mini|hochkant=1.3|Lübecker Marienkirche mini|Luftbild

Die Lübecker Marienkirche (offiziell St. Marien zu Lübeck) ist die Lübecker Markt- und Hauptpfarrkirche und befindet sich auf dem höchsten Punkt der Lübecker Altstadtinsel. Sie ist Teil des UNESCO-Welterbes Lübecker Altstadt. Als eine der größten Backsteinkirchen wird sie auch als „Mutterkirche der Backsteingotik“Entlang der Europäischen Route der Backsteingotik. 4. Aufl. 2014, S. 30/31. bezeichnet und gilt als ein Hauptwerk des Kirchenbaus im Ostseeraum.

Der Bau der gotischen Kirche, die einen romanischen Vorgängerbau ersetzte, begann 1251 und war mit der Fertigstellung der Türme hundert Jahre später, 1351, abgeschlossen.

St. Marien gehört zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.

Baugeschichte und Architektur Mutterkirche norddeutscher Backsteingotik mini|Lübecker Marienkirche um 1900

Die Lübecker Marienkirche war Vorbild für rund 70 Kirchen dieses Stils im Ostseeraum. Daher wird dem Bauwerk eine herausragende architektonische Bedeutung beigemessen. Mit der Marienkirche wurde in Lübeck der hochaufstrebende Gotik-Stil aus Frankreich mit norddeutschem Backstein umgesetzt. Der Gewölbescheitel befindet sich im Mittelschiff 38,5 Meter über dem Boden. Es ist damit das höchste Backsteingewölbe der Welt.

Die Marienkirche steht im Viertel der Kaufleute, das sich von den Speichern am Traveufer bis hoch zu St. Marien erstreckt. Sie ist die Haupt-Pfarrkirche des Rates und der Bürger der Hansestadt Lübeck und wurde daher in der Nähe des Rathauses und des Marktes errichtet.

→Siehe: Lübecker Sieben Türme

mini|Grundriss von St. Marien. Die graue Fläche markiert den romanischen Vorgängerbau im 13. Jahrhundert (nach M. Hasse, 1983). mini|Frühe Baugeschichte von St. Marien im 13. und 14. Jahrhundert (schematische Darstellung)

Vorgängerbau 1160 hatte Heinrich der Löwe durch Bischof Gerold das Bistum Oldenburg nach Lübeck verlegen lassen, stiftete ein Domkapitel und begründete 1173 am südlichen Rand der Stadt den Lübecker Dom. Nach 1160 wurde am Ort der Marienkirche in der Mitte der Stadt zunächst eine Holzkirche errichtet. Diese wurde zusammen mit St. Petri als Marktkirche 1170 erstmals dokumentiert. Ab Ende des 12. Jahrhunderts wurde sie durch eine romanische Backsteinkirche ersetzt, die bis Mitte des 13. Jahrhunderts bestand. Romanische Skulpturen der Ausstattung dieser zweiten Marienkirche werden heute im St.-Annen-Museum gezeigt. Als Überrest der romanischen Marienkirche ist im heutigen hochgotischen Bau das gegen 1200 entstandene sechste Pfeiler-Paar im Langhaus zu erkennen (von Westen).Max Hasse: Die Marienkirche zu Lübeck. 1983, S. 246.

Der romanische Bau genügte im beginnenden 13. Jahrhundert den räumlichen und repräsentativen Ansprüchen der selbstbewussten, wirtschaftlich stark aufstrebenden Bürgerschaft nicht mehr. So entschloss man sich um 1251 zu einem größeren und gotischen Neubau.Max Hasse: Die Marienkirche zu Lübeck. 1983, S. 15 ff.

