mini|Zwölf trauernde Witwen. Karikatur zum Tod von Brigham Young (zweiter Präsident der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“) von 1877

Die Mehrehe (englisch: „plural marriage“), manchmal auch als „Mehrfachehe“ oder „celestiale Vielehe“ bezeichnet, ist eine Art der Vielehe, die von Joseph Smith, dem Gründer der Religionsgemeinschaft „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (auch „Rocky-Mountain-Heilige“), und einigen seiner engsten Vertrauten gelebt wurde. Unter Brigham Young wurde sie zunehmend auch den gewöhnlichen Mitgliedern der Kirche nahegelegt. In der mormonischen Hauptkirche wurde sie 1890 de jure und in den beiden folgenden Jahrzehnten auch de facto abgeschafft. Sie besteht in einigen kleinen fundamentalistischen Mormonengruppierungen im Westen der USA, in Kanada und in Mexiko bis heute fort.

Sie schließt Polygynie und in seltenen Fällen auch Polyandrie ein. Die meisten mehrehelichen Beziehungen schließen auch sexuelle Kontakte zwischen dem Mann und jeder einzelnen Frau ein; daneben sind auch einige enthaltsame Beziehungen in Mehrehen überliefert.

Das häufigste Vorkommen der Mehrehe findet sich unter Führungspersonen der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, im Englischen „Latter-day Saints“ (LDS) genannt, in der Mitte sowie im späten 19. Jahrhundert; damals führten zwischen vier und sechs Prozent der Mitglieder der LDS eine Mehrehe. Aufgrund des Drucks der US-Regierung verzichtete die Kirche 1890 auf diese Praxis. Gleichwohl lassen sich Mehrehen bis ins frühe 20. Jahrhundert beobachten, als die Kirche Polygamisten zu exkommunizieren begann.

Ursprung Joseph Smith erzählt, dass er während der Neuübersetzung der Bibel über den Passagen betete, in denen von den Mehrehen der Erzväter berichtet wurde; dabei habe er eine göttliche Offenbarung über die Mehrehe erhalten.Lehre und Bündnisse 132,58–66 Darin habe ihm Gott aufgetragen, mehrere Frauen zu heiraten.

In Todd Comptons Buch In Heiliger Einsamkeit wird Smith zitiert:

Auch weitere Personen, darunter vor allem Benjamin F. Johnson und Joseph B. Noble, erklärten, ähnliche Erlebnisse gehabt zu haben. Ihre Erzählungen waren jedoch um eine Facette erweitert: Der Engel habe ein Schwert in seinen Händen gehalten.

1842 verlegte Joseph Smith in seiner Eigenschaft als Betreiber der örtlichen Druckerei in Nauvoo (Illinois) den Traktat The Peace Maker („Der Friedensstifter“) des ansonsten unbekannten Autors Udney Hay Jacob.Jon Krakauer: Mord im Auftrag Gottes. Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus. München 2003, ISBN 3-492-04571-5, S. 124 ff.In den beiden Kapiteln des Traktates Peace Maker verteidigt Udney Hay Jacob (1781–1860) die Polygamie. Jacob war zwar kein Mormone, lebte aber um 1830 in Chautauqua NY in einem mormonischen Umfeld, so im von Mormonen geprägten Hancock County in Illinois. 1843 wurde er in der LDS getauft. The Peace Maker or the Doctroines of the Millennium findet sich in Auszügen auf Brigham Young University: An extract, from a manuscript entitled The Peacemaker, Or, The doctrines of the millenium: being a treatise on religion and jurisprudence, or a new system of religion and politicks: for God, my country, and my rights (mit Einführung zu Hintergrund und Datierung) Darin werden Bibelverse zusammengestellt, die die Polygynie begründen sollen. Die Schrift wurde nicht allgemein akzeptiert. Auch Smith sprach sich kurz danach in einem Zeitungsartikel gegen sie aus, doch glaubten viele, sie sei von Smith oder seinen direkten Mitarbeitern verfasst worden, und ihr eigentlicher Zweck sei es gewesen, in der LDS eine Diskussion zum Thema Mehrehe anzustoßen und den Grad einer möglichen Akzeptanz dieser Lehre zu testen.

