“ war eine städtebauliche Strömung. Sie propagierte ein Leben im Grünen, also Siedlungen mit Gärten zur Selbstversorgung, Parks und kleiner Industrie, das Einfamilienhaus mit Garten wurde zum Ideal der Wohnform.
Die deutsche Gartenstadtbewegung Die Gartenstadt-Idee fand auch in Deutschland starken Anklang, wo schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts ähnliche Vorstellungen bei der Gründung großer Villenkolonien für das Bürgertum entwickelt worden waren (Marienthal in Hamburg, Lichterfelde-West, Alsen und später Grunewald in Berlin, die Dresdner Villen). Der Dresdner Schriftsteller und Obstzüchter Arthur Rothe (1867–1959) forderte 1910 die Umwandlung Deutschlands in eine Art „Gartenstadt“. In Deutschland entstanden mit fortschreitender Industrialisierung als Antwort auf die Probleme und Nöte der Arbeiter ab 1900 gemeinnützige Baugesellschaften.
Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft (DGG) 1902 wurde in Berlin die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft (DGG) gegründet. Zu den Gründern gehörten die aus dem Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises und der Neuen Gemeinschaft stammenden Brüderpaare Bernhard Kampffmeyer und Paul Kampffmeyer, Heinrich Hart und Julius Hart sowie Wilhelm Bölsche und Gustav Landauer. Erster Vorsitzender der DGG wurde Heinrich Hart. Zu den ersten Vorstandsmitgliedern gehörten Wilhelm Bölsche, Julius Hart, Fidus, Magnus Hirschfeld, Bernhard Kampffmeyer, Adolf Otto und Franz Oppenheimer. Nach dem Tod von Heinrich Hart übernahm Bernhard Kampffmeyer 1906 den Vorsitz in der DGG. Zu den Vorstandsmitgliedern gehörte auch Paul Schirrmeister.
Die DGG war nicht als Baugesellschaft angelegt, sondern wollte zunächst als lebens- und sozialreformerische Organisation für die Idee der Gartenstädte eintreten. § 1 der Satzung besagte: „Die deutsche Gartenstadt-Gesellschaft ist eine Propagandagesellschaft. Sie erblickt ihr Hauptziel in der Gewinnung des Volkes für die Begründung von Gartenstädten.“
Vortrags- und Lichtbildveranstaltungen sorgten für die Verbreitung der Gartenstadt-Idee. Auch eine Zeitschrift Gartenstadt wurde herausgegeben.
Ziele der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft Ihre sozialreformerischen Ziele formulierten die Gründer in den Statuten wie folgt: „Eine Gartenstadt ist eine planmäßig gestaltete Siedlung auf wohlfeilem Gelände, das dauernd in Obereigentum der Gemeinschaft gehalten wird, derart dass jede Spekulation mit dem Grund und Boden unmöglich ist.“
Mit dieser ursprünglichen Zielsetzung ging man weit über das hinaus, was Villenkolonien oder der Werkswohnungsbau leisten wollten. Die Ziele der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft beziehen sich auf die folgenden zwei Kernpunkte:
Städtebaulich sollen mit einer weiträumigen und niedrigen Bauweise der Gartenstädte gesunde Wohnungen geschaffen werden, die auch einen Zugang zu eigenem Garten einschließen. Nach genossenschaftlichem Prinzip gibt es ein Gemeineigentum an Grund und Boden. Der durch die Umwandlung von Ackerland in neugeschaffene Wohnfläche erzielte Wertzuwachs verbleibt in der Gemeinschaft, und eine Bodenspekulation wird vermieden. Mieten werden nach dem Kostendeckungsprinzip erhoben und bleiben dauerhaft niedrig. Die Mieter sind zugleich Genossenschaftsmitglieder und erhalten ein von Seiten der Genossenschaft praktisch unkündbares Dauerwohnrecht.
Die ersten deutschen Gartenstädte mini|Typisches Haus der Gartenstadt Hellerau
Im gleichen Jahr, in dem sich die DGG gründete, kaufte Bruno Wilhelmi – der Gründer der Kolonie „Eden“ bei Oranienburg – in Woltersdorf bei Berlin einen Großteil der dortigen Ackerflächen, um ab 1903 die von der Gartenstadtbewegung inspirierte Siedlung „Schönblick“ anzulegen. Die vollständige Umsetzung der Gartenstadt-Konzeptes – mit einem zentralen Platz – scheiterte jedoch, da ein Bauer seine Ackerflächen in der Mitte der Siedlung nicht verkaufte.
