Karl Friedrich Emil Walter Grundmann (* 21. Oktober 1906 in Chemnitz; † 30. August 1976 in Eisenach) war ein deutscher protestantischer Theologe und in der Zeit des Nationalsozialismus ein überzeugter Nationalsozialist. In der DDR wurde er ein inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der evangelischen Kirche.

1930 wurde er Mitglied der NSDAP und 1933 aktives Mitglied der Deutschen Christen, deren im ganzen Deutschen Reich gültige Richtlinien er verfasste. 1939 wurde er zum akademischen Direktor des neu gegründeten Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben in Eisenach ernannt, das im Dienst des staatlichen Antisemitismus die „Entjudung“ der Bibel und der theologischen Ausbildung betrieb. Ungeachtet seiner NS-Vergangenheit erlangte Grundmann in der DDR als Theologe erhebliches Ansehen: 1954 erteilten ihm das Katechetische Oberseminar Naumburg (Saale) und das Theologische Seminar Leipzig Lehraufträge und er wurde Rektor des Eisenacher Katechetenseminars. Im Jahr 1956 warb ihn das MfS als IM an. Grundmann berichtete fortan unter dem Decknamen „Berg“.„Grundmann hatte keine Bedenken zu berichten, hatte sich bereit erklärt und dann ist alles sozusagen seinen ganz normalen IM-Weg gegangen: Beauftragungen, Erfüllungen, Abrechnungen und so weiter […] Sein Niveau, das als ziemlich hoch eingeschätzt werden kann vor 1945 und danach, hat er auch hier gezeigt. Er brauchte nicht sehr viele Seiten, um zu berichten, sondern er war im Grunde genommen nach 3 Seiten fertig mit umfangreichen Bestandsanalysen zu kirchlichen Angelegenheiten breitester Art.“ (Reinhard Buthmann) Siehe auch seine antisemitische Antrittsvorlesung Zur Frage der ältesten Gestalt und des ursprünglichen Sinnes der Bergrede Jesu als Professor für Neues Testament und Völkische Theologie der Universität Jena 1939. Seine ab 1959 erschienenen Evangelienkommentare waren Standardliteratur und werden bis heute (2022) zitiert.

Leben Kindheit und Studium Walter Grundmanns Vater war der Reichsbahninspekteur Emil Grundmann. Dieser leitete einen literarischen Zirkel, hielt mehrere tausend Vorträge und war Schriftleiter des Chemnitzer Kirchengemeindeblattes.Uta Grundman: Antisemitismus und Ambivalenz. Walter Grundmann und die „Entjudung“ des Christentums. Göttingen 2024, S. 48f. Trotz seiner autodidaktisch erworbenen Bildung hatte er seinen Berufswunsch, Theologie zu studieren, nicht verwirklichen können. Walter Grundmanns Interesse an einer Hochschulkarriere war wahrscheinlich durch den Vater geprägt, ebenso wie er die völkisch-nationale Ausrichtung seiner Herkunftsfamilie übernahm.Oliver Arnhold: Walter Grundmann und das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Göttingen 2016, S. 205 f.

Er selbst war als Jugendlicher in christlichen Vereinen. Für ein Theologiestudium entschied er sich nach eigener Aussage nach der Lektüre von Johannes Müllers damals populärem Buch Die Bergpredigt. Darin wollte der Autor Jesus von Nazaret nicht als Juden, sondern als „deutsche Figur“ darstellen. Grundmann besuchte ihn einmal auf seinem Schloss Elmau.

Von 1926 bis 1930 studierte Grundmann Evangelische Theologie an den Universitäten Leipzig, Rostock und Tübingen. Daneben belegte er Veranstaltungen in Kunst-, Literatur- und Philosophiegeschichte. Nach eigenen Angaben wurde er besonders von Adolf Schlatter, Karl Heim, Gerhard Kittel und Friedrich Brunstäd geprägt.Oliver Arnhold: Walter Grundmann und das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Göttingen 2016, S. 206.