Am 12. Juli 1843 verfasste Smith schließlich den Abschnitt 132 der Lehre und Bündnisse, in dem Gott ihm den „neuen und ewigen Bund“ der Vielehe offenbart haben soll. Er hielt diesen Abschnitt aber unter Verschluss; er wurde erst 1852 nach Smiths Tod veröffentlicht.Krakauer 2003, S. 152 f., 159

Praxis Die erste Mehrehe Smiths mit einer weiteren Frau, Fanny Alger, wird für das Jahr 1836 vermutet. Weitere Eheschließungen, welche von Smith nicht öffentlich bekannt gemacht wurden, folgten ab 1841. In diesem Jahr machte er der Mormonin Sarah Pratt, der Frau des Apostels Orson Pratt, einen Heiratsantrag. Erst 1852, vier Jahre nach der Ankunft der Mormonen in Utah und acht Jahre nach Smiths Tod, wurde die Lehre der Mehrehe öffentlich gelehrt.

Smith führte die Lehre von der Polygamie ein, indem er einige Personen auswählte, denen er die Prinzipien der Mehrehe erklärte. Dabei erteilte er einzelnen, wie Brigham Young, die Zustimmung, sich ebenfalls mit mehreren Frauen zu vermählen. Einige Kirchenführer lehnten dies ab und verließen zum Teil die Kirche. Andere ließen sich nach Gewissenskonflikten und – wie sie sagten – langen Gebeten darauf ein. Gegenüber der allgemeinen Mitgliedschaft und der sonstigen Öffentlichkeit wurde während dieser Phase Geheimhaltung gewahrt und die Polygamie wurde auf Nachfrage abgestritten. Die Mormonen nannten das „Lügen für den Herrn“.

Berühmt wurde der Ausspruch Brigham Youngs, dass er, nachdem ihm die Lehre eröffnet worden war, lieber mit jenem Leichnam getauscht hätte, der gerade in einem Leichenwagen durch die Straße gezogen wurde, als die neue Lehre anzunehmen.

Der erste Bürgermeister von Nauvoo (Illinois), John C. Bennett (1807–1864),Bennett war ein amerikanischer Arzt. Zu Beginn der 1840er-Jahre übernahm er an der Seite von Joseph Smith Jr. Führungsaufgaben und war dabei sehr einflussreich. ein ehemaliger Bekehrter, wurde wegen ehebrecherischer „spiritual wifery“ („geistlicher Beweibung“) aus der Kirche ausgeschlossen, da dies nicht im Geringsten mit der Mehrehe vereinbar war.

Volkszählungen in verschiedenen Landkreisen Utahs zeigten, dass die Verbreitung der Mehrehe im Jahr 1880 von Gemeinde zu Gemeinde stark variierte. So betrug ihr Anteil an den Ehen in South Weber 5 Prozent, in Orderville dagegen 67 Prozent. Untersuchungen über die Polygamie in Utah im 19. Jahrhundert legen nahe, dass die Polygamisten mehrheitlich mit zwei Frauen verheiratet waren, dass die Männer oftmals örtliche Führungspersönlichkeiten der LDS waren und dass die zweite Frau üblicherweise jünger war.

Die Frauen von Joseph Smith Auch wenn sich die Forschung bis heute nicht einig ist, kann mit Compton vermutet werden, dass Smith während seines Lebens mit 33 Frauen verheiratet war; hinsichtlich acht weiterer Frauen besteht keine Klarheit.Todd Compton: .

Nach der Lehre von der Mehrehe sollte zuerst die Einwilligung der ersten Frau eingeholt werden. In einer Offenbarung wurde Smith gesagt, dass die Frau dann glauben und zu ihrem Mann stehen solle, oder sie werde vernichtet. So werde sie zur Missetäterin und er werde davon befreit, ihre Erlaubnis einzuholen.Lehre und Bündnisse 132:64–65

Eine der ersten Sexualpartnerinnen Joseph Smiths war die 19-jährige Fanny Alger, mit der ihn seine Frau Emma bei sexuellen Kontakten in einer Scheune erwischte. Gleichzeitig soll sie mit Joseph, während er noch mit Emma verheiratet war, getraut worden sein; vermutlich vollzog er die Trauung selber. Bei einer öffentlichen Stellungnahme im Jahr 1838 erklärte Smith eine Zweitheirat nur nach dem Tod der ersten Frau für legitim, lehrte aber privat vermutlich etwas anderes.

Emma Hale Smith, Smiths erste FrauEmma Hale Smith (1804–1879) heiratete 1827 Joseph Smith jr. 1842–1844 stand sie der Relief Society, einer Frauenorganisation der LDS, vor. Als im Ringen um die Nachfolge Joseph Smiths das Kollegium der Zwölf Apostel eingerichtet wurde und Brigham Young als Vorsitzender der De-facto-Leiter der Mormonen wurde, bildete sich die Reorganisierte Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, an deren Spitze Joseph Smith III stand. Emma Hale Smith hielt sich fortan zu dieser Kirche., opponierte privat massiv gegen diese Praxis (wobei sie zugleich in der Öffentlichkeit deren Existenz bis zu ihrem Tode leugnete).

