Die Schiesser GmbH in Radolfzell am Bodensee ist einer der größten deutschen Hersteller von Unterwäsche. Das 1875 in Radolfzell gegründete Unternehmen ging Anfang 2009 in die Insolvenz und befand sich bis zu seinem Verkauf Ende 2012 im Besitz der Schiesser Group AG aus Küsnacht (Schweiz). Nach Beendigung der Insolvenz Ende 2010Insolvenzverfahren bei Schiesser ist aufgehoben. In: Südkurier. 4. Januar 2011. wurde für 2011 der Börsengang von Schiesser geplant, der 2011 aus konjunkturbedingten Gründen auf das zweite Quartal 2012 verschoben wurde.Die Auferstehung des Feinripp-Giganten. focus.de, Januar 2011.IPO/Schiesser kommt Börsengang-Ziel näher – Insolvenz aufgehoben. handelszeitung.ch, 4. Januar 2011.Schiesser plant 2012 Börsengang. sueddeutsche.de, 24. August 2011. Statt des Börsengangs wurde das Unternehmen Mitte 2012 an das israelische Unternehmen Delta Galil verkauft.

Geschichte Gründung Schiesser wurde 1875 vom damals 27-jährigen Schweizer Fabrikanten Jacques Schiesser (* 11. Februar 1848, † 18. August 1913) aus dem Kanton Glarus gegründet. Er hatte in der väterlichen Weberei in Sirnach eine technische Ausbildung erhalten. Als sein Vater 1873 starb, zahlte ihm die Familie sein Erbteil aus. Damit kaufte er die Betriebseinrichtung der in Konkurs gegangenen Trikotfabrik A. Hefti Schmidt Cie. in Eschlikon und machte sich mit einer Buntweberei selbständig. Er war jedoch auswanderungswillig und suchte für sein Unternehmen nach einem Standort in Deutschland.Katrin Blanke-Siegel: Findbuch Schiesser AG. Einführungstext, Seite 1. Bestand B 127, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg.

Ursprünglich wollte er nach Königsberg in Ostpreußen umsiedeln. Doch eine junge Frau aus Radolfzell, die im Haushalt der Schiessers arbeitete, empfahl das benachbarte Radolfzell am Bodensee als Standort. 1875 kam Jacques Schiesser mit seiner Frau Malwine, geb. Vogler (1850–1929), nach Radolfzell und gründete als Einzelunternehmen die Jacques Schiesser Mech. Trikotwaarenfabrik.Jaques Schiesser: Geschäftsbericht 1910. Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B127, Bü127. Zunächst mietete er den Tanzsaal des Gasthauses „Zum Schwert“ und stellte Unterwäsche, so genannte Trikotagen,Hildegard Linssen: Die wechselvolle Geschichte des Traditionsunternehmens. In: Südkurier. 30. Juni 2010. auf sieben Rundwirkstühlen her.Nike Breyer: Fein- & Doppelripp. In: die tageszeitung (taz) vom 14. Februar 2004.

Aufstieg 1876 plante Jaques Schiesser die Errichtung einer eigenen Weberei und Färberei am heutigen Standort des Unternehmens an der Schützenstraße in Radolfzell, die er 1877 bezog. Dort liefen 104 Rundwirkmaschinen so erfolgreich, dass er 1880 bereits 100 Personen beschäftigte. Zwischen 1880 und 1890 wurde das Unternehmen in allen Bereichen – Weberei, Färberei, Bleicherei, Näherei, Appretur – ständig erweitert. 1880 zählte das Unternehmen 280 Mitarbeiter. 1884 wurde eine Mitarbeiter-Krankenkasse, die „noch heute in abgewandelter Form besteht“, sowie später eine „Fabrik-Sparkasse“ für die Belegschaft ins Leben gerufen. Seit 1893 gibt es in Steibis im Allgäu ein Ferien- und Erholungsheim für die Mitarbeiter. Als der Arbeitsmarkt in Radolfzell erschöpft war, wurden Gastarbeiterinnen aus Italien angeworben, für die ein eigenes Wohnheim mit 150 Betten errichtet wurde. Um weitere Arbeitnehmer zu gewinnen, gründete Schiesser Filialen in Stockach (1890), Bukarest (1894) und Engen (1896). In Engen und Stockach entstanden ebenfalls Mädchenwohnheime. Der Exportanteil lag bei 80 Prozent. Schiesser exportierte seine Wäsche unter anderem nach Indien, auf die Philippinen, nach Australien, Russland und in die USA. Um 1900 hatte der Betrieb fast 1000 Beschäftigte.Hans U. Rentsch: Jakob Heusser-Staub ein Wirtschaftspionier des Züricher Oberlandes. Verein für wirtschaftshistorische Studien, Meilen 1988.

