Mit Vulgärlatein wird das gesprochene Latein im Unterschied zum literarischen Latein bezeichnet.Eugenio Coseriu: El llamado latín vulgar y las primeras diferenciaciones romances: breve introducción a la lingüística románica. Universidad de la República, Montevideo 1954, . Deshalb wird synonym auch der Begriff Sprechlatein verwendet.Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen. Von der Frühzeit des Menschen bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60802-5, S. 211–240.
Vulgärlatein war vor allem eine gesprochene und weniger eine geschriebene Sprache. Hieraus leitet sich ab, dass viele vulgärlateinische Wörter nicht belegbar oder belegt sind. Dennoch lassen sich etliche durch eine Rekonstruktion aus heutigen und älteren romanischen Sprachformen bzw. im Vergleich zum klassischen Latein aufgrund regelhaft auftretender Lautverschiebungen erschließen.Reinhard Kiesler: Einführung in die Problematik des Vulgärlateins. 2006, S. 39.
Das Vulgärlatein ist der sprachliche Ausgangspunkt der romanischen Einzelsprachen. Im Gegensatz zu diesen war es aber keine einheitlich definierte Sprache, weder in sozialer noch in geographischer oder zeitlicher Hinsicht.Wolf Dietrich, Horst Geckeler: Einführung in die spanische Sprachwissenschaft: Ein Lehr- und Arbeitsbuch. 4. Auflage. Schmidt, Berlin 2007, ISBN 978-3-503-06188-4, S. 127 f. Auch ist Vulgärlatein nicht einfach mit „spätem“ Latein gleichzusetzen und als historische Sprachstufe aufzufassen, da es als Varietät des Lateins schon in den frühen Komödien des Plautus und des Terentius bezeugt ist und somit von einer frühen, bereits in altlateinischer Zeit einsetzenden Trennung von gesprochenem und geschriebenem Latein auszugehen ist, die später durch die Sprechgewohnheiten latinisierter Kelten und Germanen noch weiter vertieft wurde und im frühen Mittelalter schließlich zur Herausbildung der romanischen Sprachen führte.
gerahmt|Vulgärlatein, wie in diesem politischen Graffito in Pompeji, war die Sprache des Volkes im Römischen Reich, die sich vom klassischen Latein der Literatur unterschied.
Etymologie Das gesprochene Latein als Vulgärlatein zu bezeichnen war bereits in der Antike üblich. Bei Quintilian findet sich bereits die Phrase sermo vulgaris, womit ein gewisses sprachliches Register gemeint ist.Quintilian: Institutiones, 12.10.43 Die Bezeichnung geht auf das lateinische Adjektiv vulgaris ‚zum Volke gehörig, gemein‘ zurück (sermo vulgaris ‚Volkssprache‘). Aus den etwas moderneren Bezeichnungen „Sprechlatein“ oder „Volkslatein“ wird aber deutlich, dass damit nicht zwangsläufig eine niedere Sprachform gemeint ist. Auch die Gebildeten sprachen Vulgärlatein.
Erschließen des gesprochenen Lateins Da es aus alter Zeit keine Sprachaufnahmen gibt, muss das gesprochene Vulgärlatein erschlossen werden. Dazu dienen folgende Quellen und Befunde: die schriftliche und onomastische Überlieferung zu den frühen romanischen Sprachen, aus deren Entwicklung man durch Rekonstruktion erschließen kann, wie das Sprechlatein, aus dem sie hervorgegangen sind, ursprünglich gesprochen wurde; Angaben klassischer Autoren zum gesprochenen Latein wie in Ciceros De oratore (‚Über den Redner‘), in Suetons Ausführungen zu den Sprachgewohnheiten Kaiser Octavians und Vespasians oder (weit spätere) Angaben bei lateinischen Grammatikern, beispielsweise Appendix Probi; Schreibfehler in Inschriften oder Graffiti (beispielsweise in Pompeji) sowie auf – zumindest fragmentarisch – original erhaltenen Papyri, etwa „Hec pvgnabet contra orsom …“ statt Hic pvgnabit contra vrsvm … („Diesernicht im Sinne von hier zu übersetzen, sondern als Demonstrativpronomen in der Bedeutung dieser, diese, dieses wird … gegen einen Bären kämpfen“); Normabweichungen in erhaltener Privatkorrespondenz, beispielsweise in Ciceros Atticus-Briefen; literarische Werke, in denen bewusst gesprochenes