Einige von Smiths Frauen waren jünger als er. Die Jüngste, Helen Mar Kimball, war 14 Jahre alt. Auch wenn das nicht zum Bild der Kultur des Westens passt und in den meisten US-Staaten untersagt war (und ist), wurden die Mädchen in jenen Jahren oft in diesem Alter verheiratet. Keine Erkenntnisse gibt es zu der Frage, ob Joseph Smith mit Helen Mar Sexualkontakte hatte. Berichte von der Hochzeit lassen vermuten, dass es unter anderem darum ging, durch die Siegelung der beiden eine engere Verbindung zwischen den beiden Familien herzustellen.

Anfangs vermutete man, dass eine solche Eheschließung im Hinblick auf die Ewigkeit geschähe. Da Helen Mar nach eigenen Angaben jedoch darüber verwundert war, dass ihre Familie ihr es nicht gestattete, zu einer Jugendtanzveranstaltung zu gehen, erscheint es unwahrscheinlich, dass es sexuelle Kontakte zwischen ihr und Joseph gab; andernfalls wäre ihre Verwunderung kaum zu verstehen. Heber C. Kimball, der Vater von Helen Mar, war ein enger Freund von Joseph Smith und ein wichtiger Führer seiner Kirche. Er heiratete später selbst 39 Frauen. Stan Kimball, ein Nachkomme Heber C. Kimballs, führt in seiner Biographie über Heber C. Kimball sogar 43 Ehen auf.

Der Anthropologe Richard Francis Burton, der 1860 Salt Lake City besuchte, vermutete, dass die Frauen in einer Mehrehe offen für diese Praxis waren, da so auf jeder einzelnen Frau weniger Lasten gelegen hätten – sexuelle wie auch andere.

Polyandrie, Sexualkontakte und Kinderzeugung Etwa elf Frauen von Smith waren zugleich mit anderen Männern verheiratet, üblicherweise mit gut situierten Mormonen. Diese Frauen setzten in der Regel ihr Leben mit ihrem ersten Mann fort, nicht mit Smith. Zu sexuellen Kontakten kam es dabei nicht. Eine Frau erklärte später, dass Smith mit einer oder zwei dieser Frauen angeblich auch Kinder gezeugt habe. Beweise, dass Smith Kinder von anderen Frauen als seiner ersten Frau Emma hatte, gibt es nicht. Nach der damaligen mormonischen Lehre sollte ein Mann mindestens drei Frauen haben, um einen der höchsten Ränge nach der Erhöhung einzunehmen.Albert Mössmer: Die Mormonen: die Heiligen der letzten Tage. Walter, Solothurn/Düsseldorf 1995, ISBN 3-530-57951-3, S. 177.

Aufspaltung in Gruppen nach Smiths Tod Über die Frage, wer die Kirche führen solle, gab es nach Smiths Tod in der LDS-Führung Unstimmigkeiten. Schließlich bildeten sich mehrere Gruppen. Nur zwei von ihnen praktizierten die Mehrehe. Ungebrochen setzte sich die Tradition in der von Brigham Young geführten Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bis 1890 fort. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Strangiten), an deren Spitze James J. StrangStrang (1813–1856) war einer der drei Bewerber um die Führung der LDS während 1844er Krise der Religionsgemeinschaft. Nachdem sein Ansinnen zurückgewiesen wurde, wurde er Gründer und Prophet Church of Jesus Christ of Latter Day Saints (Strangiten). stand, folgte gleichfalls dieser Lehre, nachdem sich John C. Bennett, der ehemalige erste Bürgermeister von Nauvoo (Illinois), der Gruppierung angeschlossen und Strang darüber informiert hatte, dass Smith die Mehrehe praktiziert habe. Strang nahm sich schließlich fünf Ehefrauen. Bei den Strangiten war die Zahl der Mehrehen aber gering, und die Lehre wurde auch nicht als so zentral dargestellt wie in Youngs Kirche. Als Strang 1856 ermordet wurde, endete die Praxis der Polygamie in dieser Mormonen-Denomination.

mini|Der sechste Prophet der Kirche Joseph F. Smith 1904 mit seinen Frauen und Kindern

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