Tierhortung (auch: Tiersammelsucht, ) ist das krankhafte Sammeln und Halten von Tieren. Als Animal Hoarder oder Tierhorter werden Personen bezeichnet, die eine Vielzahl von Tieren halten, ohne die Mindestanforderungen an Nahrung, Hygiene oder tierärztlicher Versorgung gewährleisten zu können. Betroffene Personen sind nicht mehr in der Lage, auf die Haltungsmängel und die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der eigenen Person oder der Haushaltsmitglieder zu reagieren.Gary J. Patronek, J. N. Nathanson: A Theoretical Perspective to Inform Assessment and Treatment Strategies for Animal Hoarders. In: Clinical Psychology Review. 29, 2009, S. 274–281. PMID 19254818.

In den USA sind über 3000 Fälle jährlich mit hunderttausenden Tieren belegt. Eine Umfrage im Jahr 2011 in deutschen Veterinärämtern ergab über 500 Fälle mit mehr als 50.000 Tieren.Tina Susanne Sperlin: Animal Hoarding. Das krankhafte Sammeln von Tieren. Aktuelle Situation in Deutschland und Bedeutung für die Veterinärmedizin. Dissertation. Tierärztliche Hochschule, Hannover 2011. Anhand der Erhebungen des Deutschen Tierschutzbunds wurden zwischen 2012 und 2021 437 Fälle mit 30.577 Tieren ermittelt.N. Brakebusch und E. Müller: Animal Hoarding in Deutschland 2012–2021 – Auswertungen und Trends auf Basis der jährlichen Erhebungen des Deutschen Tierschutzbundes. Proc. 68. Jahreskongress der DGK-DVG. In: Kleintierpraxis Band 67, Nummer 11, S. 664.

Nach der zugrundeliegenden Motivation unterscheidet man vier Typen von Tierhortern: den übertriebenen Pfleger, den Rettertyp, den Züchtertyp und den Ausbeutertyp. Abgesehen vom Züchtertyp leiden Tierhorter häufig an psychischen Störungen, die Tierhortung ist aber keiner spezifischen Störung zuzuordnen. Problematisch ist die Tiersammelsucht vor allem für die gehaltenen Tiere, die häufig Erkrankungen, Parasiten, Unterernährung und Verhaltensstörungen zeigen. Die Verfolgung solcher Verstöße gegen das Tierschutzrecht obliegt in Deutschland den Veterinärämtern. Auflagen und Strafen werden aber häufig umgangen oder zeigen nur kurzzeitige Wirkung. Die Einsicht des Tierhorters und gegebenenfalls eine psychologische Betreuung sind zur Lösung solcher Problemfälle meist unverzichtbar.

Definition mini|Hortung von Hauskaninchen Tierhortung ist das Ansammeln von Tieren mit vier Grundeigenschaften:G. J. Patronek u. a.: Animal Hoarding Structuring interdisciplinary responses to help people, animals and communities at risk. In: Tagungsband des Hoarding of Animals Research Consortium. 2006, S. 19–20. (online; PDF; 1,1 MB) Unterschreiten der Mindestanforderungen an Hygiene, Platz, Ernährung und tierärztlicher Versorgung für die Tiere Unfähigkeit zum Erkennen der Auswirkungen dieser Mängel auf Tiergesundheit, Haushaltsmitglieder und Umwelt der obsessive Versuch, die Tieransammlung aufrechtzuerhalten oder gar auszubauen, trotz sich zusehends verschlechternder Bedingungen Leugnung oder Bagatellisierung der Probleme für die Tiere und gegebenenfalls auch für die Menschen im Haushalt.

Die Tierhortung wurde erstmals 1981 auf der Basis von 31 Fällen in New York City wissenschaftlich beschrieben.D. Worth, A. M. Beck: Multiple ownership in New York City. In: Transactions and Studies of the College of Physicians of Philadelphia. 3, 1981, S. 280–300. PMID 7043819. Zuvor schilderte der französische Schriftsteller Paul Léautaud (1871–1956) in seinen Tagebüchern sein krankhaftes Mitleid mit Tieren, das schließlich dazu führte, dass er mit 38 Katzen, 22 Hunden, einer Ziege und einer Gans in seinem Haus lebte.Paul Léautaud: Literarisches Tagebuch 1893–1956. Eine Auswahl. Herausgegeben und übersetzt von Hanns Grössel. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966, ISBN 3-499-25117-5.

