Thatta oder Tatta () ist eine Stadt mit ca. 45.000 Einwohnern in der pakistanischen Provinz Sindh. Aus der einstigen Blütezeit, die bis zum 18. Jahrhundert dauerte, blieben bedeutende Bauten ab dem 15. Jahrhundert bis zur Mogulzeit erhalten, die zum Weltkulturerbe zählen (Shah-Jahan-Moschee in der Stadt und das Gräberfeld auf dem Makli-Hügel außerhalb).

Lage und Klima Thatta liegt wenige Kilometer westlich des Indus in einer Höhe von etwa 10 m ü. d. M. gut 100 km (Fahrtstrecke) östlich von Karatschi und in gleicher Entfernung südwestlich von Hyderabad im gleichnamigen Distrikt. Stromabwärts nach Südwesten zweigt eine etwa 100 km lange Straße zu dem Dorf Keti Bandar im breiten Brackwasserbereich des Mündungsdeltas ab. Zur Zeit der Eroberungszüge Alexanders des Großen, der 325 v. Chr. die Indusmündung erreichte, lag die Stelle des heutigen Thatta noch am Meer. Die jährlichen Überschwemmungen brachten mit den Sedimenten im Wasser fruchtbaren Boden und schoben ein etwa 200 km breites Flussdelta ins Meer. Anfang des 18. Jahrhunderts verlagerte sich das Flussbett von etwa zwei Kilometer westlich der Stadt einige Kilometer nach Osten, ein Grund für den Niedergang Thattas. Möglicherweise stammt der Name von sanskrit Tatastha, „am Flussufer“.Nandita Bhavnani: The Hindu, 11. April 2004.

Das Klima im südlichen Teil des Sindh ist subtropisch mit heißen Sommern, in denen zwischen Mai und August 45 °C erreicht werden und kühleren Wintern mit maximal 27 °C. Ohne künstliche Bewässerung wäre das Gebiet eine Halbwüste. 15 Kilometer westlich und einen Kilometer entfernt von der Straße nach Karachi befindet sich der Haleji See, ein großes Schutzgebiet für Wasservögel, Krokodile und Wasserreservoir für Karatschi, das allerdings – ebenso wie die gesamte Region – unter Süßwassermangel leidet. Der 24 km nördlich in Richtung Hyderabad gelegene Keenjihar-See ist der größte Frischwassersee des Landes und bietet neben der Möglichkeit zur Vogelbeobachtung Einrichtungen für pakistanische Ausflügler.

Charakteristisch für Thatta sind traditionelle mehrstöckige Häuser aus Holzrahmen, die mit Lehmziegeln ausgefacht sind und deren über die Flachdächer hinausragende Windtürme (Bādgir oder Mangh) weithin zu sehen sind. Diese können kühleren Wind auch in untere Stockwerke leiten oder Warmluft nach außen abgeben. Im Gegensatz zu den aufwändigeren Windtürmen des südlichen Iran, die symmetrisch nach vier Seiten Öffnungen haben, sind im Sindh einfachere Konstruktionen mit schrägem Dach und nur einer Öffnung in Richtung der vorherrschenden Windrichtung Südwest ausreichend.

Geschichte Zum Zeitpunkt der umayyadischen Eroberungen von ihrem Ursprungsgebiet in Arabien in westliche Richtung bis nach Spanien und nach Osten bis über den Indus lebten in der Region Sindh kleinere halbnomadische Stammesverbände. Die Eroberer unter dem syrischen General Muhammad ibn al-Qasim brachten nach dem Sieg über den lokalen Raja (711) nördlich von Thatta den Islam in den bis dahin zumeist hinduistischen oder noch buddhistischen Sindh, für ein weiteres Vordringen ostwärts war die kleine Armee nicht ausgerüstet. Immerhin blieb eine moslemische Kolonie im Sindh, der bis in die Zeit um 900 als As Sindh und mit den beiden wichtigsten Städten Multan und dem Seehafen Banbhore eine Provinz der Abbassiden-Dynastie war. Thatta lag bis zum Jahr 1032 im Machtbereich der Ghaznawiden. Persisch ersetzte zu dieser Zeit offiziell die arabische Sprache. Alle folgenden islamischen Großreiche einschließlich der Moguln regierten von Delhi aus die Provinzen, wobei zeitweilig lokale Herrscher im Sindh unterschiedliche Grade von Unabhängigkeit erlangten.

