Eine Primäre ciliäre Dyskinesie (PCD), kurz Ziliendyskinesie, ist eine sehr seltene angeborene Störung der Flimmerzellen des Oberflächenepithels (Zilien) im Atmungstrakt. Der Selbstreinigungs- und Abwehrmechanismus (Mukoziliäre Clearance) der Atemwege ist erheblich beeinträchtigt.J. Raidt, N. T. Loges, H. Olbrich, J. Wallmeier, P. Pennekamp, H. Omran: Primary Ciliary Dyskinesia. In: Presse medicale. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] Juli 2023, doi:10.1016/j.lpm.2023.104171, PMID 37516247.M. A. Zariwala, M. R. Knowles und M. W. Leigh.: Primary Ciliary Dyskinesia. In: M. P. Adam, G. M. Mirzaa, R. A. Pagon et al. (Herausgeber) GeneReviews®, 2019G. D. Sharma: Primary Ciliary Dyskinesia. emedicine.medscape Bei etwa der Hälfte der Betroffenen liegt ein Kartagener-Syndrom vor mit seitenverkehrter Anlage innerer Organe (Situs inversus).
Die Erstbeschreibung stammt aus dem Jahre 1904 durch den ukrainischen Arzt Alfons Siewert (1872–1922).A. K. Siewert: Über einen Fall von Bronchiectasie bei einem Patienten mit situs inversus viscerum. In: Berliner Klinische Wochenschrift, S. 139–141, 1904
Synonyme sind: Primäre ziliäre Dyskinesie; Primäre Ziliendyskinesie; Syndrom der immobilen ZilienW. Schuster, D. Färber (Hrsg.): Kinderradiologie. Bildgebende Diagnostik. 2. Aufl., Springer 1996, ISBN 3-540-60224-0, C. McManus: Eponymous but anonymous: who was Dr Siewert? In: The Lancet. Band 363, Nummer 9409, Februar 2004, S. 662, doi:10.1016/S0140-6736(04)15611-0, PMID 14987904.
Verbreitung Die Häufigkeit wird auf 1 zu 15.000–30.000, auf 1 zu 5.000–20.000 geschätzt, nach neuster Untersuchung dürfte die Häufigkeit zugrundeliegender Genvariationen bei 1 auf 7554 Personen liegen und bei Menschen mit afrikanischer Abstammung erhöht sein.W. B. Hannah, B. A. Seifert, R. Truty, M. A. Zariwala, K. Ameel, Y. Zhao, K. Nykamp, B. Gaston: The global prevalence and ethnic heterogeneity of primary ciliary dyskinesia gene variants: a genetic database analysis. In: The Lancet. Respiratory medicine. Band 10, Nummer 5, Mai 2022, S. 459–468, doi:10.1016/S2213-2600(21)00453-7, PMID 35051411, .
Beim Kartagener-Syndrom liegt immer eine Primäre Ciliäre Dyskinesie vor, ebenso bei der sehr seltenen Augenkrankheit Primäre Ziliendyskinesie - Retinitis pigmentosa.
Ursache Die PCD ist klinisch und genetisch heterogen. In etwa 30 % wurden keine ursächlichen Mutationen gefunden. Bislang konnten an die 50 verschiedene Gene als Ursachen identifiziert werden. Die Vererbung erfolgt fast immer autosomal-rezessiv.
Ausnahmen sind: (alle selten) PCD 43, autosomal-dominant, Mutationen im FOXJ1-Gen auf Chromosom 17 an q25.1 PCD 36, X-chromosomal-rezessiv, Mutationen im PIH1D3-Gen auf dem X-Chromosom an q22.3 sowie eine gleichfalls X-chromosomal-rezessive Form mit Mutationen im OFD1-Gen an p22.2W. B. Hannah, S. DeBrosse, B. Kinghorn, S. Strausbaugh, M. L. Aitken, M. Rosenfeld, W. E. Wolf, M. R. Knowles, M. A. Zariwala: The expanding phenotype of OFD1-related disorders: Hemizygous loss-of-function variants in three patients with primary ciliary dyskinesia. In: Molecular genetics & genomic medicine. Band 7, Nummer 9, September 2019, S. e911, doi:10.1002/mgg3.911, PMID 31373179, (Review).