1997 wurde in Massachusetts das Hoarding of Animals Research Consortium (HARC) gegründet. Diese interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der Erforschung psychologischer und soziologischer Aspekte, der Häufigkeit des Vorkommens sowie der Ausarbeitung von Handlungsstrategien. Auch die Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes hat 2008 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe zur Tierhortung ins Leben gerufen.Animal Hoarding – Die Sucht, Tiere zu horten Informationen auf tierschutzbund.de.

Ursachen

Patronek und Mitarbeiter unternahmen 2006 den Versuch, die Tierhorter nach der zugrundeliegenden Motivation in vier Typen zu klassifizieren: Überforderter Pfleger (Overwhelmed Caregiver): Er sammelt meist passiv Tiere an, zunächst in einer beherrschbaren Anzahl. Zumeist handelt es sich um Menschen, die durch persönliche Probleme wie Verlust des Arbeitsplatzes oder des Lebenspartners oder Gesundheitsprobleme anfangen, Tiere anzusammeln, die sie als Familienmitglieder betrachten. Sie tendieren zu psychischen Störungen der Achse 1 nach dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV). Der übertriebene Pfleger ist zumeist in der Lage, die beginnende Überforderung und die daraus resultierenden Probleme zu erkennen. Die Probleme werden eher bagatellisiert als ignoriert. Er ist meist sozial isoliert und lebt zurückgezogen. Gegenüber Behörden ist er meist einsichtig und kooperativ. Rettertyp (Rescuer Hoarder): Er hat einen missionarischen Drang zur Rettung von Tieren, beispielsweise vor einer Einschläferung, der schließlich zu einer Zwangsstörung wird. Rettertypen sammeln eher aktiv Tiere an, ebenfalls in einer zunächst beherrschbaren Anzahl. Diese wächst ihnen später so über den Kopf, dass die minimal erforderliche Pflege nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Es handelt sich meist um Personen, die sozial nicht isoliert sind. Gegenüber Behörden verhält sich der Rettertyp abweisend und versucht, sein Tun zu verschleiern. Züchtertyp (Breeder Hoarder): Er züchtet zunächst Tiere für den Verkauf oder für Ausstellungen. Die Zahl der Tiere nimmt dann so zu, dass keine adäquate Haltung mehr gewährleistet ist. Tiere werden meist nicht in der Wohnung gehalten und die Lebensbedingungen der Person und ihrer Familie sind nicht beeinträchtigt. Die Einsicht in die entstehenden Probleme ist meist moderat vorhanden. Ausbeutertyp (Exploiter Hoarder): Er sammelt Tiere allein zur Befriedigung eigener Bedürfnisse und empfindet Empathie weder für Tiere noch für Menschen. Der Ausbeutertyp ist Soziopath oder leidet an einer Persönlichkeitsstörung. Er fühlt sich als Experte und hat einen starken Kontrollzwang. Probleme der Tierhortung werden nicht erkannt oder bewusst ignoriert, gegenüber Behörden verhält er sich stark ablehnend und ist damit am schwierigsten zu betreuen. mini|Beginnendes Horten: Hygiene und Ernährung sind hier noch weitestgehend aufrechterhalten, der Käfig ist jedoch deutlich überbesetzt. Von Patronek und Mitarbeitern wird noch der „beginnende Horter“ (Incipient Hoarder) beschrieben. Bei ihm ist noch ein Mindestmaß an Pflege der Tiere vorhanden, er erkennt Mängel und versucht sie aktiv abzustellen. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Tierhaltung plötzlich entgleist und sich die Zustände dramatisch verschlechtern.

Diese Klassifizierung zeigt, dass verschiedene psychische Störungen, aber auch andere Ursachen zu einer Tiersammelsucht führen können. Sie ist also eher ein Symptom als eine eigenständige psychische Erkrankung. Daher ist die Tierhortung nicht explizit in den Krankheitsschlüsseln des DSM-IV und der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) aufgeführt.T. Meier: On phenomenology and classification of hoarding: a review. In: Acta Psychiatrica Scandinavica. 110, 2004, S. 323–337. Obwohl verschiedene psychologische Modelle herangezogen wurden, um die Tierhortung zu erklären, steckt die Forschung zu diesem Phänomen immer noch in den Kinderschuhen.Randy Frost: People Who Hoard Animals. In: Psychiatric Times. 17, April 2000. Es gibt Parallelen zum Sammeln unbelebter Objekte (Messie-Syndrom) und zum Vermüllungssyndrom (Diogenes-Syndrom). Bis zu ein Drittel der Hortungsfälle betreffen Tiere,Randy O. Frost u. a.: Hoarding: a community health problem. In: Health and Social Care in the Community. 8, 2000, S. 229–234. allerdings können Tiere einen erheblichen materiellen Wert besitzen und werden von einem Teil der Tierhorter sogar als Familienmitglieder betrachtet. Diese enge Bindung an die gehorteten Tiere, teilweise gepaart mit einem missionarischen Retterdrang, sowie die Interaktionen zwischen Horter und seinen Tieren unterscheiden ihn deutlich von einem „Messie“.Randy O. Frost u. a.: Comparison of object and animal hoarding. In: Depress Anxiety. 28, 2011, S. 885–891. PMID 21608085. Viele Tierhorter nehmen sich selbst positiv als Samariter wahr, was für eine Ich-syntone Störung spricht. In der neueren Literatur wird die Tierhortung stärker als Begleiterscheinung der Selbstvernachlässigung Erwachsener (adult self-neglect) aufgefasst.