Unter der Oberherrschaft der Ghaznaviden, aber praktisch unabhängig übernahm Ibn Sumar, der Herrscher von Multan, die Macht im Sindh und gründete die Sumra-Dynastie. Die ursprünglich lokale Machtausbreitung feudaler Familienclans war damals und ist bis heute kennzeichnend für politische Herrschaft und wirtschaftliche Dominanz. Der Sindh ist noch heute überwiegend in Großgrundbesitz. Die Sumra-Dynastie konnte auch unter dem Sultanat von Delhi, das ab Anfang des 13. Jahrhunderts Nordindien regierte und die direkte Herrschaft über den Sindh übernommen hatte, weiter bestehen. Ab etwa 1317 war ihre Hauptstadt Thatta, bis 1351 der Clan der Sammas an die Macht kam und ebenfalls von Thatta aus herrschte.Mohammad Umer Soomro: Sumra Dynasty (1011–1351). Heritage Society, Ismaili.net Es war die beginnende Blütezeit der Sufi-Poesie und -Mystik im Sindh; viele Dichter wurden, ebenso wie die Samma-Herrscher, in Gräbern auf dem Makli-Hügel beigesetzt. Im Jahr 1520 wurde der Samma-Herrscher Jam Feroz durch Shah Beg vom Clan der Arghuns, genauer, der dazu zählenden Tarkhun-Dynastie unterworfen, die bis zum Ende des Jahrhunderts den Sindh als Teil der Multan-Provinz regierte.

Die Arghuns verloren ihre Gebiete ab 1522, angefangen mit Kandahar (Afghanistan) im Westen und bis 1528 Multan an den Begründer der Mogul-Dynastie Babur. Die Tarkhun-Familie, die über den südlichen Teil des Sindh herrschte, verlor zuletzt ihre Macht an den Mogul-Kaiser Akbar I. (1592). Bereits seit 1573 befand sich der nördliche Sindh unter Akbars Kontrolle.

Zuvor war es wegen eines Bürgerkriegs zwischen den Tarkhuns zu einem Hilfsgesuch von Muhammad Isa Tarkhun (Mirza Isa Khan I.) an die Portugiesen gekommen. Im Jahr 1555 kamen daher 700 Portugiesen in 28 Schiffen angereist, um zum Zeitpunkt ihrer Ankunft festzustellen, dass Isa Tarkhun bereits gewonnen hatte. Nachdem dieser sich weigerte, die portugiesischen Soldaten auszubezahlen, plünderten die Portugiesen kurzerhand die Stadt, raubten die enormen Goldschätze und töteten mehrere tausend Einwohner. Isa Tarkhun führte zur selben Zeit auswärts Krieg. Dennoch blieb Thatta weiterhin ein wichtiges Kultur- und Wirtschaftszentrum.

Als Isa Tarkhun im Jahr 1572 starb, kämpften seine Söhne um die Macht. Der grausamste unter ihnen, Muhammad Baki (Mirza Baki), wurde gegen den Willen des Vaters Herrscher von Sindh. Missliebige Adlige und Gelehrte ließ er umbringen. Als Baki seine Tochter mitsamt einer hohen Mitgift dem Mogulkaiser Akbar zur Frau anbot, jener aber die Annahme verweigerte und die Tochter zurückschickte, brachte Baki sich 1584 um. Sein Grab liegt, wie das der anderen Herrscher, auf dem Makli-Hügel. Sein Sohn Mirza Jani Beg war eine Erleichterung für die Bevölkerung. Durch seinen Widerstand gegen Akbar wurde der Tarkhun-Herrscher Jani Beg unter dem Beinamen Sindhi Bacha („Sohn von Sindh“) sehr populär bei der Bevölkerung.

Während die Mogul-Herrschaft im Süden Bestand hatte, begann im oberen Sindh der Clan der Kalhoras als Feudalherren an Einfluss zu gewinnen und regierte dort nach der Mitte des 16. Jahrhunderts. Ihr Gebiet dehnten sie von Multan nach Süden aus. Sie brachten 1737 Thatta unter ihre Kontrolle und verlagerten ihre Hauptstadt hierher. Die Stadt wurde zu einem der größten Handelsplätze in Indien. Dieses geschah etwa zur selben Zeit, als der persische Herrscher Nadir Schah durch seinen Einmarsch in Delhi das Ende des Mogulreichs herbeiführte. Die Kalhoras verloren erst gegen den Belutschen-Clan der TalpurMir Atta Muhammad Talpur: fungood.in 1783 ihre Macht. Drei Talpur-Familien regierten mit dem Titel Mir (den ihre Nachfahren bis heute im Namen tragen) und kümmerten sich vornehmlich darum, ihre jeweiligen Machtbereiche nach außen abzuschotten und Steuern einzutreiben. Die Herrschaft der Talpur wurde im Jahr 1843 auf dem Schlachtfeld von Miani beendet. General Charles Napier nahm den Sindh für das Britische Empire ein und verlagerte die Hauptstadt des Sindh von Hyderabad nach Karachi. Die Talpur-Clans wurden von Napier mit Jagirs versehen, das sind über mehrere Jahre oder lebenslang verliehene Ländereien, von denen sie Steuern einnehmen und weiterhin als Feudalherren herrschen konnten. 1847 wurde das Gebiet Teil der Bombay Presidency, von welcher es 1936 seine Unabhängigkeit zurückgewann.

