miniatur|Die Altstadt von Lübeck (2006) mit den Örtlichkeiten, die in den Buddenbrooks genannt werden:
1 = Mengstraße Nr. 4: Stammhaus der Buddenbrooks/Manns, heute Museum 2 = Fischergrube: Thomas’ neues Haus; Annas Blumenladen 3 = Rathaus: Bürgerschaft; Senat 4 = Breite Straße 5 = Beckergrube: Theater; Club 6 = Trave 7 = Mühlenteich 8 = Wall mini|Das Buddenbrookhaus in Lübeck, Mengstraße 4 (2008) miniatur|Thomas Mann, um 1900
Buddenbrooks: Verfall einer Familie (1901) ist das früheste unter den großen Werken Thomas Manns und gilt heute als der erste Gesellschaftsroman in deutscher Sprache von Weltgeltung.Hans Wysling. In: Thomas Mann Handbuch, hrsg. von H. Koopmann, 3. Auflage. A. Kröner, Stuttgart 2001, S. 363. Er erzählt vom allmählichen, sich über vier Generationen hinziehenden Niedergang einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und illustriert die gesellschaftliche Rolle und Selbstwahrnehmung des hanseatischen Großbürgertums zwischen 1835 und 1877. Thomas Mann erhielt 1929 für Buddenbrooks den Nobelpreis für Literatur.
Die Grundlage des Romans war Thomas Manns eigene Familiengeschichte, Schauplatz des Geschehens ist seine Heimatstadt Lübeck. Ohne dass der Name der Stadt ausdrücklich erwähnt wird, sind viele Nebenfiguren nachweislich literarische Porträts von Lübecker Persönlichkeiten jener Zeit. Thomas Mann wird in der Figur des Hanno Buddenbrook selbst Teil der Handlung.
Entstehungs- und Wirkungsgeschichte Entstehung Ein Band mit Novellen Manns war 1898 im S. Fischer Verlag unter dem Titel Der kleine Herr Friedemann erschienen. Der Verleger Samuel Fischer hatte das Talent des jungen Autors erkannt und ermutigte ihn in einem Brief vom 29. Mai 1897, einen Roman zu schreiben: „Ich würde mich aber freuen, wenn Sie mir Gelegenheit geben würden, ein größeres Prosawerk von Ihnen zu veröffentlichen, vielleicht einen Roman, wenn er auch nicht so lang ist.“
Buddenbrooks entstand in der Zeit von Oktober 1896 bis zum 18. Juli 1900. Mann erwähnt den Roman erstmals in einem Brief an einen Freund, Otto Grautoff, vom 20. August 1897. Vorausgegangen war Ende Mai 1895, ebenfalls in einem Brief an Grautoff, die Erwähnung eines Familienromans in einer autobiografischen Skizze.Vgl. Thomas-Mann-Handbuch, hrsg. von Helmut Koopmann, Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2005, S. 363. Im Lebensabriß (1930) beschreibt Thomas Mann den Beginn der Arbeiten während seines Aufenthalts in Palestrina.„Schon in Palestrina hatte ich, nach eifrigen Vorarbeiten, Buddenbrooks zu schreiben begonnen. Ohne viel Glauben an die praktischen Aussichten des Unternehmens, mit jener Geduld, die meine natürliche Langsamkeit mir auferlegte, einem Phlegma, das vielleicht richtiger bezähmte Nervosität zu nennen wäre, führte ich die Erzählung in der Via Torre Argentina fort und nahm ein schon bedenklich angeschwollenes Manuskript mit nach München, wohin ich nach ungefähr einjähriger Abwesenheit denn doch zurückkehrte.“ Zitiert nach Thomas Mann: Ein Leben in Bildern, Artemis und Winkler-Verlag, 1994, S. 81. Während dieses Italien-Aufenthalts 1896/1897 las Mann viele Romane und Erzählungen skandinavischer, russischer, französischer Autoren und immer wieder Nietzsche, Storm und Fontane.Hans Wysling, Yvonne Schmidlin: Thomas Mann. Ein Leben in Bildern. Artemis, Zürich 1994, S. 81 Im Verlauf der nächsten Jahre wuchs der Roman zu seinem heute bekannten Umfang an. Am 18. Juli 1900 schloss Thomas Mann das Manuskript ab und schickte es am 13. August 1900 an Samuel Fischer. Der Verleger bat den Autor zunächst, das Manuskript um die Hälfte zu kürzen, was dieser jedoch ablehnte. Der Roman erschien daher ungekürzt.
Das originale Manuskript wurde nach Thomas Manns Emigration bei dem Münchner Rechtsanwalt Valentin Heins deponiert und dort während des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff zerstört. Erhalten sind umfangreiche Vorarbeiten und Notizen, aus denen die Entstehungsgeschichte des Romans hervorgeht.