Auf der Pariser Weltausstellung Paris 1900 erhielt Jacques Schiesser den „Grand Prix“ für seine Patente „Flechttrikot“, „Damasttrikot“, „Abhärtungswäsche aus Ramieleinen“ und „Längsstreifen-Trikotagen“.

Jaques und Malwine Schiesser waren sozial engagiert. So richtete Schiesser ein Finanzinstitut ein, das er mit einem Kapital von 30.000 Goldmark ausstattete und das Mitarbeitern Darlehen mit einem Zinssatz von 5 % gewährte, was rege in Anspruch genommen wurde. Bäcker und Metzger in Radolfzell hielt er an, seine Belegschaft preiswert zu bedienen. Auch Malwine Schiesser war für ihre Hilfsbereitschaft bekannt. Allein in den ersten beiden Kriegsjahren stellte sie aus ihrem Vermögen fast 50.000 Goldmark zur Verfügung, um Bedürftigen, Verwundeten und Kriegshinterbliebenen, aber auch dem Roten Kreuz zu helfen.100 Jahre Schiesser. Festschrift 1975. Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B127, Bü 620.

mini|Sogenannter Jahr100Bau, ein um 1900 von Schiesser errichtetes und 2003 grundlegend saniertes Gebäude Als der Unternehmensgründer Jacques Schiesser 1913 an Herzversagen starb, hatte das Unternehmen 1.200 Mitarbeiter und war eine Weltmarke. Seine Witwe Malwine und Tochter Adele erbten das Unternehmen, und sein Schwiegersohn Wilhelm Finckh, mit Adele verheiratet und bereits für den Export verantwortlich, übernahm die Leitung. Wilhelm Finckh war zu diesem Zeitpunkt bereits krank, er verstarb 1915.

Erster Weltkrieg Bei Schiesser wurde im ersten Kriegsjahr noch normal produziert. Anschließend verlor das Unternehmen zwar seine Auslandsmärkte, dafür wurde ab 1916 für das deutsche Heer und die kaiserliche Marine produziert. Wegen des akuten Rohstoffmangels experimentierte man mit Fasern aus Brennnesseln und aus Papier, was jedoch nicht als Ersatz für die Baumwolle taugte. Der Umsatz ging rapide zurück. Am Ende des Krieges beschäftigte Schiesser nur noch 380 Arbeitnehmer.

Nach Wilhelm Finckhs Tod im Jahr 1915 übernahm Jean Schiesser (1871–1951), ein Neffe von Jacques, der bereits seit 1888 im Unternehmen tätig war, die Geschäftsleitung. Malwine und Adele Schiesser wandelten das Unternehmen 1916 in eine Aktiengesellschaft um. Sie gründeten zum 1. Oktober die Tricotfabriken J. Schiesser AG und brachten das ererbte Einzelunternehmen von Jaques Schiesser ein. Vorstand wurde Jean Schiesser.

1916 gelang es dem Schweizer Textil-Industriellen Jakob Heusser-Staub (1862–1941), mit Jaques und Malwine Schiesser befreundet, eine Schiffsladung der besonders geschätzten ägyptischen Baumwolle zu kaufen. Er gab sie an die Schiesser AG weiter, dort konnte man aber nicht zahlen. Darum erhielt er von Malwine Schiesser Aktien des Unternehmens. Mit dieser Übertragung war die Verpflichtung für Heusser-Staub verbunden, auch weiterhin Baumwolle zu liefern. Gleichzeitig übernahm er sämtliche Aktien der Tochtergesellschaft der Schiesser AG in Kreuzlingen., hesta-immobilien.de, abgerufen: 4. Januar 2011. Er verpflichtete sich, den beiden Unternehmen in Radolfzell am Bodensee und Kreuzlingen für die Dauer von zehn Jahren ausreichendes Fremdkapital zur Verfügung zu stellen. Bis 1922 erwarb Heusser-Staub über diese Baumwolllieferungen 95 % der Aktien der Schiesser AG, die ihm darüber hinaus 2,5 Mio. Franken schuldete. In langfristige Darlehen umgewandelt, wurden sie zwischen 1923 und 1954 zurückgezahlt.Volker Grub: Bericht zur Gläubigerversammlung im Insolvenzverfahren der Schiesser AG vom 3. Juli 2009. Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Y 517.

Weimarer Republik Die Mitarbeiterzahl stieg bis 1922 wieder auf 800 Arbeitnehmer. 1923 wurde der „Schiesser-Feinripp“ (gewoben nach dem Prinzip „eins rechts, eins links“) lanciert. Zum 50-jährigen Unternehmensjubiläum wurde 1925 Malvine Schiesser das Ehrenbürgerrecht von Radolfzell verliehen. Nach ihrem Tod 1929 wurde mit dem Malvine-Schiesser-Weg auch eine Straße in Radolfzell nach ihr benannt.

