Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (heute oft im Plural Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen verwendet; abgekürzt VGR) ist ein Teilgebiet der Makroökonomie. Es handelt sich um ein statistisches Werk mehrerer Teilrechnungen, die die Leistung einer Volkswirtschaft erfassen. Den Schwerpunkt bilden die Entstehung, Verteilung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und des Bruttonationaleinkommens (BNE).
Allgemeines Grundlage der VGR ist die Kreislauftheorie, bei der alle Tauschvorgänge zwischen Unternehmen und Haushalten erfasst werden. Alle hergestellten Waren und Dienstleistungen bilden dabei die Wertschöpfung, sofern es sich nicht um eine Vorleistung handelt. Die Veränderung der Wertschöpfung zum Vorjahr dient als Maß der Entwicklung einer Volkswirtschaft.
Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung erfasst nur ökonomische Vorgänge. Dabei ist die inoffizielle Wirtschaft eingeschlossen, jedoch aus Gründen der Praktikabilität gemäß international gültiger Definition nicht unbezahlte Arbeit, obwohl es sich dabei ebenfalls um ökonomische Produktion handelt. Zur Bearbeitung anderer als rein ökonomischer Fragestellungen dienen dagegen die umweltökonomische Gesamtrechnung sowie weitere Nachhaltigkeitsindikatoren. miniatur|hochkant=2.2|rechts|Einordnung der Teilrechnungen der VGR
Ziele und Bedeutung
„Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung verfolgt das Ziel, das Wirtschaftsgeschehen einer Volkswirtschaft für einen zurückliegenden und daher abgeschlossenen Zeitraum quantitativ möglichst umfassend zu beschreiben.“Frenkel/John (2003), Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, S. 5. Die ermittelten Werte werden in Form eines Kontensystems erfasst und in Form von Tabellen dargestellt.
Die VGR dient der Politik als Informationsgrundlage für konjunkturelle und wirtschaftspolitische Entscheidungen. Ohne diese Daten könnten keine Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die Daten der VGR dienen auch als gesamtwirtschaftliche Entscheidungsgrundlage. Angaben wie Einkommens-, Produktivitäts- und Preisniveauentwicklungen werden von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden für Tarifverhandlungen benötigt.
Auch viele Forschungsinstitute sind für ihre Analysen auf die Daten der VGR angewiesen. Die ermittelten Daten sind ebenso Maßstab für die Einhaltung des Stabilitätsgesetzes von 1967.
Auch internationale Organisationen sind auf das Material für die Ermittlung der Finanzierungsbeiträge und Leistungen, insbesondere der EU-Eigenmittel, angewiesen. Des Weiteren ist auch die Europäische Zentralbank auf die Werte der VGR angewiesen.
Geschichte Die Grundlagen schuf Luca Pacioli. Er verhalf mit seiner Publikation Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità im Jahr 1494 der doppelten Buchführung zum Durchbruch. Im 18. Jahrhundert gab François Quesnay die Anregung einer systematischen Darstellung. Er entwickelte das Tableau économique eines geschlossenen Güter- und Wirtschaftskreislaufs. Dabei unterschied er zwischen drei Sektoren, den der Landwirte, Bodeneigentümer und Händler. Daneben zeichnete er auch alle Strombewegungen zwischen den Sektoren auf.
Ein weiterer wesentlicher Beitrag zur Entwicklung der modernen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung stammt von Karl Marx.Hans-Peter Nissen: Makroökonomie I: Einführung in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Heidelberg 1992, S. 251–262. Marx griff Quesnays Tableau auf und machte es zur Grundlage seiner Kreislaufanalyse (den „Reproduktionsschemata“) im zweiten Band seines Hauptwerks Das Kapital – Kritik der Politischen Ökonomie. Der zweite Band trägt den Untertitel Der Zirkulationsprozess des Kapitals.
