mini|Mitri Raheb (2010) Mitri Raheb (* 26. Juni 1962 in Bethlehem, seinerzeit Jordanien; auch: Mitri Rahib; ) ist ein lutherischer Pastor und arabischer Christ, Gründer des Internationalen Begegnungszentrums und der Dar-al-Kalima-Universität in Bethlehem und früherer Pastor an der dortigen Weihnachtskirche. Er fördert die deutsch-palästinensischen Beziehungen durch die Initiierung und Pflege von Partnerschaften und durch schriftstellerische und Vortragstätigkeit. Raheb vertritt seit 1990 eine Position, die auf umfassende Befreiung der Palästinensergebiete von militärischer Besetzung und Kontrolle durch den Staat Israel zielt. Kritiker werfen ihm unangemessene Vergleiche und Kritik an der Besatzungspolitik des Staates Israel vor.

Familie und Ausbildung Rahebs Vorfahren waren dem Patriarchat von Jerusalem zugehörige griechisch-orthodoxe Christen. Beide Großväter, von väterlicher und von mütterlicher Seite, besuchten die deutsche Schneller-Schule in Jerusalem und schlossen sich der evangelischen Kirche an.Mitri Raheb: Die Schneller-Einrichtungen und Ihre Bedeutung für die palästinensischen Christen. In: Ders.: Christ-Sein in der arabischen Welt. AphorismA, Berlin 2013, S. 77–83. Mitri Raheb wuchs in der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirchen-Gemeinde in Betlehem auf.

Als Raheb 13 Jahre alt war, starb sein Vater. Bis zu seinem Schulabschluss arbeitete der Sohn neben der Schule im väterlichen Buchladen weiter.Constance A. Hammond: Shalom/Salaam/Peace: A Liberation Theology of Hope. Taylor & Francis, London 2014, S. 160. Im Jahre 1978 wurde er von der Deutschen Bundesregierung ausgewählt, an einem einmonatigen Schüleraustausch in Deutschland teilzunehmen. Von 1980 bis 1984 studierte er evangelische Theologie am Missionsseminar Hermannsburg, 1988 promovierte er an der Philipps-Universität Marburg zum Doktor der Theologie mit einer Dissertation zum Thema Das reformatorische Erbe unter den Palästinensern.Constance A. Hammond: Shalom/Salaam/Peace: A Liberation Theology of Hope. Taylor & Francis, London 2014, ISBN 1-317-49055-X, S. 158. Er zeichnete darin die Entstehung der Evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land nach.Vgl. die Rezension von Hans Ucko in: Theologische Literaturzeitung, Band 117 (1992), 5, S. 392–395 (Online).

Raheb und seine Ehefrau Najwa Khoury haben zwei Töchter. Seine Schwester ist die Theologin Viola Raheb.

Tätigkeiten Nach seinem Studium kehrte Raheb nach Bethlehem zurück und war von 1988 bis 2017 Pastor an der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem.

Er veröffentlichte über 40 Bücher, darunter 12 Bücher sowie zahlreiche Artikel in deutscher Sprache. Außerdem übersetzte er Band VIII. von Gustaf Dalmans Arbeit und Sitte in Palästina ins Arabische.Als materialreiche Darstellung des Alltags der Landbevölkerung Palästinas im frühen 20. Jahrhundert wird dieses Werk in einem Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Wien und Haifa, des Gustaf-Dalman-Instituts Greifswald und des DEIAHL ins Neuhebräische übersetzt und eine kommentierte deutsche Neuausgabe vorbereitet. Raheb veröffentlichte die Autobiographie des palästinensischen Arztes und Ethnographen Tawfiq Canaan (1882–1964) als Beitrag zur Geschichte der deutsch-palästinensischen Beziehungen.

Als Pfarrer begründete er mehrere Gemeindepartnerschaften zwischen der Gemeinde in Bethlehem und Kirchengemeinden in Deutschland, von denen die Partnerschaften in Sindelfingen-Maichingen (Baden-Württemberg), Ewersbach (Lahn-Dill-Kreis, Hessen) und Holzkirchen (Bayern) bis heute bestehen. Es war ihm zudem ein Anliegen, Städte-Partnerschaften zwischen palästinensischen und deutschen Städten ins Leben zu rufen und so den Austausch zu fördern. Er war einer der vier Gründer der Städte-Partnerschaft Köln – Bethlehem (zusammen mit Hans-Jürgen Wischnewski, dem Kölner Oberbürgermeister Norbert Burger und dem Bethlehemer Bürgermeister Elias Freij). Bei der Entwicklung der Städte-Partnerschaften Beit Jala – Bergisch Gladbach sowie Beit Sahour – Xanten leistete er Unterstützung.

