mini|Gebäude der Karl-Marx-Schule (Berlin-Neukölln), die erste staatlich integrierte Gesamtschule in Deutschland Die Gesamtschule ist eine Schulform, bei der die Differenzierung zwischen den möglichen Bildungsgängen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) innerhalb einer Schule vorgenommen wird bzw. verschiedene Bildungsgänge an ein und derselben Schule angeboten werden. Bei diesem Schultyp wird in Deutschland zwischen integrierten und kooperativen Gesamtschulen unterschieden. Dabei umfasst der gymnasiale Bildungsgang an einer Gesamtschule nicht immer im Anschluss an die 10. Klasse die gymnasiale Oberstufe.

Gesamtschulen im deutschsprachigen Raum Deutschland Die Gesamtschule in Deutschland ist eine weiterführende Schule, die Kinder nach der Grundschule mindestens bis zur 9. oder 10. Klasse besuchen können. Sie ist in mehreren Bundesländern eine Alternative zum traditionellen dreigliedrigen Schulsystem (mit Hauptschule, Realschule, Gymnasium) geworden. Der wesentliche Unterschied zum herkömmlichen Schulsystem besteht darin, dass in der Gesamtschule keine frühzeitige Differenzierung nach Leistungsstärke stattfindet, die Schüler also nicht auf verschiedene Schulen verteilt werden. Eine Gesamtschule bietet auch die verschiedenen Schulabschlüsse (Hauptschulabschluss, Mittlere Reife, Berechtigung zur gymnasialen Oberstufe) an. Nach der 10. Klasse kann auf die Gesamtschule die gymnasiale Oberstufe folgen, während ein Teil der Schüler in berufliche Ausbildungsgänge außerhalb der Gesamtschule wechselt.

Integrierte und Kooperative Gesamtschulen Unterschieden werden Integrierte Gesamtschulen (IGS) und Kooperative Gesamtschulen (KGS), auch additive Gesamtschulen genannt. In der Integrierten Gesamtschule werden die Schüler nur in einzelnen Fächern nach Leistung und Anforderungen in verschiedene Kurse aufgeteilt. In der Kooperativen Gesamtschule gibt es nebeneinander Klassen des Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialzweiges. Lediglich einzelne Fächer wie Sport werden gemeinsam unterrichtet.

mini|links|600px|Stellung der Gesamtschule im deutschen Bildungssystem

Einheitsschule Wird die Gesamtschule nicht neben dem dreigliedrigen Schulsystem, sondern als alleinige Schulform mindestens bis zur 9. Klasse etabliert, wird von einer Einheitsschule gesprochen. Die ursprüngliche Idee vieler Schulreformer in Deutschland, so zum Beispiel von Fritz Karsen in der Weimarer Republik mit seinem Reformprojekt Karl-Marx-Schule oder nach dem Zweiten Weltkrieg Fritz Hoffmann an der Fritz-Karsen-Schule, war hierauf gerichtet. Realisiert wurde sie in Form der Polytechnischen Oberschule mit Einschränkungen (Spezialschulen) in der DDR.

Zwei-Wege-Modell Faktisch aber ist es bis heute nur zur Einrichtung von Gesamtschulen zusätzlich zu den bestehenden Schulformen gekommen, wodurch sich die Gliederung des Schulsystems noch erweitert hat. In vielen Bundesländern ist neben dem Gymnasium die integrative Sekundarschule eingerichtet worden, die eine Zusammenlegung von Hauptschule, Realschule und Gesamtschule vornimmt und für die geeigneten Schüler eine eigene Oberstufe führt. Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann hat dies das Zwei-Wege-Modell des weiterführenden Schulsystems genannt, das faktisch eine Umsetzung der Gesamtschule neben dem weiter bestehenden Gymnasium darstellt. Wenn eine gymnasiale Laufbahn bereits in der Sek. I integriert ist (Baden-Württemberg, Saarland, Schleswig-Holstein), besteht eine Gemeinschaftsschule, die Schülern von der Grundschule an die Möglichkeit gibt, ihre gesamte Schullaufbahn bis zum Abitur in einer einzigen Schule zu verbringen. Waldorfschulen oder andere Alternativschulen sind ebenso in der Regel Gesamtschulen.

Statistik 2016/17 Im Schuljahr 2016/17 besuchten von 4,1 Mio. deutschen Schülern im Sekundarbereich I 34 % ein Gymnasium, 21 % waren Realschüler und 10 % besuchten eine Hauptschule. 18 % der Schülerschaft besuchten eine Integrierte Gesamtschule, 13 % Schularten mit mehreren Bildungsgängen. Die meisten Gesamtschüler gab es prozentual in Bremen und im Saarland, die wenigsten in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern. Der Wechsel in der 5. Klasse auf Gesamtschulen nahm dabei zu, vor allem in Bremen, Schleswig-Holstein und NRW.