Latein wiedergegeben werden soll; außer den genannten Komödien etwa der Schelmenroman Satyricon des Titus Petronius Arbiter; christliche Texte, die literarisch-grammatische Eleganz als Ausdruck weltlicher Eitelkeit vermeiden und stattdessen einen „stilus humilis“ und Nähe zum gesprochenen Latein suchen, beispielsweise die Vulgata des Hieronymus; wegen des späten Entstehungszeitpunkts gilt zudem die Itineratio Egeriae, ein Pilgerbericht, als glückliche Quelle; Entlehnungen aus dem gesprochenen Latein in andere Sprachen, beispielsweise Kaiser aus Caesar (gegenüber der Aussprache von später neuentlehntem Cäsar oder dem bulgarischen/russischen Herrschertitel Zar gleicher Herkunft), oder Transkriptionen in einem anderen Alphabet, Κικέρων Kikérōn in Griechisch für Cicero; Glossen zu erläuterungsbedürftig gewordenen klassisch-lateinischen Wörtern oder Wortformen; die Verslehre (lateinische Metrik) zeigt, dass z. B. anlautendes h- oder auslautendes -m kaum mehr gesprochen wurden. die über Augustinus’ Schrift De doctrina Christiana für Karthago belegte Schwierigkeit, dass das Vokalrepertoire den Unterschied zwischen ōs ‚Mund‘ und os ‚Knochen‘ nicht artikulieren konnte. die Bedeutungsverbesserung von lateinischen Wörtern, die in den romanischen Sprachen die Normalbedeutung ausdrücken; vgl. lat. caballus ‚Gaul‘ zu ital. cavallo, frz. cheval ‚Pferd‘; lat. bucca ‚Maul‘ zu ital. bocca, frz. bouche ‚Mund‘; manducare ‚mampfen‘ zu altital. mandicare, frz. manger ‚essen‘. lateinische Diminutivbildungen, die – in gesprochener Sprache eher vertreten – in romanischen Sprachen in die Normalbedeutung aufrücken; vgl. genu und *genuculum zu ital. ginocchio ‚Knie‘; filius und filiolus zu frz. filleul ‚Patensohn‘, altital. figliuolo ‚Sohn‘; lat. caput ‚Kopf‘ und capitium zu span. cabeza ‚Kopf‘, frz. chevet ‚Kopfende, Bettseite‘. hyperkorrekte Schreibweisen, die etwa in Inschriften Kenntnisschwund anzeigen: bspw. tempulum anstelle des korrekten templum in der Annahme, in der gesprochenen Sprache sei ein Vokal ausgefallen. Ähnlich möchte der Wechsel zwischen 'v' und 'b’ verfahren. die Komparativbildung aus lat. magis in der Fortsetzung im Spanischen oder – in jüngerer Entwicklung – der Komparativ aus lat. plus im Italienischen und Französischen. die zwischenzeitliche Bildung eines bestimmten Artikels aus dem Demonstrativpronomen ipse, wie er noch im Sardischen erhalten ist, während er in anderen Varietäten durch eine Bildung aus ille verdrängt wurde. Hinweise auf Wechsel der Wortart infolge von denkbarem Gestikulieren, indem aus lat. hicce ‚hier‘ die ital. Objektpronomen ci ‚zu uns, uns, hierin‘ und aus lat. ibi ‚dort‘ die Objektpronomen vi ‚zu euch, euch, dort hin, darin‘ usw. hervorgegangen sein möchten.
Die Erschließung des Sprechlateins hängt ab von der Möglichkeit, die in solchen Quellen belegten Einzelphänomene unter dem Gesichtspunkt ihrer Lautgesetzlichkeit anhand von Regeln zu beschreiben und unter Berücksichtigung anderssprachiger Einflüsse sowie außersprachlicher (geschichtlicher, sozialer und geographischer) Faktoren zu erklären.
Vulgärlatein in der Sprachwissenschaft
„Vulgärlatein“ kann in der Sprachwissenschaft je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen haben: das gesprochene Latein des Römischen Reiches, der erschließbare Vorgänger der romanischen Sprachen (Proto-Romanisch).
Die vom klassischen Sprachgebrauch abweichenden Innovationen in spätlateinischen Texten (ab dem 2. Jahrhundert n. Chr.) können auf vulgärlateinischen Einfluss zurückgehen. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht kann jedoch der Begriff Vulgärlatein nicht auf solche Innovationen beschränkt sein, weil das gesprochene Latein ja auch schon in früheren Zeiten neben dem geschriebenen existiert hat und die besten Quellen des Vulgärlateins (Komödien des Plautus, Terenz) gerade aus vorklassischer Zeit stammen.
