mini|250px|Budge-Palais am Harvestehuder Weg Das Budge-Palais ist ein klassizistischer Villenbau des Architekten Martin Haller am Harvestehuder Weg 12, Ecke Milchstraße, im Hamburger Stadtteil Rotherbaum im Bezirk Eimsbüttel. Es wurde 1884 als Wohnhaus errichtet und später mehrfach umgebaut. Ab 1903 bewohnten es Henry (1840–1928) und Emma Budge (1852–1937). Nach einem zweifelhaften Ankauf durch die Stadt Hamburg war es von 1938 bis 1945 der Sitz der Reichsstatthalterei unter dem Gauleiter Karl Kaufmann. Seit 1959 wird das Gebäude von der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) genutzt und ist mit Anbauten moderner Architektur erweitert worden. Im April 2011 konnte nach einem Restitutionsbegehren eine Einigung mit den Budge-Erben erzielt werden, das Palais verbleibt im Eigentum der Stadt.
Geschichte
Villa Gans mini|Villa Gans 1886 Der Architekt Martin Haller baute das Haus 1883/1884 für den Schiffsmakler Ivan Gans. Es war ein klassizistischer, zweistöckiger Putzbau mit etwa zwanzig Zimmern, großer Eingangshalle und Freitreppe zu den Alsterwiesen hin. Ausgestattet war die Villa mit einer Wasserheizung. Die Baukosten betrugen 150.000 Mark. In das Grundstück einbezogen wurden die bereits 1872 von dem Architekten Wilhelm Hauers für den Geschäftsmann August Fleischel errichteten Gebäude an der Milchstraße als Stallungen und die Remise. Dies waren Ziegelbauten mit Glasuren, die eine Toreinfahrt zu einem Vorplatz bildeten. Die Baukosten dieses Abschnitts sind mit 30.000 Mark angegeben.Hamburg und seine Bauten unter Berücksichtigung der Nachbarstädte Altona und Wandsbek. 1914. Band 1, S. 578.
Budge-Palais mini|Risalitanbau mit Veranda und Freitreppe 1900 kaufte Henry Budge, ein amerikanischer Geschäftsmann deutscher Herkunft, die Villa samt der Parkanlage am Alstervorland und ließ sie in den Folgejahren von Haller etappenweise umbauen und erweitern. Hinzugekauft wurden die Häuser Magdalenenstraße 50 und Milchstraße 11. Es entstand ein großzügig angelegter Komplex in einem ausgeprägten französischen Neorenaissance-Stil mit starkem Einschlag barocker Formen, ergänzt um dänisch-klassizistische Einflüsse. Das Grundstück umfasste Remisen, Stallgebäude, Obst- und Treibhäuser, eine Blumenhalle und einen Teepavillon am Alsterufer.Klaus Mühlfried: Baukunst als Ausdruck politischer Gesinnung – Martin Haller und sein Wirken in Hamburg. Dissertation, Hamburg 2005, S. 184. Vom Ursprungsbau des Wohnhauses sichtbar erhalten blieben der mittlere, zweigeschossige Trakt und die beiden Außenflügel mit Erkern. Zur Alsterseite hin wurde das Gebäude um einen halbrunden Mittelrisalit mit Verandavorbau erweitert, das Dachgeschoss erhielt einen Ausbau und die Seitenflügel markante steile Runddächer.Ralf Lange: Architekturführer Hamburg. Stuttgart 1995, ISBN 3-930698-58-7 auch als google book Hinzu kam eine unterirdische Kegelbahn mit Fahrstuhl. Bezogen hat das Ehepaar Budge das Haus im Jahr 1903, der Gesamtumbau zum Budge-Palais dauerte bis 1913. Der Wert des Anwesens nach der Fertigstellung wird mit 2,5 Millionen Reichsmark angegeben.Livia Gleiß: Die Familie Budge in Hamburg und ihr Palais an der Alster. Hamburg 2008, S. 12. Der amerikanische Professor und Künstler Peter Kahn, dessen Mutter die Dichterin und Harfenisten Nellie Budge Kahn war, und der als Kind in dem Palais ein- und ausgegangen war, erinnerte sich später: mini|Budge-Palais – Eingangsbereich der Musikhochschule an der Milchstraße
mini|Spiegelsaal, seit 1987 im Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt In den Jahren 1909/1910 ließ Henry Budge als Geburtstagsgeschenk für seine vielseitig kunstinteressierte Frau Emma auf der Rückseite einen im Stil des Historismus gehaltenen Saal anbauen, der – als Spiegelsaal eingerichtet – privaten Theater- und Musikaufführungen diente.Das Budge-Palais, Homepage der Hochschule für Musik und Theater, abgerufen am 19. Januar 2011. Die von den Pariser Innendekorateuren Lucien Alavoine & Cie gestaltete Innenausstattung im Rokoko-Ambiente war in den Augen Martin Hallers „ein kaum zu duldender Schund“.Klaus Mühlfried: Baukunst als Ausdruck politischer Gesinnung – Martin Haller und sein Wirken in Hamburg. Dissertation, Hamburg 2005, S. 183. Überliefert ist, dass Künstler wie Enrico Caruso, Paul Hindemith und Ottilie Metzger aufgetreten sind.Livia Gleiß: Die Familie Budge in Hamburg und ihr Palais an der Alster. Hamburg 2008, S. 12.