20 % der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss besuchten eine Hauptschule, 13 % eine Integrierte Gesamtschule, 10 % eine Schulart mit mehreren Bildungsgängen und 3 % eine Realschule. Gesamtschulen weisen einen hohen Anteil ausländischer Schüler auf, 22 % der ausländischen Schüler besuchten im Schuljahr 2016/2017 eine Integrierte Gesamtschule, 18 % ein Gymnasium im Sekundarbereich I, 17 % eine Realschule und 11 % eine Schulart mit mehreren Bildungsgängen.

Österreich, Schweiz, Liechtenstein In Österreich gibt es zurzeit – außer Konzepten für Alternativschulen – keine Gesamtschule. Lediglich in Wien bestehen seit 1972 einige Gesamtschulen, die im Rahmen eines Schulversuchs eingerichtet wurden. Dieser Schulversuch war ursprünglich auf zehn bis fünfzehn Jahre geplant, 1986 wurde er jedoch auf unbestimmte Zeit verlängert. Dadurch haben die wenigen Wiener Gesamtschulen jedoch keinen offiziellen Status (sie gelten als Hauptschulen) und könnten auch jederzeit beendet werden. Über eine dauerhafte Einführung der Gesamtschule parallel neben den anderen Schultypen wie Hauptschule und Gymnasium wird jedoch viel diskutiert, ein entsprechender Beschluss wurde aber noch nicht gefasst.

Weder in der Schweiz noch in Liechtenstein gibt es ein entsprechendes Konzept für die Gesamtschule. In der Schweiz wird der Begriff Gesamtschule für die Einklassenschule, also für Kleinschulen im ländlichen Raum, angewendet.

Südtirol, Ostbelgien, Luxemburg In Südtirol gilt das italienische Bildungssystem: Dies unterscheidet die Grundschule (fünf Jahre), die Sekundarstufe ersten Grades in der Mittelschule (drei Jahre) sowie zweiten Grades in der Oberschule (fünf Jahre). Grund- und Mittelschule sind dabei als Gesamtschulen konzipiert.

In Belgien (Schulen der deutschsprachigen Gemeinschaft) wird ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr eine sechsjährige Primarschule besucht. Weitere sechs Jahre werden auf einer Sekundarschule absolviert, die eine Gesamtschule ist.

In Luxemburg besteht ein differenziertes Schulsystem.

Ziele Gesellschaftspolitisch soll das Konzept der Gesamtschule, noch verstärkt als Ganztagsschule, einer Entwicklung entgegenwirken, in der sich Schüler aus unterschiedlich sozialisierten Gesellschaftsgruppen (etwa Akademiker, Arbeiter usw.) frühzeitig fremd werden (Motto: „Miteinander und voneinander lernen, um miteinander leben zu lernen!“). Heranwachsende mit schwachen Leistungen lernen mit und von leistungsmäßig besseren Schülern – und alle gemeinsam lernen, mit Mitmenschen aus allen Schichten umzugehen und diese bei Bedarf auch anzuleiten (Soziale Integration). Dieses Ziel wurde jedoch bisher nur ansatzweise erreicht, da die Gesamtschule zum einen mit dem mehrgliedrigen Schulsystem konkurriert und zum anderen die schichtspezifische Zusammensetzung einer Schulklasse sehr von der Struktur des Einzugsgebietes der Schule (Arbeitersiedlung, wohlhabender Vorort usw.) abhängt. Sie konkurriert mit den verbliebenen Haupt- und Realschulen um die Schüler, mit den Gymnasien trotz gleicher Rechtsregelungen um den Abschluss Abitur. Der ursprünglich beabsichtigte sozialpolitische Effekt steht dabei nur noch am Rand.

Ein bildungspolitisches Ziel der Gesamtschule ist es, im Sinne der Chancengleichheit möglichst vielen Schülern einen höheren Bildungsabschluss zu ermöglichen. Dafür ist eine große Durchlässigkeit im Sekundarbereich I erforderlich, um zu frühe Festlegungen zu vermeiden. Kritiker weisen allerdings auf das häufig reduzierte Leistungsniveau hin. Der Trend zu mehr höheren Bildungsabschlüssen besteht ohnehin auch außerhalb von Gesamtschulen.