Hellerau (seit 1950 Stadtteil Dresdens) war – geplant ab 1906, gebaut ab 1909 – die erste, zugleich vollständigste und radikalste Verwirklichung einer Gartenstadt in Deutschland. Der Dresdner Möbelfabrikant Karl Schmidt gründete zur Umsetzung seiner sozialreformerischen Pläne gemeinsam mit dem Architekten Richard Riemerschmid die Gartenstadt Hellerau GmbH. Mit dem 1911/1912 errichteten Festspielhaus erhielt der Ort auch früh eine Bedeutung als Kulturzentrum. Infolge der schon 1955 erfolgten Denkmalschutz-Einstufung ist die Hellerauer Gartenstadt noch heute annähernd im Originalzustand erhalten.
In Nürnberg entstand nach den Gestaltungsgrundsätzen der Gartenstadtidee ab 1907 die Wohnkolonie am Rangierbahnhof als Eisenbahnersiedlung unter anderem durch German Bestelmeyer. Ab 1910 entstand südlich Nürnbergs der Stadtteil Gartenstadt nach Plänen von Richard Riemerschmid u. a. sowie die MAN-Werksiedlung Werderau. Alle drei Siedlungen stehen unter Denkmal- und Ensembleschutz.
Auch das Augsburger Thelottviertel wird als erste Gartenstadt Deutschlands bezeichnet. Baubeginn war 1907, die Fertigstellung erfolgte 1929.
Die seit 1909 entstandene Krupp-Siedlung Margarethenhöhe in Essen wird oft ebenfalls als erste deutsche Gartenstadt bezeichnet (geplant von Georg Metzendorf/Kruppsches Baubüro), sie ist aber „Gartenstadt“ nur in Hinblick auf die Bauweise. Ein genossenschaftliches Konzept fehlt hier völlig. Eine weitere frühe Gartenstadt entstand in Neumünster ab 1910.
Die 1905 in Karlsruhe-Rüppurr von Hans Kampffmeyer, dem jüngeren Cousin von Bernhard Kampffmeyer, mitgegründete Gartenstadt-Genossenschaft folgt dagegen dem ganzheitlichen, sozial geprägten Anspruch der englischen Gartenstadtbewegung und schloss in einer Art Bündnis Volkswirte, Sozialreformer, Architekten, Hygieniker, Kommunalpolitiker, Genossenschaftler und Verleger zusammen.
Eine weitgehend unverändert erhaltene Gartenstadtsiedlung, die zwischen 1912 und 1955 erbaute Knerling-Siedlung, befindet sich in Altena. Sie wurde von der Altenaer Baugesellschaft errichtet und am 29. April 2010 durch Denkmalbereichssatzung der Stadt Altena unter Schutz gestellt. altena.de
Realpolitik und Wandel Bereits ab 1904 nahm die Gartenstadt-Gesellschaft Abschied von der Utopie einer Gesellschaftserneuerung und wollte sich fortan nur noch für eine konsequente Bodenreform einsetzen. Auch die Idee der autarken und autonomen Gartenstadt wurde zunehmend zugunsten von Wohnsiedlungen, Gartenvorstädten und Erweiterung von Städten im Sinne der Gartenstadt aufgegeben. Man orientierte sich also am Gängigen und Machbaren. Mit dieser bürgerlich-reformerischen Linie, für die wesentlich Hans Kampffmeyer stand, öffnete sich die Gartenstadt-Bewegung weiteren Bevölkerungskreisen.
Der Vorstand der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft hatte im Jahr 1909 mit Bernhard Kampffmeyer, Paul Kampffmeyer, Adolf Otto und Franz Oppenheimer nur noch wenige der ursprünglichen Gründungsmitglieder. Hinzu kamen Carl Johannes Fuchs, Paul Schultze-Naumburg, Werner Sombart, Joseph August Lux, Ferdinand Avenarius, Peter Behrens, Richard Riemerschmid, Hermann Muthesius und Karl Schmidt. Schmidt, Muthesius und Riemerschmid waren bereits 1906 maßgeblich an der Gründung Helleraus beteiligt und brachten reale Erfahrungen mit in den Vorstand.