mini|Mühle in Newport mini|Mühle in Newport, Innenansicht
Die Newport-Mühle (, auch: Round Tower, Touro Tower, Newport Stone Tower, Old Stone Mill (OSM), Mystery Tower) ist ein aus Bruchsteinen errichtetes, turmähnliches Gebäude im Touro Park in Newport im US-Bundesstaat Rhode Island. Das Bauwerk lieferte Stoff sowohl für wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen als auch für zahlreiche Artikel in Boulevardzeitungen. Sein Ursprung und sein Zweck waren häufig Gegenstand von Spekulationen, und es gibt zahlreiche Theorien, manche abstrus, manche plausibel, die während der letzten mehr als einhundert Jahre aufgetaucht sind.
Baubeschreibung Der Turm steht auf einer Anhöhe oberhalb des Hafens von Newport inmitten eines kleinen Parks an der mit historischen Gebäuden aus der Kolonialzeit bestandenen Bellevue Avenue. Eine Informationstafel am Parkeingang enthält eine kurze Beschreibung mit dem Hinweis, dass es sich um eine historische Mühle aus dem 17. Jahrhundert handelt.
Heute sind nur noch die Außenmauern des Gebäudes erhalten. Der runde Turm ist aus weitgehend naturbelassenen und unbearbeiteten Granit-Feldsteinen der näheren Umgebung errichtet, die mit einem Mörtel aus Muschelkalk, Sand und Wasser vermauert sind. Das Bauwerk ist nicht exakt rund, sondern leicht oval: der eine Durchmesser beträgt 6,75 m, der andere 7,08 m. Der Turm ist ca. 7,30 Meter hoch, die Wände sind etwa 1,00 Meter dick.Mark Moran, Mark Sceurman: Weird New England. Sterling, New York 2010, ISBN 978-1-4027-7842-1, S. 40
Aus Aussparungen im Mauerwerk für eine Holzbalkendecke im Innern kann man schließen, dass das Gebäude ursprünglich zwei Stockwerke aufwies. Das Erdgeschoss ist mit acht offenen Rundbögen als offene Arkade ausgebildet, die von gemauerten, etwa 3,50 Meter hohen Rundsäulen gestützt wird. Über jeder Säule ist ein unregelmäßig geformtes Loch in der Wand zu sehen, das offenbar als Balkenauflage für einen ebenfalls hölzernen Fußboden diente. Etwas darüber sind weitere vier Löcher in der Wand, die darauf schließen lassen, dass es ein zweites Stockwerk gegeben haben muss. Im Nordosten lassen sechs Aussparungen im Mauerwerk vermuten, dass dort einst Holzstufen für eine Treppe eingelassen waren. Es sind keinerlei Reste der hölzernen Stufen erhalten.
Im oberen Gebäudeteil befinden sich mehrere einfache Fenster unterschiedlicher Größe, vier davon lediglich kleine, horizontale Schlitze. Drei ungefähr quadratische Fenster sind etwas größer, von denen eines so ausgerichtet ist, dass man ursprünglich einen guten Überblick über die Narragansett Bay hatte, der heute jedoch von hohen Bäumen verdeckt wird. An der Innenwand sind mehrere gemauerte Nischen und ein offener Kamin erkennbar.
Geschichte mini|Windmühle Chesterton
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde der Turm in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Auftrag von Benedict Arnold (1615–1678) errichtet. Dessen Vater William Arnold stammte aus Leamington, Warwickshire, Vereinigtes Königreich. Die Familie Arnold war 1635 nach Amerika emigriert und Benedict wurde 1663 Gouverneur der Kolonie Rhode Island. 1675 zerstörte ein Sturm die hölzerne Windmühle von Peter Easton in Newport.David Goudsward: Ancient Stone Sites of New England and the Debate Over Early European Exploration. McFarland & Co, Jefferson (NC) 2006, ISBN 978-0-7864-2462-7 Benedict Arnold ließ daraufhin eine neue steinerne Mühle bauen, die sich am Vorbild einer Mühle orientierte, die 1632–33 in Chesterton, in der Nähe des Herkunftsortes seiner Familie, errichtet worden war. Die Ähnlichkeit der beiden Gebäude ist unübersehbar, die Chesterton-Mühle wurde allerdings aus sorgfältig behauenen Steinen erbaut und hat nur sechs Säulen. Inzwischen ist sie im Besitz des National Trust, wurde restauriert und mit einer Rekonstruktion des ursprünglichen Daches und der Windmühlenflügel versehen.
