Das Waldnashorn (Stephanorhinus kirchbergensis), nach seinem Entdecker Carl Heinrich Merck auch Merck’sches Nashorn oder Mercknashorn genannt, war eine pleistozäne Nashornart im nördlichen Eurasien. Es lebte zeitgleich mit dem verwandten Steppennashorn (Stephanorhinus hemitoechus), bewohnte aber im Gegensatz zu ihm eher waldreiche Biotope und ernährte sich hauptsächlich von weicher Pflanzenkost. Beide Nashornarten starben im Verlauf des Jungpleistozäns aus.
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet des Stephanorhinus kirchbergensis im nördlichen Eurasien. Dargestellt ist die maximale Ausdehnung des Waldnashorns während der Warmzeiten. Die schwarzen Punkte stellen wichtige Fundplätze dar mini|Unterkiefer und Beckenknochen eines Waldnashorns, gefunden in Flurlingen bei Schaffhausen Das Waldnashorn war im Mittel- bis Jungpleistozän über weite Teile Eurasiens von Westeuropa bis Südsibirien, Zentralasien und China verbreitet. Sein östlichstes Auftreten ist von der Koreanischen Halbinsel bekannt.Emmanuel M. E. Billia: Revision of the fossil material attributed to Stephanorhinus kirchbergensis (Jäger 1839) (Mammalia, Rhinocerotidae) preserved in the museum collections of the Russian Federation. Quaternary International, Volume 179, Issue 1, March 2008, S. 25–37. Als wärmeliebendes Tier setzte es wenigstens sub-mediterranes Klima voraus und hatte sein Kerngebiet deshalb hauptsächlich im Mittelmeergebiet, in Vorder- und Zentralasien. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese Tierart nicht auf der Iberischen Halbinsel vorkam.Jan van der Made: The rhinos from the Middle Pleistocene of Neumark-Nord (Saxony-Anhalt). In: Dietrich Mania u. a. (Hrsg.): Neumark-Nord: Ein interglaziales Ökosystem des mittelpaläolithischen Menschen. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte 62. Halle/Saale 2010, S. 433–527. In den pleistozänen Warmzeiten, in denen die Temperaturen im Klimaoptimum um teilweise bis zu 3° höher waren als heute, verbreitete sich das Waldnashorn auch weit bis in die nordeurasischen Gebiete. Im nordalpinen Europa erreichte es zur Holstein-Warmzeit (vor 340.000 bis 325.000 Jahren) mit England (Illford, Grays und Clacton-on-Sea) hier seinen nördlichsten Punkt. In der Eem-Warmzeit (vor 126.000 bis 115.000 Jahren) konnte es den Ärmelkanal allerdings nicht erneut überwinden und blieb auf das europäische Festland beschränkt.Mikael Fortelius, Paul Mazza und Benedetto Sala: Stephanorhinus (Mammalia: Rhinocerotidae) of the Western European Pleistocene, with a revision of S. etruscus (Falconer, 1868). Palaeontographia Italica, 80, 1993, S. 63–155. Auch in seinem östlichen Verbreitungsgebiet dehnte das Waldnashorn während der Warmzeiten seinen Lebensraum von seinen Kerngebieten, wahrscheinlich Zentralasien und das nördliche China) weit nach Norden bis nach Sibirien aus. Schädel- oder Knochenreste dieser Nashornart wurden hier im Schwemmland von Don und Wolga in der russischen Steppe, ebenso wie im Kusnezker BeckenEmmanuel M. E. Billia: First records of Stephanorhinus kirchbergensis (Jäger, 1839) (Mammalia, Rhinocerotidae) from the Kuznetsk Basin (Kemerovo region, Kuzbass area, South-East of Western Siberia). Bollettino della Società Paleontologica Italiana, 46 (2–3), 2007, S. 95–100. und bei IrkutskEmmanuel M. E. Billia: The skull of Stephanorhinus kirchbergensis (Jaeger 1839) (Mammalia, Rhinocerotidae) from the Irkutsk region (Southwest Eastern Siberia). Quaternary International, Volume 179, Issue 1, March 2008, S. 20–24. am Baikalsee gefunden. Die nördliche Verbreitungsgrenze befindet sich in der Regel bei 53 bis 54 Grad nördlicher Breite. Aus dem Flussgebiet des Wiljui in der Republik Sacha in