In einer Umfrage bei deutschen Veterinärämtern waren nach Einschätzung der Amtstierärzte der Rettertyp und der Typ des übertriebenen Pflegers mit je etwa 40 % am häufigsten vertreten. Der Züchtertyp wurde in 35 % der Fälle, der Ausbeutertyp in 13 % der Fälle zugeordnet. Hier waren Mehrfachnennungen möglich, da es durchaus möglich ist, dass ein Tierhorter Charakteristika mehrerer Typen zeigt. Im Gegensatz zu anderen Formen der Tierquälerei entsteht das Leiden für die Tiere beim Tierhorten durch Wahrnehmungsverlust gegenüber den sich verschlechternden Bedingungen, die eigentliche Absicht des Tierhorters besteht nicht darin, dem Tier Schaden zuzufügen. In 37 % der Fälle waren psychische Probleme bekannt oder wurden angenommen.

Art und Umfang der problematischen Tierhaltungen Betroffene Tierarten und das Ausmaß der Tierhortung sind bislang in zwei Studien systematisch untersucht worden, wobei mit einer erheblichen Dunkelziffer gerechnet werden muss, da zum einen nur den Behörden zur Kenntnis gelangte Fälle erfasst werden können und zum anderen datenschutzrechtliche Bedenken seitens der Behörden die wissenschaftliche Aufbereitung erschweren. mini|Die Hygienemängel dieser Wellensittichhaltung erstreckten sich bis in den Wohnbereich des Tierhorters. Eine 2011 vorgelegte Studie auf der Basis von Befragungen deutscher Veterinärämter listet über 500 Fälle mit insgesamt über 50.000 Tieren. Etwa die Hälfte der Fälle waren Haltungen von bis zu drei Tierarten, im Extremfall wurden 20 Tierarten gehalten. Das Tierartenspektrum umfasste alle Haustiere, aber auch Vögel, Reptilien, Amphibien und Wildtiere. Besonders häufig waren Haltungen von Hauskatzen auffällig, gefolgt von Haushunden. Die durchschnittliche Bestandsgröße betrug 105 Tiere, im Extremfall 3000 Tiere. Die höchsten Tierzahlen wurden in Beständen von Nagetieren ermittelt, die aufgrund der hohen Vermehrungsrate schnell anwachsen. In etwa der Hälfte der Fälle hatten die Tierhalter keine Kenntnisse zur genauen Tierzahl und zur Identität der Tiere. Allein in Nordrhein-Westfalen haben die Veterinärämter in 10 Jahren bis 2020 354 Fälle mit fast 10.000 Tieren registriert.Veterinäre befreiten in NRW fast 10.000 Tiere. Westfalenblatt, 4. Februar 2020

Eine retrospektive Studie in den Vereinigten Staaten konnte 54 Fälle aus den Jahren von 1992 bis 1996 auswerten. Die Zahl jährlicher Fälle in den Vereinigten Staaten wurde anhand des Datenmaterials auf 700 bis 2000 geschätzt. Die mittlere Tierzahl betrug 39, nur in vier Fällen überstieg die Tierzahl 100. Auch in den Vereinigten Staaten sind Katzen- und Hundehaltungen am häufigsten betroffen.G. J. Patronek: Hoarding of Animals: an underrecognized public health problem in a difficult-to-study population. In: Public Health Rep. 114, 1999, S. 81–87. PMID 9925176, . Aktuelle Fallmeldungen zeigen eine deutliche Zunahme des Tierhortens. Zwischen 2000 und 2006 wurde ein Anstieg um das Fünffache beobachtet, in den USA werden derzeit jährlich etwa 3000 Personen auffällig, wobei hunderttausende Tiere betroffen sind.