Kulturvolk | Freie Volksbühne e.V. (bis 2017: Freie Volksbühne e. V.) ist ein Kulturverein in Berlin, der seit 1890 besteht. Er initiierte den Bau der heutigen Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (1913 eröffnet). Er bietet seinen Mitgliedern ermäßigte Eintrittskarten zu Veranstaltungen in Berlin und Brandenburg an. Bis 1999 wurde ein eigenes Theater (zuletzt in der Schaperstraße, heute: Haus der Berliner Festspiele) betrieben.
1890–1945 Gründungsjahre Die Freie Volksbühne Berlin wurde 1890 als erste kulturpolitische Massenorganisation der deutschen Arbeiterbewegung mit dem Ziel gegründet, gesellschaftlich und sozial schwächer gestellten Bevölkerungsgruppen einen Zugang zu Bildung und zum kulturellen Leben zu ermöglichen. Schon bald nach ihrer Gründung wurde aus dem Verein eine große Organisation, die kulturpolitische Akzente setzte und eine wechselvolle Geschichte durchlief.
Im Aufruf zur Gründung einer Freien Volksbühne wurden am 23. März 1890 Ziel und Anspruch der Freien Volksbühne Berlin im Berliner Volksblatt unter dem Motto „Die Kunst dem Volke!“ zusammengefasst. Erst die gravierenden gesellschaftspolitischen Veränderungen der Zeit ermöglichten den Versuch, die Ausgrenzung des Proletariats aufzuheben.
mini|Vereinsblatt der Neuen Freien Volksbühne 1906/1907 Die Freie Volksbühne ermöglichte ihren Mitgliedern den Theaterbesuch zu einem ermäßigten Preis. Indem sie einen einheitlichen Mindestbetrag von damals 50 Pfennig festlegte und die Sitzplätze jeweils verloste, konnte sie ihren Mitgliedern günstige Theaterkarten verkaufen. Erstmals in der Geschichte wurden so organisiertes Theater und organisiertes Publikum einander gegenübergestellt. Dem Mann der ersten Stunde, dem Theaterdirektor Otto Brahm, stand der kämpferische Bruno Wille zur Seite, dessen erklärtes Ziel sowohl die gestalterische wie auch die parteiliche Unabhängigkeit war und der den Mitgliedern der neuen Organisation soviel Gestaltungsfreiheit wie nur möglich einräumen wollte. Die Volksbühne sollte dabei lediglich auch für eine breitere Arbeiterschicht bezahlbar sein.
Brahm selbst, der später unter anderem auch das Deutsche Theater geleitet hatte, nahm die Freie Bühne als unmittelbares Vorbild für die Freie Volksbühne. Wie die Freie Bühne sollte auch sie Stücke in ihren Spielplan aufnehmen, die von der Zensur verboten waren und daher an den öffentlichen Bühnen nicht gespielt werden durften. Die Volksbühne sollte über bezahlbare Theaterkarten auch für eine breitere Arbeiterschicht den Zugang öffnen. In geschlossenen Aufführungen für die Mitglieder konnten auf diese Weise neben beliebten Klassikern von Goethe und Schiller auch aktuelle und kritische Bühnenstücke gezeigt werden. Das Bestreben nach eigenständiger künstlerischer Leitung spiegelt sich auch im Namen „Freie Volksbühne“ wider. Mit der ersten Aufführung, Henrik Ibsens Stützen der Gesellschaft, nahm die Freie Volksbühne ebenfalls eine programmatische Auswahl vor und erfuhr gleichermaßen Jubel wie Kritik. Gerhart Hauptmanns frühe Entwicklung war eng mit der Freien Volksbühne verknüpft. Bald nach der Ibsen-Premiere wurde Hauptmanns bereits an der Freien Bühne uraufgeführtes Drama Vor Sonnenaufgang in Anwesenheit des Autors auch in der Freien Volksbühne inszeniert.
Begleitet wurden die Aktivitäten der Freien Volksbühne von Anbeginn an durch regelmäßig erscheinende Vereinsblätter oder Monatsschriften für die Mitglieder. Lebhafte interne Diskussionen über die künstlerische Entwicklung prägten die junge Organisation ebenso wie die politischen Instrumentalisierungsversuche und die damit einhergehend kritische Beäugung durch das wilhelminische Deutschland, dem die kulturelle Erhebung der Arbeiterschicht zutiefst suspekt war.