Editionsgeschichte
mini|hochkant|links|Umschlag von Wilhelm Schulz, 1903 mini|Der zweibändige Erstdruck 1901 Das Werk wurde im Oktober 1901 veröffentlicht, zweibändig, in einer Auflage von 1.000 Exemplaren. Der Verkauf war schleppend. Der Preis von zwölf Mark (geheftet) und 14 Mark (gebunden, Abbildung rechts) entspricht einem heutigen Gegenwert von und Euro und behinderte wahrscheinlich den Absatz. Erst die einbändige zweite Auflage von 1903 mit der Einbandgestaltung von Wilhelm Schulz und einer Höhe von 2.000 Exemplaren, gebunden für sechs Mark, geheftet für fünf Mark, leitete eine Serie von Neuauflagen ein und brachte den Erfolg. 1918 waren 100.000 Exemplare verkauft. 1924 erschien in den Vereinigten Staaten eine Ausgabe in englischer Sprache, übersetzt von Helen Tracy Lowe-Porter. Nachdem Thomas Mann am 12. November 1929 für Buddenbrooks den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, erschien im Dezember 1930 eine Auflage von einer Million Exemplaren zu einem herabgesetzten Preis, die sogenannte Volksausgabe für nur 2,85 Reichsmark.
Mit dem Erscheinen preiswerter Taschenbuchausgaben nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Gesamtauflage deutlich. Bis 1975 wurden vier Millionen Exemplare in deutscher Sprache verkauft.Wolfgang Mertz: Thomas Mann. Wirkung und Gegenwart; nach Hermann Kurzke: Thomas Mann: Epoche, Werk, Wirkung, S. 60 2002 erschien eine neu edierte Ausgabe der Buddenbrooks mit Kommentarband im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke“ Thomas Manns. 2005 sorgte die aus Anlass von Thomas Manns 50. Todestag ausgestrahlte TV-Film-Serie Die Manns – Ein Jahrhundertroman von Heinrich Breloer für ein neu erwachtes Interesse an den Buddenbrooks. Die deutschen Ausgaben des Romans erreichten bis 2010 eine Verbreitung von über neun Millionen Exemplaren.Arte: Bis zum Jahr 2000 war Buddenbrooks in 38 Sprachen übersetzt, zuletzt ins Isländische.
Reaktionen in Lübeck In Lübeck wurde der Roman zunächst als Schlüsselroman aufgenommen. In der Stadt kursierten zwei Entschlüsselungslisten, die von einer Buchhandlung an ihre Kunden verliehen wurden. Viele der Personen, die sich porträtiert sahen, waren entrüstet. Man verglich den Verfasser mit dem Skandalschriftsteller Fritz Oswald Bilse. Thomas Mann versuchte, der Empörung mit dem Essay Bilse und Ich (1906) zu begegnen. Dort verteidigt er das Recht des Schriftstellers, die Realität als dichterische Vorlage zu verwenden: „Fragt nicht immer, wer soll das sein. […] Sagt nicht immer, das bin ich, das ist jener. Es sind nur Äußerungen des Künstlers gelegentlich Eurer. Stört nicht mit Klatsch und Schmähungen seine Freiheit.“Thomas Mann: Bilse und ich. In ders.: Gesammelte Werke in zehn Bänden. S. Fischer, Frankfurt/Main 1925, Bd. 9, S. 3–17, S. 17. Zum Bilse-Komplex vgl. Heinrich Detering: Thomas Mann oder Lübeck und die letzten Dinge. Buddenbrooks, Stadtklatsch, Bilse und ich. In: ders.: Herkunftsorte. Literarische Verwandlungen im Werk Storms, Hebbels, Groths, Thomas und Heinrich Manns. Boysens, Heide 2001, S. 166–193.
Inhalt
Der Roman ist in elf Teile gegliedert, die jeweils eine unterschiedliche Zahl von Kapiteln enthalten.
Erster Teil
miniatur|Das „Buddenbrook-Haus“ in Lübeck um 1870 miniatur|Treppenhaus des späteren Buddenbrookhauses, Beckergrube 52
An einem Donnerstag im Oktober 1835 haben Buddenbrooks ihre Familienangehörigen, Bekannte und Geschäftsfreunde „auf ein ganz einfaches Mittagsbrot“ in ihr neues Haus gebeten, nach großbürgerlicher Sitte für den späten Nachmittag. Das neue Heim, als Gebäude und Anwesen gleichermaßen weitläufig, war erst kürzlich von der in Konkurs gegangenen Familie Ratenkamp für 100.000 Kurantmark erworben worden. Die Errichtung des repräsentativen Hauses, in der Lübecker Mengstraße gelegen, geht auf das Jahr 1682 zurück.
