mini|Der Anfang der Noctes Atticae in der Handschrift der historischen Bibliothek der Universität Valencia, Ms. 389, fol. 19r, mit einer Buchmalerei von Nardo Rapicano (zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts) mini|Der Anfang der Noctes Atticae in der 1479 in Rom gedruckten Inkunabel mini|Frontispiz einer lateinischen Ausgabe von 1706
Die Noctes Atticae („Attische Nächte“) wurden in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts von dem römischen Schriftsteller und Richter Aulus Gellius verfasst.
Entstehung Der Titel des Werkes erklärt sich daraus, dass Gellius mit der Abfassung während der Winternächte begann, die er in Attika verbrachte („quoniam longinquis per hiemem noctibus in agro […] terrae Atticae commentationes hasce ludere ac facere exorsi sumus, idcirco eas inscripsimus noctium esse Atticarum“Noctes Atticae, praefatio, 4.). Die Datierung kann sich beinahe nur auf textimmanente Angaben des Gellius stützen. Man entnimmt diesen, dass er das Werk im Zusammenhang mit einer Reise nach Athen während der Jahre 147 und 148 konzipiert hat, es in Rom weiter ausarbeitete, und dass es erst um das Jahr 180 publiziert wurdeChristine Heusch: Die Macht der memoria, S. 51, besonders Anm. 8..
Das Werk ist ein Spiegelbild der literarischen Atmosphäre des 2. Jahrhunderts in den miteinander verbundenen Kulturräumen Griechenlands und RomsChristine Heusch: Die Macht der memoria, S. 191..
Inhalte In bunter Abfolge arbeitete Gellius seine Notizen über allerhand Wissenswertes, Pikantes oder Kurioses zu kleinen Essays aus. Während die einzelnen Kapitel in sich meist klar gegliedert und souverän formuliert sind, gibt es keine systematische Gesamtordnung. Das Buch spiegelt die Bildung und das Wissen der späteren Kaiserzeit wider. In seinen Texten setzt sich Gellius mit den verschiedensten Problemen auseinander.Christine Heusch: Die Macht der memoria, S. 52. Die wichtigsten Themenschwerpunkte sind:
Grammatisch-philologische Abhandlungen lexikalischer und etymologischer Themen: Dieser Themenkreis nimmt einen besonderen Raum ein. Es werden nicht nur Fragen der Grammatik diskutiert – etwa ob Marcus Terentius Varro und andere bedeutende römische Schriftsteller den Genitiv und Dativ richtig bilden (Buch IV, 16) –, sondern auch die korrekte Aussprache und Betonung von Wörtern (Buch IV, 7). Interpretation griechischer und lateinischer Literatur: So vergleicht Gellius das lateinische Lustspiel Das Halsband des Caecilius Statius mit seinem griechischen Vorbild des Menander anhand ausführlicher Gegenüberstellung lateinischer und griechischer Textpassagen (Buch II, 23). Literaturgeschichte und Literaturkritik (z. B. Buch XVII, 10 und XIX, 9) Philosophische und moralphilosophische Fragen: Wichtig ist dem Autor, seine Bewandertheit auf diesem Gebiet zu belegen. In einem kurzen Text zu einem Aspekt der Lehre Epikurs bringt er die Philosophen Hierocles, Antisthenes, Critolaus, Platon und seinen Lehrer in Athen Taurus unter (Buch IX, 5). Griechische und römische Geschichte: Es finden sich anekdotenhafte Skizzen, wie „eine beißende Antwort, welche der Punier Hannibal scherzweise dem König Antiochus gegeben“ (Buch V, 5). Die republikanische römische Geschichte wird aber auch durch ausführliche Zitierung römischer Geschichtsschreibung gewürdigt (Buch IX, 13). Mirabilia: Zyklopen, hundsköpfige Menschen, Hermaphroditen (Buch IX, 4), aber auch die Geschichte von der Freundschaft zwischen einem Knaben und einem Delphin, der jenen auf seinem Rücken durch das Wasser trägt und bei seinem Tod aus Kummer stirbt (Buch VI, 8). Juridische Probleme (z. B. Buch I, 3 und II, 12) Naturwissenschaften (Astronomie, Mathematik) und Medizin: Gellius berichtet von der Linderung von Schmerzen, ja sogar von der Heilung von Schlangenbissen durch das Flötenspiel (Buch IV, 13).