In altlateinischer Zeit ist der Unterschied zwischen Sprech- und Schriftlatein noch vergleichsweise geringfügig. In klassischer Zeit, seit dem 3. Jahrhundert v. Chr., wird er durch die Normierung des Schriftlateins unter dem Einfluss des Griechischen – vermittelt durch griechische Sprach- und Rhetorik-Lehrer in Rom und durch die Nachahmung griechischer Literatur – verstärkt. Mit dem Wachstum und dem Zerfall (ab dem 3. Jahrhundert n. Chr.) des römischen Reiches und der Entstehung keltischer und germanischer Oberschichten intensiviert sich diese Entwicklung, die in der latinisierten Bevölkerung zu einer irreversiblen Zweisprachigkeit – Sprechlatein als Mutter- oder Erstsprache gegenüber Schriftlatein als sekundär erworbener Verkehrs-, Amts- und Literatursprache sowie Sprache des Kultus – und damit zur Herausbildung selbständiger romanischer Sprachen aus dem regional diversifizierten Sprechlatein führt. Die entscheidenden Übergänge in dieser Entwicklung sind zuerst für Nordfrankreich, und zwar für die Zweisprachigkeit dokumentiert, spätestens durch das Konzil von Tours (813) und für die Selbständigkeit des Romanischen durch die Straßburger Eide (842).
Die erste wissenschaftliche Bestimmung des Begriffs Vulgärlatein wurde durch den Romanisten Friedrich Diez vorgenommen.
Problematisierung des Begriffes „Vulgärlatein“ Auch wenn es sich gemeinhin durchgesetzt hat, die gesprochene Varietät des Lateinischen als Vulgärlatein zu bezeichnen, empfinden manche Philologen es als hinderlich oder sogar irreführend. Nicht nur sei das Wort vulgär überwiegend negativ besetzt, Vulgärlatein suggeriere eine gänzlich andere Sprache als das klassische Latein, als hätte es im Römischen Reich schon zu klassischen Zeiten eine Diglossie gegeben. So wird das gesprochene Deutsch auch nicht als „Vulgärdeutsch“ in Abgrenzung zum Schriftdeutsch bezeichnet. Ebenso bezeichnet Vulgärlatein die gesprochene lateinische Sprache im gesamten Römischen Reich über einen Zeitraum von über 1000 Jahren, weshalb es sich als ausgesprochen schwierig herausstellt, allgemeingültige Aussagen zu treffen.
Der Philologe Paul M. Lloyd sammelte in einem Artikel verschiedene Definitionen des Vulgärlateinischen und stellte fest, dass die Begriffsextension äußerst weitreichend ist.Paul M. Lloyd: On the Definition of “Vulgar Latin”: The Eternal Return.Neuphilologische Mitteilungen, Band 80, Nr. 2, 1979, S. 110–22. So wird in einem Werk Vulgärlatein als Latein der unteren Klassen oder als das Latein der Armen aufgefasst, in anderen hingegen als „wahres Latein“ im Gegensatz zur „künstlichen“ Schriftsprache. Seinen Artikel schließt er mit folgendem Fazit ab:
Phonologie Vokale So verschwand die klassisch lateinische Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen (Quantitätenkollaps). Wegen dieser Veränderung wurde die Betonung auf Tonsilben viel ausgeprägter als im klassischen Latein.
In der Folge entwickelten sich die Vokale bereits regional unterschiedlich weiter.
+ Aussprache (IPA) „Buchstabe“ Klassisch Vulgär Tonsilbe unbetonteskurzes A ă /a/ /a/ /a/langes A ā /aː/ /ɑ/ /a/kurzes E ĕ /e/ /ɛ/ /e/langes E ē /eː/ /e/ /e/kurzes I ĭ /i/ /ɪ/ /e/langes I ī /iː/ /i/ /i/kurzes O ŏ /o/ /ɔ/ /o/langes O ō /oː/ /o/ /o/kurzes V ŭ /u/ /ʊ/ /o/langes V ū /uː/ /u/ /u/AE æ /aɪ/, spät /ɛː/ /ɛ/, sporadisch /e/ /e/OE œ /oɪ/ /ɔɪ̯/, spät /e/ /e/AV au /aʊ̯/ /aʊ̯/, spät /o/ /o/
Konsonantismus Ein vom klassischen Latein abweichender Konsonantenstand ist für die Periode vor dem Untergang des Römischen Reiches nicht belegt. Dennoch legen die modernen romanischen Sprachen eine Diversifizierung anhand von Substrat- oder Superstrateinflüssen nahe.
Beispielsweise werden in sämtlichen romanischen Varietäten nördlich des Isoglossenbündels Rimini-Spezia die intervokalischen, stimmlosen Verschlusslaute des Lateinischen sonorisiert oder schwinden vollständig (vgl. amicus, ital. amico, frz. ami und span. amigo). Rechnet man ein, dass Norditalien, das heutige Frankreich und die iberische Halbinsel ehedem keltische Siedlungsgebiete waren, so könnte über Substrateinfluss der vorgefundenen keltischen Sprachen und ihrer Sprecher befunden sein.