Die Folgen der Inflation und die Weltwirtschaftskrise ab 1929 brachten Schiesser in finanzielle Schwierigkeiten. Teile des Werkes mussten schließen. 1931 stand die Schiesser AG kurz vor dem Konkurs, der Umsatz ging stark zurück und Kundenforderungen fielen aus. Die Belegschaft sank auf 500 Arbeitnehmer. Heusser-Staub beauftragte seinen 21-jährigen Neffen Walter Schellenberg, das Unternehmen vor dem Konkurs zu bewahren. Er soll ihm gesagt haben, dass er ihm genau sechs Monate zur Sanierung des Unternehmens gebe. Unterstützt wurde er hierbei von Jean Schiesser, dem Sohn des Unternehmensgründers. Mit einer Umstellung der Produktion und der Entlassung von Arbeitnehmern schaffte er die Trendwende.

1933–1939 1933 erwarb Schiesser aus einem Konkurs die in Radolfzell ansässige Greims Leibchenfabrik GmbH, die Kinderwäsche konfektionierte. Schiesser führte sie unter Radolfzeller Leibchenfabrik fort und wandelte sie 1950 in Tausendsassa GmbH um. 1935 baute Schiesser 14 Siedlungshäuser und einen Neubau mit Wannen- und Brausebädern für seine Arbeitnehmer. Im Jahr 1936 beschäftigte Schiesser wieder 780 Arbeitnehmer. 1937 wurde die Schiesserhütte in Steibis im Allgäu als Erholungsheim für die Belegschaft erworben.

1936 übernahm Schellenberg das Amt des Vorstandes der Schiesser AG. Die Autarkiepolitik der Nationalsozialisten, die die Einfuhr von Baumwolle untersagte, erschwerte die Arbeit von Schellenberg wesentlich. 1937 wurde die Trikotqualität „Mako-Porös“, eine Weiterentwicklung von „Schiesser’s Knüpftrikot“ aus den 1880er-Jahren, lanciert. Es dauerte bis Ende der 1930er Jahre, bis Schiesser das Produktionsniveau von vor dem Ersten Weltkrieg erreichte.

Da er keine Nachkommen hatte, regelte Heusser-Staub seine Nachfolge 1938 durch die Gründung mehrerer Gesellschaften, unter anderem der Hesta Holding als Teil der Heusser-Staub AG (später Hesta AG), deren Grundstein im Jahr 1869 von seinem Vater Kaspar Heusser (* 29. Juli 1836; † 12. Oktober 1910) gelegt worden war. Die Hesta Holding wurde Muttergesellschaft von Schiesser. Heusser-Staub starb am 23. August 1941.

Zweiter Weltkrieg Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde die Produktion zunächst auf Notprogramme, später erneut auf „Kriegsproduktion“ umgestellt. Schließlich folgte die Einstellung der „Schiesser-Mode“. Schiesser produzierte in den Kriegsjahren fast ausschließlich für die Wehrmacht, und zwar nicht nur Soldatenunterwäsche, sondern in steigender Masse auch nicht textile Erzeugnisse, wie Patronen, Taschen oder Kartuschenbeutel. Mit 700 Arbeitnehmerinnen wurden Zeitzünderteile hergestellt. Die Militärhemden wurden mangels Baumwolle aus Fasern der Brennnessel und Papier hergestellt.Eva Christa, Lilo Rasch-Nägele: Aus einer uralten Truhe ..., Trikotfabriken J. Schiesser AG, 1955. Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg.

Am 1. Mai 1940 erhielt das Unternehmen, neben anderen namhaften Unternehmen, im betrieblichen Leistungskampf 1939/40 von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) den Titel Nationalsozialistischer Musterbetrieb. In der Kriegsproduktion nach 1941 wurden bei Schiesser mindestens 39 ukrainische Zwangsarbeiterinnen eingesetzt.Wiki zur Zeit des Nationalsozialismus in Radolfzell, dort zum Thema „Zwangsarbeit bei Schiesser“; vgl. ferner: . In: Tages-Anzeiger. 31. August 2001. Die Zahl der Beschäftigten sank von 1100 im Jahre 1939 auf 860 bei Kriegsende. 1945 kam infolge Rohstoffmangels die Produktion fast vollständig zum Erliegen.

Wiederaufbau nach 1945 Am 24. April 1945 wurde Radolfzell von französischen Truppen kampflos besetzt. Rohstoffmangel hatte die fast vollständige Stilllegung der Produktion zur Folge. Schiesser hatte noch 500 Arbeitnehmer, deren Arbeitsplätze erhalten werden sollten. Hergestellt wurden jetzt Holzpuppen, die mit Stoffresten bekleidet wurden, Strumpfschoner, Schuhe aus Bast, Babyschuhe und Babyhandschuhe. Aus alten Spinnmaschinen wurde eine Spinnerei aufgebaut. Aus gerissenen Baumwollfäden wurde unter Zugabe von Kunstfäden Garne gesponnen, aus denen wieder Unterhosen und Schlüpfer hergestellt wurden.