Quellen Gellius benutzt außerordentlich viele Quellen und nennt sie großenteils auch beim Namen. Die Lesefrüchte von ungefähr 275 Autoren finden sich in seinem WerkPeter Steinmetz: Untersuchungen zur römischen Literatur des zweiten Jahrhunderts nach Christi Geburt, S. 278.. Er exzerpiert etwa die gleiche Anzahl griechischer und römischer Autoren und nimmt häufig den unübersetzten griechischen Originaltext in sein Werk aufPeter Steinmetz: Untersuchungen zur römischen Literatur des zweiten Jahrhunderts nach Christi Geburt, S. 288..
Seine Zitate beginnen mit den frühen griechischen Autoren Homer und Hesiod und reichen bis zu seinen Zeitgenossen. Viele Schriftsteller werden nur einige wenige Male herangezogen, aber bei für die damalige Geisteswelt wichtigen Autoren, wie Homer, Quintus Ennius, Platon, Marcus Porcius Cato der Ältere, Marcus Terentius Varro, Marcus Tullius Cicero, Vergil liegt die Zahl der Zitierungen im mittleren zweistelligen BereichMartin Hertz: A. Gellii Noctium Atticarum libri XX, Index Auctorum..
Eine besondere Vorliebe zeigt Gellius für die römische Literatur der republikanischen und auch noch der augusteischen Zeit, insbesondere alte Redner (vor allem Cato), Historiker (Quintus Claudius Quadrigarius), Verfasser philosophischer Schriften (Cicero) und Dichter (besonders geschätzt und häufig genannt Vergil); auffällig ist dabei, dass Ovid und Titus Livius überhaupt nicht, Horaz nur in einem einzigen Artikel erwähnt werdenPeter Steinmetz: Untersuchungen zur römischen Literatur des zweiten Jahrhunderts nach Christi Geburt, S. 289..
Aber nicht nur Lesefrüchte sind eine Quelle seines Werkes, sondern auch: „Wissenswertes, das ich gehört habe“ (quid memoratu dignum audieram)Noctes Atticae, praefatio, 2.. Hierbei stehen notwendigerweise Zeitgenossen im Vordergrund. Gellius gestaltet die Wissensvermittlung gerne in einem unterhaltsamen Dialog und nennt dabei die Namen der Teilnehmenden. So widmet er unter anderen seinem Lehrer in Rom Antonius Iulianus, der – wie noch einige andere Autoren – nur durch Gellius fassbar istAulus Gellius: Noctes Atticae, hrsg. von Jens-Olaf Lindermann. Buch 9: Kommentar, S. 65., mehrere Artikel, ebenso dem Platoniker Lukios Kalbenos Tauros, bei dem er in Athen studierteReinhart Herzog: Aulus Gellius. In: Die Literatur des Umbruchs, S. 69.. Besondere Bedeutung hat für ihn der Philosoph Favorinus, den er 27-mal in seinem Werk nennt und zu den verschiedensten Themen zu Wort kommen lässtReinhart Herzog: Aulius Gellius. In: Die Literatur des Umbruchs, S. 70..
Absicht Gellius formuliert selbst seine Absicht. Der erhaltene Teil der praefatio beginnt in der Übersetzung von Georg Fritz Weiß:
Aber er wendet sich nicht ausschließlich an seine Kinder. Wie in der praefatio weiter ausgeführt wird, will er „Menschen, die von anderweitigen Lebensverpflichtungen in Anspruch genommen sind“ unterhalten (delectatio), aber auch mit dem nötigen Basiswissen ausstatten, dass sie kompetent an einem Gespräch teilnehmen können. Eine vollständige Erfassung der Themen oder auch nur systematische Einordnung ist nicht angestrebtDennis Pausch: Biographie und Bildungskultur, S. 154, 159 f..
Dabei ist zu erkennen, dass er sich auf geschichtliche Anekdoten und Personen aus der Zeit der Könige und der Republik (753–31 v. Chr.) beschränkte; in seinem Sammelwerk finden sich dagegen kaum Episoden aus der Kaiserzeit. Der Grund dafür war wohl, dass Gellius seinen Kindern zeigen wollte, aufgrund welchen Verhaltens, welcher Werte und welcher Normen Rom zu dem geworden war, was es Mitte des 2. Jahrhunderts repräsentierte. Deswegen nahm er viele Texte in seine Sammlung auf, die bereits 400 Jahre zuvor verfasst worden waren, indem er manche wörtlich, andere in seinen eigenen Worten wiedergab.