Bereits 1892 wurde Wille in einer Generalversammlung nach einer eklatanten Auseinandersetzung mit dem damaligen Vorstandsmitglied Julius Türk gestürzt und gründete daraufhin unter anderem mit Gustav Landauer die Neue Freie Volksbühne. Am selben Tag wählte die Freie Volksbühne den damals führenden Kopf der Arbeiterbewegung, Franz Mehring, zum neuen Vorsitzenden. Fortan existierten so zwei getrennt operierende Volksbühnenvereine in Berlin, die erst ab 1913 mit dem gemeinsamen Ziel, ein eigenes Theater zu bauen, wieder kooperieren und sich 1919 wieder vereinigen sollten.
Eigenes Haus und Erster Weltkrieg Bereits 1909 beschlossen die Vereinsmitglieder der Freien Volksbühne, ein eigenes Haus für ihren Spielbetrieb zu errichten. Im gleichen Jahr bezogen sie die von August Endell ausgebauten Theatersäle des ehemaligen Bunten Theaters in der Köpenicker Straße 68. Nach jahrelangen Planungen der beiden rasch auf 70.000 Mitglieder angewachsenen Organisationen begann 1913 am Bülowplatz der Bau der Volksbühne.
Der 1914 vollendete Bau von Oskar Kaufmann war in seiner zurückgenommenen Eleganz und der Abkehr vom barockgestalteten Hoftheater ganz auf die Bedürfnisse eines Großstadtpublikums zugeschnitten. Mit seiner Mischung aus intimer Atmosphäre und gleichermaßen festlichem Ambiente entsprach das Theater mit seinen 2000 Plätzen auch der demokratischen Grundhaltung, die von diesem Bau Besitz nehmen sollte. Technisch gesehen war die Freie Volksbühne damals das am modernsten ausgestattete Theater.
Die Eröffnung der Volksbühne bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs feierte die Presse hurra-patriotisch als „Kulturtat inmitten des Kriegslärms … um die uns unsere Feinde staunend beneiden können“. Trotzdem wurde den Vereinen auch weiterhin das bestehende Misstrauen entgegengebracht, das in moralischen Einwänden gegen eine volkserzieherische Arbeit vor einem sozialistischen Hintergrund begründet lag.
Zu intensiven Auseinandersetzungen um die künstlerische Leitung kam es nach der Eröffnung des Hauses zwischen künstlerischem Ausschuss und Vorstandsvorsitz. Mit dem neuen großen Theater war man in der Lage, in direkte Konkurrenz zu den anderen Bühnen zu treten. Der Spagat lag in der politischen und der sozialen Zielsetzung der Vereine. Einerseits musste man sich den Bestand der großen Besucherorganisation und ihre proletarische Basis sichern, andererseits aber nun auch Geschäftsgebaren eines Privattheaters annehmen und sich einem bürgerlich-klassischen Bildungsideal öffnen. Max Reinhardt übernahm 1915 als erster Direktor der Freien Volksbühne das Theater. Unter seiner Führung und mit Friedrich Kayssler als künstlerischem Leiter konnte die Stagnation der Besucher- und der kriegsbedingte Rückgang der Mitgliederzahlen erfolgreich aufgefangen und schließlich die Zahl der Mitglieder und der ermäßigten Karten sogar verdoppelt werden. Dennoch stand die Freie Volksbühne weiterhin unter permanenter Beobachtung durch Polizei und Politik ob ihres Zwecks und ihrer ideologischen Ausrichtung.
Weimarer Republik „Die Kunst dem Volke“ inmitten politischer Instrumentalisierungsversuche
Zum Ende der Spielzeit 1919/20 konzentrierte sich die wiedervereinigte Volksbühne auf die Planung eines zusätzlichen Neubaus, der Krolloper, in Ergänzung zu der Volksbühne am Bülowplatz. Wiederum wurde Kaufmann mit der Durchführung des Baus betraut, die sich jedoch aufgrund der schwierigen Finanzierungslage vom ersten Spatenstich am 23. Juni 1921 bis zum Jahr 1924 hinzog.
