mini|300px|Die ersten beiden Seiten einer Handschrift von Ahmed Taşköprüzades Werk al-Maʿālim fī ʿilm al-kalām, einer arabischen Abhandlung zur Kalām-Wissenschaft aus dem 16. Jahrhundert, in der Staatlichen Bayezit-Bibliothek, Istanbul Kalām () bezeichnet im Islam die Wissenschaft, welche die Fähigkeit verleiht, die eigenen Glaubenslehren mit rationalen Argumenten zu begründen und Zweifel von ihnen abzuwenden. Diejenigen Gelehrten, die diese Fähigkeit schulten und religiöse Streitgespräche mit Andersgläubigen führten, wurden Mutakallimūn (wörtlich „Sprecher, Wortführer“, Singular Mutakallim) genannt.

Nach ersten Anfängen in der spätumaiyadischen Zeit erlebte der Kalām seinen Aufstieg in der frühen Abbasiden-Zeit, als der Kalif al-Mahdī Mutakallimūn beauftragte, Bücher gegen die Anhänger iranischer Religionen zu verfassen, und der barmakidische Wesir Yahyā ibn Chālid Kalām-Diskussionen mit Angehörigen verschiedener Religionen und Konfessionsgruppen in seinem Haus abhielt. Als die eigentlichen „Meister des Kalām“ galten bis zum 10. Jahrhundert die Muʿtaziliten. Später entstanden mit der Aschʿarīya und der Māturīdīya auch zwei bedeutende sunnitische Kalām-Schulen. Sie brachten den Kalām insbesondere gegenüber der erstarkenden neuplatonischen und aristotelischen Philosophie in Stellung und erhoben die „Kalām-Wissenschaft“ (ʿilm al-kalām) zur ranghöchsten Wissenschaft des Islams. Einige der Argumente der Mutakallimūn fanden im Mittelalter auch Eingang in jüdische und christliche theologische Diskussionen. Nachdem sich die Kalām-Wissenschaft in der frühen Neuzeit im Wesentlichen auf das Studium von Handbüchern und Kommentaren beschränkte, traten ab dem späten 19. Jahrhundert in Britisch-Indien und im Osmanischen Reich verschiedene Reformdenker auf, die zur Gründung eines „neuen Kalām“ aufriefen, der sich an den Lehren der modernen westlichen Philosophie orientieren sollte.

Neben seiner apologetischen Funktion dient Kalām auch der Reflexion über die Grundlagen der Religion sowie über ontologische Fragen. Fast alle Mutakallimūn vertraten ein atomistisches Weltbild. Demnach ist die Welt aus kleinsten Teilchen zusammengesetzt, den Atomen, die nicht mehr teilbar sind. Die sichtbare Wirklichkeit entsteht erst dadurch, dass Gott diese Teilchen mit Akzidentien versieht und zu Körpern zusammensetzt. Nach aschʿaritischer Auffassung geschieht dies in jedem Augenblick aufs Neue. Nach Richard M. Frank ist die primäre Funktion des Kalām die Rationalisierung der islamischen Glaubenslehren, wie sie sich aus Koran und Sunna ergeben und von „orthodoxen Gläubigen“ verstanden werden.Frank: “The Science of Kalām”. 1992, S. 27. Häufig wird Kalām mit „Theologie“ übersetzt, allerdings gibt es in der islamischen Wissenschaftslehre neben dem Kalām noch eine eigene theologische Wissenschaft, al-ʿilm al-ilāhī genannt, die in der aristotelischen Wissenschaftstradition verankert ist und deren Verhältnis zur Kalām-Wissenschaft von den islamischen Gelehrten ausgiebig diskutiert wurde.

Die Gründer der sunnitischen Rechtsschulen und die schiitischen Imame übten heftige Kritik am Kalām und verboten die Beschäftigung mit ihm, weswegen traditionalistische muslimische Gelehrte ihn bis heute ablehnen. Auch von Seiten der Philosophen wurde der Kalām scharf kritisiert.

Definitionen Definitionen des Kalām in zeitlicher Abfolge Autor mit Sterbedatum Region Kalām ist… Arabischer bzw. persischer Originaltext al-Fārābī (gest. 950) Syrien „eine geistige Fähigkeit, durch die der Mensch den festgelegten Anschauungen und Handlungen, die der Religionsstifter ausgesprochen hat, zum Sieg verhelfen und alles, was ihnen widerspricht, durch Aussagen widerlegen kann“ malaka yaqtadir bi-hā al-insān ʿalā nuṣrat al-ārā wa-l-afʿāl al-maḥdūda allatī ṣarraḥa bi-hā wāḍiʿ al-milla wa-tazyīf kull mā ḫālafa-hā bi-l-aqāwīlal-Fārābī: Iḥṣāʾ al-ʿulūm. 1949, S. 107f. Abū l-Hasan al-ʿĀmirī (gest. 992) Bagdad, Nischapur „die sprachliche Bemühung um Verteidigung der Religion“ al-muǧāhada ʿan ad-dīn bi-l-lisānal-ʿĀmirī: al-Iʿlām bi-manāqib al-islām. 1988, S. 95. Abū Haiyān at-Tauhīdī (gest. 1023) Bagdad, Rayy, Schiras „ein Weg der Betrachtung über die Grundlagen der Religion, bei dem sich die Überlegung allein auf die Vernunft stützt.“ bāb min al-iʿtibār fī uṣūl ad-dīn yadūr an-naẓar fīhi ʿalā maḥḍ al-ʿaqlat-Tauḥīdī: Risāla fī al-ʿulūm. 1963/64, S. 294. Abū l-Yusr al-Bazdawī (gest. 1099) Transoxanien „die Erklärung derjenigen Fragen, die die Grundlagen der Religion ausmachen, die zu erlernen eine individuelle Pflicht ist.“ bayān al-masāʾil allatī hiya uṣūl ad-dīn allatī hiya taʿallumuhā farḍ ʿainal-Bazdawī: Kitāb Uṣūl ad-Dīn. 2003, S. 15. Ibn at-Tilimsānī al-Fihrī (gest. 1260) Ägypten „das Wissen um die Erwiesenheit der Göttlichkeit und des Gottesgesandtentums sowie die Dinge, von denen ihre Kenntnis abhängt, nämlich die Möglichkeit und zeitliche Entstehung der Welt und die Widerlegung all dessen, was damit unvereinbar ist“ al-ʿilm bi-ṯubūt al-ilāhīya wa-r-risāla wa-mā yatawaqqaf maʿrifatuhumā ʿalaihi min ǧawāz al-ʿālam wa-ḥudūṯihī wa-ibṭāl mā yunāqiḍ ḏālikIbn at-Tilimsānī: Šarḥ Maʿālim uṣūl ad-dīn. 2010, S. 43. Schams ad-Dīn as-Samarqandī (gest. 1303) Samarkand „eine Wissenschaft, in der man das Wesen und die Attribute Gottes und die Zustände der kontingenten Wesenheiten am Anfang und bei der Wiederkehr gemäß dem Gesetz des Islams erforscht“ ʿilm yubḥaṯ fīhi ʿan ḏāt Allāh wa-ṣifātihī wa-aḥwāl al-mumkināt fī l-mubtadaʾ wa-l-maʿād ʿalā qānūn al-islāmŠams ad-Dīn as-Samarqandī: aṣ-Ṣaḥāʾif al-ilāhīya. Ed. Aḥmad ʿAbd ar-Raḥmān aš-Šarīf. Maktabat al-Falāḥ, Kuweit, 1405h (= 1985 n. Chr.). S. 66. Digitalisat ʿAdud ad-Dīn al-Īdschī (gest. 1355) Schiras „die Wissenschaft, mit der man die religiösen Dogmen zu beweisen vermag, durch Anführung von Argumenten und Abwendung der Zweifel“ ʿilm yuqtadar maʿa-hū ʿalā iṯbāt al-ʿaqāʾid ad-dīnīya, bi-īrād al-ḥuǧaǧ wa-dafʿ aš-šubah at-Taftāzānī (gest. 1390) Chorasan, Samarkand „das Wissen um die religiösen Dogmen aufgrund von gewissheitlichen Beweisen“ al-ʿilm bi-l-ʿaqāʾid ad-dīnīya ʿan al-adilla al-yaqīnīyaat-Taftāzānī: Šarḥ al-Maqāṣid. 1998, S. 163. Ibn ʿArafa (gest. 1401) Nordafrika „das Wissen um die Bestimmungen der Göttlichkeit, die Entsendung der Gesandten, ihre Wahrhaftigkeit in all ihren Mitteilungen, und das, auf das sich etwas davon speziell stützt, sowie die Feststellung ihrer Beweise durch eine Fähigkeit, der eine Abwendung der Zweifel und Lösung der Ungewissheiten zugetraut wird“ al-ʿilm bi-aḥkām al-ulūhīya wa-irsāl ar-rusul wa-ṣidqihā fī kull aḫbārihā wa-mā yatawaqqaf šaiʾ min ḏālik ʿalaihi ḫāṣṣan bihī wa-taqrīr adillatihā bi-qūwa hiya maẓinna li-radd aš-šubuhātIbn ʿArafa: al-Muḫtaṣar al-kalāmī. 2014, S. 78. Ibn Chaldūn (gest. 1406) Nordafrika „eine Wissenschaft, die die Disputation über die Glaubensdogmen mit rationalen Argumenten und die Widerlegung der Neuerer, die in den Glaubenslehren von den Lehrrichtungen der Altvorderen und der Sunniten abweichen, beinhaltet.“ ʿilm yataḍamman al-ḥiǧāǧ ʿan al-ʿaqāʾid al-īmānīya bi-l-adilla al-ʿaqlīya wa-r-radd ʿalā l-mubtadiʿa al-munḥarifīn fī l-iʿtiqādāt ʿan maḏāhib as-salaf wa-ahl as-sunna Ibn al-Humām (gest. 1457) Ägypten „das Wissen des Individuums um die ihm obliegenden der islamischen Religion zugehörigen Dogmen durch die Beweise“ maʿrifat an-nafs mā ʿalaihā min al-ʿaqāʾid al-mansūba ilā dīn al-islām ʿan al-adillaIbn al-Humām: al-Musāyara fī ʿilm al-kalām. Al-Maṭbaʿa al-Maḥmūdīya, Kairo, 1929. S. 5. Digitalisat Taşköprüzāde (gest. 1561) Osmanisches Reich „die Wissenschaft, mit der man die religiösen Wahrheiten zu beweisen vermag, durch Anführung von Argumenten dafür und Abwendung der Zweifel von ihnen“ ʿilm yuqtadar maʿa-hū ʿalā iṯbāt al-ḥaqāʾiq ad-dīnīya, bi-īrād al-ḥuǧaǧ ʿalai-hā wa-dafʿ aš-šubah ʿan-hāṬāškubrizāda: Miftāḥ as-saʿāda wa-miṣbāḥ as-siyāda. Bd. II, S. 132. al-Lāhīdschī (gest. 1661) Iran „eine theoretische Fertigkeit, mit der man die religiösen Dogmen beweisen kann“ ṣināʿa naẓarīya yuqtadar bi-hā ʿalā iṯbāt al-ʿaqāʾid ad-dīnīyaal-Lāhīǧī: Šawāriq al-ilhām fī šarḥ Taǧrīd al-kalām. 2011/12, Bd. I, S. 51. at-Tahānawī (um 1745) Nordindien „eine Wissenschaft, mit der man die religiösen Dogmen den Mitmenschen zu beweisen vermag, durch Anführung von Argumenten und Abwendung der Zweifel“ ʿilm yuqtadar maʿa-hū ʿalā iṯbāt al-ʿaqāʾid ad-dīnīya ʿalā l-ġair, bi-īrād al-ḥuǧaǧ wa-dafʿ aš-šubah. Murtadā Mutahharī (gest. 1979) Iran „eine Wissenschaft, die die islamischen Dogmen, d. h. das, an das man aus islamischer Sicht glauben muss, in der Weise erörtert, dass sie sie erklärt, beweist und verteidigt“ ʿilmi ast ke darbāre-ye ʿaqāyed-e eslāmī yaʿnī ānče az naẓar-e eslām bāyad bedān moʿtaqed būd va īmān dāšt, baḥs̱ mīkonad be īn naḥw ke ānhā toużīḥ mīdehad va darbāre-ye ānhā estedlāl mīkonad va az ānhā defāʿ mīnamāyadMuṭahharī: Maǧmūʿa-i āṯār. 1991, Bd. III, S. 57.

Kalām als Apologetik Nach mehreren der oben genannten Definitionen hat Kalām eine apologetische Funktion: Er dient also der Verteidigung der eigenen religiösen Anschauungen. Besonders stark zeigt sich diese apologetische Funktion bei den Philosophen al-Fārābī (gest. 950) und Abū l-Hasan al-ʿĀmirī (gest. 992). Ersterer betrachtet sie als eine geistige Fähigkeit, durch die der Mensch alles, was den durch den Religionsstifter festgelegten Anschauungen und Handlungen widerspricht, widerlegen kann, letzterer als „die Verteidigung der Religion mit der Zunge“. In den Definitionen des in Iran wirkenden aschʿaritischen Gelehrten ʿAdud ad-Dīn al-Īdschī (gest. 1355), des osmanischen Gelehrten Taşköprüzāde (gest. 1561) und des indischen Gelehrten at-Tahānawī (um 1745) hat Kalām die Aufgabe, Zweifel (šubah) von den religiösen Dogmen bzw. Wahrheiten abzuwenden. Vor dem Hintergrund derartiger Definitionen urteilte der französische Orientalist Louis Gardet, dass die Funktion des Kalām als defensive „Apologie“ nicht überbewertet werden könne.Gardet: “ʿIlm al-kalām” in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. III, S. 1142a. Die Sicht, dass der „grundlegende Charakter“ des Kalām aus „defensiver Apologie“ besteht, ist auch das erklärte Leitmotiv des von Gardet und M. M. Anawati gemeinsam verfassten französischen Handbuchs Introduction à la théologie musulmane von 1948.Siehe L. Gardet und M. M. Anawati: Introduction à la théologie musulmane. Essai de théologie comparée. 3. Auflage. J. Vrin, Paris, 1981. S. 6.

Der indische Gelehrte ʿAbd an-Nabī al-Ahmadnagarī (gest. 1759) meinte sogar, dass sich der Wert des Kalām allein auf diese apologetische Funktion beschränke. Die großen Mutakallimūn, so erklärt er in seiner Enzyklopädie Dustūr al-ʿulamāʾ, hätten die Glaubenslehren niemals mit Kalām-Argumenten begründet oder beglaubigt, da der Zweck des Kalām allein darin bestehe, den Widersacher zum Schweigen zu bringen und den Halsstarrigen in die Knie zu zwingen. Ihre Glaubenslehren hätten die großen Mutakallimūn dagegen allein aus der „Lampe des Prophetentums“ (miṣbāḥ an-nubūwa) geschöpft.ʿAbd an-Nabī ibn ʿAbd ar-Rasūl al-Aḥmadnagarī: Ǧāmiʿ al-ʿulūm fī iṣṭilāḥāt al-funūn, al-mulaqqab bi-Dustūr al-ʿulamāʾ. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut, 2000. Bd. III, S. 95. Digitalisat Auch bei al-Ghazālī (gest. 1111) findet man schon solche Aussagen. So urteilte er in seinem Werk Ǧawāhir al-qurʾān, dass der Zweck der Kalām-Wissenschaft „der Schutz der Glaubenslehre der Volksmassen vor der Störung durch die Neuerer“ (ḥirāsat ʿaqīdat al-ʿawāmm min tašwīš al-mubtadiʿīn) sei. Um „Aufdeckung der Wahrheiten“ (kašf al-ḥaqāʾiq) gehe es dagegen in dieser Wissenschaft nie.

Kalām als Wissenschaft der Religionsgrundlagen bzw. Dogmen