mini|Erich Raeder Erich Johann Albert Raeder (* 24. April 1876 in Wandsbek; † 6. November 1960 in Kiel) war ein deutscher Marineoffizier. Von 1928 bis 1943 war er der Oberbefehlshaber der deutschen Seestreitkräfte (von 1928 bis 1935 lautete sein Titel „Chef der Marineleitung“ und anschließend, seit der Umbenennung der Reichsmarine in Kriegsmarine, „Oberbefehlshaber der Kriegsmarine“). Er erhielt am 30. Januar 1937 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP.
Raeder wurde im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagt, in drei Anklagepunkten schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. 1955 wurde er entlassen.
Kaiserreich und Erster Weltkrieg mini|Erich Raeder (Zweiter von links) im Stab von Vizeadmiral Hipper (Mitte), 1916
Erich Raeder wurde in Wandsbek, heute Stadtteil von Hamburg, als ältester von drei Söhnen des Gymnasiallehrers Hans Friedrich Eduard Raeder und dessen Ehefrau Gertraudt Wilhelmine Margaretha geb. Hartmann geboren. Sein Vater wurde später Gymnasialdirektor in Grünberg in Schlesien. Nach dem Besuch eines Realgymnasiums in Grünberg legte er 1894 das Abitur ab.
Raeder trat im April 1894 in die Kaiserliche Marine ein und fuhr nach Beendigung der Grundausbildung auf dem Schulschiff Stosch und anschließend auf der Gneisenau. Am 25. Oktober 1897 wurde er, nach dem Bestehen der Seeoffiziersprüfung mit Auszeichnung, zum Unterleutnant zur See ernannt. 1900 wurde Raeder zum Oberleutnant zur See befördert, nachdem er als Signaloffizier auf verschiedenen Panzerkreuzern eingesetzt war. Daran an schlossen sich verschiedene Land- und Bordkommandos sowie ein Aufenthalt an der Marineakademie. Im März 1905 ernannte man Raeder zum Kapitänleutnant.
Im April 1906 wurde er als Referent zum Nachrichtenbüro des Reichsmarineamtes versetzt. Zwei Jahre später kam Raeder als Navigationsoffizier an Bord des Großen Kreuzers Yorck. Ebenfalls als Navigationsoffizier war er von 1910 bis 1912 auf der kaiserlichen Yacht Hohenzollern eingesetzt. Im Zuge dieses Kommandos wurde er im April 1911 zum Korvettenkapitän befördert. Seit dieser Zeit auf der Hohenzollern hegte Raeder eine persönliche Sympathie für Wilhelm II., die er auch später nicht verleugnete.
Nach Ende des Kommandos auf der Hohenzollern folgte die Ernennung zum Ersten Admiralstabsoffizier beim Befehlshaber der Aufklärungsschiffe der Hochseeflotte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Raeder sich schon mehrfach schriftstellerisch betätigt und übersetzte den französischen Seekriegsexperten René Daveluy, einen Vertreter der Jeune École, mit dessen Theorien er sich kritisch auseinandersetzte.
Auf diesem Posten nahm Raeder nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges am Gefecht auf der Doggerbank und an der Skagerrakschlacht teil. Im April 1917 wurde er zum Fregattenkapitän befördert und sein Dienstposten in Chef des Stabes beim Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte umbenannt. Raeder behielt diesen Posten bis Anfang 1918, als er das Kommando über den Kleinen Kreuzer Cöln erhielt, mit dem er allerdings an keiner Gefechtshandlung mehr teilnahm.