Im Eröffnungsteil werden dem Leser drei Generationen der Familie Buddenbrook vorgestellt: Das energische Familienoberhaupt Johann Buddenbrook d. Ä. und dessen Gattin Antoinette; ihrer beider Sohn Johann Buddenbrook d. J. (genannt Jean) nebst Gattin Elisabeth (Bethsy), dazu die Kinder der beiden, die achtjährige Antonie (Tony), der neunjährige Thomas und der siebenjährige Christian. Auch die Gäste sind Teil des künftigen Romanpersonals.
Johann Buddenbrook d. Ä. ist Inhaber der Getreidegroßhandlung Buddenbrook, die er von seinem Vater, dem Firmengründer, übernommen hat. Sein Sohn Jean ist Associé im Familienunternehmen und steht seinem Vater an Geschäftstüchtigkeit in nichts nach. Schon manches Mal war er ihm „im entschlossenen Ergreifen des Vorteils überlegen gewesen.“ Doch im Gegensatz zu seinem unsentimentalen Vater hat er einen Hang zu pietistischer Frömmigkeit. Stets ist er darauf bedacht, „als Mensch von religiösem Empfinden“ wahrgenommen zu werden.
Gegessen wird mit schwerem Silberbesteck von Meißner Tellern mit Goldrand. Das „ganz einfache Mittagsbrot“ besteht aus Kräutersuppe nebst geröstetem Brot, Fisch, einem kolossalen, ziegelroten, panierten Schinken mit Schalottensauce und einer solchen Menge von Gemüsen, daß alle aus einer einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Darauf folgt Plettenpudding, ein schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme, zu dem goldgelber, traubensüßer alter Malvasier in kleinen Dessertweingläsern gereicht wird. Abschließend trägt das FolgmädchenLübecker Bezeichnung für eine Hausangestellte, die der Hausherrin auf der Straße folgt bzw. hinter ihr gehend sie begleitet. noch Butter, Käse und Früchte auf.
In einer kontrastierenden Parallelhandlung wird der nicht anwesende Sohn des Familienoberhauptes aus erster Ehe, Gotthold Buddenbrook, der vor Jahren verstoßen wurde, um einen Teil seines Erbes gebracht. Senior- und Juniorchef sprechen sich ab, nachdem die Gäste gegangen sind. Der pietistisch-fromme Jean rät seinem Vater, die Forderung Gottholds guten Gewissens abzuweisen, damit das Firmenvermögen nicht geschmälert werde.
Gotthold Buddenbrook war wegen einer unstandesgemäßen Heirat verstoßen worden. Er hatte, dem strengen Verbot des Familienoberhauptes zum Trotz, eine Mamsell Stüwing geehelicht und damit nicht in eine Firma, sondern in einen „Laden“ eingeheiratet. In der überschaubaren Handelsstadt aber wurde „haarscharf“ unterschieden zwischen den „ersten und zweiten Kreisen, zwischen Mittelstand und geringem Mittelstand.“
Zweiter Teil
Die Buddenbrooks führen eine Familienchronik, ein dickes Goldschnittheft, dessen Aufzeichnungen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts zurückreichen. Darin hält am 14. April 1838 Jean Buddenbrook, heiter und in frommer Dankbarkeit, die Geburt seiner Tochter Clara fest, seines vierten Kindes. Im Rückblättern stößt er auf die Zeilen, die seine Verheiratung betreffen. „Diese Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen, was man eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter geklopft und ihn auf die Tochter des reichen Kröger, die der Firma eine stattliche Mitgift zuführte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen einverstanden gewesen und hatte fortan seine Gattin verehrt, als die ihm von Gott vertraute Gefährtin… Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders verhalten.“
In der Stadt hat die Familie Hagenström Fuß gefasst. Herr Hagenström ist Mitinhaber der Exportfirma Strunck & Hagenström und hat in eine reiche jüdische Familie aus Frankfurt eingeheiratet, was in den ersten Kreisen der Stadt mit Befremden aufgenommen wurde. Die Hagenströms konkurrieren schon bald mit den Buddenbrooks, geschäftlich wie kommunalpolitisch. Auch die Kinder beider Familien rivalisieren bereits miteinander. Als Hagenströms Sohn, der kleine Hermann, auf dem gemeinsamen Schulweg im Tausch gegen sein Frühstück einen Kuss von Tony einfordert, wehrt sie ihn ab. Seine Schwester mischt sich ein und es kommt zu einer Rauferei zwischen den Mädchen. „Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit der Kameradschaft.“