Seit 1988 ist Mitri Raheb jährlich als Redner und Gesprächspartner in Deutschland tätig, so bei Evangelischen Kirchentagen oder Synoden, Katholikentagen und Ökumenischen Kirchentagen. Er sprach an deutschen Universitäten und Akademien und bei politischen und kulturellen Veranstaltungen. In den deutschen Medien (Presse, Rundfunk, Fernsehen) wurde Raheb wiederholt interviewt.Z. B. Der Bayrische Rundfunk drehte und sendete Features über Aspekte seiner Tätigkeit mit den Titeln Der Friedenspfarrer von Bethlehem: Mitri Raheb – Christ und Palästinenser und Luthers Mann in Bethlehem.Das Erste: Kirchliche Sendungen im Ersten am vierten Advent, zu Weihnachten, dem Wochenende 27./28. Dezember 2008 und an Silvester

Dar an-Nadwa Zentrum, Dar al-Kalima Universität

Ab 1990 widmete sich Mitri Raheb dem Jugendaustausch zwischen Deutschland und Palästina. 1992, gegen Ende der ersten Intifada, eröffnete er in der Krypta der Weihnachtskirche in Betlehem ein kleines Gästehaus und ein Tourismusprogramm. 1995 gründete er mit fünf Mitarbeitern das Internationale Begegnungszentrum in Bethlehem (International Center of Bethlehem – ICB, arabisch: Dar an-Nadwa ad-Dawwliyya, „Haus der Begegnung weltweit“). Es wurde möglich infolge des Oslo-Friedensprozesses und wurde finanziell von der Stiftung Deutsche Jugendmarke gefördert. Die Einrichtung hatte fünf Abteilungen: Women Studies, Internationale Beziehungen und Erwachsenenbildung, Glauben und Entwicklung, alternativer Tourismus sowie deutsch-palästinensische Austauschprogramme, ab 1997 erweitert um eine Musikschule in Partnerschaft mit dem Edward Said National Music Konservatorium. 1998 kam das Kunstprogramm mit Ausbildungsgängen in Keramik, Glasverschmelzung und Malerei hinzu. Zwischen 1990 und 2010 wurden über 50 Austauschprogramme durchgeführt. Ab dem Jahre 1996 wurden auch deutsch-palästinensische Konferenzen organisiert.

2006 gründete Raheb das Dar al-Kalima College of Arts and Culture. Das College ist offiziell durch das palästinensische Ministerium für Bildung und Hochschulbildung akkreditiert. Zur ideellen und materiellen Unterstützung gründeten Freunde von Raheb 2001 den Förderverein Bethlehem-Akademie Dar al-Kalima e. V. mit Sitz in Deutschland.

Im Jahr 2013 wurde Dar al-Kalima zum University College of Arts & Culture erhoben, im August 2021 bekam sie die Akkreditierung zur vollwertigen Universität. Das Bildungsangebot reicht von der kunsthandwerklichen Berufsschule bis zu universitären Abschlüssen als Bachelor und Magister in Musik, Kunst, Medien und Kommunikation, Kulturmanagement und Tourismus. Die Studiengänge „Schmuckdesign“, „Kochen und Catering“ sowie „Reiseleitung“ sind sehr praxisorientiert. Duale Ausbildungsgänge werden nach baden-württembergischem Vorbild durchgeführt. Die Universität führt Programme in Beirut, Jordanien und Ägypten durch. Hinzu kommen Erwachsenen- und Weiterbildung. Die Einrichtung wird von 500 Studenten aus Bethlehem sowie aus dem gesamten Westjordanland und Flüchtlingslagern besucht; 60 % davon sind Muslime, 40 % Christen. Der Förderverein verweist darauf, dass mehr als 80 % der Absolventen nach der Ausbildung im Dar al-Kalima einen Arbeitsplatz finden oder eine eigene Existenz gründen.

2018 besuchte Raheb Gaza. Bald darauf hatte er 200 junge Facebook-Freunde, die ihn baten, eine Kunsthochschule in Gaza zu gründen. Die Universität eröffnete 2020 mit der Unterstützung der Bright Stars of Bethlehem, einer Nichtregierungsorganisation in Chicago, eine Zweigstelle in Gaza. Dort fanden zahlreiche Workshops und Ausstellungen in den Bereichen Fotografie, Videografie, Malerei und Bildhauerei statt sowie Konzerte und Radiosendungen mit traditioneller und populärer palästinensischer Musik.

