Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark (kurz: Jahn-Sportpark) ist eine öffentliche Sportanlage in Berlin-Prenzlauer Berg. Mit dem Großen Stadion und der Max-Schmeling-Halle umfasst er zwei der größten Sport- und Veranstaltungsstätten der Stadt, sowie zahlreiche weitere Anlagen mit gesamtstädtischer Bedeutung für den Schul-, Vereins- und Breitensport. Der ab 1951 errichtete und nach Friedrich Ludwig Jahn benannte Sportpark befindet sich am Ort eines ehemaligen preußischen Exerzierplatzes und enthält den ältesten, durchgehend genutzten Fußballplatz Deutschlands. Das Land Berlin plant, die Anlage zu einem deutschlandweit vorbildhaften Inklusions-Sportpark auszubauen, im Herbst 2024 begannen Abrissarbeiten am Großen Stadion.
Lage links|mini|hochkant=0.8|Orthofoto, März 2026 Der Sportpark liegt zentrumsnah, etwa zweieinhalb Kilometer nördlich des Roten Rathauses im gründerzeitlichen, dicht bevölkerten Gleimviertel (Ortsteil Prenzlauer Berg, Bezirk Pankow). Auf einer Fläche von etwa zwanzig HektarSenatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Geoportal Berlin, Karte: Grün- und Freiflächenbestand 2021 (Umweltatlas). stadt-berlin.de umschließen ihn im Norden der Falkplatz und die Gaudystraße, im Osten die Cantianstraße, im Süden die Topsstraße und Eberswalder Straße sowie im Westen der Mauerpark. Es gibt drei Zugänge, je einen auf der Nord-, Ost- und Südseite. Die Max-Schmeling-Halle hat einen separaten Haupteingang am Falkplatz.
Topographie mini|links|hochkant=0.8|Lageplan, 2023
Auf der Westseite des Geländes befinden sich als größte Bauwerke das Große Stadion (bekannt als Jahnstadion, Cantianstadion und Stadion an der Cantianstraße) sowie die 1996 eröffnete Multifunktionsarena Max-Schmeling-Halle.
Das Große Stadion wurde 1951 als Leichtathletik- und Fußballstadion gebaut, 1987 erweitert und war 2024 mit knapp zwanzigtausend Sitzplätzen das drittgrößte Stadion Berlins.Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark auf uefa.com Östlich, an der Cantianstraße, liegt das Kleine Stadion samt Rasensportplatz und Leichtathletikanlagen sowie südlich davon zwei weitere Hockey- und Fußballplätze mit Kunstrasen. Ferner gibt es mehrere Plätze für Tennis und Beachvolleyball sowie drei teils überdachte Basketballfelder. Zentral im Sportpark gelegen steht ein Verwaltungsgebäude, genannt „Steinhaus“, mit den Geschäftsstellen der Sportvereine Alba Berlin und SV Empor Berlin.SV Empor Berlin e. V.: Kraftsport Info sv-empor-berlin.de Das Kleine Stadion wird von einem langen Sportfunktionsgebäude eingefasst, daneben liegt im Nordteil eine etwa ein Hektar große, von altem Baumbestand umgebene Freizeitwiese. Das Geländeprofil steigt zum Großen Stadion hin allseitig leicht an. Der Stadioneingang liegt bis zu fünf Meter über dem Niveau der umliegenden Straßen.Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Geoportal Berlin, Karte: ATKIS DGM – Digitales Geländemodell. stadt-berlin.de In Nachbarschaft zu Falkplatz und Mauerpark kommt den Grünflächen im Sportpark eine wichtige Funktion für Klimaschutz und Ökologie zu.Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen: Jahnsportpark für alle. Auslobung. Berlin, April 2022, S. 7. Download unter: berlin.de
Geschichte
1825–1912: preußischer Exerzierplatz Im Jahr 1825 verkaufte der Prenzlauer Unternehmer Wilhelm Griebenow das Gelände des heutigen Sportparks an die Preußische Armee, die hier für das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 einen Exerzierplatz anlegte.Wilhelm Griebenow: Wilhelm Griebenow’s Erlebnisse. Von ihm selbst geschrieben. Selbstverlag, Berlin 1864, S. 171. zlb.de Die Soldaten übten hier Marschieren, Reiten und Schießen. Die große Freifläche erhielt bald die Spitznamen Exer sowie Exerzierplatz zur Einsamen Pappel, nach einer in der Süd-Ost-Ecke freistehenden Bastard-Schwarz-Pappel.Naturschutzbund Deutschland e. V.: Die „Einsame Schwarzpappel“ von Berlin. Naturschutzbund Deutschland Dort fand am 26. März 1848 eine der ersten Großdemonstrationen der aufständischen Berliner Arbeiter während der Märzrevolution statt. Als der Platz zum Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend mit Wohnhäusern umbaut wurde, gab das Militär seine Nutzung auf und es entstand eine für jeden zugängliche, große Brache. Der Schriftsteller Julius Rodenberg zeichnete 1884 ein beschauliches Bild:
