mini|Schwarzer Block bei einer Demonstration in Hamburg, 2007 Als Autonome (altgriechisch: αὐτονομία, autonomía, „Unabhängigkeit, Selbstständigkeit“) oder autonome Gruppen werden heute Mitglieder bestimmter linksradikalervgl. Sebastian Haunss: Antiimperialismus und Autonomie – Linksradikalismus seit der Studentenbewegung, in: R. Roth and D. Rucht (Hrsg.): Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch, Frankfurt am Main 2008, S. 506. unorthodox-marxistischer Bewegungen bezeichnet, die antiautoritäre, antikapitalistische, sozialrevolutionäre und dem Anarchismus nahestehende Ideale verfolgen. Die zugrunde liegende Theorie wird Autonomismus genannt. Deren Vordenker sind unter anderem Mario Tronti, Antonio Negri, Franco Berardi, Mariarosa Dalla Costa oder Silvia Federici.
Autonome sind in Bezugsgruppen organisiert. Untereinander bestehen lose Verbindungen und Netzwerke. Die Autonomen streben danach, auch unabhängig von der bestehenden Gesellschaftsordnung, selbstbestimmte Freiräume zu schaffen.
Die dominante Perspektive, unter der die Autonomen in den Medien und der personell verwobenen Verfassungsschutz- und Extremismusliteratur wahrgenommen werden, ist die der Gewalt, während für die Autonomen selbst Militanz nur eine nebengeordnete Rolle spielt. Von den Staatsschutz-Behörden Deutschlands, Österreichs und der Schweiz wird die autonome Bewegung als linksextrem eingestuft.Bundesamt für Verfassungsschutz, Deutschland: Linksextremismus.Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, Österreich: Dienst für Analyse und Prävention, Schweiz: Bericht innere Sicherheit der Schweiz 2005.
Herkunft der Bezeichnung In Italien spielte in Arbeitskämpfen 1968/1969 eine Soziale Bewegung eine große Rolle, die sich „Autonomia Operaia“ nannte, „Arbeiterautonomie“. Die Autonomia Operaia war eine militante Bewegung, deren Demonstrationen von gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei geprägt waren und die Sabotageakte in Fabriken beging. Zu ihr gehörten nicht nur Arbeiter und Studenten, sondern auch Obdachlose und Arbeitslose. Sie grenzte sich stark von der Kommunistischen Partei Italiens und den Gewerkschaften ab und entwickelte eine eigene Theorie, den Operaismus. Eines seiner zentralen Elemente war die Autonomie.
Ende der 1970er-Jahre verlor der Operaismus seine Bedeutung, aber dieses Verständnis von Autonomie, nämlich selbstbestimmte politische Kämpfe unabhängig von gewerkschaftlichen oder parteilichen Bindungen, spontane Bewegung unter Verzicht auf Organisation und Führung, gehört seitdem zum Selbstverständnis der „Autonomen“ auch außerhalb Italiens.
Anders als in der italienischen autonomen Bewegung spielen Konzepte und Praktiken des auf Einfluss in der Arbeiterbewegung ausgerichteten Operaismus im deutschsprachigen Raum keine herausragende Rolle.
Geschichte der Autonomen in der Bundesrepublik Deutschland Die Autonomen gingen aus der Tradition bestimmter Teile der APO während der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre hervor. Die Neue Linke, die so genannte „Spontibewegung“ und Aktionen der „Spaßguerilla“, beispielsweise von Mitgliedern der Kommune 1 in West-Berlin, übten einen wesentlichen Einfluss auf Inhalte und Aktionen der deutschen Autonomen aus.
In den 1970er Jahren waren es auch Autonome, die im Ruf standen, linksterroristische Gruppen wie die RAF, die Bewegung 2. Juni und besonders die Revolutionären Zellen (RZ) und andere zu unterstützen oder mit ihnen zu sympathisieren. Tatsächlich gab es im Netzwerk der RZ eine Fraktion (insbesondere in West-Berlin), die sich selbst als sozialrevolutionär begriff und deren Mitglieder den Autonomen zugerechnet wurden.