Am 20. Oktober 1928 starb Henry Budge. Nach einer gemeinsamen Verfügung mit seiner Frau Emma war vorgesehen, dass die umfangreiche gewerbliche Kunstsammlung, die das Ehepaar seit seiner Übersiedlung nach Deutschland zusammengetragen hatte, nach dem Tod des letzten Ehegatten an das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe übergehen sollte. Emma Budge, die nach dem Tod ihres Mannes die Vollmacht über den Besitz erlangte, erweiterte die Schenkungsabsicht und handelte im Frühjahr 1932 mit dem damaligen Staatsrat Leo Lippmann die Gründung einer weiteren Emma-Budge-Stiftung aus, nach der auch der gesamte Grundbesitz am Harvestehuder Weg in das Eigentum der Stadt übergehen und mit seinen Kunstschätzen als Museum geöffnet werden sollte.Arno Herzig (Hrsg.): Die Juden in Hamburg von 1590 bis 1990. Wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung Vierhundert Jahre Juden in Hamburg. Hamburg 1991, ISBN 3-926174-25-0, S. 658. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zog Emma Budge dieses Angebot im Herbst 1933 zurück und änderte ihr Testament bis zu dessen endgültiger Fassung im November 1935 mehrmals.
Sie reagierte auf die unsicheren politischen Verhältnisse, indem sie in dieser letzten Verfügung vier Testamentsvollstrecker einsetzte, die nach eigenem Ermessen eine Verwertung des Hauses, der Kunstsammlung und ihres Vermögens vornehmen sollten, doch sollte der Nachlass ausdrücklich nicht in die Verfügungsgewalt der Stadt Hamburg gelangen. Die Testamentsvollstrecker waren der Bankier Max Warburg, der Rechtsanwalt Hermann Samson, und die Budge-Neffen Max Kronheimer und Ludwig Bernstein. Für den Fall, dass diese Beauftragten ausfallen und jemand anderes benannt werden solle, war weiter verfügt, dass es sich dabei um jemand handeln müsse, der jüdischen Glaubens sei. Bedacht waren von dem Testament 13 jüdische Verwandte. Emma Budge fühlte sich als amerikanische Staatsbürgerin vor direkter Verfolgung durch die Nationalsozialisten sicher. Doch in ihrer Familie waren etliche Mitglieder betroffen. So wurde ihr Neffe Siegfried Budge bereits im März 1933 von der Universität Frankfurt am Main entlassen. Sie lud ihn und seine Frau Ella ein, bei ihr in Hamburg zu wohnen.
Reichsstatthalterei Als Emma Budge am 14. Februar 1937 starb, waren einige der Erben bereits ausgewandert, andere bereiteten ihre Emigration vor. Die Testamentsvollstrecker boten das Palais zum Kauf an, im Herbst 1937 machte der Reichsstatthalter und Gauleiter der NSDAP Karl Kaufmann den Anspruch der Stadt Hamburg auf das Haus geltend. Bereits 1935 war eine benachbarte Villa auf dem Grundstück Nr. 10 – die vormalige Villa Blohm – als Verwaltungsgebäude erworben worden, so dass der Budge-Besitz als willkommene Erweiterung zu einem repräsentativen Hauptsitz der Reichsstatthalterei angesehen wurde. Am 11. Dezember 1937 ging das Haus samt Grundstück und Nebengebäuden in das Eigentum der Stadt Hamburg über. Der Gesamtpreis in Höhe von 305.000 Reichsmark wurde dem Nachlasskonto beim Bankhaus M.M. Warburg gutgeschrieben.Arno Herzig (Hrsg.): Die Juden in Hamburg von 1590 bis 1990. Hamburg 1991, S. 659.