Jakutien wurden zwei Zähne geborgen, der Fundort liegt nahe dem 64. nördlichen Breitengrad. Ein derart hohes nördliches Vorkommen ist aber bisher selten dokumentiert, allerdings wurde ein Schädel am Fluss Chondon im Jana-Indigirka-Tiefland in Jakutien am 70. nördlichen Breitengrad entdeckt.I. V. Kirillova, O. F. Chernova, V. V. Kukarskikh, F. K. Shidlovskiy und O. G. Zanina: The First Finding of a Rhinoceros of the Genus Stephanorhinus in Arctic Asia. Doklady Biological Sciences 471, 2016, S. 300–303.Irina V. Kirillova, Olga F. Chernova, Jan van der Made und Vladimir V. Kukarskih: Discovery of the skull of Stephanorhinus kirchbergensis (Jäger, 1839) above the Arctic Circle. Quaternary Research, 2017, doi:10.1017/qua.2017.53
Das Waldnashorn war ein typisches warmzeitliches Faunenelement. Seine Präsenz an Fundstätten wird als Maß für den Wechsel der Vegetationsgürtel im Verlauf von Kalt- und Warmzeiten genutzt. Im westlichen Eurasien war es Bestandteil des sogenannten Palaeoloxodon antiquus-Faunenkomplexes, dem neben dem namengebenden Europäischen Waldelefanten auch der Auerochse, der Rot- und Damhirsch, das Reh oder das Flusspferd angehören.Wighart von Koenigswald: Lebendige Eiszeit. Klima und Tierwelt im Wandel. Stuttgart, 2002, S. 153–155. Ebenso war das Steppennashorn, mit dem es ko-existierte, ein typischer Vertreter dieser Faunengemeinschaft. Anders als sein gleichzeitig auftretender Verwandter kam das Waldnashorn aber nur während des Klimaoptimums vor. Bei Abkühlung zog es sich sehr rasch nach Süden in wärmere Gefilde zurück. Da weder in Portugal noch in Spanien bisher Reste des Waldnashorns gefunden wurden, geht man davon aus, dass diese Region nicht zu seinem Kernrefugium gehörte. Vielmehr scheint es jedes Mal vom nordalpinen Europa nach Asien oder Südosteuropa zurück gewandert zu sein.
In Zentralasien gehörte das Waldnashorn zudem dem Koshkurgan-Faunenkomplex an, benannt nach einem mittelpleistozänen archäologischen Travertinfundplatz im Süden von Kasachstan, dem aber auch Funde aus Shoktas, ebenfalls Kasachstan, und Lachuti in Tadschikistan zugerechnet werden. Hier war es mit dem Südelefanten, dem Mosbacher Pferd, dem Schoetensack-Bison und dem Elasmotherium vergesellschaftet.Anatoly P. Derevianko, Valery T. Petrin, Zhaken. K. Taimagambetov und Marcel Otte: Early Palaeolithic assemblages in trevertine, Southern Kazakhstan (a variant of an adaptation model. Anthropologie 36, 1998, S. 137–164. In Südsibirien, so z. B. im Kusnezker Becken war das Waldnashorn Bestandteil des ebenfalls mittelpleistozänen Tatarischen Faunenkomplexes, zu dem wiederum der Rothirsch, der Riesenhirsch aber auch das Mammut zu zählen sind. In Ostasien stellte diese Tierart – die hier lokal mit dem wissenschaftlichen Namen Stephanorhinus (Dicerorhinus) choukoutienensis bezeichnet wirdFrederic Lacombat: Phylogeny of the genus Stephanorhinus in the Plio-Pleistocene of Europe. Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften 23, 2007, S. 63–65. – einen Begleiter des Equus-Euctenoceros/Megaloceros-Faunenkomplexes (auch Nord-Tsingling-Faunenkomplex) dar, welcher seine Hauptverbreitung vor allem in Nordchina und in der Mongolei hatte. In diesen Komplex sind u. a. neben dem namengebenden Pferd und dem Riesenhirsch auch Palaeoloxodon namadicus und einige nördliche Elemente, wie das Murmeltier oder der Moschusochse eingeschlossen. Gelegentlich kommen auch Nashörner der Gattung Coeledonta vor, die allerdings nicht zum typischen Wollnashorn gehören und deshalb auch nicht wie dieses als kaltklimatische Anzeiger gelten. Im hauptsächlich in Südchina und Indochina verbreitetem Stegodon-Ailuropoda-Faunenkomplex (auch Süd-Tsingling-Faunenkomplex