Um 1890: Eine Wiege des Berliner Fußballs mini|18. April 1892: Taue und Fahnen begrenzen das Fußballfeld
Der Exerzierplatz etablierte sich ab den 1890er Jahren als zweiter großer Fußballplatz Berlins neben dem Tempelhofer Feld. Die erste kaiserliche Lizenz zum Spielen auf dem Exerzierplatz erhielt 1890 der aus dem SV Jugendlust hervorgegangene Berliner Fußball Club Alemannia 90. Am 18. April 1892 fand hier ein Spiel zwischen der Berliner Auswahl des Deutschen Fußball- und Cricket Bundes und dem Dresden English Football Club statt. Zur Prominenz im Publikum zählten der englische Botschafter Edward Malet und der preußische Kultusminister Robert Bosse.Notizen, Fussball. In: Allgemeine Sport-Zeitung. 8. Mai 1892, S. 358. Dieses Spiel gilt als das erste Städtespiel und als das erste groß beworbene Fußballspiel mit einem Eintritt zahlenden Publikum in Deutschland.Dresdner SC 1898 e. V. Vereinsarchiv: Vereinsgeschichte. dsc-archiv.deHenry Werner: Fußball in Berlin, Spieler – Vereine – Emotionen, 1880 bis Heute. Elsegold Verlag, Berlin 2016, S. 20.
Zwischen Juni 1893 und Oktober 1904 nutzte der Fußballverein Hertha BSC (damals: BFC Hertha 1892) den Exerzierplatz als seinen ersten Fußballplatz.Harald Tragmann, Harald Voß: Das Hertha Kompendium. 7. Auflage. Verlag Harald Voß, Berlin 2017, S. 4, 27. Tennis Borussia Berlin spielte hier ab 1903.Berliner Tennis-Club Borussia e. V. (Hrsg.): 100 Jahre Tennis Borussia 1902–2002. Powerplay Verlag, Berlin 2002, S. 13. Um die Jahrhundertwende trainierten und spielten auf dem Exer insgesamt etwa vier Dutzend Vereine. An keinem anderen Ort in Deutschland wird heute so lange organisierter Vereinsfußball gespielt wie im Jahn-Sportpark.Berliner Fussball-Verband e. V.: Fussball Route Berlin. Route 2:7, Jahn-Sportpark. fussballrouteberlin.de
1913–1950: Städtischer Spiel- und Sportplatz mini|hochkant|Der Fußballspieler steht seit 1937 vor den Platanen an der CantianstraßeFreiplastik von Mario Moschi, 1936; aufgestellt 1937, siehe: Bildhauerei in Berlin: Der Fussballspieler. bildhauerei-in-berlin.de
1911 erwarb die Stadt Berlin die östliche Hälfte des Geländes für 6,5 Millionen Mark (entspricht heute etwa Millionen Euro). Nach gescheiterten Verhandlungen mit der Kirche, mit der Bahn und zuletzt mit dem Zirkus Sarrasani über einen festen Zirkusbau verzichtete der Magistrat von Berlin auf einen Bebauungsplan und beauftragte den Berliner Gartendirektor Albert Brodersen mit dem Bau eines Spiel- und Sportplatzes, finanziell unterstützt von der Berliner Verleger-Familie Mosse.Vorwärts, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Die zukünftige Gestaltung des Exerzierplatzes an der Schönhauser Allee, Ausgabe vom 7. Dezember 1912, Nr. 286, Jg. 29, S. 13. fes.imageware.de Brodersen ließ 1913 an der Ecke Gaudy- und Cantianstraße den Platz für das noch heute erhaltene Kleine Stadion errichten. Zwischen Sportplätzen und Volks- und Spielwiesen wurden großzügige, von hunderten Bäumen eingefasste Wandelgänge angepflanzt.Initiative „Mosse Erinnern!“: Sportpark. Der Magistrat nannte die Grünflächen eine „notwendige Lunge“ im dicht bevölkerten Nordosten Berlins.Bezirksamt Prenzlauer Berg: Der Sportkampfplatz an der „Einsamen Pappel“. Denkschrift 1924, S. 4. Einige wenige Platanen aus dieser Zeit stehen noch heute am Eingang Cantianstraße. Quer durch das Gelände wurde 1915 in Nord-Süd-Richtung eine Straße angelegt, als geschwungene Platanenallee zwischen dem heutigen Eingang an der Eberswalder Straße und der verlängerten Sonnenburger Straße.Klaus Grosinski: Aus der Geschichte des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks (II). In: Falkblatt. 17/2004, S. 11. Die Straße wurde 1920 nach dem Berliner Verleger und Mäzen Rudolf Mosse benannt.