Weimarer Republik Bereits im Oktober 1918 wurde er durch die Ernennung zum Chef der Zentralabteilung des Reichsmarineamtes wieder an den Schreibtisch beordert. Diese Stellung bekleidete er über die Zeit des Zusammenbruchs und der Gründung der Weimarer Republik hindurch bis zum Kapp-Putsch. Während Raeder in seinen Memoiren darauf hinweist, während des Putsches loyal zur gewählten Regierung gestanden zu haben, galt er – nicht zuletzt durch die enge Zusammenarbeit mit dem Chef der Admiralität Adolf von Trotha, der über seine Verwicklung in den Putsch stürzte – als kompromittiert genug, um auf einen weniger einflussreichen Posten im Marinearchiv versetzt zu werden. mini|hochkant|„Kreuzerkrieg“ 1. Band, erschienen 1922 bei E. S. Mittler & Sohn Dessen damaliger Leiter, Eberhard von Mantey, bekam im Jahr 1921 den Auftrag, eine Veröffentlichung zu den Einsätzen der Seestreitkräfte im Ersten Weltkrieg unter taktischen und operativen Gesichtspunkten zu realisieren. Von Mantey entschied sich für eine separate Betrachtung verschiedener Kriegsschauplätze und beauftragte Raeder mit der Aufbereitung des Kreuzerkriegs, insbesondere der Operationen des Ostasiengeschwaders im Pazifik und Südatlantik. Im Verlauf seiner Bearbeitungen kam Raeder zu der Erkenntnis, dass der Einsatz einer starken Flotte in Nord- und Ostsee und die gleichzeitige Entsendung von Verbänden, die den Handelskrieg in fernen Gewässern führen, in einer Wechselwirkung stehen. Entsprechend arbeitete er die These heraus, dass die Passivität der deutschen Flotte in der Nordsee der britischen Seite ermöglicht habe, das deutsche Kreuzergeschwader beim Seegefecht bei den Falklandinseln vernichtend zu schlagen. Diese Erkenntnis wurde für ihn zu einer wichtigen Grundlage seiner späteren Erwägungen und Entscheidungen als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine.Werner Rahn: Strategische Optionen und Erfahrungen der deutschen Marineführung 1914 bis 1944. Zu den Chancen und Grenzen einer mitteleuropäischen Kontinentalmacht gegen Seemächte. In: Wilfried Rädisch (Hrsg.): Werner Rahn – Dienst und Wissenschaft. Militärisches Forschungsamt, Potsdam 2010, ISBN 978-3-941571-08-2, S. 48–49. Das zweibändige Werk erschien im Jahr 1922 bei E. S. Mittler & Sohn. Raeders Arbeit als Marinegeschichtsschreiber fand auch wissenschaftliche Anerkennung, die sich am 31. Mai 1926 in der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Kieler Universität äußerte.
Außerdem studierte er Nationalökonomie, Verwaltungsrecht, Staatswissenschaften und Wirtschaftsgeschichte.
Im Jahr 1922 wurde Raeder mit der Ernennung zum Inspekteur des Bildungswesens der Marine in das politische Zentrum der Marineleitung zurückversetzt und gleichzeitig zum Konteradmiral befördert. Im Herbst 1924 trat er dann den Posten des Befehlshabers der leichten Seestreitkräfte der Nordsee, welcher aus dem Befehlshaber der Seestreitkräfte der Nordsee hervorgegangen war und später auch wieder den Namen erhielt, an. Bereits im Januar 1925 wurde Raeder zum Vizeadmiral befördert und zum Chef der Marinestation der Ostsee ernannt. Trotz seiner Offenheit gegenüber weiträumigen Operationen und seiner profunden Kenntnisse des Kreuzerkriegs positionierte sich Raeder deutlich gegen eine in dieser Zeit von Konteradmiral Wolfgang Wegener eingebrachte Denkschrift, die unter jungen Marineoffizieren für erhebliches Aufsehen sorgte. Wegener war sein Crewkamerad, Inspekteur der Marineartillerie in Wilhelmshaven und seestrategischer Denker. In seiner Denkschrift übte er Kritik an der Strategie der ehemaligen – von Tirpitz’schem Denken geprägten – Kaiserlichen Marine. Wegener betonte die Notwendigkeit vorgeschobener Stützpunkte, um die deutsche Flotte effizient außerhalb der Nord- und Ostsee einsetzen zu können, und bewertete ausdrücklich den nordfranzösischen Atlantikhafen Brest hierfür als geeignet. Obwohl Wegener hierin in vielen Aspekten die Strategie der Kriegsmarine ab 1939 vorwegnahm, erkannte Raeder das Potential der 1925 veröffentlichten Denkschrift nicht und tat seine Ausführungen noch 1931 als „Machwerk“ ab.Lars Hellwinkel: Hitlers Tor zum Atlantik. Die deutschen Marinestützpunkte in Frankreich 1940–1945. Ch. Links Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86153-672-7, S. 12–13.
mini|hochkant|Erich Raeder, 1928 Wohl auf Betreiben des Reichswehrministers Wilhelm Groener wurde im Rahmen der sogenannten „Lohmann-Affäre“ auf die Entlassung des Marinechefs Hans Zenker hingearbeitet; und es dürfte ebenfalls Groener gewesen sein, der die Ernennung Raeders zum neuen Chef der Marineleitung am 1. Oktober 1928 durchsetzte. Raeder bemühte sich in der neuen Position, seinem Image als republikfeindlicher Rechtsaußen entgegenzuwirken, welches ihm seit den Tagen des Kapp-Putsches anhaftete; er bekannte sich wiederholt zur Weimarer Verfassung. Im April 1931 entließ er den späteren Leiter des NS-Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, wegen „ehrwidrigen Verhaltens“ aus der Marine.
