mini|Bürgerspital Steyr mit Bürgerspitalkirche (rechts)

Ein Bürgerspital ist eine meist im Mittelalter gegründete Versorgungseinrichtung zur Pflege von alten, mittellosen und kranken Menschen. Mit einem Bürgerspital ist in der Regel eine Bürgerspitalkirche verbunden, die dem geregelten religiösen Betrieb der Insassen dient und meist der örtlichen Pfarrei unterstellt wurde. Wegen der Furcht vor Infektionskrankheiten und aus Kostengründen wurde die Einrichtungen teilweise außerhalb der Stadtmauern errichtet.

Geschichte Die ersten mittelalterlichen Fürsorgeeinrichtungen waren Hospize, die entlang von Pilgerwegen entstanden.Birngruber 2013, S. 4. Parallel zu diesen entwickelten sich die Stifts- und Domspitäler sowie bruderschaftliche Spitäler, die Reisende, Alte, Findelkinder, Waisen, Gebärende, psychisch und physisch Kranke jeglicher Art betreuten. Patienten mit ansteckenden Krankheiten wurden in so genannten Leprosorien und Siechenhäusern außerhalb der Städte untergebracht. Mit dem Aufschwung des Bürgertums entwickelte sich ab der Mitte des 12. Jahrhunderts das Spitalswesen in den europäischen Städten. Es kam im 14. JahrhundertConrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell Füssli, Zürich 1922, S. 105–109. zur Gründung sogenannter Bürgerspitäler, welche ihren Höhepunkt Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts erreichte.

In Österreich verfügte Kaiser Joseph II. in den 1780er-Jahren trotz Widerstands der Magistrate die völlige Auflösung aller bürgerlichen Spitäler.Birngruber 2013, S. 7. Der Verkaufserlös diente der Speisung von Armenfonds.

Einrichtung Die Finanzierung und Verwaltung eines Bürgerspitals samt den dazugehörenden wirtschaftlichen Gebäuden lag in den Händen der Bürgerschaft. Betuchte Bürger sorgten als Stifter mit ihren finanziellen Zuwendungen für das Wohlergehen der Pfleglinge. Als Gegenleistung verpflichteten sich diese, für ihre Helfer zu beten.Birngruber 2013, S. 5.

Im Mittelalter verfügten die Spitäler im Allgemeinen über keinen festangestellten Arzt. Zur Krankenbehandlung wurde in den städtischen Bürgerspitälern der Stadtarzt (Physicus) bzw. ein Chirurgicus (der „Scherer“) gerufen.Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen. 1922, S. 114.

Der Tagesablauf im Spital war allgemein straff geregelt. Die täglichen Gebets- und Mahlzeiten verpflichteten alle zur Teilnahme, Sperrzeiten mussten genau eingehalten werden. Um den religiösen Vorgaben gerecht werden zu können, wurde generell Spitälern eine Kapelle oder Kirche in den Spitalskomplex integriert.

Beispiele Land Stadt Artikel zum Bürgerspital Jahr von–bis Bemerkung Deutschland Bamberg Bürgerspital (Bamberg) Deutschland Kronach Bürgerspital (Kronach) 13nn Deutschland Würzburg Bürgerspital zum Heiligen Geist 1317–heute betreibt heute Seniorenheime und eine geriatrische Rehaklinik Frankreich Sélestat Bürgerspital (Sélestat) 176n Österreich Bad Leonfelden Bürgerspital (Bad Leonfelden) 1505–1787 denkmalgeschütztes Gebäude innerhalb der ehemaligen Marktbefestigung Bad Leonfelden Österreich Baden Bürgerspital Baden bei Wien 1542 Nachfolgebau des alten, 1529 zerstörten Bürgerspitals Österreich Döllersheim Bürgerspital (Döllersheim) 1592–1786 heute Ruine im ehemaligen militärischen Sperrgebiet ÖsterreichEggenburgBürgerspital (Eggenburg St. Martin)1299–18961752 Umstellung von Naturalwirtschaft auf Kapitalwirtschaft

1896 Übergabe des Vermögens an Bezirksarmenrat Österreich Enns Bürgerspitalskirche (Enns) um 1300 Österreich Enzesfeld Bürgerspital (Enzesfeld) 1399 1942 aufgelöst Österreich Graz Bürgerspitalkirche (Graz) 13nn–178n Österreich Kirchberg am Walde Ehemaliges Allerheiligen-Hospital 1715–1783 Österreich Krems an der Donau Bürgerspitalkirche (Krems) 1470 Nachfolgeanstalt einer außerhalb der Stadt liegenden Versorgungseinrichtung Österreich Krumbach (Niederösterreich) Bürgerspital (Krumbach) Österreich Poysdorf Ehemaliges Bürgerspital (Poysdorf) 1657 Österreich Salzburg Bürgerspitalskirche St. Blasius 1327 Österreich St. Veit an der Glan Bürgerspital und Spitalskirche (St. Veit an der Glan) 1321–? heute Kulturzentrum außerhalb der Stadtmauern Österreich Steyr Bürgerspital (Steyr) 1305–1785 an Stelle des 1302 abgebrannten Vorgängerbaus Österreich Wien Bürgerspital (Wien) 1530–1783 Schweiz Basel Bürgerspital Basel Schweiz Bern Burgerspital Rechtsnachfolger des 1307 erbauten Unteren Spitals Schweiz St. Gallen Bürgerspital 1228-heute Betreibt heute ein Akutspital für Altersmedizin SchweizSolothurnBürgerspital1418-heute

Literatur Martina Birngruber: Das Bürgerspital und die Spitalkirche in Bad Leonfelden – Zeugnis christlicher Nächstenliebe und spätgotischer Baukunst. In: Oberösterreichische Heimatblätter. Linz 2013 (zur oö. Landesausstellung 2013), S. 4–21 (). Martin Scheutz (Hrsg.): Europäisches Spitalwesen. Institutionelle Fürsorge in Mittelalter und früher Neuzeit (= Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. Ergänzungsband 51). München/Wien 2008. Stefan Sonderegger: Das Heiliggeist-Spital St. Gallen als wirtschaftliche Institution im Spätmittelalter. In: Ernst Ziegler (Hrsg.): Vom Heiliggeist-Spital zum Bürgerspital. Bürgerspital St. Gallen, St. Gallen 1995, ISBN 3-907928-00-8, S. 61–89.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Geschichte des Krankenhauswesens