1920: Neue Sportanlagen und eine Freiluftschule
Ab 1920 verpachtete der Reichswehrfiskus die Westhälfte des Exerzierplatzes an den Magistrat.Vorwärts, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Die Geländegeschäfte des Reichswehrfiskus, Ausgabe vom 29. Januar 1927, Nr. 49, Jg. 44, S. 3. Um die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern, baute der Wohnungsverband Groß-Berlin im März 1920 südlich des Falkplatzes eine provisorische Siedlung aus 37 Holzhäusern zur Unterbringung von 74 Familien.Vorwärts, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Aus der Holzhauskolonie, Ausgabe vom 26. Juni 1920, Nr. 320, Jg. 37, S. 3–4.Berliner Adreßbuch 1928, III. Band, IV. Teil, S. 6046:866. August Scherl Deutsche Adreßbuch-Gesellschaft, Berlin. zlb.de Die Siedlung, später bekannt als Kolonie an der Schwedter Straße, befand sich am Ort der heutigen Max-Schmeling-Halle.vgl. Messtischblatt Nr. 3446, Topographische Karte 1:25.000 Berlin (Nord) 1932 landkartenarchiv.de Auf der Osthälfte wurde Mitte der 1920er Jahre und unter Mitwirkung des berühmten Arztes August Bier das heutige Kleine Stadion als Rasenplatz mit Laufbahn angelegt, dazu acht weitere Hartplätze, neun Tennisplätze sowie ein großes Planschbecken für Kinder an der Gaudystraße, das bis Ende der 1930er Jahre bestand.Christian Wolter: Rasen der Leidenschaften. 1. Auflage. Verlag Edition Else, Berlin 2011, ISBN 978-3-00-036563-8, S. 21.Planschbecken ist verzeichnet in mehreren hist. Stadtplänen, z. B.: Stadtplan von Berlin, Juni 1924 landkartenarchiv.de sowie Silva-Stadtplan Berlin (Ausgabe B) 1:23.000 (1939) Quadrant B9. Erkennbar auch auf dem Luftbild von 1928 im Geoportal BerlinVorwärts, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Der Ausbau des Sportplatzes Schönhauser Allee, Ausgabe vom 27. März 1926, Nr. 145, Jg. 43, S. 6. Unter den Bäumen am Eingang Cantianstraße stand ab Mitte der 1920er Jahre das Sportrestaurant Ospalski, das auch sozialdemokratischen Organisationen wie dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold als Versammlungsort diente.Vorwärts, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Vorträge, Vereine, Versammlungen, Rechsbanner „Schwarz-Rot-Gold“, Ausgabe vom 15. Mai 1929, Nr. 222, Jg. 46, S. 7.
Das Gelände des heutigen Großen Stadions war bis zum Zweiten Weltkrieg nahezu unbebaut. 1920 pachtete das Berliner Medizinalamt eine acht Hektar große Fläche im Südteil des Exerzierplatzes an der Eberswalder Straße und errichtete dort 1921 ein Ambulatorium mit angeschlossener Freiluftschule für tuberkulöse Kinder.Vorwärts, Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Zeitungsnotiz vom 6. Februar 1921, Nr. 61, Jg. 38, S. 8. Unter Mitwirkung der chirurgischen Universitätsklinik unter August Bier wurden mehrere Baracken mit Untersuchungszimmern und Bestrahlungsapparaten ausgestattet. Der südliche Teil des Exerzierplatzes wies damals eine zusammenhängende Grasnarbe auf.Die chirurgische Tuberkulosebehandlung. In: Vossische Zeitung. 4. September 1921, Sonntagsausgabe, Nr. 416, S. 7. Das Ambulatorium befand sich am Ort der heutigen Stadion-Südkurve und der Wendeschleife der Straßenbahn.
mini|Luftbild 1928. Rechts oben das Kleine Stadion an der Cantianstraße, in der Mitte unten das Ambulatorium an der Eberswalder Straße
In den Erinnerungen des Historikers Michail Schaiber-Sokolski war der Exerzierplatz um 1930 „in zwei sonderbar entgegengesetzte Gebiete aufgeteilt“:
1930: Der erste „Exer-Pokal“