Auf der einen Seite gehen aus seinem privaten Briefverkehr mit dem der NSDAP nahestehenden Admiral von Levetzow seine grundsätzliche Ablehnung der Sozialdemokratie und seine Befürwortung einer autoritären Rechtsregierung hervor; auf der anderen Seite hegte er noch im Jahre 1932 keine Sympathien für Adolf Hitler. So nannte er Hitlers politische Reden „verbrecherisch“ und war der Auffassung, dass Hitler seine Partei in eine üble Lage hineinmanövriert habe. In seiner neuen Funktion als Chef der Marineleitung trieb Raeder die Entscheidung für den Bau schneller, offensiver Panzerschiffe voran, für den er sich nach anfänglichen Zweifeln ebenfalls erwärmt hatte.
Nachdem der Bau der ersten Panzerschiffe nach erbittertem politischen Tauziehen gesichert worden war, legte er am 15. November 1932 einen so genannten „Umbauplan“ vor. Dieser sah eine umfangreiche Erweiterung der Seestreitkräfte über die im Versailler Vertrag zugestandenen Einheiten hinaus vor und war damit rechtswidrig. Aber innerhalb der Marine spielte der Vertrag ohnehin keine Rolle mehr: Man erwartete die Gleichberechtigung Deutschlands auf der Genfer Abrüstungskonferenz, anderenfalls würde man den Versailler Vertrag einseitig kündigen. Daher wurden auch schon Planungen für wesentlich größere Kampfschiffe in die Wege geleitet.
Zeit des Nationalsozialismus Vorkriegszeit mini|hochkant|Raeder in der Uniform eines Großadmirals (1940) Nach der Machtübernahme Hitlers setzte Raeder alles daran, diesen von der Notwendigkeit des Aufbaus und der Unterhaltung einer schlagkräftigen Marine zu überzeugen. Hitler hatte zuvor in Mein Kampf sowie in zahlreichen Reden und Artikeln einen Verzicht auf Seerüstung eingefordert. Diese sei für die Feindschaft Großbritanniens im Ersten Weltkrieg verantwortlich gewesen – das Inselreich nahm in Hitlers Zukunftsplänen aber den Platz eines Verbündeten ein.
Mit dem Hinweis auf die französische Marine scheint es Raeder in einer Unterredung im März 1933 gelungen zu sein, Hitlers Zustimmung zum Ausbau der Marine zu erhalten. Dabei benutzte Raeder wieder einmal den Gedanken der „Bündnisfähigkeit“, mit dem schon die Tirpitz’schen Flottengesetze begründet worden waren. Sowohl quantitativ als auch qualitativ fielen die letzten Hemmungen, was die Geheimrüstungen und andere Überschreitungen der Versailler Rüstungsbeschränkungen anging, als Deutschland im Oktober 1933 die Abrüstungskonferenz und den Völkerbund verließ.
1934 erhielt Raeder die Kieler Ehrenbürgerschaft, die ihm am 27. Dezember 1945 wieder aberkannt wurde. Nachdem der Kieler Magistrat 1956 zu der Auffassung gelangt war, dass die Aberkennung aus formalen Gründen unwirksam war, verzichtete Raeder auf die Ehrenbürgerschaft.
Eine Teilnahme an den internationalen Flottenkonferenzen (die nächste war für 1936 anberaumt) lehnte Raeder ab, da er die erneute vertragliche Festlegung einer Obergrenze verhindern wollte. Auch die Anbahnung des deutsch-britischen Flottenabkommens ab 1934 bereitete er mit gemischten Gefühlen vor, denn das letztendlich vereinbarte Verhältnis von 35:100 zur britischen Flotte hielt er für zu niedrig angesetzt. Da das Abkommen aber endlich den lange ersehnten Bau von Großkampfschiffen gestattete, gab Raeder sich zunächst mit den Umständen zufrieden und forcierte den Bau der ersten Schlachtschiffe und des ersten Flugzeugträgers.
Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht wurde Raeders Posten im Jahr 1935 in Oberbefehlshaber der Kriegsmarine umbenannt. Am 20. April 1936 erfolgte seine Ernennung zum Generaladmiral. Hitler verlieh Raeder anlässlich einer Gedenksitzung des Kabinetts zum Jahrestag der Machtergreifung am 30. Januar 1937 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP, das er nach eigenen Angaben später vernichtete.Dieter Hartwig: Großadmiral Karl Dönitz. Legende und Wirklichkeit. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-77027-1, S. 359.