mini|Titelblatt der ABGB-Ausgabe von 1811 Das Allgemeine bürgerliche Gesetzbuch (ABGB) ist die 1812 in den „deutschen Erbländern“ des Kaisertums Österreich in Kraft getretene und auch heute noch geltende wichtigste Kodifikation des Zivilrechts in Österreich und ist damit auch das älteste gültige Gesetzbuch des deutschen Rechtskreises. Es heißt „allgemein“, weil es für alle Personen in seinem Geltungsbereich, im Gegensatz zum gemeinen Recht, einheitlich und verbindlich gilt. „Bürgerliches Recht“ bedeutet nach , dass das ABGB die „Privat-Rechte und Pflichten der Einwohner des Staates unter sich“ regelt.
Geschichte Entstehung Die Vorarbeiten zu einer Kodifizierung des österreichischen Zivilrechts begannen bereits Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Codex Theresianus (1766) und dem darauf folgenden Entwurf Hortens (1774), die sich jeweils stark am Gemeinen Recht orientierten,Vgl. zum Codex Theresianus Franz von Zeiller: Commentar über das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch für die gesammten Deutschen Erbländer der Österreichischen Monarchie. Erster Band, Geistinger, Wien/Triest 1811, S. 8 (Digitalisat). aber auch naturrechtliche Einflüsse enthielten. Mit Ausnahme des personenrechtlichen Teils des Entwurfs Horten, der am 1. Jänner 1787 als Josephinisches Gesetzbuch (1786 noch als Teil-ABGB) in Kraft trat, erlangten sie allerdings keine Gesetzeskraft. Ende des 18. Jahrhunderts erarbeitete Karl Anton von Martini einen neuen Entwurf für eine Kodifizierung, der sich systematisch auf das Naturrecht gründete.Josef Schey, Heinrich Klang: Einleitung. In: Heinrich Klang, Franz Gschnitzer (Hrsg.): Kommentar zum Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch. Band 1, Halbband 1. Verlag der österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1964, S. 9. Dieser erlangte als Westgalizisches Gesetzbuch zunächst testweise in Westgalizien Geltung und als Ostgalizisches Gesetzbuch dann auch für Ostgalizien.Julius Ofner: Der Ur-Entwurf und die Berathungs-Protokolle des Österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches. Band 1, Hölder, Wien 1889, S. 3 (Digitalisat). Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde dieses als „Urentwurf“Franz von Zeiller: Commentar über das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch für die gesammten Deutschen Erbländer der Österreichischen Monarchie. Erster Band, Geistinger, Wien/Triest 1811, S. XIJulius Ofner: Der Ur-Entwurf und die Berathungs-Protokolle des Österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches. Band 1, Hölder, Wien 1889, Vorrede [S. 5] (Digitalisat). von der Hofkommission für Gesetzsachen unter maßgeblicher Mitwirkung Franz von Zeillers, einem Schüler Martinis, im Auftrag Franz II.Julius Ofner: Der Ur-Entwurf und die Berathungs-Protokolle des Österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches. Band 1, Hölder, Wien 1889, S. 4 (Digitalisat). überarbeitet und als ABGB per kaiserlichem Patent (Gesetz) am 1. Juni 1811 kundgemacht. Es trat mit 1. Jänner 1812 mit der Wirkung in Kraft, dass sämtliche Gesetze und GewohnheitsrechteDazu führte § 10 ABGB mittels ausdrücklicher Ausschlussanordnung aus: „Auf Gewohnheiten kann nur in den Fällen, in welchen sich ein Gesetz darauf beruft, Rücksicht genommen werden.“ mit Bezug auf das Allgemeine bürgerliche Recht außer Kraft gesetzt wurden.