In seinem Testament vom 24. Dezember 1677 erwähnt Arnold zweimal eine „steinerne Mühle“ als Markierung, um den Ort seines Begräbnisses und das Grundstück zu identifizieren, das er seiner Witwe Damaris Arnold hinterlassen wollte:
Ein Anhang zu diesem Testament wurde im darauffolgenden Februar verfasst, und Gouverneur Arnold starb am 19. Juni 1678 in seinem Arbeitszimmer.John Osborne Austin: Genealogical Dictionary of Rhode Island. J. Munsell's Sons Albany(NY) 1887, ISBN 978-0-8063-0006-1, S. 242
Auf einem Stadtplan von Newport aus dem Jahr 1758, von Ezra Stiles (1727–1795; Theologe und 7. Präsident der Yale University) mit Tinte auf Papier gezeichnet, ist die Mühle oberhalb der Ansiedlung Newport dargestellt.Ezra Stiles: Manuscript map of the city and harbor of Newport, August 9, 1758. Sammlung Redwood Library and Athenaeum, Newport (RI) Der Maler Gilbert Stuart hat den Newport Tower im Mittelgrund eines Ölgemäldes von 1777 abgebildet. Im Vordergrund sind mehrere Personen bei der Heuernte zu sehen, im Hintergrund einige Gebäude der Stadt Newport. Im Gegensatz zu heute stand der Turm damals isoliert auf offenem Weideland, auf einer kleinen Anhöhe außerhalb der städtischen Bebauung. Der auf dem Bild erkennbare Zustand der Mühle entspricht in etwa dem heutigen. Zwischen 1776 und 1779 hatte Newport eine britische Besatzung. Es gibt Hinweise, dass die Briten die Newport-Mühle als Pulvermagazin nutzten und sie bei ihrem Abzug sprengen wollten.Jan Barstad: The Newport Tower Project. Chronognostic Research Foundation 2007 Das wäre eine Erklärung dafür, dass Stuart die Mühle ohne Dach und Windmühlenflügel dargestellt hat.
Wissenschaftliche Erforschung 1948/49 führte eine Gruppe von Archäologen der Society for American Archaeology (SAA) unter der Leitung von William Godfrey und Hugh Henken von der Harvard University am und im Turm umfangreiche Ausgrabungen durch. Sie fanden keine Artefakte, die älter als aus dem 17. Jahrhundert zu datieren waren, lediglich Münzen (von 1696 und eine aus 1949), Glas- und Keramikscherben, Glasflaschen aus mehreren Jahrhunderten, handgeschmiedete und maschinell gefertigte Nägel, zwei Tonpfeifen und den rechteckigen Absatz eines Stiefels.William S. Godfrey: The Newport Puzzle. In: Archaeology, Volume 2 (3) vom September 1949, S. 146–149 In seiner Dissertation von 1951 zum Ph.D. mit dem Titel Digging a Tower and Laying a Ghost, kommt Godfrey zu dem eindeutigen Schluss, dass das Bauwerk im 17. Jahrhundert errichtet wurde. Er gelangte zu der Auffassung, dass entweder „Gouverneur Arnold den Turm gebaut hat oder jemand aus seiner Zeit.“William S. Godfrey: The Archaeology of the Old Stone Mill in Newport, Rhode Island. In: American Antiquity, Volume 17 (2) vom Oktober 1951, S. 120–129
Der Bauingenieur Edward A. Richardson untersuchte den Turm aus bautechnischer Sicht und kam zu dem Schluss, das Bauwerk entspräche nicht dem üblichen Erscheinungsbild einer Windmühle. Die Bauausführung sei für diesen Zweck nicht geeignet: Die Böden hielten der zu erwartenden Belastung nicht stand, der Kamin sei am falschen Platz und es hätte keine Möglichkeit gegeben, die Gerätschaften in das Gebäude zu bringen. Er hielt den Newport Tower für einen Signalturm.Edward Adams Richardson: Builder of the Newport Tower. American Society of Civil Engineers Transactions 86, 1960, S. 73–95
1993 nahm ein dänisch-finnisches Expertenteam Radiokohlenstoffdatierungen des Mörtels vor. Sie entnahmen sieben Proben aus dem Turm und eine Vergleichsprobe aus dem Wanton-Lyman-Hazard-Haus, dem ältesten erhaltenen Wohnhaus in Newport, von dem man weiß, dass es um 1697 erbaut wurde. Die Probenanalyse zeigte, dass die Newport-Mühle mit hoher Wahrscheinlichkeit im 17. Jahrhundert erbaut wurde, wahrscheinlich zwischen 1635 und 1698.Jan Heinemeier und Högne Jungner: C-14 Dating of Lime Mortar. In: Arkaeologiske Udgravninger i Danmark 1994, Copenhagen 1994 Die Auswertung der Daten warf jedoch mehr Fragen auf als sie Antworten lieferte, denn sogleich meldeten sich Kritiker zu Wort, die mögliche Fehlerquellen aufzeigten und die gewonnenen Daten anders interpretierten.Andre J. de Bethune: On the Carbon-14 Analyses of Mortar from the Newport Tower: Theoretical Considerations. Newporthistory Vol. 69 (1), 1998, S. 19–25Bob Carter: Radiocarbon dating of the Newport Tower Mortar. NEARA Journal 36 (2), 2002, S. 39–40J. Huston McCulloch: Newport Tower Radiocarbon Dates: Some Reservations about the Newport Tower C-14 Dates. Midwestern Epigraphic Journal, Vol. 15, 2001, S. 79–92