Die ersten Zusammenhänge und Aktivitäten, bei denen sich selbst im auch heute noch gebräuchlichen Sinn als „autonom“ bezeichnende Gruppen auftraten, fielen in den Großstädten des nördlichen Westdeutschlands und in West-Berlin ab 1980 auf. In Berlin bildete sich das erste Autonomen-Plenum im Sommer 1980. Die militanten Proteste gegen die Gelöbnisfeier in Bremen 1980 gelten als wichtiges Datum für die Entstehung der Autonomen und werden gelegentlich auch als Gründungsdatum der autonomen Bewegung rezipiert.
Seit den 1970er Jahren nehmen autonome Gruppen oft an Demonstrationen und Aktionen der neuen sozialen Bewegungen teil, beispielsweise der Friedensbewegung oder der Anti-Atomkraft-Bewegung. Massiver beteiligt waren sie unter anderem an den Auseinandersetzungen und dem Widerstand gegen das Kernkraftwerk Brokdorf um 1981, die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf bis 1986, gegen den Bau der Startbahn West in Frankfurt am Main in den 1980er Jahren. Bis in die Gegenwart beteiligen sich auch viele Autonome an den Aktionen zur Behinderung der Castor-Transporte aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins deutsche Brennelemente-Zwischenlager Gorleben.
Je nach Zielsetzung und Inhalt der Aktionen sind Autonome von den Organisatoren der jeweiligen Demonstrationen und Aktionen mal willkommen und mal unerwünscht. Häufig sind Autonome selbst an den Vorbereitungen beteiligt. Grund für das umstrittene Verhältnis der Autonomen zu anderen Teilen der Neuen sozialen Bewegungen ist unter anderem die Militanz eines Teiles der Autonomen bzw. deren Bereitschaft, je nach Eskalationsphase einer Demonstration oder einer anderen politischen Aktion auch Gewalt, etwa in Form von Wurfgeschossen (Steine, Farbbeutel) oder Schlägereien gegen ihre Gegner, auch gegen die polizeiliche Staatsgewalt, anzuwenden.
Um nicht erkannt zu werden, treten Mitglieder der autonomen Gruppen immer wieder geballt in Teilgruppen und vermummt als so genannter Schwarzer Block (wegen der bevorzugten schwarzen Kleidung) bei Demonstrationen auf. Den Begriff hatte 1981 die Frankfurter Staatsanwaltschaft geprägt, die zahlreiche Autonome wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung namens ‚Schwarzer Block‘ vor Gericht bringen wollte. Das uniforme Auftreten in geschlossenen Reihen und als ein nach außen abgesicherter Block setzte sich als Strategie gegen das Vorgehen der Sicherheitskräfte durch, seitdem Helm, Schienbeinschoner, Schutzbrille, Atemmaske als Schutz vor Einsatzmitteln der Polizei vom Gesetzgeber als „passive Bewaffnung“ bei politischen Demonstrationen verboten wurden. Nicht nur die Identifizierung, sondern auch die Festnahme einzelner Mitglieder soll durch das Auftreten im Schwarzen Block erschwert werden. Als Reaktion hierauf wurde 1985 in einer Änderung des Versammlungsgesetzes das Vermummungsverbot erlassen.
Schwerpunktmäßig von den Autonomen besetzte Aktionsfelder bilden in der neueren Gegenwart vor allem die Hausbesetzerbewegung mit Besetzungen leerstehender ungenutzter Wohnräume (beispielsweise in der Hafenstraße in Hamburg), die Antifa (antifaschistische Gruppen mit Aktionen gegen den Rechtsextremismus) sowie die antirassistische Bewegung, beispielsweise mit Solidaritätsaktionen mit Immigranten – etwa unter dem Motto „kein mensch ist illegal“.
In den späten 2000er Jahren entstanden regelmäßige Autonome Vollversammlungen in mehreren Ballungsgebieten als informelle Vernetzungsplattform. 2011 reagierten die Verfassungsschutzbehörden darauf mit erheblicher Ausweitung der Überwachung und dem Einsatz von V-Personen.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beziffert die Anzahl der Autonomen in Deutschland im Verfassungsschutzbericht 2019 auf 7.400 Personen.Bundesministerium des Innern: , S. 116.
Spaltung/Antisemitismus-Debatte Die Autonomen waren seit ihren Anfängen stets ein Schmelztiegel verschiedener Fraktionen der radikalen, außerparlamentarischen Linken. Je nach Region und Zeit dominierte dabei die eine oder andere Richtung. So waren z. B. zeitweise Gruppen, die am Anarchosyndikalismus ausgerichtet waren, dominant oder es bestimmten die RAF-nahen „Antiimps“ (Kurzform für Antiimperialisten) die Autonomen stark. Die Autonomen waren schon immer eine sehr heterogene Bewegung – jedoch war es den verschiedenen politischen Spektren möglich, miteinander zu streiten und sich oft dennoch auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen.