Die Schulform der Gesamtschule erfordert wie die Grundschule besondere didaktische Kompetenzen der Lehrer; wenn eine äußere Differenzierung nach Leistung entfällt, muss sich der Unterricht weitaus stärker am Prinzip der Binnendifferenzierung ausrichten. In diesem Punkt waren die Gesamtschulen Schrittmacher der anderen Schulformen.

Einige Bundesländer haben außerdem an vielen Schulen Schulsozialarbeit installiert. Diese und andere Unterstützungen in der Ausstattung von Gesamtschulen sollen helfen, die besonderen Umfeldprobleme dieser Schulart aufzufangen. Schulsozialarbeiter sind mittlerweile aber auch an anderen Schulformen tätig.

Gesamtschulen werden mancherorts weniger aus pädagogischen Gründen als aus kommunalpolitischen und demografischen errichtet: Die Unterhaltung eines gemeinsamen Schulzentrums erscheint gerade kleineren Gemeinden als eine kostengünstige Alternative zum traditionellen System. Der Rückgang der Schülerzahlen erlaubt nicht mehr die Verteilung auf mehrere Schulformen, um ein wohnortnahes Schulangebot zu erhalten. In einer kooperativen (auch additiven) Gesamtschule wird die Zwei- oder Dreigliedrigkeit des Schulsystems nicht aufgehoben. Man erhofft sich vorrangig Synergieeffekte durch diese räumliche oder organisatorische Zusammenlegung. Die ursprüngliche Form des Unterrichtes (gemeinsames Lernen) wird hierbei um mehrere Jahre verkürzt.

Geschichte Die Geschichte der Gesamtschule ist, gemessen etwa an der des Gymnasiums, relativ kurz. Die zugrundeliegende Idee, eine Schule für alle Kinder und Jugendlichen einzurichten, unabhängig von ihrer Herkunft, ihren Fähigkeiten und Neigungen und ihrem künftigen Beruf, reicht dagegen weit zurück.

Frühgeschichte bis 1945 Forderungen, alle Kinder des Volkes in einer Einheitsschule (Gesamtschule) zu unterrichten, lassen sich in Deutschland bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Johann Amos Comenius setzte sich in seinem Werk Große Didaktik, im Unterschied zu zeitgenössischen Forderungen, verschiedene grundständige Schulen – Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschulen – einzurichten, für ein einheitliches, in Stufen gegliedertes Schulsystem ein. Den Ausgangspunkt seiner pädagogischen Überlegungen stellte die Gleichheit aller Menschen vor Gott dar.

Die erste ausführliche Konzeption für eine Schule ohne äußere Differenzierung legte 1809 der preußische Leiter der Sektion für Kultus und Unterricht Wilhelm von Humboldt vor, ohne den Begriff Gesamtschule zu benutzen. Das von ihm de facto angeregte humanistische Gymnasium wurde allerdings in sozialer Hinsicht das genaue Gegenteil verkehrt. Weiterhin gab es Mittelschulen, die neben oder nach der Volksschule zu höheren Abschlüssen führten.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Schulwesen durch die Weimarer Reichsverfassung von 1919Weimarer Reichsverfassung von 1919 bzw. 1920 mit dem ReichsgrundschulgesetzReichsgrundschulgesetz vom 28. April 1920 festgelegt: „Die Volksschule ist in den vier untersten Jahrgängen als die für alle gemeinsame Grundschule, auf der sich auch das mittlere und höhere Schulwesen aufbaut, einzurichten.“ Gesonderte Vorschulen mussten danach bis 1925 geschlossen sein; zuvor konnten reiche Eltern ihre Kinder auch zu Hause oder in einer auf das Gymnasium vorbereitenden dreijährigen Vorschule unterrichten lassen. In Österreich gibt es bis heute eine Unterrichtspflicht, jedoch keine Schulpflicht.

Die Karl-Marx-Schule (Berlin-Neukölln) gehört zu den bekanntesten Berliner Reformschulprojekten der Weimarer Zeit. Sie wurde initiiert von dem Reformpädagogen Fritz Karsen, der ab 1921 Direktor des Neuköllner Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums war. Diesem gliederte er 1923 Arbeiter-Abiturientenkurse an, die es ermöglichten, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. 1927 ergänzte er die Schule um eine achtstufige Volksschule. 1929/30 wurde dieser Versuch einer Einheitsschule, die Merkmale einer heutigen Gesamtschule aufwies, in Karl-Marx-Schule umbenannt. Der Anfang der 1930er Jahre erreichte Ausbau der Schule, ihre innere schulische Organisation, rechtfertigt es, von der Karl-Marx-Schule als der ersten staatlichen integrierten Gesamtschule in Deutschland zu sprechen.