Karriere, 1930 bis 1939

Nach seinem ersten theologischen Examen war er von Oktober 1930 bis März 1932 Assistent bei Gerhard Kittel, für dessen Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament er 20 Artikel verfasste. Bei Kittel schrieb er auch seine Dissertation über den Begriff der Kraft in der neutestamentlichen Gedankenwelt, die 1932 als Buch erschien. Parallel zum Studium interessierte er sich für Politik und trat zum 1. Dezember 1930 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 382.544),Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/12350608 seit 1934 war er auch förderndes Mitglied der SS. Am 1. Mai 1932 übernahm er eine Pfarrstelle in OberlichtenauGrundmann, Karl Friedrich Emil *Walter. In: Pfarrerbuch Sachsen bei Kamenz und leitete zugleich den NS-Pfarrerbund in Sachsen. Die „Machtergreifung“ Adolf Hitlers begrüßte er im Januar 1933 mit seiner Schrift Totale Kirche im totalen Staat. Darin hieß es: „Die Christusbotschaft macht uns nicht undeutsch, sondern vollendet unser Deutschtum.“ Die Frage nach der Rassenzugehörigkeit Jesu Christi sei unwichtig: Er sei nur als „Wunderneuschöpfung Gottes von jenseits aller rassischen Zusammenhänge“ zu verstehen.

Im Frühjahr 1933 schloss er sich der Glaubensbewegung Deutsche Christen (DC) an und gründete für sie eine Untergruppe in Sachsen. Der ebenfalls dazugehörende sächsische Landesbischof Friedrich Coch machte ihn im November zu seinem Assistenten im Rang eines Oberkirchenrats. Als solcher gab Grundmann das Monatsjournal Christenkreuz und Hakenkreuz (ab 1937: Deutsche Frömmigkeit) heraus.Susannah Heschel: Die zwei Karrieren des Theologen Walter Grundmann. Der Neutestamentler als Nazi-Propagandist und Stasi-Informant. In: Manfred Gailus (Hrsg.): Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933–1945. Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1649-2, S. 171–196., hier S. 175. Er verfasste 28 Thesen, die von den DC und den von ihnen geführten Landeskirchen – neben Sachsen auch Braunschweig, Mecklenburg, Oldenburg und Schleswig-Holstein – als verbindliche Richtlinien angenommen wurden. Darin erklärte Grundmann die Frage, ob Jesus Arier oder Jude sei, erneut als belanglos für seine Bedeutung. Er vertrete auf jeden Fall ein vom Judentum prinzipiell verschiedenes Gottesbild. Das Alte Testament (AT) sei ein gegenüber dem Neuen Testament (NT) minderwertiges religionsgeschichtliches Dokument, das den Verfall des Judentums durch seine Trennung vom wahren Gott veranschauliche. Seine „jüdische Volkssittlichkeit und Volksreligion“ sei überwunden und überholt; der Fluch Gottes laste auf diesem Volk bis heute. Um dieser Erkenntnis willen kann die Volkskirche das Alte Testament nicht aufgeben. Von dieser Beibehaltung des AT rückte Grundmann später aus demselben Grund – der angeblichen Verdorbenheit und Verfluchtheit des Judentums – ab.

Nach der vielbeachteten Rede von Reinhold Krause im Berliner Sportpalast am 13. November 1933 wurden einige DC-Kirchenleitungen, so auch die von Sachsen, entmachtet. Daher wurde auch Grundmann 1935 vorübergehend als Oberkirchenrat beurlaubt. Er blieb aber bei den nun zersplitterten DC aktiv und führte 1936 zwei ihrer Untergruppen, die Volksmissionarische Bewegung in Sachsen und die Kirchenbewegung Deutsche Christen in Thüringen, zusammen.

Im Wintersemester 1936 erhielt Grundmann an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zunächst auf Probe den Lehrstuhl des Neutestamentlers Erich Fascher, dessen Entlassung die DC betrieben hatten. Die Universität Jena sollte zu einer reichsweit wirkenden Hochschule des Nationalsozialismus werden. 1938 ernannte der Rektor Wolf Meyer-Erlach Grundmann ohne Habilitation,Susannah Heschel: Die zwei Karrieren des Theologen Walter Grundmann. Der Neutestamentler als Nazi-Propagandist und Stasi-Informant. In: Manfred Gailus (Hrsg.): Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933–1945. Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1649-2, S. 177. fachliche Leistungsnachweise und Zustimmung des Dekans der Theologischen Fakultät zu einem ordentlichen Professor für Neues Testament und Völkische Theologie und empfahl ihn als Vorbild für alle Fakultäten: Seine wissenschaftliche Arbeit werde „bahnbrechend sein für eine nationalsozialistische Haltung auf dem Gebiet der Theologie“. Seine Ernennungsurkunde trug Hitlers eigenhändige Unterschrift.