Thatta war vom 14. bis Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt des Sindh und bis Anfang des 18. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren des indischen Subkontinents. Zugleich war es ein Zentrum religiöser Gelehrsamkeit. Persische Texte wie Rumis Dichtung Masnawī wurden hier ins Sindhi übersetzt, umgekehrt wurde Sindhi-Dichtung in der Form eines Masnawi ins Persische übertragen. Zu Beginn seiner Herrschaft und während der Thronfolgestreitigkeiten nach dem Tod seines Vaters Jahangir verbrachte Shah Jahan einige Zeit im sicheren Thatta und hinterließ die nach ihm benannte Große Moschee (erbaut 1647–1649). Der spätere Kaiser Aurangzeb lebte einige Zeit als Gouverneur des unteren Sindh in der Stadt.

Shah-Jahan-Moschee mini|Shah-Jahan-Moschee mini|Deckendekor im Hauptsaal Die Shah-Jahan-Moschee dient als Freitagsmoschee. Sie befindet sich in einem neuen Stadtgebiet etwa 1 km östlich des Zentrums. Fern von seinem Geburtsort Lahore und seinem Regierungssitz Delhi gab Shah Jahan in Thatta eine der schönsten Moscheen der Mogul-Zeit in Auftrag. Mit dem Bau wurde Inschriften zufolge im Jahr 1644 begonnen, der Gebäudekomplex wurde 1647 fertiggestellt, etwa zur selben Zeit wie Shah Jahans für seine Lieblingsfrau gebautes Grabmal Taj Mahal. Die Außenmaße des in der längeren West-Ost-Achse rechteckigen Bauwerks betragen einschließlich der umgebenden Gartenanlagen ca. 305 × 170 m; der eigentliche Moscheebau mit einem großen Innenhof (sahn) nimmt etwa ein Viertel der Gesamtfläche ein. Die Moschee wurde in den 1970er Jahren sorgfältig restauriert und ist weitgehend im originalen Zustand erhalten.

Bauform und Material sind untypisch für die Mogul-Architektur: Der Kern der Moscheen und Mausoleen in den nordindischen Hauptstädten Lahore, Agra und Delhi besteht aus Ziegelstein, den man jedoch mit weißem Marmor und rotem Sandstein verkleidete, so dass er an keiner Stelle optisch in Erscheinung trat. Hier wurde das sandbraune Ziegelmauerwerk mit dazwischen gelegten weißen Mörtelbändern und farbig glasierten Kachelmosaiken harmonisch abgestimmt. Im Gegensatz zu dem Macht demonstrierenden Monumentalstil der Freitagsmoschee in Delhi mit drei hohen Kuppeln gibt es an dieser Moschee, die dem persischen Bauplan folgt, keine Minarette, nur eine große Kuppel, dafür aber 93 kleine Kuppeln, die das Gebäude aus jeder Blickrichtung feinsinnig gliedern. Im Innenhof liegen zwei hohe Pischtaks mit großen Iwan-Bögen einander gegenüber. Die Kuppeln wurden wie Himmelsgewölbe mit kleinteiligen mehrfarbigen Sternmotiven ausgelegt, der Übergang zum achteckigen Unterbau wurde durch netzförmig aufgesetzte Stege gestaltet. Dank der guten Akustik der Dachkuppeln kann der Vorbeter (imam) vom Mihrāb bzw. Minbar aus bis in den hinteren Teil der Moschee gehört werden.Jami’ Masjid. ArchNetKamil Khan Mumtaz: Architecture in Pakistan. Concept Media Pte Ltd, Singapore 1985: Shah Jahan-Moschee, Bauplan und Beschreibung S. 101f (bei Archnet: Kapitel The Provinces.)

Makli-Hügel

Die Nekropole beginnt 3 km westlich der Stadt an der Straße nach Karatschi. Auf einer Fläche von 10, nach anderen Angaben 15 km² liegen nahe am ehemaligen Flussbett des Indus über einen Hügel hinweg riesige Mausoleen zwischen einfachen Gräbern, Ruinen und Steinfeldern verstreut. Die Bauten wurde aus Ziegeln oder Kalkstein, die meisten aus Sandstein errichtet und teilweise mit glasierten Kacheln verziert. Die Zahl der Gräber wird auf 200–300.000 bis zu einer Million geschätzt; erbaut bzw. angelegt vom 14. bis zum 17. Jahrhundert von den Dynastien der Sumra, Arghun, Tarkhun und den Moguln. Es war ein ehrenvoller Bestattungsplatz, was sich vom Wort Makkah-li („Mekka für mich“) ableiten ließe. Eine andere Herleitung aus dem Sindhi wäre von Makalla, „Hafen“ oder aus dem Persischen Makli – „ausgetrockneter Brunnen“.Tonny Rosiny, S. 208.