Bau der gotischen Kirche Während der Errichtung der gotischen Kirche um den romanischen Vorgängerbau herum gab es zwei wesentliche Planänderungen: Zunächst wurde eine Hallenkirche mit einem Turm begonnen. Gegen 1265 entschied man sich aber für eine vereinfachte Form des französischen Umgangschors und für einen basilikalen Querschnitt. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Bau der hochgotischen, dreischiffigen Basilika mit Doppelturmanlage in heutiger Gestalt weiter verfolgt. Der hochgotische Chor muss um 1300 fertiggestellt gewesen sein.Max Hasse: Die Marienkirche zu Lübeck. 1983, S. 28. Das siebzig Meter lange Mittelschiff wurde zweigeschossig mit umlaufendem Gang oberhalb der Arkaden und Durchgängen zu den Dachböden der Seitenschiffe errichtet. Anstelle eines Triforiums sind die Wände am Obergaden unterhalb der Fenster mit Malereien versehen. Die Arkadenbrüstung wurde im Hochchor mit Fialen aufwendiger gestaltet. Beim Westbau folgte man dem ursprünglichen Plan länger, das oberste Vollgeschoss zwischen den heutigen Türmen wurde noch als Turmzimmer des Einturms errichtet, bevor man 1304 den Nordturm und 1310 den Südturm zu bauen begann.mini|Grundriss mit Kapellen (1906)Gotische Kathedralen aus Naturstein in Frankreich und Flandern waren die Vorbilder für den Neubau der dreischiffigen Lübecker Basilika. Besonders die Kathedralen von Reims (1211–1311) und Soissons (ab 1180) dienten den Baumeistern als Vorbild, wobei die Länge der Kathedrale von Reims nicht erreicht wurde.Max Hasse: Die Marienkirche zu Lübeck. 1983. Die Lübecker Marienkirche ist das Beispiel sakraler Backsteingotik schlechthin und war Vorbild für viele Kirchen im Ostseeraum (z. B. Nikolaikirche (Stralsund), Nikolaikirche (Wismar), Doberaner Münster).

Zuvor hatte man keine Kirche aus Backstein so hoch gebaut und mit einem Gewölbe versehen. Ein System aus Strebebögen lenkt die Schubkräfte des Gewölbes nach außen über ein Strebewerk ab und ermöglicht so die enorme Höhe. Zur norddeutschen Strenge des Lübecker Strebwerks gehört es, dass die Pfeiler, die die Bögen tragen, nicht in Fialen auslaufen. Diese Strenge weist aber auch das außer an der Südostecke aus Sandstein errichtete Strebewerk des Bremer Doms auf.

Zu den in der Backsteingotik vielfach kopierten Eigenheiten der Marienkirche gehört, wie schon Georg Dehio betonte, dass die Türme zwar gotische Fenster haben, aber keine Strebepfeiler, und wie romanische Kirchtürme aus gleichartigen, nicht sehr hohen Geschossen bestehen. In Küstennähe ist es vor allem die Danziger Marienkirche, deren Turm nicht nach Lübecker Vorbild errichtet wurde, sondern nach flämischem Vorbild, auch flämische Backsteingotik genannt. Wenig beachtet wird die Materialvielfalt der Lübecker Marientürme: Die Mauerecken sind aus Granitquadern, und unterhalb der Fenster gibt es umlaufende Simse aus Kalkstein.

Wie an anderen Beispielen der Backsteingotik gibt es auch an der Marienkirche Portale aus Werkstein. Besonders aufwendig gestaltet, aber neugotisch verändert ist das Westportal aus Sandstein; durch einen vorderen Bogen aus Maßwerk gelangte man (heutzutage ist das Westportal meist verschlossen) in eine Vorhalle mit feinen, original frühgotischen Steinmetzarbeiten an beiden Seiten. In deren Rückwand steht das Stufenportal mit der Kirchentür. Das nordwestliche Portal, geschaffen 1320–1330, das südöstliche Portal und das von der Briefkapelle ins Schiff haben Gewände aus Kalkstein. Das Außenportal der Briefkapelle ist wiederum aus Sandstein. Nur das nordöstliche Portal hat ein Backsteingewände.