Die Fertigstellung des Baus durch die Volksbühne konnte jedoch nicht mehr geleistet werden, woraufhin der preußische Staat das noch im Bau befindliche Haus, die spätere Staatsoper am Platz der Republik (Krolloper), übernahm. So blieben die Volksbühnen-Mitglieder am Abend der Wiedereröffnung lediglich Zaungäste bei einem Gebäude, das einmal ihr eigenes neues Haus hätte werden sollen. Für die regulären Vorstellungen wurden jedoch ermäßigte Kartenkontingente für Volksbühnen-Mitglieder vereinbart. Die Inflationsjahre ließen Theaterbesuche für die unteren Einkommensschichten zu einem unerschwinglichen Luxus werden, Eintrittskarten kosteten in Krisenzeiten zwischen 120.000 und 150.000 Mark. Während es daher bei den bestehenden Gruppierungen zu zahlreichen Austritten kam, drängten immer mehr kleinbürgerliche und mittelstandsgeprägte Gruppierungen in den Verein, die sich ebenfalls von der wirtschaftlichen Misere betroffen sahen und – wenn überhaupt – nur noch ermäßigte Beträge für Theaterkarten zahlen konnten.
Im konfliktreichen Spannungsfeld zwischen ökonomischen Grundlagen und künstlerischer Freiheit kam es 1923 zum Rücktritt Friedrich Kayßlers. Nach zahlreichen Diskussionen über die Nachfolge der künstlerischen Leitung fiel die Wahl auf den aus Stuttgart kommenden Fritz Holl. Er begann bereits in seiner ersten Spielzeit 1923/1924, den Spielplan für neue Stücke zeitkritischer moderner Dramatiker zu öffnen, für die sein Vorgänger nicht aufgeschlossen gewesen war. Ein Jahr später ging Erwin Piscator als Gast-Regisseur ein festes Vertragsverhältnis mit der Volksbühne Berlin ein. In der Realität der Weimarer Republik bestimmte ein auf politische Neutralität und inhaltliche Unverbindlichkeit bedachter Kulturbetrieb den Zeitgeist. Piscator dagegen wollte ein Theater schaffen, das einen gemeinschaftlichen Willen zur Veränderung der Welt mit einer im Aufsteigen begriffenen gesellschaftlichen Klasse geistig zusammenfasste. Piscators Inszenierungen, die sich durch die überzeugte Verwendung modernster technischer Mittel zeitgemäß und zukunftweisend zeigten, gaben der Organisation gleichzeitig etwas von dem zurück, was einst zu den Zielen ihrer Gründung gehört hatte.
Nach einer ersten schweren, kriegsbedingten Wirtschaftskrise stabilisierte sich auch die Volksbühne wirtschaftlich im Zeitraum von 1924 bis 1926. Zu jener Zeit erreichte die Zahl mit 160.000 Mitgliedern ihren Höchststand. Als riesige Mitgliederorganisation stellte sie im Berliner Kulturleben einen starken Machtfaktor dar und schien ihre Zielsetzung, Kulturbringer für die gesamte Volksgemeinschaft zu sein, erfüllt zu haben.
Im Jahr 1927 kam es jedoch – nach inflationsbedingtem Mitgliederrückgang und Befürchtungen von Seiten des Vorstandes, Piscator würde den Charakter der überparteilichen Kulturorganisation verändern – zum Zerwürfnis. Ausschlaggebend für den Eklat war Piscators Inszenierung von Ehm Welks Gewitter über Gottland, in welcher der bekannte Schauspieler Heinrich George den Claus Störtebecker spielte. Der Vorstand warf Piscator vor, das Stück einer tendenziös-politischen Umdeutung, genauer einer unzulässig verallgemeinernden und provozierenden Darstellung von „sozialer Revolution“ unterzogen zu haben, die ihm weder immanent zugrunde lag, noch erwünscht war. Die Aussage aus dem Manuskript Ehm Welks „Dieses Drama spielt nicht nur um 1400“ wurde von Piscator als Rechtfertigung für sein Inszenierungskonzept benutzt. Sie leitete jedoch eine scharfe öffentliche Auseinandersetzung über Kunst und Politik ein, die auch außerhalb der Organisation hohe Wellen schlug und in ihrem Inneren zu einer großen Krise führte.
Der Kritisierte gründete bald darauf seine erste Piscator-Bühne im Theater am Nollendorfplatz, die überwiegend auf junge Mitglieder als Zielgruppe der Volksbühne ausgerichtet war, was ihm auch im neuen Haus von Anfang ein Stammpublikum garantierte. Nachfolger Fritz Holls, der infolge der Auseinandersetzungen 1928 zurückgetreten war, wurde Karl Heinz Martin, der bereits nach der Spielzeit 1931/1932 seine Tätigkeit wieder beendete.
Nationalsozialismus und seine Auswirkungen mini|Volksbühne (1930)