Der Hausrat, die Sammlungen, die Gemälde, die Möbel und das Geschirr wurden in fünf Möbelwagen nach Berlin gebracht und dort öffentlich im Auktionshaus Paul Graupe in zwei Auktionen versteigert. Der Erlös betrug etwa eine Million Reichsmark.Esther Tisa Francini u. a.: Fluchtgut – Raubgut. Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933–1945 und die Frage der Restitution. Zürich 2001, ISBN 3-0340-0601-2, S. 192 f.; Ulf Häder: Beiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz. Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Magdeburg 2001, ISBN 3-00-008868-7, (Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste 1), S. 271. Auch dieses Geld wurde auf ein Sperrmark-Konto gezahlt. Zum Budge-Nachlass gehörten zudem weitere Vermögenswerte, insbesondere ausländische Wertpapiere und Dollarguthaben. Insgesamt wird von einem Gesamtwert des Erbes von 6 Millionen Reichsmark ausgegangen, das der nationalsozialistische Staat in den folgenden Jahren zum größten Teil an sich brachte, indem die Testamentsvollstrecker abgesetzt, die noch in Deutschland lebenden Erben an der Auswanderung gehindert und teilweise inhaftiert wurden, und scheinbar legal über Sicherungsanordnungen, Sondersteuern und -abgaben so viel eingezogen wurde, dass letztlich kein Auszahlungsbetrag verblieb. Als neuer Nachlassverwalter wurde von den Hamburger Behörden der ehemalige Steuerberater Emma Budges, der Wirtschaftsprüfer Gottfried Francke, eingesetzt.
mini|Der Bunker im hinteren Teil des Grundstücks Die letzten Bewohner der Villa, Henry Budges Neffe Siegfried Budge (1869–1941) und seine Ehefrau Ella Budge (1875–1943), mussten nach dem Eigentumsübergang das Haus verlassen, beide starben während der weiteren Verfolgung durch die Nationalsozialisten.hagalil.com hagalil.com: Zwei „Stolpersteine“ vor dem Budge-Palais abgerufen am 25. September 2010. Das Haus wurde zur Residenz des Reichsstatthalters und zu einem Machtzentrum der Hamburger Nationalsozialisten ausgebaut. Die Villen auf den Grundstücken Nr. 10, vormals Villa Blohm, und Nr. 11, vormals Eigentum des jüdischen Innenarchitekten Curt Klavier und diesem 1939 entzogen, wurden in dem Komplex als Verwaltungstrakte und Angestelltenhäuser einbezogen.Frank Bajohr: Arisierung in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933–1945. Hamburg 1997, S. 271 f., 293 f. Am 1. April 1938 war die Umwandlung von einem Wohnhaus zum Amtssitz des Reichsstatthalters vollzogen, die Raumaufteilung wurde Bürozwecken angepasst, die Innenausstattung war dominiert von Hitler-Porträts und denen anderer nationalsozialistischer Größen. Die Decke des Spiegelsaals erhielt in jeder Ecke einen Adler mit Hakenkreuz in den Klauen. Der Komplex beherbergte als Hauptsitz der hamburgischen Staatsverwaltung die Referate der Allgemeinen Verwaltung, die Konsularabteilung und die Polizeiabteilung. Im Haus Magdalenenstraße 50 wurde die Schul- und Hochschulabteilung untergebracht. 1939/40 ließ Karl Kaufmann auf dem hinteren Teil des Grundstücks einen Bunker bauen, der während des Zweiten Weltkrieges als Stabsquartier diente.Webseite Unter Hamburg: „Gebaut, um übersehen zu werden...“, abgerufen am 19. Januar 2011.Ronald Rossig: Hamburgs Bunker. Dunkle Welten der Hansestadt, Ch. Links Verlag 2014, S. 28 f.
Nachkriegszeit Im Mai 1945 wurde der gesamte Komplex von britischen Truppen beschlagnahmt und zunächst als Boarding-House und zeitweiliges Wohnquartier für Offiziere und Mannschaften genutzt. Zeitweilig war es als Lazarett eingerichtet. 1946 zog der Westside-Club, ein Offiziersklub mit zwei Bars und Lunchroom ein. Im Spiegelsaal gastierten englische Schauspieler.Livia Gleiß: Die Familie Budge in Hamburg und ihr Palais an der Alster. Hamburg 2008, S. 23. Schließlich wurde das Budge-Palais als Hotel für hochrangige britische Besucher in Hamburg genutzt. Im Haus Nr. 10 kam zeitweilig die Gerichtsmedizin unter.
Der zur Alster gelegene Teil des Grundstücks jenseits des Harvestehuder Wegs wurde anlässlich der Bundesgartenschau 1953 in den öffentlichen Alsterpark einbezogen.
Hochschule für Musik und Theater mini|Jan Meyer-Rogge: Dreiklang, Leichtmetallskulptur im Park der Musikhochschule