Die Universität unterhält strategische Partnerschaften mit lokalen und internationalen Universitäten und europäischen Akademien. Sie beteiligt sich an der regionalen Entwicklung durch aktive Teilnahme am Verband der christlichen Akademien des Mittleren Ostens. Mitri Raheb lernte während seiner Ausbildung in Deutschland wichtige Aspekte des deutschen Bildungssystems kennen, die er in Palästina einführen wollte. Dazu gehört die Erwachsenenbildung: Die Dar Al-Kalima University ist Partnerhochschule des Instituts für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e. V. (DVV International).

Bei den Kampfhandlungen infolge des Terrorangriffs der Hamas auf Israel 2023 kam einer der Volontäre der Akademie, Mohammed Sami Qraiqeh, beim Beschuss des Al-Ahli Krankenhauses in Gaza ums Leben, als er dort Kinder betreute, außerdem mehrere Künstler, die mit Dar Al-Kalima zusammenarbeiteten. Das Schicksal vieler Studenten ist ungewiss.

Das in der Nachbarschaft des Al-Schifa-Krankenhauses gelegene Institutsgebäude der Universität in Gaza wurde Ende März 2024 durch einen israelischen Bombenangriff zerstört. Raheb wies gegenüber dem britischen Guardian darauf hin, dass Gaza vor dem Krieg – trotz der Hamas-Regierung, der israelischen Blockade, wiederholter militärischer Konflikte und aller damit verbundenen Schwierigkeiten – eine lebendige Kunstszene hatte: „Die Menschen draußen haben keine Ahnung, wie kreativ die Menschen in Gaza sind“, sagte Raheb. „Aber dieser Krieg zerstört das alles.“

Mandate und Leitungsaufgaben Seit 2006: Präsident der Dar al-Kalima-Universität in Betlehem.https://www.daralkalima.edu.ps/en 2006–2020: Präsident des Dachverbandes Diyar Consortium. Seit 2006: Kuratoriumsmitglied der Deutschen Initiative für den Nahen Osten – DINOdino-muenster.de: Kuratorium, abgerufen am 31. Juli 2024. 2011–2016 Präsident der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. Gründungsmitglied und Mitglied im Regionalkomitee des Katholischen Akademischen Ausländerdienstes

Positionen Raheb ist langjähriger Befürworter und Verfechter einer friedlichen Form des Protests mit Hilfe der Kunst, die er „kreativen Widerstand“ nennt. Er ist die treibende Kraft hinter mehreren christlichen Netzwerken und Bewegungen, die darauf abzielen, alle Teile der Zivilgesellschaft in Palästina zu stärken und das weltweite Bewusstsein für das Leiden der Palästinenser zu schärfen. Rahebs Botschaft dabei ist, Friede sei etwas, über das man nicht reden sollte, sondern das man aktiv in die Welt bringen müsse; nötig seien „peacemakers“ (Friedensschaffer), nicht „peace talkers“ (Friedensredner). Er spricht sich für eine Verständigung unter den Religionen aus und sagte 2017 im Interview, dass „man sich als Christ nicht dadurch profiliert, dass man ‚die Anderen‘ schlecht macht. Wir müssen Antijudaismus entlarven, genauso wie jegliche Form von Islamphobie oder Fremdenhass“.Martina Sabra: "Die islamische Welt braucht jemanden wie Luther." Interview mit dem lutherischen Pfarrer Mitri Raheb. In: Qantara.de, 15. Februar 2017

Im ersten Gottesdienst nach der 39-tägigen Besetzung der Geburtskirche in Betlehem durch rund 200 Kämpfer der PLO im April bis Mai 2002, wo israelische Soldaten sie belagerten, verkündete Raheb: „Der Krieg kann uns nicht unsere Vision rauben, in Frieden mit unseren Nachbarn zusammenzuleben.“Aachener Friedenspreis an Nahost-Initiativen verliehen. EKD-News, 1. September 2008

Raheb gehört zu den Autoren des Kairos-Palästina-Dokuments von 2009.Josef Estermann: Südwind: Kontextuelle nicht-abendländische Theologien im globalen Süden. LIT Verlag, Münster 2017, ISBN 3-643-80253-6, S. 141 Er verteidigte es als Aufruf zu einem gewaltfreien Widerstand gegen die „israelische Besatzung“, besonders durch christliche Kirchen.Bob Simon: Christians in the Holy Land on “60 Minutes”. CBS, 22. April 2012 (Interview-Transkript)