Form und Stil Das umfangreiche Werk ist in 20 Bücher aufgeteilt, die von einer praefatio und einem Inhaltsverzeichnis eingeleitet werden. Die Bücher gliedern sich wiederum in 398 Kapitel ganz unterschiedlichen Formats und Inhalts. Vor jedem Kapitel befindet sich eine kurze, zusammenfassende Inhaltsangabe. Buch 8 ist bis auf diese Inhaltsangaben verloren gegangenChristine Heusch: Die Macht der memoria, S. 51 f..
Häufig verwendet Gellius nicht nur lateinische, sondern auch griechische Zitate, so dass die typische Zweisprachigkeit dieser Epoche vermittelt wird. Ein Teil der Kapitel folgt der Tradition der Wissensvermittlung der römischen Enzyklopädie. Er fügt aber auch streitende Grammatiker oder Philosophen und exakte Zitate in seine Texte ein, um Lebhaftigkeit zu erreichen. Tischgespräche und Straßenplaudereien in wörtlicher Rede, historische Anekdoten lockern den Text aufReinhart Herzog: Aulus Gellius. In: Die Literatur des Umbruchs, S. 71..
Auf eine bestimmte Ordnung der Materialien wird verzichtet. Gellius exzerpiert die Bücher, wie sie ihm in die Hände kommen, ohne Planmäßigkeit. Belehrende Texte, Wundergeschichten und Gespräche philosophischen Inhalts stehen in bunter Folge.Carl Hosius et al.: Die Zeit von Hadrian 117 bis auf Constantin 324, S. 177.
Die Verfeinerung und Bereicherung seiner Sprache hatte für Gellius einen hohen StellenwertChristine Heusch: Die Macht der memoria, S. 226 ff.. Er verwendet zahlreiche Attizismen in den griechischen ebenso wie Archaismen in den lateinischen Teilen seines Werks und lässt so Ausdrücke und Grammatikkonstruktionen aus älteren vorklassischen Dichtungen wiederauflebenLeofranc Holford-Strevens: The worlds of Aulus Gellius, S. 49 ff.. Daneben stehen aber auch Wortneubildungen, die teils durch Umgestaltung bestehender Worte, teils durch Benutzung griechischer Worte entstehenLeofranc Holford-Strevens: The worlds of Aulus Gellius, S. 53 ff.. Insgesamt ist es eine reiche Sprache, auch geschmückt durch die Häufung von SynonymenLeofranc Holford-Strevens: The worlds of Aulus Gellius, S. 59..
Bedeutung und Nachwirkung Gellius ist einer der Schriftsteller, die durch eine Ansammlung verschiedenster Exzerpte ein Bild ihrer Zeit vermitteln. Hiermit fügt er sich in die „Miszellanlitteratur“ ein und gilt damit auch als Vertreter der Buntschriftstellerei. Seine Exzerpte entnimmt Gellius unterschiedlichsten Gebieten des Wissens, der Grammatik, Dialektik, Philosophie, Arithmetik, den Rechtswissenschaften, der Geschichte usw., mischt dazu aber auch allerhand Begebenheiten und sogar Wundergeschichten. Die Noctes Atticae haben damit eine zentrale Bedeutung für die Erforschung der Rezeption des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts. Sie vermitteln ein lebendiges Bild der Lese- und Bildungskultur. Dabei wird nicht nur vom Inhalt ausgegangen, sondern auch von der narrativen Einkleidung der Werks, die geistige und kulturelle Interessen des kaiserzeitlichen Bildungsbürgertums widerspiegelt.
Das Werk des Gellius wurde selbst vielfach rezipiert. Einige Autoren bearbeiten seine Texte, ohne seinen Namen zu nennen, wie etwa Nonius Marcellus, der ihn etwa 100-mal heranzieht.Noni Marcelli De compendosa doctrina, Ausgabe Wallace M. Lindsay, Hildesheim 1964, Index Auctorum. Auch bei Lactantius konnte die Kenntnis der Noctes Atticae nachgewiesen werden,R. M. Ogilvie: The library of Lactantius, Oxford 1978, S. 46 f. ebenfalls bei Apuleius, Macrobius und mehreren weiteren. Der Kirchenvater Augustinus von Hippo zitiert in seinem Werk De civitate Dei (IX, 4) bei der Behandlung der seelischen Affekte und Gelassenheit der Stoiker einen anekdotenhaften Text aus den Noctes Atticae (Buch XIX, 1). Augustinus lobt Gellius dabei als einen vir elegantissimi eloquii.