Am 11. Februar 1939 hielt Grundmann seine Antrittsvorlesung zur Frage der ältesten Gestalt und des ursprünglichen Sinnes der Bergrede Jesu. Darin behauptete er, die älteste Fassung der Bergrede (Lk 6,20–49) habe keine jüdischen oder alttestamentlichen Motive enthalten; diese habe erst der Evangelist Matthäus hineingebracht. Jesu Anliegen sei der Kampf gegen das Judentum gewesen. Er habe die rabbinische Auslegung alttestamentlicher Gebote in der Halacha (mündlichen Auslegungstradition der Tora) abgelehnt und dem „jüdischen Vergeltungsgedanken“ einen persönlichen „Abba-Gott“ der individuellen Vergebung und zwischenmenschlichen Liebe ohne Bindung an das jüdische Volk gegenübergestellt. Deshalb hätten die jüdischen Führer Palästinas seine Kreuzigung betrieben.

Akademischer Direktor des Instituts zur „Entjudung“ von Kirche und Theologie (1939–1945) mini|Walter Grundmann: Die Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie und Kirche Seit Anfang 1938 forcierten deutschchristliche Kirchenführer die Durchsetzung ihrer Richtlinien und gründeten dazu im Februar auf der Wartburg einen akademischen Bund für deutsches Christentum. Dabei wurde auch die Gründung eines antisemitischen Instituts zur „Entjudung der Kirche“ beraten. Der Vorschlag dazu kam von dem thüringischen Landessuperintendenten Hugo Pich. Seine Forderungen wurden am 15. November 1938 – eine Woche nach den Novemberpogromen – an alle Landesbischöfe weitergereicht; am 21. November antwortete Grundmann darauf mit der konkreten Planung einer „Zentralabteilung zur Entjudung des religiösen und kirchlichen Lebens“. Denn die „Judenfrage“ sei nun in ihr „akutestes Stadium“ getreten; die Kirchen müssten die Trennung von allem Jüdischen nun konsequent in allen ihren Tätigkeitsbereichen vollziehen. Die Zentralabteilung sollte daher drei Bereiche abdecken:

ein Forschungsinstitut in Jena, das eine wissenschaftliche Zeitschrift herausgeben sollte eine Bibelgesellschaft, die eine „entjudete Volksbibel“ vorbereiten und herausgeben sollte eine Schule zur Fortbildung für Pfarrer, Lehrer und Kirchenvertreter, die ihnen die neuesten Erkenntnisse der anderen beiden Abteilungen vermitteln sollte.

Die Evangelische Kirche sollte dieses Institut in ständiger enger Abstimmung mit dem Reichspropagandaministerium, dem Reichskirchenministerium, dem Reichserziehungsministerium, der Reichsleitung der NSDAP und dem Gauleiter Julius Streicher einrichten.

Nach weiteren Beratungen und mit der Unterstützung der meisten Landeskirchen wurde das Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben am 6. Mai 1939 auf der Wartburg gegründet. Leiter war der Oberregierungsrat Siegfried Leffler; Grundmann wurde zum akademischen Direktor ernannt. In seiner Eröffnungsrede verglich er die Aufgabe mit der Reformation: Wie Martin Luther den internationalistischen Katholizismus habe überwinden müssen, so müsse der Protestantismus heute das Judentum überwinden, um Jesu wahre Botschaft zu verstehen. Dessen geistige Elemente versperrten den Deutschen den Zugang zur Bibel. So wie Hitler ein „judenreines“ Deutschland wolle, so wolle man ihm mit einem „judenreinen“ Christentum zur Seite stehen.

Das Institut wurde aber entgegen Grundmanns Plan nicht an der Universität Jena, sondern in Eisenach errichtet. Träger war die Nationalkirchliche Einung Deutsche Christen, die 11 von 16 evangelischen Landeskirchen finanzierten.