Die zwei gegensätzlichen Pole werden grob als „Antideutsche“ auf der einen Seite und „Antiimps“ auf der anderen Seite bezeichnet. Die Spaltung entzündete sich an der Debatte um innerlinken Antisemitismus und die Positionierung im Nahostkonflikt bzw. der Bewertung des 3. Golfkriegs. Die Positionen sind dabei beiderseits äußerst verhärtet, so dass es bei Zusammenstößen beider Fraktionen auch schon zu körperlichen Auseinandersetzungen kam.
Das „antideutsche“ Lager tritt dabei für die unbedingte Solidarität mit Israel ein und bewertet häufig auch die entsprechende Nahostpolitik der USA positiv. Diese Haltung speist sich vor allem aus der Schoah sowie aus der Kritik am fundamentalistischen Islamismus und den Selbstmordanschlägen.
Die „Anti-Imps“ betrachten die Politik Israels und der USA von ihrem ideologischen Standpunkt aus an sich als imperialistisch und deshalb verbrecherisch. Sie solidarisieren sich im Allgemeinen mit dem „Befreiungskampf des Palästinensischen Volkes gegen die israelische Unterdrückung“.
Zentral für ihre Weltsicht ist die Annahme, dass der Reichtum der Industrienationen auf der Ausbeutung der drei Kontinente Südamerika, Afrika und Asien basiert und der Kapitalismus damit eine geostrategische Dimension bekommen hat: Da selbst die ärmsten Bewohner der Industriestaaten (der „Metropolen“) noch von der Ausbeutung der drei Kontinente (des „Trikont“) profitieren, gibt es in den Industrieländern kein objektives Proletariat mehr, das ein materielles Interesse an einer sozialen Revolution hat. Die Aufgabe der Revolutionäre sei es daher, Befreiungsbewegungen und sozialistische Regime in den Entwicklungsländern zu unterstützen und den militärisch-industriellen Komplex in den Industrieländern durch Sabotage oder auch Intervention in politischen Bewegungen wie Friedensbewegung o. ä. zu bekämpfen. Da Klassenkampf hier auf eine mehr oder weniger militärische Auseinandersetzung reduziert wird (Guerillakrieg im Trikont als höchste Form des organisierten Klassenkampfs), ergibt sich eine gewisse geistige Nähe zur RAF (Rote Armee Fraktion), die ihre Mitglieder in der antiimperialistischen Szene rekrutierte, wobei aber keineswegs alle Antiimps oder deren Mehrheit mit der RAF sympathisierten. Demgegenüber bezeichnen Autonome, die von der Möglichkeit einer revolutionären Veränderung in den Industriestaaten ausgehen, sich als Sozialrevolutionäre (Sozrevs). Die Position der Antideutschen findet sich abgeschwächt bei den Antinationalisten, die jede Art von nationaler Identität als Ethnisierung eigentlich sozialer Gesellschaftsverhältnisse scharf ablehnen und im Unterschied zu den Antideutschen das Verdikt eines deutschen Antizionismus nicht mit einer positiven bzw. zurückhaltenden Beurteilung der US-Politik verbinden. Beide Strömungen gibt es sowohl innerhalb als auch außerhalb der autonomen Szene, z. B. ist die Zeitschrift konkret und auch die Jungle World stark von den antideutschen und antinationalen Diskussionsprozessen beeinflusst.
Die am Anarchosyndikalismus und Anarchismus orientierten Gruppen der Autonomen lehnen unterdessen die Verwendung von Nationalflaggen sowie Solidaritätsbekundungen für Nationen und/oder nationale Befreiungsbewegungen grundsätzlich ab, da sie Herrschaft und Unterdrückung als immanenten Bestandteil des Konstruktes Nation begreifen. Diese Spielart der Autonomen ist zahlenmäßig wahrscheinlich am stärksten und grenzt sich sowohl von Antiimperialisten als auch von Antideutschen ab.
Ebenfalls eine Weiterentwicklung stellen die sogenannten Postautonomen dar.
Theorie und Inhalte