1994 veröffentlichte William Penhallow, Professor für Physik und Astronomie an der University of Rhode Island, einen Artikel, in dem er behauptete, die Mühle sei ein astronomischer Kalender, eine Art Horologium. Die Fenster seien nach astronomischen Konstellationen ausgerichtet und markierten die Positionen der Sonne und des Mondes an bestimmten Jahrestagen sowie die des Polarsterns und des Dubhe im Sternbild Ursa Major.William Penhallow: Astronomical Alignments in Newport Tower. The New England Antiquities Research Association (NEARA), Journal Nr. 29, 1994, S. 44–56 Auf einer der Fensterbänke will er Markierungen erkannt haben, die Visierlinien eines Astrolabiums seien. Der Turm sei, so spekuliert er, zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert errichtet worden, von wem, lässt er offen.William Penhallow: Some Thoughts on the Newport Tower. The New England Antiquities Research Association (NEARA), Journal Nr. 36, 2002, S. 31–38
Suzanne Carlsson, eine Architektin von der New England Antiquities Research Association (NEARA), veröffentlichte 2001 eine Monografie über die Newport-Mühle, die die verschiedenen Thesen sowie die wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse unter architektonischen Gesichtspunkten untersucht und mit anderen Bauwerken des alten Europa vergleicht.Suzanne Carlsson: Loose Threads in a Tapestry of Stone: The Architecture of the Newport Tower. Journal of the New England Antiquities Research Association, Volume 35 (1) von 2001, S. 1–46
Carlsson vermeidet eine endgültige Aussage und schreibt: Die Early Sites Research Society (ESRS), eine private Institution, die es sich zum Ziel gesetzt hat, präkolumbische Kulturen Amerikas zu erforschen, ließ 2003 die Fläche des Truro-Parks mit einem Bodenradar untersuchen. Man identifizierte zwei Objekte unter dem Bodenniveau, eine große, flache Steinplatte und Reste einer Mauer, deren Zweck nicht erkennbar war. Es wurden allerdings keine Strukturen gefunden, die unmittelbar mit dem Turm assoziiert waren, beispielsweise als Anbauten.
Die Spekulationen Ungeachtet der wissenschaftlichen Erforschung gibt es seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche mehr oder minder seriöse Spekulationen, wer das Bauwerk errichtet haben könnte. Nachfolgend werden einige davon zusammenfassend dargestellt, ohne deren Seriosität zu bewerten:
Wikinger Der dänische Archäologe und Philologe Carl Christian Rafn äußerte in seinem 1837 teilweise in lateinischer Sprache herausgegebenen Buch Antiqvitates Americanæ, in dem erstmals die Entdeckung Amerikas durch Leif Eriksson dargelegt wurde, die Vermutung, der Turm sei im 12. Jahrhundert von Wikingern unter der Führung von Erik Gnupsson, einem Bischof von Gardar, als Taufkapelle errichtet worden.Carl Christian Rafn: Antiqvitates Americanæ - Sive, Scriptores Septentrionales Rerum Ante-columbianarum in America. Tapis Officine Schultzianae, Kopenhagen (Hafniae) 1837 Er verglich den Turm mit Rundkirchen des 11. und 12. Jahrhunderts in Nordeuropa, zum Beispiel der Kirche von Nylars, der Olskirke bei Allinge oder der Østerlas Kirke auf Bornholm. Rafn hat Newport niemals besucht und die Mühle auch nicht selbst in Augenschein genommen. Seine Vermutungen basieren auf der Korrespondenz mit Thomas H. Webb, dem damaligen Sekretär der Rhode Island Historical Society, der ihm umfangreiches Quellenmaterial zur Verfügung stellte.