genannt), benannt nach dem elefantenartigen Stegodon und dem Großen Pandabären, war das Waldnashorn bisher jedoch nicht nachgewiesen und sollte hier nach bisheriger Meinung durch das heute ebenfalls ausgestorbene Chinesische Nashorn (Rhinoceros sinensis) vertreten worden sein.Hans-Dietrich Kahlke: Zur chronologischen Stellung der Choukoutien-Kultur. Alt-Thüringen 6, 1963, S. 22–41.Jean S. Aigner: Archaeological remains in Pleistocene China. AVA-Forschungen 1, Bonn, 1981. Neuere Untersuchungen, u. a. aus der Nashorn-Höhle bei Shennongjia (Provinz Hubei), einem sehr fossilreichen Fundplatz, zeigen jedoch, dass das Waldnashorn gelegentlich doch in diesem Faunenkomplex auftritt und sich offensichtlich ökologische Nischen suchte, die seinen nördlichen Refugien entsprachen.Tong HaoWen und WU XianZhu: Stephanorhinus kirchbergensis (Rhinocerotidae, Mammalia) from the Rhino Cave in Shennongjia, Hubei. Chinese Science Bulletin 55 (4), 2010, S. 1157–1168. Südwärts stieß es im Osten Chinas etwa bis zum 30. Breitengrad vor.Pierre Olivier Antoine: Pleistocene and holocene rhinocerotids (Mammalia, Perissodactyla) from the Indochinese Peninsula. In: Comptes Rendus Palevol. 2011, S. 1–10.
Fossilien dieser Art werden im Vergleich zu anderen pleistozänen Großsäugern relativ selten gefunden. Gründe dafür können entweder die schlechten Fossilisationsbedingungen sein oder die Art war tatsächlich relativ selten.H.K. Loose: Pleistocene Rhinocerotidae of Western Europe with reference to the recent two-horned species of Africa and S.E. Asia. Proefschrift [Dissertation], Leiden, Scripta Geologica 33, 1975, S. 1–59. Generell ist sie im westlichen Eurasien häufiger nachgewiesen als im östlichen.Emmanuel M. E. Billia: Occurences of Stephanorhinus kirchbergensis (JÄGER, 1839) in Eurasia – An account. Acta Palaeontologica Romaniae 7, 2011, S. 17–40. In Deutschland ist das Waldnashorn von mehr als einem Dutzend Fundstellen bekannt. Ein fast vollständiges Skelett wurde u. a. in den pleistozänen Deckschichten des Braunkohletagebaus von Neumark-Nord im Geiseltal (Sachsen-Anhalt) geborgen und gehört der Eem-Warmzeit an. Außerdem wurde das Waldnashorn in warmzeitlichen Ablagerungen der wichtigen, bis zu 600.000 Jahre alten Fossilienfundstelle Mosbacher Sande im Stadtgebiet von Wiesbaden (Hessen) sowie aus dem etwa 300.000 Jahre alten frühmenschlichen Fundplatz Steinheim an der Murr (Baden-Württemberg) bekannt.Karl-Dietrich Adam: Der Urmensch von Steinheim an de Murr und seine Umwelt. Ein Lebensbild aus der Zeit vor einer viertel Million Jahre. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 35, 1988, S. 1–23. Weitere wichtige Fundstellen hier sind der rund 350.000 Jahre alte Homo-erectus-Fundplatz Bilzingsleben (Thüringen),Jan van der Made: A preliminary note on the rhinos from Bilzingsleben. Praehistoria Thuringica 4, 2000, S. 41–64. der Fundort der etwa gleich alten Schöninger Speere (Niedersachsen)Hartmut Thieme (Hrsg.): Die Schöninger Speere. Mensch und Jagd vor 400000 Jahren. Ausstellungskatalog. Stuttgart, 2007. und die auf ca. 220.000, möglicherweise auch nur auf 120.000 Jahre datierte Neandertaler-Station Ehringsdorf (ebenfalls in Thüringen).Walter Steiner: Der Travertin von Ehringsdorf und seine Fossilien. Lutherstadt Wittenberg 1981.
Körperbau und Ernährungsweise mini|Schematische Darstellung der Kopfhaltung der drei im Mittel- und Jungpleistozän Europas vorkommenden Nashornarten. Oben: Waldnashorn (Stephanorhinus kirchbergensis), Mitte: Steppennashorn (Stephanorhinus hemitoechus), unten: Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis). Ohne Unterkiefer, Darstellung jeweils in linker Seitenansicht mini|Unterkieferfragment vom Waldnashorn