Entwicklung des Geltungsbereiches Der Geltungsbereich des ABGB umfasste die gesamten Deutschen Erbländer der Österreichischen Monarchie, worunter all jene Länder verstanden wurden, die nicht zur ungarischen Krone gehörten (Cisleithanien).Wilhelm Brauneder: Entstehung und Entwicklung des ABGB bis 1900 (= Österreichs Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB). Eine europäische Privatrechtskodifikation. Band 1). Duncker & Humblot, Berlin 2014, ISBN 978-3-428-83301-6, S. 179 ff. Ab 1853 wurde es als Folge der Reichsverfassung 1849 und der anschließenden Verfassungsgrundsätze (RGBl. 4/1852 Nr. 33 der Beilage)Allerhöchstes Cabinetsschreiben Seiner Majestät des Kaisers vom 31. Dezember 1851, auf alex.onb.ac.at auch in Kroatien-Slawonien, Ungarn, im Temescher Banat, in der serbischen Vojvodina (RGBl. 246/1852)246 Kaiserliches Patent vom 29. November 1852, auf alex.onb.ac.at und in Siebenbürgen (RGBl. 99/1853)Kaiserliches Patent vom 29. Mai 1853, auf alex.onb.ac.at in Kraft gesetzt,Wilhelm Brauneder: Entstehung und Entwicklung des ABGB bis 1900 (= Österreichs Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB). Eine europäische Privatrechtskodifikation. Band 1). Duncker & Humblot, Berlin 2014, ISBN 978-3-428-83301-6, S. 257. in Ungarn hingegen bereits 1861 als Folge des Oktoberdiploms und der Autonomiebestrebungen Ungarns wieder außer Kraft gesetzt (Képviselőházi irományok, 1861, I. Kötet, 11. sz.).Gábor Hamza: Geschichte der Kodifikation des Zivilrechts in Ungarn. In: Anuario da Facultade de Dereito da Universidade da Coruña. 2008/12, , S. 533–544 (536) (Digitalisat). Der Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie hatte keine sofortigen Auswirkungen auf den Geltungsbereich des ABGB. Es bestand in den Nachfolgestaaten, etwa in Österreich (StGBl 140/1920),Verfassungsgesetz vom 1. Oktober, betreffend den Übergang zur bundesstaatlichen Verfassung, auf alex.onb.ac.at das nun auch aus dem Burgenland bestand, in Teilen der Tschechoslowakei (Nr. 11/1918 Sb.), Polens,Andrzej Mączyński: Das ABGB in Polen. In: Constanze Fischer-Czermak, Gerhard Hopf, Georg Kathrein (Hrsg.): Festschrift 200 Jahre ABGB. Band 1. Manz, Wien 2011, ISBN 978-3-214-18110-9, S. 188.Andrzej Dziadzio: Das ABGB in Polen. In: Elisabeth Berger (Hrsg.): Österreichs Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB). Eine europäische Privatrechtskodifikation. Band 3. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-13303-1, S. 205. Rumäniens,Christian Alunaru: Das ABGB in Rumänien (frühere Geltung und heutige Ausstrahlung). In: Constanze Fischer-Czermak, Gerhard Hopf, Georg Kathrein (Hrsg.): Festschrift 200 Jahre ABGB. Band 1. Manz, Wien 2011, ISBN 978-3-214-18110-9, S. 111 Fn 38. und im Königreich JugoslawienVerica Trstenjak: Das ABGB in Slowenien. In: Constanze Fischer-Czermak, Gerhard Hopf, Georg Kathrein (Hrsg.): Festschrift 200 Jahre ABGB. Band 1. Manz, Wien 2011, ISBN 978-3-214-18110-9, S. 294. zunächst unverändert fort. In Österreich blieb das ABGB nach dem Anschluss an das deutsche Reich in Kraft (RGBl I S 237/1938)Gesetz über die Wiedervereinigung Österreich mit dem Deutschen Reich Vom 13. März 1938, auf alex.onb.ac.at und behielt diese auch nach dem Zweiten Weltkrieg (StGBl 6/1945) bis heute. In Siebenbürgen wurde das ABGB in den 1940er Jahren (Gesetz Nr. 389/22.06.1943) großteils außer Kraft gesetzt.Christian Alunaru: Das ABGB in Rumänien (frühere Geltung und heutige Ausstrahlung). In: Constanze Fischer-Czermak, Gerhard Hopf, Georg Kathrein (Hrsg.): Festschrift 200 Jahre ABGB. Band 1. Manz, Wien 2011, ISBN 978-3-214-18110-9, S. 111 f. In der Tschechoslowakei galt das ABGB bis nach dem Zweiten Weltkrieg weiter (Ústavní dekret č. 11/1944), wurde aber schließlich durch das neue tschechische Zivilgesetz (Nr. 141/1950 Sb.) und Arbeitsgesetz (Nr. 65/1965 Sb.) außer Kraft gesetzt.Radovan Dávid: Bürgerliches Recht 1948–1989. In: Ladislav Vojáček, Karel Schelle, Jaromír Tauchen (Hrsg.): Die Entwicklung des Tschechischen Privatrechts. Brno 2011, ISBN 978-80-210-5612-1, S. 134. In Polen wurden einige Bestimmungen des ABGB mit dem Inkrafttreten des polnischen Obligationenrechts aufgehobenVgl dazu näher Andrzej Dziadzio: Das ABGB in Polen. In: Elisabeth Berger (Hrsg.): Österreichs Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB). Eine europäische Privatrechtskodifikation. Band 3. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-13303-1, S. 212. (Dz.U. 1933 nr 82 poz. 599)Przepisy wprowadzające kodeks zobowiązań (PDF), auf www.dziennikustaw.gov.pl. bis es schließlich 1946 durch mehrere Dekrete vollständig außer Kraft gesetzt wurde.Vgl dazu näher Andrzej Dziadzio: Das ABGB in Polen. In: Elisabeth Berger (Hrsg.): Österreichs Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB). Eine europäische Privatrechtskodifikation. Band 3. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-13303-1, S. 214–216. In Jugoslawien blieb das ABGB noch bis zu dessen Zerfall 1991 eine immer kleiner werdende subsidiäre Rechtsquelle.Verica Trstenjak: Das ABGB in Slowenien. In: Constanze Fischer-Czermak, Gerhard Hopf, Georg Kathrein (Hrsg.): Festschrift 200 Jahre ABGB. Band 1. Manz, Wien 2011, ISBN 978-3-214-18110-9, S. 294 f. In Kroatien ist es noch heute subsidiäre Rechtsquelle.
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