Eine Weiterentwicklung der Kreislauftheorie führte John Maynard Keynes 1936 durch. Keynes lieferte die Grundlage für die heute international verwendeten Systeme. Diese wurden für die OECD und die Vereinten Nationen in verschiedenen Fassungen von Richard Stone entworfen. Gegenwärtig existiert die vierte Auflage des System of National Accounts (SNA 2008). In der Europäischen Union wird das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen in der Fassung von 2010 (ESVG 2010) verbindlich angewandt. Laut Angabe im ESVG 2010 stimmen „die Konzepte des EVG 2010“ „mit den weltweiten Empfehlungen des SNA 2008 zu Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen überein“.
Berechnung Die Berechnung von Volkseinkommen, Bruttonationaleinkommen und Bruttoinlandsprodukt wird im Folgenden anhand der Verteilungsrechnung erläutert. Diese Tabelle zeigt auf der linken Seite die Komponenten der Rechnung und rechts die dazugehörigen Daten für Deutschland aus den Jahren 2007Nach: Statistisches Bundesamt Deutschland (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 2008. Wiesbaden 2008 (Statistisches Bundesamt), S. 621 f. und 2017. Hier S. 332.
{| style="text-align:right" |+ Verteilungsrechnung (Beträge in Mrd. €) ! class="hintergrundfarbe5" style="text-align:left" | Größe !! class="hintergrundfarbe5" | 2007 !! class="hintergrundfarbe5" | 2017 |- | style="text-align:left" | + Arbeitnehmerentgelt|| 1.181,0 || 1.668,9 |- | style="text-align:left" | + Unternehmens- und Vermögenseinkommen || 643,2 || 765,8
| colspan="3" |
| style="text-align:left" | = Volkseinkommen || 1.824,2 || 2.434,7
| style="text-align:left" | + Produktions- und Importabgaben an den Staat abzüglich Subventionen || 277,0 || 316,7
| style="text-align:left" | + Abschreibungen || 345,2 || 572,2
| colspan="3" |
| style="text-align:left" | = Bruttonationaleinkommen || 2.446,4 || 3.323,6
| style="text-align:left" | − Saldo der Primäreinkommen aus der übrigen Welt || −22,6 || −60,3
| colspan="3" |
| style="text-align:left" | = Bruttoinlandsprodukt || 2.423,8 || 3.263,4
Weitere Rechenwege finden sich unter Bruttoinlandsprodukt.
Nebenrechnungen der VGR Input-Output-Rechnung Die Input-Output-Rechnung steht im engen Zusammenhang mit der Inlandproduktberechnung. Den zentralen Schwerpunkt bildet dabei die Beschreibung der güter- und produktionsmäßigen Verflechtung zwischen den Produktionsbereichen, sowie deren Anteil an den Gesamtwerten der Produktion, Einkommensentstehung und Verwendung.
Vermögensrechnung
Die Vermögensrechnung verfolgt das Ziel sämtliche Bestände an Sachgütern, Forderungen und Verbindlichkeiten zu erfassen. Des Weiteren wird der Einblick in die Zusammensetzung der Vermögensbestände ermöglicht. Als Hilfe dienen die Daten des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Bundesbank.
Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung Die Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung berechnet im Nachhinein und (ex post) bereinigt (netto) die Geldvermögensänderungen (Veränderungen der Nettogeldforderungen und Nettogeldverbindlichkeiten) der wirtschaftlichen Sektoren (private Haushalte, Unternehmen, Finanzinstitute, Staat, Ausland) pro Periode (üblicherweise pro Kalenderjahr). Die Finanzierungsrechnung wird realisiert von der jeweiligen Zentralbank.
In einer geschlossenen Volkswirtschaft kann sich das gesamtwirtschaftliche Nettogeldvermögen nicht verändern (ohne Berücksichtigung des Auslands), da das Defizit des einen Sektors dem Überschuss eines anderen Sektors gegenübersteht: Die monetären Verbindlichkeiten des einen Sektors sind die Geldforderungen eines anderen Sektors und heben sich insofern gegenseitig auf. Inländischer Geldvermögensbildung steht grundsätzlich der Außenbeitrag gegenüber.Andreas Behr, Götz Rohwer: Wirtschafts- und Bevölkerungsstatistik. München 2013. S. 218. (online).