Der Bau der Marienkirche ist eine dreischiffige Basilika mit Einsatzkapellen, Chorumgang und Kapellenkranz sowie querschiffartigen Vorhallen. Im Westen hat die Kirche eine monumentale 40 Meter breite Doppelturmfassade. Die Türme wurden von 1304 bis 1351 errichtet. An ihrer Basis ist das Mauerwerk fünf Meter dick. Sie sind, die Wetterhähne mitgerechnet, 124,95 und 124,75 Meter hoch.Max Hasse: Die Marienkirche zu Lübeck. 1983, S. 40. Vor der Kriegszerstörung 1942 waren die Turmhelme wohl etwa einen Meter höher.Heinrich Christian Zietz: Ansichten der Freien und Hansestadt Lübeck. Frankfurt am Main 1822, S. 82, dort Anmerkung 5 (Volltext [Wikisource])

Kapellen Um 1310 wurde östlich an den Südturm die Briefkapelle angebaut. Sie war zugleich Vorhalle und Kapelle und bildete mit ihrem Portal den zweiten in Richtung Markt gelegenen Haupteingang der Kirche. Ursprünglich vermutlich der Heiligen Anna gewidmet, erhielt die Kapelle ihren heutigen Namen in der nachreformatorischen Zeit, als dort Lohnschreiber einzogen. Die Kapelle (12 m lang, 8 m tief und 12 m hoch)Max Hasse: Die Marienkirche zu Lübeck. 1983, S. 42. ist von einem Sterngewölbe überwölbt und gilt als ein Meisterwerk der Hochgotik. Sie ist oft mit englischer Gotik und dem Kapitelsaal der Marienburg verglichen worden. Heute dient die Briefkapelle der Gemeinde als Winterkirche für die Gottesdienste von Januar bis März.

An die Südostecke des Chorumgangs baute der Rat der Stadt um 1390 eine eigene Kapelle, die Bürgermeisterkapelle, die im Außenmauerwerk am Wechsel von glasiertem und unglasiertem Backstein zu erkennen ist. In ihrem noch erhaltenen Gestühl wurde jeweils der neugewählte Rat in sein Amt eingesetzt. Im Obergeschoss der Kapelle befindet sich die Trese, der besonders gesicherte Aufbewahrungsort der städtischen Privilegien, Urkunden, Handfeste und der Verträge des Lübecker Rates. Auch heute noch ist dieser Teil der Kirche in städtischem Besitz.

Vor 1444 wurde der östliche Abschluss des Chorumgangs um eine einjochige Kapelle mit 5/8-Schluss erweitert – die letzte gotische Erweiterung der Kirche. Diese Kapelle diente der Feier von gesungenen Stundengebeten als Teil der Marienverehrung, den Marienzeiten oder Marientiden (mittelniederdeutsch), und erhielt daher den Namen Marientidenkapelle oder Sängerkapelle.

Insgesamt zählt die Marienkirche neun größere Seitenkapellen und weitere zehn kleinere, die als Grabkapellen zumeist nach den Lübecker Ratsfamilien benannt sind, die sie genutzt und bestiftet haben.

→Siehe: Kapellen der Lübecker Marienkirche

Der Ansporn für den Rat der Stadt Lübeck zu einer solch enormen Bauleistung lag in der erbitterten Auseinandersetzung mit dem Bistum Lübeck begründet. Man wollte als Symbol des Freiheitswillens der Fernkaufleute und der weltlichen Macht der seit 1226 reichsfreien Stadt mit dem Kirchenbau in der unmittelbaren Nähe des Lübecker Rathauses und des Marktes die von Heinrich dem Löwen gestiftete romanische Bischofskirche der Stadt, den Lübecker Dom, deutlich und nicht einholbar an Größe übertreffen und damit auch den Machtanspruch gegenüber den anderen Mitgliedern der sich etwa gleichzeitig bildenden Städtehanse (1356) nach außen unterstreichen.

Zerstörung und Wiederaufbau

mini|Mittelschiff, Blick nach Westen, vor der Zerstörung mini|Zerstörung 1942 In der Nacht zum Palmsonntag vom 28. zum 29. März 1942 brannte die Marienkirche (wie auch der Dom und die Petrikirche) bei dem Luftangriff auf Lübeck, der ein Fünftel der Innenstadt zerstörte, bis auf die Mauern fast völlig aus. Die Dächer und die Turmhelme brannten nieder, große Teile der Gewölbe der Basilika stürzten ein. Dabei wurde auch die berühmte Totentanzorgel vernichtet, auf der unter anderem Dietrich Buxtehude und mit großer Wahrscheinlichkeit Johann Sebastian Bach gespielt hatten. mini|Friedrich Overbeck: Einzug Christi in Jerusalem (1824)