Je nach zugrunde liegender Mutation können folgende Typen unterschieden werden (in absteigender Häufigkeit): PCD 3 (15–29 %), Mutationen im DNAH5-Gen auf Chromosom 5 Genort p15.2 Mutationen dieses Gens sind auch beim Katzenschrei-Syndrom (Cri-du-chat-Syndrom) beteiligt. PCD 7 (6–9 %), Mutationen im DNAH11-Gen auf Chromosom 7 an p15.3 PCD 14 (4–9 %), Mutationen im CCDC39-Gen auf Chromosom 3 an q26.33 PCD 17 (<4 %), Mutationen im CCDC103-Gen auf Chromosom 17 an q21.31 PCD 28 (<4 %), Mutationen im SPAG1-Gen auf Chromosom 8 an q22.2 PCD 15 (3–4 %), Mutationen im CCDC40-Gen auf Chromosom 17 an q25.3 PCD 23 (<3 %), Mutationen im ODAD2 (ARMC4)-Gen auf Chromosom 1 an p12.1 PCD 30 (<3 %), Mutationen im ODAD2 (CCDC151)-Gen auf Chromosom 19 an p13.2 PCD 1 (2–10 %), Mutationen im DNAI1-Gen auf Chromosom 9 an p13.3 PCD 22 (2–4 %), Mutationen im ODAD2 (ZMYND10)-Gen auf Chromosom 3 an p21.31
Pathologie Bei der PCD sind alle Körperzellen mit Zilien betroffen, also insbesondere der Atemwegstrakt einschließlich der Nasennebenhöhlen. Eine Unfruchtbarkeit kann durch Bewegungseinschränkung der Spermien beziehungsweise des Eileiters auftreten.
Klinische Erscheinungen Klinische Kriterien sind: Manifestation bereits bei oder kurz nach Geburt Atemnot mit Tachypnoe in 75 % tägliche Rhinitis, feuchter Husten, chronische Atemwegsinfektionen wiederholte Sinusitis Chronische Mittelohrentzündung (50 %) eventuell mit Hörverlust Bronchiektasie (fast immer) Seltener kommen Trichterbrust und Skoliose vor (5–10 %). Auch kann ein Hydrozephalus auftreten. Mitunter erfolgt die Diagnose erst im Erwachsenenalter Liegt zusätzlich ein Situs inversus vor (40–50 %), handelt es sich um das Kartagener-Syndrom.
Diagnose Die Diagnose ergibt sich aus den klinischen Befunden und kann durch humangenetischen Nachweis einer der Mutationen gesichert werden. Im Transmissionselektronenmikroskop können in Biopsien ultrastrukturelle Defekte in den Zilien gefunden werden. Ab dem 5. Lebensjahr kann die Messung von Stickstoffmonoxid im Nasenraum als Screening durchgeführt werden.
Differentialdiagnose Abzugrenzen sind: Mukoviszidose Immundefektsyndrome Gastroösophagealer Reflux Fehlbildungen der Atemwege wie Tracheo-ösophageale Fistel chronischer Fremdkörper Chronisch obstruktive Lungenerkrankung
Therapie Eine ursächliche Behandlung ist bislang nicht bekannt, symptomatisch muss die Schleimlösung verbessert werden, Antibiotikagabe und Immunisierung werden empfohlen. Im Endstadium ist eine Lungentransplantation zu erwägen.
Literatur L. Newman, J. Chopra, C. Dossett, E. Shepherd, A. Bercusson, M. Carroll, W. Walker, J. S. Lucas, Y. Cheong: The impact of primary ciliary dyskinesia on female and male fertility: a narrative review. In: Human reproduction update. Band 29, Nummer 3, Mai 2023, S. 347–367, doi:10.1093/humupd/dmad003, PMID 36721921, (Review). A. Horani, T. W. Ferkol: Understanding Primary Ciliary Dyskinesia and Other Ciliopathies. In: The Journal of pediatrics. Band 230, März 2021, S. 15–22.e1, doi:10.1016/j.jpeds.2020.11.040, PMID 33242470, (Review).
Einzelnachweise
Weblinks Medline Plus Rare Diseases Folge 17 aus Abenteuer Diagnose des NDR
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