Die Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung bezieht das Defizit des Auslands in der Höhe ein, in der es zu einem inländischen Überschuss während der jeweiligen Periode beigetragen hat und „dabei gilt, dass die Summe der Finanzierungssalden der einzelnen Sektoren (Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben) Null ergeben muss.“Ewald Nowotny: Gründe und Grenzen der öffentlichen Verschuldung. In: Ökonomie in Theorie und Praxis. Berlin und Heidelberg 2002. S. 261 (online) und siehe Tabelle auf S. 262.
Die Gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung wird üblicherweise dahingehend orthodox interpretiert, dass aus Einnahmeüberschüssen Ausgabenüberschüsse finanziert werden. Allerdings ist der Zusammenhang im Sinne der Kredittheorie sowie der Saldenmechanik vielmehr in umgekehrt kausalem Zusammenhang zu erkennen: Die Höhe des Ausgabenüberschusses finanziert die Höhe des Einnahmeüberschusses des komplementären Sektors.Vgl. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Ein Beitrag zur Geldtheorie. Nachdruck der 2. Auflage. Tübingen 2011.Wolfgang Stützel: Zum Einfluss der öffentlichen Verschuldung auf den Kapitalmarktzins. In: Staatsverschuldung Kontrovers. Köln, 1981, S. 50–51: „Im Zuge jeder Erhöhung der staatlichen Nettokreditaufnahme, d. h. erhöhter staatlicher Ausgabenüberschüsse (verglichen mit dem vorangegangenen Zeitraum oder mit vorher bestehenden Plänen), erhöht sich also der Einnahmeüberschuss der Gesamtheit aller übrigen Wirtschaftssubjekte in genau dem gleichen Maße; bei einigen von ihnen spiegelt sich dies in Form höherer Einnahmeüberschüsse, bei anderen in Form niedrigerer Ausgabenüberschüsse wider.“Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 1966: Expansion und Stabilität (PDF; 7,2 MB) S. 101, Ziffer 175: „Mit jedem Ausgabenüberschuss oder Einnahmendefizit (etwa von Unternehmen oder öffentlichen Haushalten) entsteht mit Notwendigkeit im gleichen Augenblick ein gleich hoher Einnahmenüberschuss bei den Empfängern dieser Ausgaben.“
Beispiel mini|Beispiel: Nettogeldvermögen DE per 2010(Saldo aus Geldforderungen minus Geldverbindlichkeiten) mini|Regenerierte Überschussliquidität zu wiederholten Kreditvergaben (etwa an ein Defizitland) Sektorale Finanzierungssaldenin Mrd. EUR(kumuliert am Beispiel DE) 1991–2009Basis der Tabellendaten aus H.-J. Bontrup nach Deutsche Bundesbank (Datenstand: Juni 2010) PDF, Tab. 8, S. 26. PrivateHaushalte Nichtbanken Finanz-institute Staat Ausland Gesamt Ausgabenüberschüsse (−) −461,1 −887,7 −748,7 −2.097,5 Einnahmenüberschüsse (+) +1.839,9 +257,6 +2.097,5 Summe 0,-
Aus dem Ausgabenüberschuss des Auslands gewonnene Überschussliquidität kann freilich, um tendenziell abfließende LiquiditätErich Schneider: Geld, Kredit, Volkseinkommen und Beschäftigung. (Einführung in die Wirtschaftstheorie. III. Teil.) 11. Auflage. Tübingen 1969. S. 27 f:„Ebenso muss sie [die Zentralbank] bei der Einräumung von neuen Krediten damit rechnen, dass gewisse Beträge in ausländischen Zahlungsmitteln abgefordert werden. Die Bank stößt also an eine Grenze, die gegeben wird durch den vorhandenen Bestand an Devisen bzw. durch die Möglichkeit solche zu beschaffen. Der Zwang, Zahlungen in einem Gelde zu leisten müssen, das zu schaffen der Bank nicht möglich ist, führt hier für die Zentralbank zu einem Liquiditätsproblem.“ aus dem Bankensektor des Defizitlandes zu kompensieren, den ausländischen Kreditinstituten (erneut) zu Refinanzierungszwecken zur Verfügung gestellt werden.Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 1966: Expansion und Stabilität (PDF; 6,9 MB) S. 87, Ziffer 154: