mini|hochkant|Gestapelte Draht-Einkaufswagen mini|hochkant|Einkaufswagen mit fest montierten Babyschalen
Ein Einkaufswagen (österreichisch meist: Einkaufswagerl) ist ein meist aus einem Drahtkorb mit vier selbstlenkenden Castor-Rädern bestehender Schubwagen, der zum Transport der Waren des Kunden in Supermärkten genutzt wird. Manchmal ist er mit einem Kleinkindersitz oder einer Babyschale ausgestattet. Der Einkaufswagen wurde entwickelt, um dem Kunden Einsammlung und Transport der Waren im Markt zu erleichtern. Er ist somit als Weiterentwicklung des Einkaufskorbes zu betrachten.
Geschichte
mini|Einkaufswagen-Modell Concentra von Wanzl, 1957
Erstmals wurden Einkaufswagen 1937 in den USA eingesetzt. Sylvan Goldman stellte in seinem Humpty-Dumpty-Supermarkt in Oklahoma City den Kunden einen shopping cart zur Verfügung – nicht zuletzt, um diese zu umfangreicheren Wareneinkäufen anzuregen. 1940 meldete er ihn zum Patent an. 1946 erfand Orla E. Watson (Kansas City) das telescoping shopping cart. Hierunter versteht man Einkaufswagen, die sich platzsparend ineinanderschieben lassen. Mit dem Aufkommen des Selbstbedienungsprinzips gab es 1948 erstmals Einkaufswagen in Deutschland, zunächst vermutlich in Augsburg und Hamburg. Dabei handelte es sich um fahrbare Gestelle, in denen man zwei Körbe übereinander einhängen konnte. Der Unternehmer Rudolf Wanzl prägte in Deutschland die Weiterentwicklung der Wagen. 1950 gab es dann die ersten Modelle mit festem Korb. Ein weiteres Kennzeichen des Einkaufswagens ist der große Nachlauf seiner Räder, der seine Richtung beim Schieben stabilisiert. Zur Verringerung der Diebstahlquoten in Supermärkten kamen ab 1984 Einkaufswagen mit verändertem Untergestell auf den Markt.
mini|Einkaufswagen mit Kunststoffkorb
Wegen des reduzierten Gewichtes und der dadurch verbesserten Manövrierbarkeit sowie der zunehmenden farblichen CI-Orientierung der Handelsketten verbreiteten sich ab den 2000er-Jahren auch Einkaufswagen mit Kunststoffkorb.
Zunächst ohne Ketten standen die Wagen auf Parkplätzen oder in der Landschaft herum. Hilfskräfte – oft Schüler – sammelten die Wagen dann wieder ein. Später versuchte man durch Einbehalt eines Geldbetrages als Pfand, den Kunden dazu zu bewegen, den Wagen selbst wieder zurückzubringen. Schließlich führte man das Münzsystem im Zusammenspiel mit der Sperrkette ein. Dieses System konnte sich aber in einigen Ländern (z. B. in den USA, Südafrika) nicht durchsetzen. Um zu vermeiden, dass an den Sammelstellen zu viele Einkaufswagen aneinandergekoppelt werden und lange Einkaufswagenschlangen den Autoverkehr auf den Parkplätzen beeinträchtigen, wurden um das Jahr 2010 bei einigen Einkaufsmärkten verschiedenfarbige Wagenreihen eingeführt. Durch verschiedene Formen der Schließzungen lassen sich nur Exemplare derselben Farbe aneinanderkoppeln, was sicherstellt, dass der Käufer seinen Wagen in derselben Reihe wieder ankoppelt, an welcher er ihn vor dem Einkauf abgekoppelt hat.
Einkaufswagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Übliche Anwendung
Üblicherweise geht der Kunde vor dem Einkaufen im Supermarkt zunächst an eine Sammelstelle für Einkaufswagen, an welcher diese ineinandergeschoben und oft mit Sperrketten versehen deponiert sind. Sind die Wagen gesichert, steckt man in den Schlitz, der meist am Griff eines Wagens befestigt ist, eine Münze (Pfand). Damit lässt sich die Sperrkette von dem Wagen lösen. Nun schiebt man ihn in den Supermarkt, um einzukaufen. Man legt die gewünschten Waren in den Wagen: Kleinteile in den oberen Korb, größere oder schwerere Teile wie Getränkekisten oder Blumenerde in das untere Fach.
An der Kasse angekommen wird die komplette Ware auf das Warentransportband gelegt. Zur Beschleunigung des Kassiervorganges oder zur Entlastung des Kunden gibt es in einigen Supermärkten die Möglichkeit, nur einen Artikel einer größeren Menge desselben Artikel auf das Warentransportband zu legen. Dann wird nur dieser eingescannt, und vom Personal auf die gesamte Menge umgebucht. In Baumärkten ist es außerdem üblich, dass das Kassierpersonal schwere oder warentransportbandverschmutzende Ware, mit einem Handscanner scannt, um einen reibungslosen Kassiervorgang zu gewährleisten. Außerdem wird damit eine Verschmutzung des Warentransportbandes vorgebeugt. Wenn die Ware von dem Kassenpersonal verbucht wurde, wird diese hinter der Kasse wieder in den Wagen gelegt und bezahlt. Mit der zunehmenden Verbreitung von RFID-Etiketten wird es möglich sein, einen mit Waren gefüllten Einkaufswagen zeitsparend durch einen Scantunnel zu schieben.
Danach entlädt man den Wagen – sei es beim Auto auf dem Parkplatz oder, als Fußgänger, bei der Sammelstelle – und schiebt den Wagen an der Sammelstelle wieder in die dort parkende Wagenschlange. Wenn man nun die Kette des letzten Wagens aus der Wagenschlange in den Schlitz steckt, der an dem Münzbehälter des eigenen Wagens angebracht ist, kann man die anfangs eingelegte Pfandmünze wieder entnehmen. Ist an der Sammelstelle kein Wagen vorhanden, so besteht die Möglichkeit, an der ersten Stelle den Wagen abzustellen. An der Begrenzung der Sammelstelle ist ebenfalls eine Kette angebracht, mit welcher man seine Münze zurückerhalten kann.
Die übliche Beladungsgrenze bei gewöhnlichen vierrädrigen Einkaufswagen beträgt ungefähr 220 kg. Die Stiftung Warentest hat 2012 die Belastbarkeit und Zuladungsgrenzen von Einkaufswagen getestet und kam auf deutlich höhere Werte von bis zu einer Tonne, bevor die Metallstäbe sich verformten. Eine derart hohe Zuladung wird trotzdem nicht empfohlen, da sich der Wagen sonst nicht mehr lenken lässt.
Pfandmünzen
mini|hochkant|Pfandschloss an einem Einkaufswagen
mini|Pfand-Chip als LeukämieCENT bei einer Knochenmark-Spendenaktion der AKB Eine Pfandmünze wird in ein am Einkaufswagen angebrachtes Pfandschloss geschoben, wodurch die Sperrkette gelöst wird. Bei modernen Pfandschlössern können Münzen unterschiedlicher Größe (von der 50-Cent- bis zur 2-Euro-Münze bzw. ein Ein- sowie ein Zweifrankenstück) verwendet werden. Der Benutzer hat so meist eine passende Münze bei sich und kann sich so problemlos einen Einkaufswagen ausleihen.
Mitarbeiter von Supermärkten, welche für die Verteilung der Wagen zuständig sind (beispielsweise in Einkaufsmärkten mit mehreren Eingängen), verwenden einen speziellen Einkaufswagenlöser, mit dem man das Pfandschloss aufsperren und den man dann gleich wieder aus dem Schlitz des Pfandschlosses herausziehen kann.
Spezielle Chips (auch Einkaufschips oder Einkaufswagenchips genannt), mit denen man das Pfandschloss ebenfalls aufsperren kann, sind beliebte Werbegeschenke.
In Deutschland sind diese Chips dünner als die offiziellen Münzen, denn nach der dortigen Medaillenverordnung ist es ein Verstoß, Chips mit gleichem Durchmesser und gleicher Dicke wie Münzen herzustellen und zu vertreiben. So entschied das Oberlandesgericht Nürnberg in einem Urteil vom 20. März 2001 (Aktenzeichen 3 U 3914/00):
Herstellung und Verbreitung von Einkaufswagen-Chips in der Größe und Stärke eines 1-DM-Stücks verstoßen bei bewusstem und planmäßigem Vorgehen gegen § 3 MedVO, § 1 UWG.
In Verbindung mit Pfandmünzen kam es auch zur Briefbogenaffäre.
Diebstahl und Diebstahlsicherungssysteme
mini|Entwendeter Einkaufswagen
Einer Schätzung des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels (HDE) nach werden pro Jahr deutschlandweit etwa 100.000 Einkaufswagen entwendet.Willy Schneider: Operatives Marketing. Zielgerichteter Einsatz des Marketing-Instrumentariums. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2013, ISBN 978-3-486-73311-2. S. 270. Jeder 20. Einkaufswagen wird innerhalb eines Jahres gestohlen. Bei Preisen von 80 bis 130 Euro pro Stück ist der Schaden für die Handelsketten erheblich.
In Wien werden mehr Einkaufswagen entwendet als in vergleichbar großen deutschen Städten. Die Müllabfuhr (MA48) sammelt die herrenlosen Wagerln ein, um Sauberkeit und Sicherheit zu fördern, und lagert diese in einer Halle. Einkaufsmärkte holen sich etwa wöchentlich ihre Wagen gegen 5,50 € Gebühr je Stück ab, verbleibende werden verschrottet. Auf den Einsatz von Waste Watchern zurückgeführt wird, dass in Wien – nach 30.150 entführten Wagerln im Jahr 2006 – 2016 nur mehr 18.900 Wagerln aufgefunden wurden. Wer beim Zweckentfremden erwischt wird, riskiert 50 € Strafe oder mehr. Laut einer Sprecherin der MA 48, häuft sich das Mitnehmen in all jenen Gebieten, in denen viele Leute auf engem Raum wohnen und überwiegend zu Fuß eingekauft wird.
Neuerdings gibt es Diebstahlsicherungssysteme, die den Einkaufswagen beim Verlassen des gesicherten Geländes blockieren lassen. Ein Weiterschieben ist nicht mehr oder nur erschwert möglich. Die möglichen Auslösestellen an den Ein- und Ausfahrten werden häufig mit einer roten Linie und Hinweisschildern markiert. In der Regel sind dazu zwei diagonal gegenüberliegende Räder mit Bremsvorrichtungen ausgerüstet. Es gibt unterschiedliche Auslösemechanismen: Bei der rein mechanischen Auslösung (englisch) wird die Bremse von einer vorgespannten Feder gegen das Rad gedrückt, aber von einer Sperrklinke in gelöster Stellung gehalten. Im Boden eingelassene Magnete an den Ausgängen ziehen die Sperrklinke in Richtung Boden und lösen so die Blockierung aus. Die Blockierung kann vom Personal mit einem Schlüssel wieder zurückgestellt werden, wobei zugleich die Feder wieder vorgespannt wird. Aufgrund der geringen Reichweite der magnetischen Felder löst dieses System nicht aus, wenn der Wagen über die Magnete gehoben wird. Bei Systemen mit elektrischer Betätigung ist in der Radbremse ein Funkempfänger integriert. Dessen Batterie hält mehrere Jahre und wird bei der Wartung der Einkaufswagen gewechselt. Um das zu sichernde Areal wird ein Antennenkabel unterirdisch verlegt und an eine Sendezentrale angeschlossen. Beim Überfahren löst das Antennensignal die Blockierung des Einkaufswagens aus. Beim Versuch, den Wagen über die Linie zu heben, wird die Blockierung ebenfalls aktiv. Eine auf der Innenseite der roten Linie liegende Deblockierschleife löst die Bremse automatisch, wenn der Wagen zurückgebracht wird. Bei zusätzlich mit einem Mikroprozessor ausgestatteten Systemen (englisch) kann auch Warendiebstahl verhindert werden. Hier wird das Bremssystem am Eingang des Supermarktes über eine Funkschleife scharf geschaltet. Über eine weitere Funkverbindung registriert der Einkaufswagen an der Kasse, dass die Ware bezahlt wird. Nur ohne diese Registrierung blockiert die Bremse beim Überfahren der Funkschleife am Ausgang. Dabei wird zugleich ein Alarm ausgelöst. Das Supermarktpersonal kann die Bremse über eine Funkfernbedienung lösen.
Bei einem Test mit funkgesteuerten Blockiersystemen in einem Supermarkt in Köln reduzierten sich die Einkaufswagendiebstähle von vorher 20–30 pro Monat auf einen einzigen im selben Zeitraum.
Haftpflicht und Versicherungsrecht
Wenn ein Auto mit einem Einkaufswagen zusammenstößt, haftet der Besitzer des Ladens, zu dem der Wagen gehört. Das gilt auch dann, wenn der Einkaufswagen vom Wind angetrieben ein Auto beschädigt. Der Ladenbesitzer muss dafür sorgen, dass Einkaufswagen ordnungsgemäß gesichert abgestellt werden.
Angenommen, ein Kunde entlädt auf dem Parkplatz den Einkaufswagen und lädt die Waren in sein Auto ein. Wenn nun der Einkaufswagen dabei wegrollt und dabei ein anderes Auto beschädigt, kommt die Kfz-Haftpflichtversicherung des Kunden für den Schaden auf. Entfernt sich der Kunde, ohne auf den Geschädigten zu warten, gilt das als Unfallflucht.
Beschädigt ein Kunde mit dem Einkaufswagen ein anderes Auto, während er ihn zu seinem Auto schiebt, kommt seine private Haftpflichtversicherung für den Schaden auf. Es ist kein Fall für die Kfz-Haftpflichtversicherung, weil der Schaden nicht im Zusammenhang mit dem Gebrauch eines Autos entsteht. Erst zu dem Zeitpunkt, an dem das Auto des Kunden geöffnet ist, kommt die Kfz-Haftpflichtversicherung ins Spiel.